Archiv für den Monat Oktober 2012

Sünden, Scheitern und Lao Banzhang 老班章

Sebastian sagte mir bei seinem letzten Besuch, was das Wort Sünde tatsächlich in Hebräisch bedeutet. Er malt mir ein Bild von einem Schützer aus, der seinen Bogen weit spannt und das Pfeil ansetzt. Aber er verfehlt sein Ziel.
Das sei eine Sünde, wenn das Ziel verfehlt ist.
Als ein junger Mensch aus der einst kolonialisierten Welt pflegte ich eine ambivalente Beziehung zum Christentum vor allem mit der Vorstellung von Verführung und Sünden. Wer definiert was eine Trennung zwischen mir und dem Gott sein sollte? Und wer hat das Recht wem zu verurteilen? Diese Fragen begleiten mich Jahre lang auf den Weg. Eine Antwort war nicht mehr nötig, als ich bei mir angekommen fühlte.
In diesem Sommer hörte ich zum ersten Mal Die Rosenkranz-Sonaten von Biber. In der ehemaligen Bosswiler Kirche war mein Herz gefüllt voller Mitgefühl. Die Schmerzen und Leid des Jesus waren getragen von der bedingungslosen Liebe, die Menschen zu Menschen überreichen. Was war verfehlt und wer war gescheitert? Nichts.
In Ezechiel sehe ich oft das einstige Ich. Ein Jünger auf dem Weg der Suche. Wir haben oft schöne Gespräche über die Welt und den Tee. Er hat einen Hang zur Schönheit, versucht aber diese unklärbare Zuneigung mit der rationalen Begründung von Zweck. Er bringt oft ein Argument und dann wieder eine Gegenargument, während er erwartet, dass alles von mir widerlegt werden. Letztes Mal fragte er mich, was ist, wenn man jemandem das ganze Herz gibt und es schmerzt? „Wenn man liebt, dann liebt man mit dem ganzen Herzen. Wenn es nicht erwidert wird, dann tut es einfach weh. Aber nicht mehr. Keine Konnotation.“ Ich dachte an jenem Moment an meinem Zen-Lehrer Michel, als er vor Schmerzen der Krankheit geplagt war und weinte. Er sagte mir, „ich habe Schmerzen, bin aber nicht elend.“
Als ich am Sonntagabend in die Winterlandschaft zurück kam, machte ich mir ernsthaft Sorgen um meinen kranken Fuss. Wie sollte dieser wackelige Fuss sichere Schritte auf dem eisigen Boden machen? Angst vor Verfehlen des Ziels kam hoch und nahm fast Ueberhand. Vorstellung von Verfehlen des Ziels und Scheitern bewegten mich bald in einen Gedankenkarussel. Um es zu aufzulösen machte ich mir einen Lao Ban Zhang. In seinem streng und konzentrierten Aufguss spürte ich so bald die Kraft eines sehr alten Baums. Tief verwurzelt und unbeweglich in seiner Aufrichtigkeit. Ich schmecke den Ruf aus dem tiefen Meer, Seetang, Muscheln und etwas ganz uraltes aus dem tiefen Grund. Das intensive und herben Charakter wirkt wie ein Pfeil, der in einem Bogen gespannt wurde. Es ist bereit loszulassen, egal ob das Ziel verfehlt wird oder nicht. Es gibt bestimmt eine zweite Chance.
Ezechiel erwarb eine Yixing-Kanne, eine wunderschöne, von der ich mit schweren Herzen trennte. Seine Entscheidung sah nicht ganz handfest auf, wackelig. Ich beobachtete und übte Geduld. Dealen ist eine einfache Sache, aber vielleicht ist meine Art von Dealen zu männlich. Ich mache immer blitzschnelle Entscheidung, während Ezechiel stets an seine Wahl zweifelt. Er ging bereits vor der Tür und drehte wieder einmal um, „ABER, WENN…“ Ich schrie – wirklich – schrie zu ihm, „Jetzt gehe!“ Hei, Junge, Du verfehlst Dein Ziel in Deinem Intellekt…
Irgendwann wollte ich Sebastian in seiner Welt hinter der Mauer besuchen, dann werde ich ihm diesen Lao Ban Zhang mitbringen. Sünde oder Scheitern gehören zum Leben. In diesem Lao Ban Zhang weiss ich, dass es immer eine zweite Chance gibt.

