Archiv der Kategorie: Tee und Duft

幽遠 Tiefgründig und weitsichtig 

Ming Dynastie ist ein kultureller Höhpunkt der chinesischen Kultur. In dieser Periode werden nicht nur die schöne Künste zerebriert, sondern auch ästhetische Abhandlung. Die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Menschen ist beliebtes Thema des intellektuellen Gespräches. 

Chen, Ji Ru (1585-1645) beschreibt, wie der Mensch sich verändert, wenn er bestimmte Tätigkeit nachgeht. Als erstes beschreibt er Duft: “ Der Duft bringt den Geist in die Tiefe, der Wein erweitert das Bewusstsein, der Stein Sammeln (viele Intellektuelle Chinas sammeln bis heute gerne Steine, deswegen ist es auch beliebt, Tee mit Steinkanne zu geniessen) kutiviert einen guten Geschmack, Musizieren konfrontiert uns die Einsamkeit, der Tee hilft uns loszulassen und bringt Freude, Bambus vermittelt uns ein Hauch von Kühle, der Mond macht das Alleinsein klar…“ Somit wird es klar, wie wichtig der Duft und Räuchern im kulturellen Leben Chins spielt.

Nach einem schönen Räucherstäbchen-Kneten-Abend, wollen wir uns wieder zu einem Duftkugel-Abend treffen?

6. Februar Samstag, in Shui Tang an der Spiegelgasse 26, Duft-Raten-Spiel und Duftkugelkneten!

16:30-18:30 Uhr

Umkostenbeitrag: 20 Sfr.

Anmeldung im Webshop von Shui Tang ( Veranstaltungen – Shui Tang | Liquid Delicacies

http://www.shuitang.ch/blogs/news-und-events)

oder info@shuitang.ch

Melancholie

Melancholie ist eine Vorstellung. Es ist auch ein Zustand.
Jeder von uns hat zwei Seiten – das göttliche und das menschliche. Manchmal überwiegt das Menschliche. Die menschliche Seite schwankt von dem Einfluss aus Umwelt. Der Mensch kann nicht in Gleichmuth bleiben, wenn er den kommenden Winter in den fallenden Blätter ahnt und in dem warmen Wind die Funken aus der Zukunft riecht. Man wird melancholisch, wenn die gefärbten Blätter in den leisen tönenden Musik von Janacek Emotionen erzeugen.
Was für eine Farbe hat Melancholie?
Wie riecht die Melancholie?
Gestern bekam ich Parfüm zu riechen, in dem eine Melodie von Melancholie eingefangen wurde.
Ich mache meine Augen zu, in dem kurzen Atmungszug roch ich verwachsenen Wald, der zu einer Höhle führt. Eine Höhle? vielleicht ein Ort in der präshistorischen Zeit, als ein Junge seine Mutprobe bestehen musste, um einen Mann zu werden?
War Melancholie sein Begleiter, während er auf dem Waldfade zur Höhle geführt wurde?
Ein Junge in der Melancholie – Tim hat mir vor paar Wochen ein Bild gezeigt. Dieses Bild überkam mir unmittelbar, als ich den Duft roch.
Melancholie – was für Farbe hat sie?
Ich roch, Farbe dunkl-grün, tief-blau und Dunkel… Ist es schwarz? Oder bloss grau, so grau, dass es auf keinen Fall schwarz wird. Bloss grau. Und in diesem Grau roch ich noch Licht, auch wenn es nur ein Schimmer ist.

Heute dachte ich noch an das Bild, hörtee die Musik von Janacek “ Auf verwachsenem Pfade“ und trank eine Schale Bu Lang Shan. Das war alle Aspekte von der Melancholie, die in einem Atmungszug strömt.

Ziehende Wolken

Ich beschreibe Tee intuitiv.
Ich nehme Menschen intuitiv wahr.

Wie beschreibe ich Sencha? Ich lass mich intuitiv von dem Duft verführen.

