Archiv für den Monat Juni 2010

War Tee einfach zufällig da?

Die Chinesen nehmen des Europäers Silber und geben ihm dafür Millionen Pfunde entkräftenden Tees zum Verderben des Erdteils.
Herder (In: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 1787)

1610 kam die erste Sendung von Tee durch Holländisch-Ostindische Kompanie aus Japan nach Europa. Sie tauschte Salbai gegen Tee. 1662 machte die portugiesische Prinzessin Katharina Bragnanza den Tee hoffähig in Endland. 1773 durch die Boston Teaparty revolutionierte der Tee die Weltgeschichte in der neuen Welt. Tee ist ein Getränk, das die Weltgeschichte verändert. Ohne die abenteuerlichen Seefahrer und eifrigen christlichen Geistlichen wurde Tee nicht im Europa „entdeckt“. Was war der Grund, weshalb die Seefahrer in die weiten Ozean segelten? Was trieb die Menschen aus Abendland die neue Welt zu bekunden? Wer waren die ersten, die Tee „entdeckten“ und wem haben sie im Europa als den Nächsten weiter gegeben, um Tee hier zu verbreiten? Wie war das damals, als Tee zum ersten Mal vom Okzident erlebt wurde?

War Tee einfach zufällig da?

„Diese Schätze sind die Gerätschaften, die sie zum Trinken eines Absuds aus pulverisierten, Cha genannten Pflanzen verwenden. Denjenigen, die sie zu trinken gewohnt sind, schmeckt sie sehr gut…“ schrieb ein portugiesischer Jesuitenpater Luis Almeida 1565 in einem Brief nach Europa. Dieser so genannte Cha existiert bereits seit hunderten Jahren im Osten. Wie wurde dieser Absud in dessen Heimat wahrgenommen und verstanden? Weshalb wurden dort für diesen Absud komische kleine Räume gebaut? Weshalb wurde für seine Zubereitung Spielzeuge und Spielregel erfunden und überliefert?

Um all diese Frage zu beantworten gehen alle Teeliebhaber auf einen langen Weg. Die Weltgeschichte des Tee ist eine Wechselbeziehung zwischen der Annährung an das „ fremde Originale“ und der Selbstverwirklichung des „Eigenen“. Das Fremde ist nicht immer ausserhalb der eigenen Tradition, während das Eigene häufig in dem Fremden wieder gefunden wurde.
Auch ich kam tatsächlich zum Tee in meinem Lebensabschnitt unter dem Fremden.
Im Januar 2011 werde ich einen Beitrag zu einer Reflexion der Weltgeschichte des Tees in Bern vortragen. Genaue Information werde ich noch veröffentlichen.

Wer bin ich

Manche Klienten kommen und verlangen nach dem besten Tees meiner Kollektion. Diese Aufforderung verwirrt mich sehr häufig und ich habe oft das Gefühl, mit einem Schein umgehen zu müssen.

Im Winter kam Markus mit einem seinen interessanten Freunden zu Shui Tang. Dieser Herr aus guter Gesellschaft verriet mir nichts über sein „Haben“. Und es geht mir so oder so nichts an. Als ein Schauspieler gleichzeitig kam und sie sich gegenseitig vorstellten, sagte der Schauspieler: “ Ich bin ein Schauspieler.“ Er erwiderte ihm „ich bin ich.“ Ich fand es richtig amüsant. Er sagte mir wiederholt „Ich will nicht mehr haben. Sondern einfach sein!“ Der Spruch war nervig und gleichzeitig gefiel mir.

Am Montag war ich bei meinen neuen Hausarzt. Und wie das Theater beim Arztbesuch verläuft, muss ich einen Fragbogen ausfüllen und meinen Beruf verraten. Ich schrieb: VERKAEUFERIN.

Im Lauf des Interviews stellte der Arzt fest, dass ich sogar Universitätsabschluss habe. Ich dachte, dass man es bei meine Sprache merkt. Jedenfalls, er fragte mich, weshalb ich Verkäuferin wurde! Ich lachte. „Was ist daran so schlimm, Verkäuferin zu sein?“ Er meinte, das wäre doch ein Problem unseres Bildungssystems, wenn ich am Ende eine Verkäuferin bin. Das stimmt. Das ist aber nur ein Problem von vielen unserer Gesellschaft. Aber eine Verkäuferin zu sein ist wirklich in Ordnung für mich. Ich bin es ja. Ich verkaufe Tee in Shui Tang.

