Archiv der Kategorie: Der Teeweg

Heilig oder religiös

Am Sonntag kommentierte jemand über meinen Vortag „Teeritual als eine symbolische Handlung“, dass ich vieles über religiöses Aspekt des Tees gesprochen habe. Weil ich das Wort Heilig verwendet habe.

Für mich bietet das Teeritual eine Möglichkeit einen heiligen Raum zu öffnen, wo ich den Aspekt des „Darüberhinaus“ pflegen kann. Das Außergewöhnliche von dem Profanen abgehoben werden kann. Ein Raum, wo die Menschen ihr Sein pflegen und das Bewusstsein von „Übernatürlichen“ stärken können.

Ist es deswegen religiös? Wenn das Wort religiös die gewissenhafte Sorgfalt bedeutet, würde ich diese Beschreibung zustimmen. Wenn das religiös lediglich auf eine irdische Religion beziehen würde, würde ich diese Formulierung in Frage stellen.

Ja. Heilig ist für mich wahrhaftig. Im Teeraum pflege ich einen Ort, wo Menschen nur Menschen sind, wo der Tee im Vordergrund steht und wo die Dualität aufgehoben werden kann. Um diesen Raum zu bewahren brauche ich Mut und Kraft, was ich wiederum durch das Pflegen von diesem Heiligen Raum erhalten kann. Immer darüberhinaus zu stehen, ist „kalt“.

Teeritual als eine symbolische Handlung erweitert meinein Erfahrungshorizont. Ich habe viele Rituale erlebt, die steif und statisch geworden sind, weil die Handlung sich von dem Sinn entleert wurde. Das passiert, wenn die Symbole nicht mehr als Symbole verstanden, sondern als Ornamente. Und symbolische Bedeutung nicht mehr als Botschaft verstanden sondern als Wahrheit. Zum Beispiel ob Maria wirklich eine Jungfrau ist und wie die Beweise geliefert werden kann.

Nach diesem Vortrag habe ich gesehen, dass ich erst am Anfang bin. Teeritual als eine symbolische Handlung und als eine Kommunikationsform kann noch sehr viel experimentiert und erörtert werden. Der Weg ist noch sehr lang.

Das Innere Zählen

Als ich heute den Text für den Vortrag am Sonntag von Teeclub schrieb, wurde es mir auf einmal klar, was das innere Zählen in unserem Bewusstsein bedeutet. Und wie das Zählen unsere Bewegung auf den Teetisch beeinflusst und anschließend eine Heilung geschehen lässt.

Als ich Chanoyu lernte, wurde ich immer mit einem Kommentar konfrontiert, dass meine Bewegung zu schnell ist. Aber meine Lehrer haben mir nicht erklärt, wie ich langsamer werden kann. Bis ich irgendwann verstand, dass das Zählen im Herzen eine Entschleunigung hervorbringt. Durch die Entschleunigung entsteht Raum für etwas, was vorher nicht wahrgenommen werden kann. Die Ruhe kehrt zurück, die Bewegung wird bewusster.

Vor einem Jahr fing mein Arm an zu schmerzen und keine Therapie konnte mir helfen, bis ich angefangen habe, jeden Tag innerlich zu zählen, während ich Qigong Übung praktizierte. Der Schmerzpunkte wurden wahrgenommen und die Bewegung geschah von sich selbst. Eine Heilung passierte. Somit wurde es mir plötzlich so bewusst, wie das Zählen, der Takt und geistige Entwicklung zusammen spielen. Darum gibt es Takt in der Musik, Rhythmen in der Poesie und das Bewusstsein fängt mit dem Zählen an! In Tee fließen die Atmung zum Rhythmus und das Zählen gibt Takt.

Durch die Entschleunigung von Shut Down habe ich eine wunderbare Möglichkeit, meine Introvertiertheit zu pflegen. Ich genieße es sehr. Ich bekam andere Perspektive meine Arbeit zu betrachten und für meine Zukunft zu sehen. Ich schätze diese Zeit wie ein Geschenk. Ohne den täglichen Teetisch in Shui Tang habe ich viel mehr Kraft für mich und mein Geist wird am Abend viel ruhiger.