Flora und Blaka, zwei zarten schöne Blumen aus Taiwan und freuen sich mit mir die Welt des Düftes kennen zu lernen. In ihrer Welt ist es klar und heiter und träumen von duftenden Blumenwiese.

Meine Mutter war streng und warf mir oft vor, dass meine Schrifte hässlich sind. Wer keinen Pinsel richtig beherrscht, beherrscht nicht einmal sich selbst. Ich lernte mit grossen Mühe mit dem zu grossen Pinsel Striche für Sriche dem grossen Kalligraphen nachahmen. Es war zuerst Hass. Heute verstand ich es als eine Lebenshaltung. Das Leben steht aus Strichen zu Strichen. Wenn ein Strich nicht ganz gerade ist, korrigiert man einfach immer ein bisschen, immer nur ein bisschen bis die Strichen wieder gerade werden. Die schönesten Kalligraphie sind nie perfekte Vorlage, sondern Ausdrücke von vielen schrägen Strichen.
Das erste Striche, das ich lernte war, das Horizontale „______“. Es war ein Ausdruck vom fliessenden ziehenden Wolken.
Den Duft des Senchas beschreibe ich gerne als der wolkenfreien Himmel – klärend, frisch und blau. Es war mir nie sympatisch. Der klare Himmel ist ausser hell und sonnig, was sonst? Nur als Schülerin freute ich mich, wenn wir Ausflüge hatten. Aber heute?
Unklar, unsauber und ambivalent wird das Leben für eine erwachsene Frau.
Den zwei jungen schönen Mädchen erzählte ich von Düfte, die nicht nur schön und erhellend duften, sondern auch die Tiefe eines Menschen eindringen. Ich vertrage deswegen kein Parfum an meinem Körper. Sie staunten mit grossen Augen. Die Vielschichtigkeit des Lebens wird genau von den Düfte widerspiegelt, wenn der Parfümer seinen Abgrund gut kennt.
Wenn Wolken von Wind verführt werden, wenn Wolken ziehen, ziehen sie in grossen Linien. Diese grossen Linie, die eigentlich endlos weiter verlaufen kann, erweitert unser Dasein. Der Raum kann unseren Körper begrenzen, aber die Zeit nicht. Ich übte als Kind Striche für Striche, ziehe weiter und weiter bis hier her. Das Ziehen vom Wolken geschieht oft langsam. Der Himmel wird plötzlich wie eine Sumie. Wenn das Papier und Pinsel übereinander einstimmen, dann entstehen leicht verschwommene Wasserflecken. Das Wasserflecken ziehen dem Strichen entlang wie die ziehenden Wolken. Es ist wie das Patina an einem Wand, erklärte man mir. Das Patina ist nie sauber und klar, aber wahrhaftig. Es sind Spuren in unserem Leben.

Es war einmal im Mai, ich erinnere mich an ein Gespräch mit Hubert, als wir uns über die Düfte der Städte unterhielten. Ich erzählte meinen jungen Freundinnen, dass eine Stadt auch einen Duft hat und dass der Duft uns in eine unbekannte Welt zieht!

Ein passende MusikStücke habe ich sogar zur Hand:
http://www.youtube.com/watch?v=BkoprPo2Zpk&feature=related

Düfte der Städte

Beim Begrüßungskuss machte sein Duft seine Präsenz bemerkbar. Ich ahnte eine schöne Duftmischung: erfrischend, natürlich und anziehend. Er sagte zu mir, dass ich so hübsch sei. Ich erwiderte ihm, dass er wunderbar duftete. Das machte Hubert leicht verlegen. Der Duft sei aus einer individuellen Parfümerie aus Paris, sonderbar und kostbar. Den Duft findet wohl sein Partner auch als sonderbar und rar. Das Gespräch zum Frühstück im Theater Cafe fing beim Duft an.