In letztem August war ich bei einer Aerztin. Es ging wieder gleich los. Damals schrieb ich zu meinem Beruf „Teefachfrau“. Meine Aerztin konnte sich nicht verkneifen und musste so laut lachen, als sie es las. „Gibt es so etwas?“ Ich schwieg. Mein Beruf hat kein Problem, aber diese Frau hat ein Problem. Ich wechsele meinen Arzt.

Was bin ich?
Was ich wirklich bin, hat es so wie so nichts mit meinem Beruf zu tun.
Manche Menschen brauchen einen Beruf, um sich besser zu fühlen.
Manche machen einen Beruf, um Geld zu verdienen, deswegen brauchen sie viel viel Freizeit.
„Wer bin ich und was bin ich“ geht es ausser mir niemanden etwas an.

Als Shui Tang entstanden war, sagte eine Freundin zu mir: „Dein Selbstwertgefühl ist nun besser geworden, oder?“ Ich staunte über diese Aussage. Nein, umgekehrt. Mein Selbstwertgefühl war gut genug, so dass so ein Projekt wie Shui Tang angepackt werden kann!
Und für mich, ist mein Leben so oder so schön genug.

Nächstes Mal werde ich einfach zu dem Beruf „Soziologin“ schreiben. Eine sehr klare Aussage über etwas, was man nichts damit anfangen kann.

Ohne Grund zum Tee 無由

山泉煎茶有懷, 白居易 (772-846)

坐酌冷冷水,看煎瑟瑟塵。
無由持一碗,寄與愛茶人。

„Lass uns gemütlich hinsetzen. Mit dem klaren Quellwasser kochen wir eine Schale Tee. Neben dem wärmenden Feuer vergessen wir die Vergangenheit und die Zukunft. Ich möchte Dir eine Schale Tee offerieren ohne weltliches Kalkül. Denn Du bist auch ein Teeliebhaber.“

Tang-Dichter Bai Juyi verdeutlicht uns das Wesentliche, was Tee im Leben der chinesischen Kultur ausmacht. Eine Schale Tee zuzubereiten, eine Schale Tee miteinander zu teilen ist ein Ausdruck der Absichtslosigkeit. Weil es absichtslos ist, weil kein Nutzen dabei sein muss, können Teeliebhaber die einfache Schönheit des Lebens zelebrieren und so an ihr teilhaben.

In der chinesischen Tradition ist eine Teezusammenkunft ein integrativer Teil des gesellschaftlichen Lebens. Man trifft sich zum Tee und Tee verbindet. In dieser Zusammenkunft steht nicht die Perfektion im Vordergrund, sondern die Freude des Teilens. Häufig gibt es einen Gastgeber, der eine Teezusammenkunft veranlasst und dazu Gäste einlädt. Das Wichtigste bei einer solchen Zusammenkunft ist die Harmonie. In dem Moment, wenn der Gastgeber seinen Ehrgeiz aufgibt und kein Ziel verfolgt, entsteht eine Offenheit, die die Atmosphäre entspannt und harmonisiert. In dieser Offenheit und starken Konzentration kann der Gastgeber die Bedürfnisse der Gäste subtil wahrnehmen und kann entsprechend darauf eingehen. Als Gast nimmt man alles dankend an, was ihm entgegengebracht wird. Und in dieser Dankbarkeit und Respekt ist man in Mitten der Schönheit des Lebens.

Diese Art der Teezusammenkunft, die heute noch praktiziert wird, ist Gongfu Cha. Gongfu Cha bedeutet Teezubereitungsart voller Konzentration und Aufwendigkeit. Es ist aufwendig, Tee in seiner Vielfalt zur Sprache zu bringen. Grosser Konzentration ist erforderlich, Menschen mit Tee zu dienen.