Andererseits kann ich mir vorstellen, dass viele Menschen, die weniger ihre innere Welt pflegen, einen Raum auf einmal durch das Slow Down bekommen und die Kräfte, die vorher beschäftigt waren, nun frei gesetzt werden. Diese Kräfte könnten dämonisch sein, sofern sie Unruhe stiften und Unzufriedenheit verursachen – weil man auf einmal auf sich allein gelassen wurde. Zum Glück… wir können endlich durch die Situation etwas lernen, für unser innere Leben zu sorgen!

Futtere Deinen Dämonen, frage ihn was er will – das hat Sabine mir einmal beigebracht. Wenn das innere Dämon sichtbar wird, haben wir Chance ihn in die Augen anzuschauen. Ich vertreibe den Dämon in mir nicht. Wie Serafino mir einmal sagte, dass sein Dämon fröhlich ist und er mit ihm abmachen konnte, wann er spazieren gehen kann. So lerne ich von meinem Schülern, wie ich auch mit meinem Dämon umgehen kann. Ich zähle, wenn ich ihn einen Tee offeriere.

Ist Tee trinken Kultur?

Viel Glück habe ich, dass ich viele junge Menschen durch Shui Tang kennengelernt habe. Oft bei einer Tasse Kaffee oder Tee sprechen wir über das Leben und die Welt. N erzählte mir über ein Problem zum Weihnachten.

Seine Freude haben ihm gesagte, dass sie Schwierigkeiten haben, ihm etwas zu schenken, weil er so guten Tee trinkt und schönes Teatoys besitzt. Sie wissen nicht, was sie ihm sonst schenken sollten. Er fragte mich, ob das guten Tee Trinken eher Menschen unfrei macht.

Ich schmunzelte. Mir hat man paar Male auch ins Gesicht gesagt, dass sie nicht wissen, mir etwas zu schenken. „Es tut wirklich weh, es zu hören.“

„Viele Menschen haben mit uns oft nur funktionale Beziehung. Sie kommen, wenn sie etwas brauchen. Sie interessieren sich nicht unbedingt für Deine Person. In jungen Jahren ist man einfach zusammen, weil man zusammen trainiert oder studiert.“ Aber wenn man sich für eine Person interessiert, setzt man mit dieser Person auseinander. Man hört genau zu, was diese Person gerne trinkt, liest, isst. Wenn man auf das eigne Ego verzichten kann, dass man nicht unbedingt das richtige Geschenk schenken muss, dann ist es einfach nur eine „Liebesbeweis“. Es ist recht einfach. Der Beschenkte kann sich frei fühlen ohne negatives Gefühl zu erzeugen. Und der Schenkende hat seine Liebe und Dankbarkeit ausgedruckt ohne das Ego zu befriedigen.

Und einen guten Tee zu trinken ist eine individuelle Sache. Wenn eine Frau versteht, was ein gut gemachter Tee mit ihr geschmacklich, emotional und energetisch macht, dann würde sie das Teetrinken pflegen. Dann wird ihr bewusst, wie wichtig das Teatoys das Teetrinken bewirken kann. Das Ritual mit Tee trinken wird sie mit ihren Kindern weiter teilen. Wenn ein Kind als Kind einen guten Tee und das Ganze Pflegen um Tee kennenlernt, nimmt es mit, auch wenn er erwachsen ist. Somit wird ein gutes Handwerk des Tees weiter getragen. Somit wird eine gute Tradition von Teekannenkunst weiter vermittelt. Ein Handwerk geht weiter. Ein Kultur lebt.

Irgendwann blühen die Handwerkkunst und eine Tradition in eigener oder fremder Boden! Das ist eine Kultur Weitergabe!