Durch meinen Beruf und meine komische Nase vertrage ich kein Parfüm auf meine Haut, nicht einmal normale Creme mit Düften. Sie irritieren mich so stark, dass ich nicht mit Tee arbeiten kann und darunter leide. Duft auf dem Körper ist ein Thema, das mich an einen Film (Hold you tight 1998) Stanley Kwan erinnert. Es handelte sich um einen jungen Mann, der sich in einem Mann verliebte und ein Verhältnis mit dessen Frau anfing, um den Duft dieses Mannes zu erfahren, um das Gefühl zu erhalten, nah an ihm zu sein. Es war eine Aufrührung im Filmfestival Rotterdam 1999. Es erinnert mich ebenfalls an dem mitgereisten Stefan, an seine Studentinnen vor seiner Sprechstunde, sein Duftwolken im Büro und sein schweigendes Gesicht, wenn ich mich darüber beschwerte.

Hubert liebt Paris. Eine Stadt für Verliebte und unglücklich Verliebte. Er erinnert sich immer an den Duft des frisch gebackenen Brots und an den Duft des Metals, wenn er an diese Stadt denkt. Paris bin ich immer nur im Transit, kurz und eilig. Es war allerdings immer im frühen Sommer, im schönen Wetter zwischen den Menschenmenge. Für mich duftet Paris nach Flieder! Insofern schmeckt diese Stadt nach Sijichun! Oder Anji Baipian. Blumig, duftend und in einer Eleganz verpackte französischen Aggression.

London? „Oh, es ist schon lange her, als ich in London war.“ Er suchte seine Bilder im Speicher. Eine Stadt mit Parks und Squares. Eine Stadt meiner ersten nicht asiatischen Erfahrungen. Als ich 18 war, brachte bzw. zwang mein Vater mich nach London für eine kurze Zeit zu verbringen. Sein indischer Freund Mr. Khan sollte sich um mich kümmern. Der alte strenge indische Gentleman immer im Oxford-Hemd und Anzug rief mich am jeden Sonntag an und brachte mich zum Essen. Das Essen glich einer Erfahrung von 1001 Nacht! Der Himmel war oft grau und ich war allein. Trotzdem liebe ich das Englische und die Gentlemen. Als ich zum ersten Mal Deutschland besuchte, war ich zu triefst enttäuscht von der Kölner Vorstadt. Für mich duftet London nach Pfingstenrose. Fein und zugleich herausfordernd. Ähnlich wie beim Lapsang Souchung! Er kann schwer sein, kann beflügelnd und zugleich stechend.

Was ist dann mit Zürich? Wir lachten. „Die Stadt ist klein und fein.“ „ Ja, wie Maiglockchen.“ Die Düfte von Maiglockchen schmecken intensiv, zitrusartig und süß – wie der Jadeoolong, den ich neulich mitbrachte. Intensiv, blumig und fruchtig zugleich! Klein – nicht spektakulär, aber fein. Ich fange nun an, diese Stadt zu mögen. Morgens aus dem Dojo von Neumarkt aus, mache ich den Sparziergang durch den Gemüsebrücke, zur Stehlgasse, dann Rennweg zur Löwestrasse. Ich fange an, mit dieser Stadt zu „befreunden“ – aus dem kleinen Mosaik-Stein: mein Restaurant, meine Atelier, meinen Bäcker, meinen Markt und mein Schuhgeschäft. Reine materialistische Anhaftung.

Hubert plant mit seinem Freund ein Event am kommenden Samstag nachmittags: „Die Kunst und der Esel“. Die Galerie seines Freundes sei „die Kunst“ und sein Laden sei „der Esel“. Es sollte Prosecco ausgeschenkt werden und ich mache aus diesem charmanten Getränk zu einem richtigen Hexen-Trank: Matcha im Prosecco!

Eine Einladung zum Frühlingserwachen! Grün und prickelnd.