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Am 4.09 Samstag ab 20 Uhr werde ich für Völkerkundemusem ihren Besucher drei Sessionen Gongfu Cha zelebrieren.
Ich wurde gefragt, einen Text darüber zu schreiben. Anstatt einen gewöhnlichen Text über diese mehrfach zitierten Zubereitungsart zu schreiben, möchte ich auf das Essenzielle konzentrieren.
Was ist der Anfang oder der Grund, der uns zum Tee brachte?
War es wegen Gesundheit? War es wegen Wellness? War es wegen „weil mein Freund oder Familie immer Tee getrunken hat?“
Was passiert danach? Was ist das, was uns nun an Tee bindet? Unser eigener Zugang, der mit der Zeit langsam entstanden ist, der nicht spektakulär ist, sondern einfach im Alltag und im Leben intergriert ist. Einfach so, ohne Grund. Eine grossartige Freiheit, kein Nutz und keinen Grund zu haben.

Shui Tangs Sommerselektion

Am Sonntag sollte es 13 Grad in Zürich sein. Und Henning schrieb mir, dass es seit einer Woche in Hamburg Sonne scheint.

Mein lieber Nachbar Udo sagte, wir können gerade das Weihnachtsgeschäft planen, denn der Herbst ist vor der Tür.

Auch wenn der Sommer uns vergessen hat, hat Shui Tang die Sommerselektion vorbereitet.

Ein wunderbarer Oolong wie Oriental Beauty Premium 東方美人特級, der uns mit herrlichen Düfte verwöhnt, uns in einem sommerlichen Garten versetzt – blühenden süssen Blumen und reife Früchte, ist der Höhpunkt der Sommerselektion. Er bezaubert unsere Sinne mit seiner Vielfältigkeit.

峨眉毛峰Wenn man in der „Hitze“ (vielleicht kommt sie ja noch) schläfrig wird und voller Müdigkeit am Tisch sitzt, hilft ein klarer Emei Maofeng, der Nebel im Geist wegfegt. Dieser Tee hat für mich immer die Wirkung wie der Sonneschein, der Nebel im Kopf klärt. Erfrischend und klar.

祁門紅茶Am morgen wäre es ein Qimen Hongcha ein treuer Begleiter. Er unterstützt unsere Verdauung, die im Sommer häufig vernachlässigt wird, wenn wir nur Eistee, Glace und eiskalte Bier trinken und unseren Körper stets unter „Kälte“ Schock setzen. Ein Schöner Qimen, einfach und gut, verbessert die Konzentration und hilft einem guten Start in den Tag.

Die Sommerselektion wird pünktlich zum Sommeranfang versendet.

 

Wie im Früchtegarten der Großmutter

In dem Garten meiner Großmutter Süden Taiwans reifen Bananas, Magos, Ananas, Guaven und Pamelos. In der schönsten Zeit unserer Kindheit – meine Schwester und ich, verbrachten wir in diesem sonnigen Land. Ich lernte Blumen zu binden und Hexentrank mit den gesammelten Kräuter herzustellen, Hüne zu ärgern und Frosch zu jaggen. Nur dort duften wir mit anderen Kinder spielen, anders als in Taipei, wo wir nur mit Büchern gestopft waren.

Meine Großmutter war Alleinerziehende. Tapfer, hart und stark blieb sie in meiner Erinnerung. Sie verteidigte das Grundstück in einer sehr hungrigen Zeit und verzeunte das Grundstück nicht, denn viele Nachbaren durch ihren Garten täglich passierten. Ich kann mich noch recht gut erinnern, als sie uns sagte, „Niemals versperren wir den Weg des anderen.“ Eine sehr einfache Weisheit, die eine einfache Frau ihr Leben lang praktzierte. Als sie starb, war ich kaum traurig. Überall im Haus und im Garten wurde mit knalligem Rot geschmückt. Es gäbe etwas zu feiern…

Mein Großonkel verspielte das ganze Grundstück und starb sehr rasch danach. Aus diesem Früchtegarten sind 20 Reihenhäuser entstanden. Zwei davon seien Geisterhäuser. Niemand schaffte dort unbeschädigt zu verweilen.

Seit mehr als 10 Jahren besuchte ich diesen Ort nicht mehr. Als ich letztes Mal da war, war ich nicht allein. Ich roch die frisch blühenden Pamelo-Blüte im Februar und fand kaum Früchte. Die Zeiten haben sich geändert. Das Land wurde zum Spekulationsmittel und die Gesichter der Menschen wechselten. Eine traurige Ahnung überwältigte mich und ich beschloss all diese Bilder für immer auf das Speicher zu legen.

