Archiv für den Monat April 2011

Ein Waldspaziergang im Vollmond

Spazieren im Wald – wenn der Geist ruhig und offen ist, besonders tiefen in dem grünen Wald in einer frühlingshaften Vollmondnacht, ist man umgebend von einer Sphäre der Klänge. Diese Sphäre ist keineswegs beschränkt auf die Wahrnehmung des Gehörs, sondern auch die Lichtung des Mondes und die klaren Schatten des Kiefernadels, wenn der Mond besonders hell scheint.
Wenn man irgendwann auf den Geschmack eines gelagerten Tee kommt, vor allem Pu Er 普洱茶, dann ist der Genuss nicht mehr eingeschränkt auf die Wahrnehmung von flüchtigen Früchten oder Blütchen, sondern vom Geruch der Kindheit bei Omas Speicher und Kartoffelkeller oder die Unruhe unter dem von fallenden Laub bedeckten Waldboden.
Wenn Gödel behautet, dass die Zeitreise nicht unmöglich ist. Wenn er hinterfragt, dass was die Zeit überhaupt sein soll – wenn wir zurück zur Vergangenheit kehren können. Die Zeit ist ein Raum, ein Konzept und ein Begriff. Woran haften wir denn, an heute und sofort?
Michi und ich sind ähnlich. Wenn es uns etwas begeistert, tun wir es sofort. Während die anderen noch davon sprechen und träumen, unternehmen wir bereits die Schritte, wenn die Dingen für uns stimmen. Wir sprachen erst am vergangenen Dienstag von einem Konzert, das er mir gerne zeigt. Sofort erhielt ich bereits eine Einladung. Das gefällt mir.
Ein besonderes Konzert konnte ich erleben. Zufall und man kann es einfach nicht wollen. Es war ein Vollmondabend. Es war der 333. Montag, als Nik Bärtsch bei Exil spielte. Es war ein Montag, wo ich tatsächlich frei war.
Der Vollmond findet man auf der Bühne in Form einer Klangschale. Der Anfang des Rythmen brachte mich in meiner Kindheit, als mein Großvater seine komische japanische Klänge spielte. Es erinnerte mich buchstäblich an die eigentlich fremden zugleich vertrauten Rythmen in unserem dunklen Esszimmer die Musik meines Großvaters. Es erinnert mich auch an den Film 里見八犬傳 in 80er Jahren. Ein Raum voller Mystik und Ungewissheit.
Verschiedene scheinbar zusammenhanglosen Töne und Klänge treffen sich zu einem Storm. Scheinbar wiederholende Tasten bereichern den gleitenden Storm, das scheinbar in die weite Ozean fliessen könnte – wir wissen es nicht.

Eine Musik, die keine Geschichte erzählt, keine Linialität besitzt und kein Ziel verfolgt. Ein Gewerbe von organischen Austausches von Klänge und Stile, von Wiederholung und Ausbrüche, und von Trennung und Einklang.

Nik sagte, dass seine Musik aus dem urbanen Raum sei. Mich versetzt sie in einem Wald einer Volldmondnacht. Er sagte, er sei ein „richtiger“ Senchaliebhaber. Ein Sencha sollte in dem Saison getrunken werden. Er überdauert nur die Zeit im Kühlschrank. Ich roch an seine Musik den Ruf eines alt gelagerten Pu Er, der die Zeit überdauert. Ich hörte die Insekten summen, lauschte die Berührungen der aufeinanderfächernden Lauben und schnupprte die Lichtung des klaren Mondes. Es läuft vieles Im Wald, vor allem auf dem Boden. Manche suchen nach Nahrung, manche suchen nach einem Versteck und ich suche nach meiner Vergangenheit, die bis zum meinen Großvater führt. Mein einsamer Großvater, der die Sprache des neuen Machthaber seines Landes nicht sprach und kein Gefallen bei seinen Enkelkinder fand, lauschte seine Existenz durch die Melodie und Motiven einer bestimmten Musik.

Ich bin

Seit ich dieses Geschäft habe, das Namens Shui Tang heisst, beschäftigt mich eine Frage „Ich bin“ bzw. „Was ist ich bin?“
In unserer Zeit der so genannten demokratischen Epoche, in der Menschen immer mehr mit Norm und Portotyo erfasst werden, ist eine Krise der Identität im Vormarsch. Also, ich bin das, was ich bin. Aber, was ist denn eigentlich das? Weiß Du überhaupt, „wer du bist?“

Als ich am vergangenen Mittwoch in der Schule in Aarau war, sah ich viele jungen noch recht unsichere Gesichter am Teetisch. Sie waren schüchtern. Aber sie waren respektvoll. Sie halfen mir bei der Zusammenarbeit, sie hörten mir zu, sie redeten nicht, wenn ich sprach. Sie rührten ihre Löffeln nicht, bevor ich sie aufforderten. Sie hatten das Bedürfnis nicht, „ICH BIN“ zu leben. Sie waren einfach dabei. Bei der Sache.