 

Von

Limited Stock

Spiegelgasse 22

8001 Zürich

Veroprofumo

In fernem Osten verehrt man krankhaft die weisse Haut. Im Westen begehrt man die dunkle Haut als ein ansehendes müssiges Statussymbol. Wenn man sich zwischen den zwei Welten bewegt, macht man einfach nichts Richtiges um richtig zu sein. Mich zwang meine Familie zur Kosmetikerin, um die Haut bleichen zu lassen. Die Kosmetikerin preiste für das 100% atherische Lavendelöl, das angeblich aus Spanien importiert ist.  Das Öl wurde auf mein Gesicht aufgetragen. Es schmeckte scharf, aggresiv und ich empfand es als eine rekonstuierte Variante des Lavendelöls. Meine Kosmetikerin war sprachlos und fragte mich, warum ich es so meinte. Ich ging nur vom Tee aus, meinte ich. Das Öl riecht genau so wie der parfümierte Jasmintee, der anders schmeckt als ein natürlich aromatisierter Blumentee mit Jasminblüte.

Ein „rekonstruierter“ Duft des Lavendels unterscheidet sich vom natürlichen Lavendel. Das hört sich selbstverständlich an, es richtig zu erleben erlebte ich erst bei Vero am vergangenen Samstag.

Eine Veranstaltung von Kulturbanausen in Zürich ermöglichte uns eine Reise ins Land der Düfte. Wer hätte gedacht, dass der „rekonstruierte“ Lavendelduft unauffällig „lavendelartiger“ duftet als der Lavendel selbst?

Vero zeigte uns zuerst den Duft von Neroli, von Lavendel und immer im Vergleich mit einem dazugehörigen „rekonstruierten“ Duft. Der natürliche Duft duftete in der Nase leise, nachhaltig und unspekulativ im vergleich mit dem „Zwilingsschwester“, die uns stark, blendend und demonstativ beeindruckt. Nach einiger Zeit verflogen sie, während die „natürlichen“ Düfte immer mehr Präsenz gewonn. Der Siegzug der Entwicklung von synthetischen Düfte bewertete Vero nicht. Die synthetischen Düfte, die sie uns zeigte, stammten von einer großartigen Parfümerie in Paris. Sie erklärte uns lediglich wie die Entwicklung des Parfums seit 1990, seit die Globalisierung sich in jedem Branchen durchsetzt, sich immer mehr von der „Natürlichkeit“ entfernt. Die so genannte moderne Parfumerie vermarktet die einfache und von der Natur unabhängien Duftkomposition in die ganze Welt. Die Komposition muss so plakativ sein, so standarisiert sein, dass sie sauber und unallergisch wirkt – von Nordpol bis zum Südpol. Die Knappheit der natürlichen Essenz bedroht die Grossfirmen nicht. Die klimatische Schwankung beeinflusst die Rezeptur nicht. Die Mischung ist aus Zusammensetzung von einzelnen Duft-Moleküre anstatt aus einer Komplexität der „Düfte“.

Die Komplexität der Düfte eines „individuellen Parfums“, wie Vero es kreiert, verwöhnt uns zuerst mit der Kopfnote, anschliessend tritt Herznote ein und dann die Basisnote, die uns Stundenlang begleitet. Ein „plakatives“ Parfum berauscht uns die Sinne in erstem Augenblick und verliesst uns nach eine Zeit. All das erinnerte mich parallel an Tee. Vielleicht ist das, mein Teelehrer in Taipei mich stets erinnern will. Wenn man eine Sache richtig versteht, versteht man andere Dinge auch ohne Wörter. Das heutige Parfüm leitet unter Verlust der Komplexität, genau so wie der Tee, der an der Standarisierung des Geschmacks leidet.

Nicht nur die Düfte Veros versezte uns in eine andere Welt, ihre Person war so einzigartig fesselnd. Ihr Wesen faszinierte mich von Anfang an und meine Augen waren wie verzaubert. Man bekäme ein Gefühl, diesen Menschen seit langen gekannt zu haben. Wenn eine jüngere Frau mit ihr auf der Strasse gehen würde, würden Menschen sich umdrehen – wegen Vero. Sie wirkte nicht gross. Ihr Rücken war nicht gerade. Ihre Haare lagen entspannt auf ihr Schultern. Ihr Gesicht erzählte uns von ihrer Geschichte. Ihre Präsenz machte sie zu einer einzigartigen Person, die einfach die Person Vero darstellt, nicht jemanden anderen. Man begegnet in unserer Zeit nicht mehr so einfach jemanden, der einfach nur sich selbst darstellen will und kann. Man sieht oft eine Mischung der Gesichtern, die Medien uns vermitteln. Der Unterschied macht Vero so besonders.