Auf verwachsenem Pfade

Janacek schrieb den Zyklus „Auf verwachsendem Pfade“ (1901-11) für seine Tochter Olga. Er schrieb in seinem Brief über das Stück So Namenlose Bang »Sie hören in diesem Werk vielleicht das Weinen, die Vorahnung eines sicheren Todes.« Als Erinnerung an einem Spaziergang mit seiner geliebten Tochter komponiert er die 10 Stücke zu einem Zyklus, ein Notiz über einen Rundgang um den Wald und die nächtliche Trauer eines Vaters.

Bangwei 2012 hat in Shui Tang einen kosen Name, „Der Fusstee“. Im Juli sagte You, dass dieser Tee aus Bäumen von mehr als 700 Hunderjahren alt sein sollte. Ich sollte ihm glauben, tue aber nicht wirklich. Bis ich paar Wochen später den Fuss verletzte und nicht mehr auf meine eigenen Beine stehen kann. Auf einmal wie ein Blitzschlag spüren die Beine die Kraft eines Baumes und ich fühle mich tief verwurzelt, verwurzelt auf diesen schweizer Boden.
Ich scherze immer, dass man mich leider nicht zu einem Bonsai schneiden kann – nicht mehr. Dann fragt mein Gegenüber mich oft, was bist denn Du? Ich antworte gerne mit Schalk, dass ich Orchidee sei. Orchideen sind Parasiten. Sie lehnen sich auf hohen Bäume und ernähren sich selbstständig. Ich sei der Orchidee, parasitär und der Baum ist die Schweiz. Mein schweizer Gesprächspartner sind oft sprachlos und ich habe meinen Spass.
Tee, aus 800jahren alten Baum… Wie schmeckt er denn? Kann man sich vorstellen? Wenn er so alt ist, ist er streng und harzig?
In diesem Tee duftet es. Er duftet nach einer Blumenwiese. Ich atme tief und riech die Sonne und das Licht. Nach dem zweiten Schluck schmecke ich Kräuter und Heublumen. Der Aufguss ist dickflüssig und fein. Ein dezenter floralen Abgang balsamiert meinen Gaumen. Weich und phantastisch! Welch ein Traum! Ist es nicht der Shakespeares Sommernachtstraum? Ein Theater mitten in einem Wald, wo die menschlichen Welt und das Elfenland in einander verschmolzen ist. Ein Tor zu nirgendwo.
Ein Tor, der uns in eine andere Welt leitet. Ein Wald, verwachsen von Moos. Laub raschelt und dünne Äste knirschen. Ein Spaziergang mit dem Vater, geborgen und beschützt. Der sanfte Boden schonen die Füsse und die Bäumen führen. Es wird dunkel und die Nacht nähert sich. Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen! Das Vogel fliegt nicht weg und starrt bis in die tiefen Nacht in den dunklen Wald! – So beendet Janacek sein Stück und lässt mich alleine in diesem Finsternis. In diesem Wald zu passieren wie bei einer Tasse von diesem Bangwei in die Höhe und Tiefe. Vom Moss getragen, ideal für eine sanfte Landung, geführt von Baumwurzel und begleitet von schwatzenden Vögeln spazieren in diesem Wald ist wie der Gang durch das Leben. Nur Ueberraschungen, anderes als der Tod!