Am den gleichen Abend hatte ich eine Grupee von nur Erwachsenen. Sie sprachen, wenn ich auch sprach. Darum sprach ich nur leise, denn ich niemanden etwas zeigen wollte. Wer etwas mehr von Oolong erfahren will muss er selbst darum kümmern. Ich kenne ja alles, was ich sagen wollte. Sie rührten ihre Degustationslöffel bevor ich sie aufforderte. Es gab sehr viele „ICH“. Aber, was ist „ich bin“?

Lange dachte ich, dass ich zeigen sollte, was ich bin. Ich sollte zeigen, dass ich etwas von Tee verstehe und ich Menglin bin. Ich sollte mich manifestieren, was ich alles von Tee erlebe. Ich dachte, „ich bin “ zu leben ist wie eine Art von Identität auszudrücken. Und ich muss meine Identität klar ausdrücken, so dass man mich „richtig“ wahrnehmen kann! Ich muss meine Identität deutlich vermitteln, damit Shui Tang ein Gesicht bekommt.
Was stellen wir uns eigentlich vor, wenn wir das Wort „Ich“ benutzen?
Diese Frage trage ich bei mir herum seit einigen Zeit. Ich beobachte, wenn ich manchmal mit Besucher umgehe, wie ich aufdringlich „Ich bin“ auslebe will und wie mein Gegenüber mir einen Spiegel hinhalte, wie „ich bin“ in seiner Aufdringlichkeit zurück geworfen wird.

Zufällig las ich Ulrichs frühren Texte, als er über das gleiche Thema beschrieb. Er schrieb:

Wir können dieses „Ich bin“, dieses Gefühl der „Anwesenheit“,
dieses „Mu-Shin“ 無心 am besten spüren, wenn
wir morgens aufwachen. Da gibt es diesen winzig kleinen
Moment, wenn unser Bewusstsein noch nicht die
Führung übernommen hat; da können wir unsere bewusste
Anwesenheit, unsere Existenz fühlen. „Ich bin“,
nicht als Individuum, sondern einfach „Anwesenheit“
als solche. Dieses „Ich bin“ bedeutet auch „was ist,
ist“, denn in dem Moment, indem wir mit unserer Umgebung
in Beziehung treten, indem der Gedanke von
einem „Ich“ als getrennte Persönlichkeit auftaucht,
machen wir uns klein und vergessen, dass wir Schöpfer
und Schöpfung gleichzeitig sind.

Ich schaue immer wieder zurück in diese Stunde mit den jungen Menschen in Aarau. Diese jungen Menschen haben mich auf irgendeine Art berührt. Sie haben mir irgendwie gezeigt, dass „ich“ vielleicht eine Art von Trennung ist, eine Trennung von mir selbst und von mir und meiner Umwelt. „Ich bin“ ist in jenem Moment bloss ein Gefühl der Anwesenheit.
Vielleicht ist es der Schlüssel für mich, ich muss nicht als Menglin wahrgenommen werden. Ich bin einfach nur da und mein Leben wird einfacher. Menschen, die mich begegnen müssen gar nicht wissen, was ich bin.

Teeweg und Poesie

Ich bin müde.
Mein müder Körper spürt zwar den Frühling, weiss aber nicht zu freuen.
Viel arbeit und viele Projekte. Ich wünsche, ich könnte noch mehr!