„Ich erinnere mich beispielsweise heute noch sehr präzise an den Geruch meines Primarschulhauses, in dem es nach trockenen und leicht staubigen Holzbleistiften, nassen Schiefertafeln und der Politur der Holzfußböden roch…“

Vero KernVero Kern

Die Vielschichtigkeit der Düfte liess mich nicht los. Gerne würde ich im Meer der Düfte getränkt sein.

Als ich den duftenden Raum verliess, sah ich die frühlingshafte Stadt Zürich. Es war hell, freundlich und aufheiternd. Es roch nach dem Frühling. Es erinnnerte mich plötzlich an die schönen alten Tagen der Leichtigkeit und Unverbindlichkeit. Meine Schritte wurden auf einmal langsamer. Das Erinnern an die alte schöne Zeit erschrak mich. Der Gegenwart schien entfremdet und benebelt. Ich gergass das Tram zu nehmen, das mich in die Zukunft fuhr. Wenn Aura Soma No. 106, die nach Zitrus und Lavendel duftet, uns das Vergessen des Vergangenen versprechen sollte, was verspricht uns denn der Duft Onda Veros? Der letzte Duft Onda, der Welle heisst, treibte. Ich roch ihn überall um mich. Ein Duft des Erinnerns an das Vergessene und Aufbewahrte. Im tiefen Schicht wurden viele schöne Verbindungen aufbewahrt, weil auf der Oberfläche unserer Wahrnehmung viel Staub und Fusel des Alltags fallen. In diesem verstaubten dunklen Speicher liegen Farben und Bilder neben einander – wohl auch Schreien und Tränen. Wozu heben wir denn all diese auf, nur um aufgehoben zu haben? Was ist denn mit der Distanz zwischen Vergessen und Erinnern? Könnten wir sie überhaupt messen? Mit Zeit oder mit Entfernung? Vielleicht mit Düfte?

Ich musste schnellst zum Hauptbahnhof gehen und wartete ungeduldig auf das nächte No. 11. Der Duft Onda wirkte wie eine Welle oder besser gesagt, wie eine Verwandlung, die Zeit zur Zeit unterschiedlich auf meine Haut mit meinem Speicher kommunizierte und mein Bewußtsein verwandelte.

Duft der Orchideen

Michel klagte heute, dass er wieder drei Bücher übers Wochenende geschenkt bekam und nicht wußte, was er mit all den Geschenke machen sollte. „Du bist gut. Du bringst mir nie Öppis mit.“ Das hörte sich bei einem chinesischen Ohr nicht gerade als Kompliment an. „Warum schenken die Leute mir immer etwas? Die Blumen verwelken und Bücher etc. nehmen Plätze weg, am Ende muss ich ins Hotel gehen. Warum tun sie es?“ „Weil wir Dich gerne haben!“ In seinem Bad hängt eine riesige Wanduhr mit Titanic-Motiv und überall sind Bücher, CDs und verwelkten Blumen, die man jedesmal entsorgen muss. Zum Weihnachten bekam er sogar ein Blatt von dem indischen Bodhi-Baum, unter dem der Buddha angeblich erleuchtete. Ich versprach ihm, das Blatt samt dem Rahmen in Ebay zu verkaufen.