Schmetterlingstraum

Meine Kindheit ist geprägt von einem grossen sehr alten Haus mit Höfen und Winkel. Ich hörte gerne Geistergeschichte und das alte Haus bot die besten Kulissen. Ein Haus, der schützende Ort und zugleich der Ort der Abscheu.
Mein Grossvater war der Hausherr, der seine Aufgabe nie wirklich wahrnahm. Er rauchte und trank. Jedes Mal schickte er uns, um Sake zu kaufen, wenn er seine Bekanntschaft zu Besuch kam. Dann tranken sie und sangen. Der Geruch der Männer assoziierte ein kleines Mädchen mit Sake. Ich wusste irgendwann, dass er ein anderes Leben führte, bevor Taiwan chinesisch wurde. Einmal erzählte er mir, während ich in unserer Küche etwas experimentierte, dass er meiner Grossmutter immer treu war, obwohl das männliche unterhaltsame Leben wie in Filme für ihn alltäglich war. Er war wahrscheinlich schon zu viel getrunken. Für mich war es nicht wirklich klar, wie wichtig er mir so etwas erzählen wollte. Es war das einzige Gespräch zwischen uns kurz vor seinem Tod. Ich habe kein Recht, ihn zu verurteilen. Treu oder nicht, ist eine Frage des Egos. Man kann eben niemanden etwas erzwingen und trägt die Last des Herzen auch für sich alleine.
Viele Leute wollen zum Tee wechseln, weil sie weg von Alkohol haben wollen. Ich erwidere immer, „Ach, wie Schade!“ Alkohol ist doch etwas Wunderbares. Eine Sucht ist eben eine Sucht. Warum sollte Tee besser als Alkohol sein? Die Abhängigkeit liegt an Menschen, nicht an Tee oder Alkohol.
Ich trinke nicht unbedingt gerne, aber bewusst. Als ein Ausgleich zum Tee gönne ich mir öfters ein Bier oder eine Flasche Champagner. Sake ist natürlich noch besser. Betrunken von Sake ist wunderbar, leicht neblig und doch fröhlich. Man macht kaum Fehler, ist nur betrunken. Dann denke ich oft an meinen Grossvater, der für mich eine andere Zeit präsentiert, die fast verschwunden ist in der heutigem so genanntem China. Wie hat er sich immer gefühlt, wenn Sake ihn betäubte? Hat er sich auch so gefühlt wie ich, wie Zhuangzi in einem Schmetterlingstraum flattert? Sich wohl und glücklich fühlt und nichts von dem Leben des jetzigen Daseins?
Macht der ewigen Wandel meinen Grossvater zu schaffen? Macht die ewige Wandlung und Wanderung mich zu schaffen? Jedes Mal trank er seinen stark gerösteten Tie Guanyin um Kater zu reinigen – ganz alleine, ruhig und unauffällig. Der ewige Wandel hat ihn im Griff, er passte sich an die neue Situation des Landes und zog sich einfach zurück in der Gleichgültigkeit. Ich kann dem Wandel auch nicht entziehen, habe nur Mühe in diesem Fluss zu bleiben. Manchmal sehne ich mich nach einem Schmetterlingstraum und vor Angst vor danch mache ich mir immer danach einen starken alten Pu Er. Er tröstet.

昔者莊周夢為胡蝶,栩栩然胡蝶也,自喻適志與!不知周也。俄然覺,則蘧蘧然周也。不知周之夢為胡蝶與,胡蝶之夢為周與?周與胡蝶,則必有分矣。此之謂物化。
„Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.“

Ein flüssiger Tag

Ein flüssiger Tag

Michi hat Geburtstag. Er wollte uns allen bekochen. Ich ging zu Konditorei und wollte einen Kuchen kaufen. Natürlich kaufe ich einen Kuchen, der mir schmeckt, also ein Cheese-Cake. Als ich in das 15 Tram einstieg, wurde es mir plötzlich klar, dass er Latose-unvertäglich ist. Also, ein Geburtstagkuchen für Nicht Geburtstagskind.
Allen sassen am Tisch und diese Szene erinnert mich an den Tisch bei Atong in seinem Büro. Jeden Tag tauchen Gäste um 12 Uhr auf, um zu essen. Und der jüngste muss abwaschen. Shui Tang ist ein Stück Taiwan, ein Stücke von Lebensfluss, der durch Tee flüssig wird. Tee ist ein wunderbares Gefäss, das Menschen versammelnt und einen Raum ermöglicht, etwas Schönes zu gestalten. Etwas, was über Kalkül hinausgeht.
So verging heute unglaublich schnell. Ein Besucher nach dem anderen.
Meine Onejiang (Schwester) Yumi meldete sich per Message, dass sie noch zu dem seltenen Pu Er kommen wolltest. Sie vergass es nicht und ich weiss, dass sie immer kommt, wenn es stimmt. Aber ich war eigentlich müde und habe heute Abend noch Programme. Es gibt viel Arbeit vor mir. Also, ich wollte den Fluss brechen. Ich schrieb ihr, dass es mir doch lieber morgen wäre. Als ich kurz in der Ruhe mit Jiri unterhielt, hörte ich Yumi mit anderen auf Japanisch sprechen. Sie stand bereits vor der Tür und wollte einfach nicht hinein kommen, um mich nicht zu stören. Ich hörte es, stand auf und rief sie. Sie kamen hinein mit zwei Japaner, schüchtern und höflich. „Ich wollte Dich nicht aufhalten.“ Wir sind bereits im Fluss, es gibt nichts mehr aufzuhalten. Jiri schabte den hart gekochten Tee und wir tranken ihn mit Chasen „geschlagen“ und in Tenmuku-Schalen. Ich seufzte, „Ach, das Licht stimmt nicht. Eigentlich sollte es Kerzenlicht sein. Dann sind wir genau so wie in der Tang-Dynastie!“ Yumi sah in diesem Moment richtig flüssig aus…
Yumi verfügt nicht ein grosses Budget, hat aber ein grosses Herz. Sie lebt tatsächlich immer im Fluss. Sie weiss, ich habe gerne Champagne und bringt mir die besten Flaschen. Sie weiss, ich habe gerne bestimmte Süssigkeit und macht mir einfach ein Freude. Wenn sie mich sehen will, teilt sie einfach mit. Unkompliziert und immer direkt ins Herz. Ich schätze es sehr.