Ich wünsche ich hätte mehr Kapazität. Wenn ich sehe, wie schnell die Seminare ausgebucht werden und wie oft die Leute mich wegen Kurse und Seminare anfragen, weiss ich, dass es ein Bedarf unter den Menschen gibt, sich mit Tee auseinanderzusetzen!
Gestern fuhr ich morgens nach Aarau, um mit den Schüler aus einer Mittelschule sich mit Tee zu vertiefen. Ich hatte eine Stunde, den Schüler die Welt des chinesischen Tees zu vermitteln. An dem gleichen Abend traffen sich 30 Erwachsenen in Shui Tang, um Oolong zu widmen.
Es war 20 junge Menschen, die kaum Vorstellung von gutem Geschmack und von guten Tees haben. Ihre Gesichter waren schüchtern und ihre Augen leuchteten wie Sternen. Ich habe keine Kinder, aber weiß, dass diese Menschen vor mir unsere Zukunft sind. Sie probierten die Tees mit dem degustierlöffel. Ich fragte nach. „Was schmeckt Ihr?“ „Bitter…“ „Was gibt es neben der Bitterkeit?“ „Süss.“ „Holzig.“ Der Oolong wie Nektar.“ „Wie Rauch.“ „Wie Honig.“ Ich glaubte meine Augen fingen auch an zu leuchten. „Was noch?“ „Wie ein Spaziergang durch den Wald im Sommer!“ Wowwwww!
Ich freute mich riesig über die Antwort eines jungen Mädel, das so unbeschwert ihre Empfindung einfach rausruschte. „Warum ein Spaziergang?“ „Ja, es ist immer so entspannt im einen Wald zu spazieren. Im Sommer vor allem ist es besonders schön! Es riecht so frisch, nach Holz, nach Grass und nach Blumen – so wie der Tee!“
In jenem Moment wollte ich fast weinen! Dieses Mädchen verfügt bereits den Zugang zu einer großen Welt des Tees, zu ihrer eigenen Identität und zu ihrer Unabhängigkeit. Das, was sie schmeckt, ist ihres, ist ihre Freiheit, die niemand aus ihr berauben kann.
Das, was ich lernen musste, um Tee zuzuhören und um den Brücke zum Tee zu finden hat sie bereits. Das, was ich lernen musste, mich nicht von anderen beeindrucken zu lassen, einfach zu mir zu stehen, hat sie bereits. Sie „muss“ nur weiter gehen.
Als wir gemeinsam den Pu Er Runde machten, als wir den künstlich nachfermentierten Pu Er, den frischen Pu Er 2010 Mengla und den Pu Er Grenztee 1990 degustierten, meldete sich sofort ein Junge. Er sagte, „Ach, das ist der künstlich fermentierte!“ „woher weiß Du es?“ „Er schmeckt komisch! Er schmeckt nach Fisch!“ Ich staunte!

Ist es wirklich so, dass wir als Erwachsene unseren Geschmack bereits auf den Irrweg abgeleitet sind und wir neu lernen müssen, was einen guten Geschmack bedeutet? Und diese junge Menschen vor mir, sie haben den natürlichen Zugang zu einem natürlichen guten Geschmack noch und wenn sie so bleiben dürfen ohne von unserer Gesellschaft manipuliert zu werden, können sie ihren Weg natürlich finden. Aber wer kann denn dem Karrier-Zwänge und Konsum-Appel von Red Bull tatsächlich entgehen?

Als Erwachsene, merkte ich bei der späteren Degustation am gleichen Tag mit Teeclubs Leute, bedeutet häufig einen guten Geschmack zu haben ist derjenigen, der so souverän spricht „Vanille, schokoladig, holzig und und und…“ Aber was diese junge Menschen, auch wenn sie unsicher und schüchtern sind, weil sie die Ettiketten unserer Gesellschaft noch nicht beherrschen, ahnen den Weg des Tees. Dieser Weg führt durch die Intuition und die Poesie!

„Es hatte mir mit einem Schlag, wie die Liebe, die Wechselfällte des Lebens gleichgültig werden lassen, seine Katastrophen ungefährlich, seine Kürze imaginär, und es erfüllte mich mit einer köstlichen Essenz (Tee); oder vielmehr: diese Essenz war nicht in mir, ich war sie selbst.“ Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Ich danke Natalie. Diese liebvolle offene Lehrerin dieser Schülern hat diese wunderbare Stunde ermöglicht!

Teeliste von Teezirkel am 06.04

Teeliste von Teezirkel am 06.04

Die Teeliste von der Oolong-Desgutation von Teeclub Schweiz
1. Degustation von modernen Formosa Oolongs nach dem 2. Weltkrieg
Jade Oolong, Sijichun, Jinxuan
als Kontrast-Beispiel: traditionelle Oolongbaumsorte: Qingxin Oolong
2. Degustation von traditionellen Oolongbaumsorte: Ursprung Fujian China
Tie Guanyin Muzha 2010, Tie Guanyin Anxi 2010, Huang Jing Gui, Buddhas Hand
3. Shuixian Baum in drei Anbaugebieten
Zhangping Shuixian (Fujian), Phönix Dancong Shuixian Milanxiang (Chaoan, Guangdong), Baxian Shuixian Dancong (Nantou)
4. Faktor Lagerung
Dongding 2010, Dongding 2004, Dongding 1981

****************************
Es war ein sehr schöner Abend mit Teefreunde gemeinsam die Welt des Oolongs zu schnuppern! Dass die Nachfrage so stark war, war mir selbst eine Überraschung! Das ist ein sehr gutes Zeichen, dass die Menschen ernsthaft mit Tee auseinandersetzen wollen!
Ich war ehrlich gessagt, nicht wirklich in Form. Meine Nerven waren recht schwach und Shui Tang war wirklich nicht zu gross. Aber die Teefreunde aus Vorstand des Teeclubs kennen mich zum Glück inzwischen gut genug. Sie können mit meinem Temperament umgehen. Ich danke ihnen für alles.
Gerne möchte ich mehr solche Treffen organisieren oder mitgestalten. Dies wird den Tee im Westen sehr helfen! Ich habe immer eine Vision, ein Zirkel zu bilden, gemeinsam an die Sprache des Tees zu arbeiten!