Sehr viele Menschen fragten mich nach dem Qimen Hongcha. Ein berühmter Schwarztee, der einst von Twinning mit Ceylon zusmman mischte und als Englisch Breakfast vermarktet wird. Ein einfacher Tee, der selten auffällt und nie abstossend wirkt. Ich fand diesen Tee charakterlos und viel zu einfach. Als er in letzten zehn Jahren auf dem Teemakrt Chinas zum Spekulationsmittel wurde, fand er bei mir noch weniger Gefallen.

Ich liebe Dianhong. Am liebsten Hongyu. Ach, ein Qimen, wie langweilig? Langweilig war auch der gefällige Duft und einfallsarme Aroma…

Dieses Jahr, in dem die meisten Tees problematisch wurden, bekam ich einen Qimen von Luo zu degustieren. Er sagte, er sei vernüpftig und einfach. Das arrogante Ich erwiderte ihn, „Weiß Du, Vernüpftig ist nicht genug.“ Mit einer gepflegten Distanz und dem gewollten Abstand goss ich nicht besonders erfreut diesen Tee auf. Es war sonnig warm. Die Zürcher waren meistens am See. Zuerst wärmte ich die Gaiwan auf. Dann paar Blätter hinein, Deckel zu. Nach paar Sekunde entdeckte ich die reifen Früchtegarten in der Tasse, als der warme süsse Duft in meine Nase aufstieg. Was roch ich? Bananas, Mango, Guaven, Pflaumen… Ich sah meine Großmutter, die ihre Füchte sortierte. Mein Onkel, der nur einen Arm hatte, lächelte mir mit einem reifen roten Mango. Meine Schwester fing an zu weinen, weil sie an dem Tag des Rückkehr nach Taipei dachte. Und ich – versteckte mich hinter dem großen Pamelo-Baum und träumte.

Heiss und kalt

Das kalte neutrale Wasser, Symbol von Urkraft und Ursprung des Lebens. Kühl, gefühlsneutral und emotionlos.

Sobald, das Wasser erhitzt wird, sobald das Feuer das Wasser im Kessel zum Summen treibt, hören wir die Meeresbrandung – wie der Wind durch die Kiefernadel flüstert und Worte werden leer.

Als bald paar Teeblätter im sprudelnden Wasser eintauchen, riechen wir Duft von Blumen oder von wald, sehen wir Tänzer im Wasser und hören, Unbekannte flüstern…

Wenn das kalte neutrale Wasser heiß wird, wenn die Teeblätter in heißem Wasser schwimmen, kommen wir im Reich der Poesie an. Die Poesie des Tees.

Balthasar kam sehr ernst zum Besuch, denn er hatte eine wichtige Mission – sagte er. „Wie wäre es, dass wir zusammen eine Vorlesungsreihe in Bern über Tee zu gestalten?“ Ohne Zögerung nickte ich meinen Kopf. Er war enttäuscht. Er sagte, er hätte sich gewünscht, dass ich diese Idee schlecht finde. Da er nicht wußte, ob er es schaffen kann. Seine nächste Frage war, „was mache ich dann, wenn Du mitmachst?“ „Kennst Du nicht die Kultszene von Marcel Proust über das Madeleine im Tee?“ „Ach…“

Am Mittwoch trafen wir zu dirtt in Shui Tang und diskutierten, wie wir diese Vorlesungsreihe gestalten. Balthasar will anspruchsvolle Veranstaltungen. Die Quantität des Publikum sei egal. Ich stimmte freudig zu. Ich sollte die erste Veranstaltung starten mit einem historischen Retroperspektive des Tees. Massimo von Volkshochschule Bern wird die dritte Veranstaltung moderieren, weil es ein Teespräch zwischen Osten und Westen, zwischen Balthasar und Menglin geben sollte. Ein Teegespräch übder einen Entwurf der Ästhetik des Tees.

Ich bin sehr gespannt.

Massimo befürchte, dass er nicht der Kenner sei um die Moderation nicht gut zu führen. Eigentlich hätte ich wieder keine bestimmte Vorstellung. Ein Gespräch über einen Entwurf der Ästhetik des Tees kann sich ja leisten schief zu gehen. Ich habe keine Erwartung von Erfolg, keine Ambition von einem Gelingen. Denn wir sind am Anfang, einen Entwurf zu entwickeln, denn wir sind Anfänger auf einen sehr langen Weg, wie der Tee im Westen weiter geht!

Ich bin sehr gespannt.