Das Problem hat nicht nur er. Ich habe ein ähnliches Problem. Da ich viel Besucher habe und gerne Besucher bekomme, bekomme ich viele Blumen samt Töpfe und Schokolade! Ich bin eine Projektionsfläche von vielen Teefreunde, die denken: eine Teefrau hat bestimmt ein gutes Herz für Blume, vielleicht macht sie sogar Ikebana. Leider bin ich ein Blumekiller. Keine blühende Rasse überlebt in meinen Händen! Nur grüne schweigende Zeuge ertragen mich, aber nur mit dem schweren Herzen. Einmal brachte Hubert mir einen entzückenden Camelien-Strauss, bestimmt kostbar und rar. Er sagte mir, dass es nur Wasser und Licht bräuchte. Nach paar Tagen verliessen mich alle Knospe und Blätter und ich wußte nicht, was ich falsch machte. Und das passiert immer wieder. Ich werde jedesmal frustriert, aber wollte mich auch nicht verändern. Das liegt nicht nur an meine linken Händen, sondern auch an meinem komischen Haushalt. Freundin Kathrin brachte mir einmal einen duftenden Frühlingsstrauss und ich geriet im Stress. Wo konnte ich eine Vase finden, um diese Blumen zu würdigen? Sie stand vor meinem Schrank und seufzte, „Ja, du hast wirklich ein seltsames Haushalt.“ Am Ende ladete der Strauss in einem Plastik-Ikea-Kücheschüssel.

Aus falscher chinesischen Höflichkeit traue ich den Leute nicht zu sagen, dass es mich eher Stress verbereitet – mit dem Blumen. Schokolade kann man schnell weiter verschenken, aber Blume… Ach. Vor drei Wochen bekam ich ein wunderbares Azalee mit rosa und roten Blüte mit Topf. Natürlich freute ich mich sehr für diese Freundschaft, andererseits denke ich an das mögliche Ende dieses Geschenks. Am Sonntag stellte ich entsetzt fest, als ich wieder heim kam, dass diese Azalee bereits aufgrund meiner Fahrlässigkeit vor meiner Abreise starb. Bei wem soll ich denn beichten? Und vor zwei Wochen wurde ich mit einer prächtigen Orchideen beglückt. Als diese Schönheit hoch geschleppt wurde, war ich sprachlos. Sprachlos von der Freundschaft, die man mir beschert; sprachlos weil ich wieder an das mögliche Ende dieses Prachtwerk dachte. Und, wo sollte ich sie denn hinstellen? In meiner bescheidenen Wohnung fand ich kaum einen würdigen Platz für diese Schönheit. Am Ende landet diese Orchideen in meinem Schlafzimmer zwischen Bücher, Dokumente und Kleiderstücke.

Gestern lag ich und ließ das Tagesgeschehen noch einmal vors Augen abspielen. Es war dunkel, stil und man hörte das Tram kaum. Emotionen wurden freier und der Geist beruhgte sich. Eine leise Spur vom unbekannten Duft heimsuchte mich. Wie ein Nymphe mit leichten Schritte füllt dieser Duft den Raum und mich. Was könnte es denn sein? Ist das die Orchideen? Eine klare zurückhaltende Präsenz mit klärendem süssen Duft!

Viele charakteristische Merkmale von Oolong werden mit Duft der Orchideen assoziiert. Die Orchideen ist Symbol der Eleganz, Einsamkeit und Aufrichtigkeit in der chinesischen Zeichenwelt. Ein Mensch, der seine Eleganz und Aufrichtigkeit nicht aufgibt, nur um Menschen zu gefallen, ist zwangsläufig einsam. Aber die Einsamkeit hat eine andere Bedeutung in diesem kulturellen Verständnis als eine schlechte Emotion. Einsamkeit hat etwas Edeles, eben wie die Orchideen.

Der Qingxin Oolong, der in Taiwan das Herz des Teeliebhaber erobert, ist bekannt für seinen zurückhaltend und charakteristischen Orchideen Duft.  Der Milanxiang Shuixian Dan Cong erweist ebenfalls diesen Duft-Charakter. Der bekanntesten Tie Guanyin aus dem originalen Tie-Guanyin-Baum sollte diesen Orchideen-Duft im seinem Aufguss verströmen. Ein bekanntester Oolong, der nach dem Orchideen-Duft genannt wird, ist der Qilan – die seltende Orchideen! Dieser Oolong sollte ursprunglich aus Anxi stammen. Der bekannteste Sorte dieser Gattung ist nun aus Fujian Pinghe, eine neue Züchtung von Qilan奇蘭. Die Blätte von dieser Züchtung sollte leicht weiss sein und hat eine markante Duftnote von Orchideen. Leider bin ich ihm noch nicht begegnet.