„Wie schön, dass Du ein Teil von dieser Weitergabe bist! Durch das Teetrinken wird ein Handwerk und eine Kultur lebendig. Warum nicht weiter machen? Und die Leute, die mit dir nicht auseinandersetzen wollen, sind nicht aufzuhalten.“ das war meine Antwort.

Für mich war das Gespräch wie eine Reise. Ich reiste durch eine Zeit-Tunnel, als ob ich meinen Grossvater vor meinen Augen hätte! Er trank seinen Tieguanyin im unseren Wohnzimmer vor dem Familiealtar. Der Geruch war so präsent… Ich schnupperte die Luft, wurde ein Teil von ganzen und trage es in ein fremdes Kontingent. Und es wird weiter getragen.

Schneeflocke

Schneeflocke auf dem Teebaum in Yunnan.
Schneeflocke in Taipei.

Vielleicht gibt es in diesem Jahr Schneeflocke Oolong!

Und ein ganz besonderer Jahrgang von Pu Er 2021!

Der Duft von Tanbei Oolong

Atong röstet gerade einen Alishan!
Noch wie in der alten Zeit.

Jedes Jahr röstet mein Lehrer Atong einen Oolong wenn es in Taipei kalt wird. Der Tee duftet in ganzem Raum und später in der Tasse! Ich freue mich jetzt schon über das Moment wenn ich den Duft aus meiner Kanne genießen kann!

Bevor das Neujahr beginnt

Bevor das neue Jahr beginnt, zünde ich ein Kerzen an und offeriere eine Schale Tee für all das, was ich übersehen, vergessen und zu wenig gepflegt habe.

Während das Leben fortschreitet, wird stets eine Entscheidung getroffen. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, werden oft auf andere Möglichkeiten verzichtet. Mein Leben schreitet sich und viele Möglichkeiten gehen in die Verlorenheit. Ähnlich wie das, was ich versuche, aufzubewahren, weiterzutragen und zu vermitteln. Die Wärme der Sonne eines Tees, das Temperatur der Hände einer Künstlerkanne und der Geschmack an einer Zunge einer Geschichte gewordenen Zeit. Meine Arbeit will diese Aura der Einzigartigkeit bewahren. Aber die digitale Welt wird meine Arbeit lächerlich machen – wer würde sich drum kümmern, wenn wir in icloud die Zusammensetzung des Stoff des Tees speichern können und jeder Zeit runterladen können!

Und Madonna hat ihre Klonen in verschiedenen Kirchen. Die Meeresgöttin in Taiwan hat ihre verschiedenen Filiale. Wie entsteht die Aura der Unzugänglichkeit? Vielleicht durch ein Ritual, was das Profane und das Heilige unterscheidet?

Ich offeriere eine Schale Tee mit einer brennenden Bienenwachskerzen – für alles, was fast vergessen, übersehen und nicht weiter gepflegte Beziehung des Lebens. Möge das Ritual, Euch ein Hauch von Aura verleihen, eine Fülle von Heiligkeit. Bevor das Licht erlöscht, mein Respekt zu erhalten.

Das Leben ist so, etwas geht verloren und etwas wird zurückgelassen. Und etwas geht ein Stück weiter. In einer digitalen Zeit herrscht das Kleber von Haltbarkeit. Darum ein Ritual, was mich noch einmal mit allen verbindet.

Jiangpo Ni, wie schmeckt der Ton?

Wu, Licheng 吳利成 macht seine neue Kanne 巨輪 Julun aus dem Ton 降坡泥 Jiangpo Ni.

Seit 2005 wurde der Tonabbau in Yixing verboten. Anfang der 90er Jahren wurde Jiangpo Ni entdeckt, bei einer Reparatur von einer ansteigenden Strasse, darum Jiangpo – absteigender Hang.