Bergkirschblüten 山櫻

Auch ohne den Wind kaze narade
zerfällt die Pracht im Regen – ame ni kudaku ya
Bergkrischenblüten. yamazakura
Tessui

Vor fast 20 Jahren bracht Atong schöne rare Teebaumsorte aus Fujian nach Taiwan. Es war eine Schmuggelaktion. Darunter war auch Rougui. Dieser ganz kleine Teebaum wurde sorgfältig gewickelt von seiner stinkenden Unterwäche. So konnte er die wachen Hunde des Zolls am Taipeher Flughafen täuschen.
2003 bin ich meinen Lehrer begegnet und begann meine Reise mit Tee. Dann machte eine Schüler was der Lehrer sagte, auch wenn er seinen Lehrer nicht immer verstand. Der Schüler hatte Vertrauen und lernte den Tee Rougui aus Mingjian kennen. Diesen Tee mochte ich damals nicht. So liess ich ihn irgendwo im Ikea-Blechdosen liegen.
Jahren sind vergangen. Ich bin nicht mehr dort, wo ich einmal war. Und der Rougui?
Ich fand ihn ganz zufällig wieder irgendwo in dieser Ikea-Blechdosen. In jenem Moment des Wiedersehens erinnerte ich mich wieder an die Worte des Atongs. Also, ich kochte Wasser und nahm den zweiten Anlauf.

Dieser fremde Rougui war in meiner Erinnerung geheimnisvoll und undecodierbar! Er war halt süss und fruchtig und mehr verstand ich eben nicht. Und in der zweiten Begegnung? Ich schmeckte zarte Blüte, feine reife Früchte und bilde mir ein, ein Hauch der Nektar von Bergkirschblüten zu trinken! Mit großen Augen betrachte ich die Veränderung. Was ist denn dabei anders geworden? Ich oder der Tee?
Sorgfältig hob ich den Rest von Rougui 2005 auf. Sorgfältig wurde er in dem Schrank verschlossen. Ich hob meine Veränderung auf. Ich hob einen verändernden Tee auf, so dass ich immer wieder zurückgreifen kann – dachte ich. Aber ich vergass die Unabhängigkeit der Zeit, die ohne mich auch weiter läuft.
Gestern kam ein Besucher mit einem würdigen Begleiter. Wir sprachen über die Musik, die Mathematik und den Tee. Ich wollte einen schönen Tee zubereiten und fand plötzlich diesen Rougui in der Hand. Als der schöne Rougui in der Tasse war, bemerkte ich, dass etwas nicht mehr stimmt. Der zweite Aufguss verlor an seiner Intensivität und sein Volum. Was ist los?

Heute kam Bruno und wollte wissen, was er vielleicht falsch macht mit der Zubereitung. Ich sagte ihm, „Mache bitte einen Tee für mich und ich kann Dich korrigieren.“ Er bereitete den Rougui 肉桂 zu. Schon wieder zeigte dieser einst wunderschöne Tee, der mich an das Pracht der Bergkirschen erinnert – zwart, faccettenreich und voller Leichtigkeit, sein Schweigen im Gaiwan! Wo ist die Pracht? Wo ist der Frühling geblieben? Und das Nektar meinen Blüten im Traum?
Achhhhhh….
Ich seufzte. Eine Schönheit nach dem Regen der Zeit ist nun nicht mehr dieselbe! Und ich?
Auch ich werde irgendwann wie der Tee… Auch ohne den Wind zerfällt die Pracht im Regen!
Wozu den Rest einer Schönheit aufheben? Wozu an die Schönheit eines Tees anhaften? Nur weil das Volum dieses Tees geringfügig ist, verändert sich der Tee in der Tüte weiter und zu seinem Nachteil. Ich hätte ihn einfach an seinem Höhepunkt weg trinken sollen!
In diesem Moment war es nicht mehr schlimm, einen toten Tee zu begraben. Es ist viel elender, einen hinfallenden Tee zuzusehen!