Als Gefangene einer Traumwet

Shui Tang ist wie eine Traumwelt. Ein Oase der Halluzination. Ein Wunderland der Projektion.
Ich bin gefangen in dieser traumhaften exotischen Welt, die ich selbst einmal kreiiert habe.

Einmal im Monat treffe ich Hanspeter. Wir besprechen über alles. Er ist wie mein Vater, wie ein guter Freund. Als er mich gestern Abend mit dem hinkenden Fuss sah, waren seine Augen voller Mitgefühl. „Menglin, Du hinkst.“ Ich muss mich vor ihm nicht verleugnen. Er setzte fort. „Du stehst wirklich hier auf dem fremden Boden mit zwei eigenen Beine.“ er seufzte, „aber der öffentliche Fuss ist wie deine öffentliche Rolle, er funktioniert und gewinnt an Bedeutung. Während dein eigentliches Ich wie der verletzte Fuss, ist behindert…“
Er trifft ins Schwarze. Meine Augen wurden wie Flüsse.
Ich kann nichts dafür, sagte ich.
Aber ich leide.
An diesem schönen Ort erfülle ich eine Funktion und spielt eine Rolle. Ich spiele es natürlich sehr gut. Ich werde immer mit Gescnenke überhäuft. Aber ich weiss, das es noch etwas gibt – hinter dieser Figur. Menschen kommen und bewundern. Manchmal wird nicht nur diesen Ort bewundert, sondern auch diese Figur. Manchmal ist es voneinander nichts zu trennen. Ich beobachte oft diese Blicke, die scheinbar auf mich werfen. Diese Blicke richten sich auf eine Fläche, die beliebig zu projizieren ist. Aber die wirkliche Person, die hinter dieser Fläche steht, wird beliebig ausgeschaltet. Menschen wollen ihren Traum leben. Sie brauchen einen Traum. Warum kauft man eine Marke oder eine Tasche mit Buchstaben? Glaubt man an die Qualität oder glaubt man an einem Traum?
Man hat mich mit drei Buchstaben gleich gesetzt. Man interessiert sich für mich nicht, sondern für eine Geschichte, die mit mir nichts zu tun hat. Sondern mit dem Akteure selbst.
„Man sieht das wahre Dich nicht.“
Ja. man sieht mich nicht. Ich werde ausgeschalten. Man sieht eine Puppe in einer traumhaften Welt. Ein Traum.
Jeder Mensch ist wie ein Garten, so sage ich oft. Ein Garten mit einer leicht geöffneten Tür. Manche genügt einen Blick hinein zu werfen. Es gibt nicht nur einen Vorgarten. Es gibt einen kleinen Ich, das im Schatten hinter den blühenden Blüten zu finden ist. Auch meine Geschichte brüchig ist und gar abstossend für Menschen auf der geordneten Bahnen. Sie verdient es zu leben.
Ich habe kein Recht den Traum des anderen zu stören. Jeder hat freie Willen und ich habe viel Respekt.
„Was machst Du weiter?“ fragt Hanspeter mich.
„Lernen mit diesem kaputten Fuss umzugehen.“
Ich weiss, dass ich nicht diese Figur bin und diese Figur nicht in der Realität ist. Auch wenn das kleine Ich verletztlich ist, kann ich lernen Mut zu fassen, Schritt für Schritt in die Ozean des Lebens zu gehen.