Damals wollte man die Verbindung zwischen HuanglongShan (berühmt für den besten Ton in Yixing) und QinglongShan (ein Bekannter Ort für Baden und ist ein Park) verbessern und bei der Reparatur entdeckt man diese besondere Tonart, die zwischen Duanni und Hongni liegt. Eine Art von Symbiosen. Duanni, Hongni und Zini wachsen zusammen. Nach dem Brennen zeigt der Ton leicht orangefarbene Oberfläche, die feine körnige Textur hat.

Dieser Ton eignet sich für Formen, die nicht feine zarte Gefühle des Betrachters und Liebhabers erwecken sollte, sondern das Gefühl von Spuren der Geschichte. Etwas was uns an Sinn erweckt als das häusliche und private Empfindung.

Als Jae mich fragte, warum Wu bei der Form Julun Zhu 巨輪珠 solche körnige Oberfläche gestalten möchte, konnte ich nicht mehr sagen, als das, „weil man damals in Japan diese Eigenschaft geschätzt hat“. Schliesslich war Julun Zhu die Projektionsfläche der Japaner, die chinesische Teekultur als zeitlos und grenzüberschreitend empfand und übers Meer auf die Insel bringen wollte, um den Horizont der Inseln zu erweitern. In diesen Sinne eignet sich Jiangpo Ni wunderbar Julun Zhu wieder in die Erinnerung des Teeliebhabers zu erwecken.

Jiangpo Ni wird in 1180 Grad gebrannt. Die Schrumpfung während des Brennens beträgt 12%.

Er schenkt den Tee feine Strukturen, besonders duftende Aspekte. Die Textur des Tees wird sehr viel geschmeidiger und seidiger.

Müßige Wolken 閑雲- 2

Als ich diese Kanne sah, dachte ich sofort an den Bahnhof im südlichsten Zipfel von Japan, にしおおやまえき, Nishi Oyama Eki.

Ich begleite meinen Vater auf einer Kyushu Reise. Dieser Bahnhof ist zwar heute nicht mehr mit Personal bedient, trotzdem sehr bekannt für den Tourismus. Dank der hervorragenden PR genießt der JR Bahnhof Zulauf und alle wollen eine Postkarte schreiben in die legendäre gelbe Briefkasten abschicken, weil es Glück bringt.

Außer dem tollen Bauernmarkt im Bahnhofsgebäude und der Blick auf den blauen Horizont weit und breit kann ich solche Attraktion nicht gut finden. Aber ein Herr mit einem Hut und einem Rucksack in meinem Alter hat meinen Blick angesprochen. Wohl ein Japaner. Woher und wohin? Was?

Mit einem Rucksack in einfachen Outfit geht jemand auf die Reise. Man bliebt kurz stehend wie ein Müßige Wolke 閑雲in einem Bahnhof am südlichsten Zipfel am Pazifik. Wohin? Wohin weht der Wind?

Yin Min 尹旻 erzählte mir heute, wie diese Kanne entstanden ist. Während des Lock Downs konnte sie körperlich nirgendwohin. Aber der Geist wird von Wind aus dem Universum begleitet. Sie malt und malt. Irgendwann entschied sich aus diesen Stapeln von gemalten Kannen, tatsächlich umzusetzen! Sie nennt die Kanne „Müßige Wolken“. Sie schrieb mir, dass sie nur aus dem Fenster den Himmel sehen konnte. Und der Wolke ist das Einzige, der sich frei bewegt.

Frei bewegende Wolken hat eine Künstlerin getröstet und inspiriert. Die Kanne „müßige Wolken“ hat meine Erinnerung erweckt und vielleicht einen Wünsch geboren, mit einem Rucksack am einem Bahnhof stehenzubleiben und fragt dem Wind, „Na, wohin.“

Yin Min. Duanni Kanne 180 ml.

(Im Alpenland ist der Himmel schmal. Die Wolken sind dominant. Der Wind wirkt um so mächtiger. Ich schliesse meinen Mantel und lief gegen den Wind, „Du, kalter Wind, du hast alles abgeblättert. Was ist demnächst?“ – Zürich in Winter, wieder kurz vor Lock Down.)