Mich fragten Leute oft, wie duftet eigentlich Orchideen. Ich wußte ehrlich gesagt nicht. Heute Mittenacht wußte ich sehr wohl, wie Orchideen duftet. Dankend denke ich an die Leute, die mir diese „Erleuchtung“ beschenkten. Vielleicht überlebt sie diesmal und das wäre wirklich eine Ausnahme.

Suche nach dem verlorenen Duft

Was macht ein Mensch, wenn er nicht riechen und schmecken kann? Er isst nur noch Instanz-Nudel, weil er sich auf das Design-Food verlassen kann, weil er selbst nicht entscheiden kann, was ihm gut tut. Er kapselt sich ab in einem Cocon, weil er andere Menschen nicht riechen kann. Er spürt und fühlt nicht, weil es Gerüche fehlen, seinen Lebensgeist und Brücke zur Vergangenheit erfrischen. Er flieht ins Elfenbeinsturm, wo er sich am liebst wohl fühlt. Die Flucht ins Imaginäre hilft bei der Suche nach dem verlorenem Duft, der sein Lebensgefühl und Lebenslust wieder erwecken kann.

Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut,
…….
Granatbäume mit köstlichen Früchten,
Hennadolden, Nardenblüten,
Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt,
alle Weihnrauchbäume
Myrrhe und Aloe,
Allerbester Balsam.
Die Quelle des Gartens bist Du,
ein Brunnen lebendigen Wassers,
Wasser vom Libanon.

Das Hohelied

 

Das bald 3000 Jahre alte Hohelied war die Liebesbeweis vom König Solomo an seine Geliebte Schulamith. Christlich ausgelegt versinnlicht das Lied die Vereinigung zwischen Christus und der Kirche. Dem Wort laut nach besingt das Lied die Sehnsucht, Wünsche und Hoffnungen zweier Liebenden, die sich suchen, fliehen und vereinigen. Die sinnlich gegenstandsbezogenen Bilder sprechen unsere Augen, Ohren und Geschmacks- und Geruchssinn unaufhörlich an. Auch Homer verwenden die Düfte als Kommunikationsmittel der Menschen mit den Göttern, indem er in Odyssee beschrieb, wie Proteus, der Meeresgott, der zwischen ungeheuerem Gestank der Robben lebte, mit Wohlgerüchen und unsichtbaren Kräfte von Aromata von seinen Feinde festgehalten und überlistet wurden (Odyssee 4, 384-461). Die magischen Kräfte der Düfte waren schon immer der Ausdrucksmittel und Symbol zwischen den Menschen untereinander und die Sprache zu der unsichtbaren Welt.

Dass Düfte oder Geschmäcke nicht nur Ausdrucksmittel war, sondern auch ein Brücke zwischen uns und der unsichtbaren vergessenen Welt, finden wir das Beste Bespiel in dem Proust-Syndrom von Madeleine in Lindenblütentee:

„Ein köstliches Vergnügen bemächtigte sich meiner, doch es war losgelöst, ohne Hinweise auf seinen Ursprung… Woher stammt dieses übermächtige Glücksgefühl? Ich fühlte, dass es mit dem Geschmack des Tees und des Gebäcks zusammenhing, aber weit drüber hinausging….“

Durch einen Duft zwischen der Madeleine in Lindenblütetee wurde emotionalgeladenen und lebhaften Erinnerung von Proust vergegenwärtigt. Das berühmte Phänomen belegt nur, dass Düfte der besten Brücke zwischen uns und unserer verstauten Erinnerung dienen. Erinnerungen haben nicht nur faktische Informationen, sondern auch Gefühlskomponente. Die Menschen verbinden Erinnerungen für gewöhnlich mit einer Empfindung. Dass durch Gerüche Gefühle und plötzliche Vergegenwärtigung der Glücksgefühl oder einer Illusion uns in eine andere Welt versetzen zu können, zeigt uns, dass Gerüche Erinnerungen von außergewöhnlicher Intensität der Sentimentalen auslösen könnten. Andererseits widerspiegelt uns das Proust-Syndrom, dass unsere emotionale Verbindung eng mit den Gerüche, Gefühle und Erinnerungen in Gehirn verknüpft sind.

Könnten Düfte Erinnerungen hervorrufen, dessen Zugriff für immer verloren wären? „ Je ungewöhnlicher der Duft, desto eher wird er mit einem einzelnen Ereignis verknüpft.“ (R.S. Herz, Duft und Erinnerungsforscher) Die Einzigartigkeit und Einmaligkeit eines Duftes, den man VIELLEICHT nur einmal im Leben begegnet, ließ sich so für immer mit einem einzelnen Person oder Ereignis verbinden, während visuelle oder verbale Visionen derselben Erlebnisse immer wieder auftreten. Der Duft des Großvaters, die Kindheitserinnerung und die plötzliche Reflexion werden vergegenwärtigt, was vielleicht nie mehr zugänglich wäre. Kaum vorstellbar, dass eine bewegende Erinnerung durch einen alltäglichen gewöhnten Geruch ausgelöst werden kann… Wie wäre es, wenn der Kellner Proust aus Versehen einen Kaffee brächte, anstatt einem Tee?

Was die Einmaligkeit des Teeduftes anbelangt, kann ich in diesen Tagen nur zu gut erleben. Einmalig und nie wieder schmeckt eigentlich jede Tasse Tee. Diese triviale und banale Tatsache erkenne ich erst jetzt. Die Schulung von Tee und Zen war vergeblich. Das Bewusstsein der Einmaligkeit ist durchaus verloren in unserer Industriegesellschaft, die alles Wiederholbare reproduziert, sei es Kunst, sei es Musik, sei es mit dem Tee. Der easy Geschmack, der sich immer herstellen lässt, spiegelt unseren Zeitgeist wider. „Der Duft der Welt ist auch nicht mehr, was er früher war. Genau genommen hat sich der große Wandel 1903 vollzogen.“ schrieb George Duhamel 1924. Er erklärte, dass er Düfte von früher nur manchmal, nur eine Sekunde lange, in den Schwertlilien an den Ufern des Ourcq und zwischen den Seiten eines alten Buches bei den Bouquinistes an der Seine erahnte.

Als der letzte Tee am letzten Montag in Bodman bereitet wurde, war mein Körper wackelig, mein Gemüt zerbrechlich. Es war stil von einer besonderen Atmosphäre. Detlef sagte mir, dass die Hinfälligkeit des Lebens vors Auge veranschaulicht wurde. Die Einmaligkeit des Tees wurde wieder wach gerufen. Man dachte, dass ich nach dem Verlassen des Teeraums nie mehr zurückkehren würde. Er bestellte eine große Teevorrat beim Abschied, denn er tatsächlich befürchte, dass ich im Frühling nie mehr aus Asien zurückkomme. (Eigentlich spiele ich eher den Gedanken wieder nach Deutschland zurück zu siedeln. Als ich Jörg, dem Präsident Teeclubs Suisse davon erzählte, flippte er aus und zeigte mir gleich eine rote Karte.)

Der letzte Tee am Rosenmontag 08 Das gefaltete rosa Tuch signalisierte, dass es der letzte Tee des Tages war.

Im Bett, weil ein Kranker nichts anders machen kann, lese ich weiter und suche weiter nach dem verlorenen Duft.

„Dem zwischen Raum zwischen zwei Zeilen entströmt ein kaum wahrnehmbarer Duft, der genau der alte Duft der Welt ist.“ George Duhamel (1884-1966)