Archiv für den Monat Januar 2013

Weitere Blätter auf den Teeweg

Ach, Menglin, wenn ich das lese und andere deiner Blogs, dann entsteht in mir der Eindruck, da wären Geschichten, Texte, Erfahrungen beisammen für ein neues Buch – eines mindestens!

Dass Martin ein weiteres Buch mit mir machen möchte, streichelt wirklich mein Ego. Das Buch Blätter vom Teeweg ist für mich eine Kaffeehaus-Literatur, nicht wirklich ein Teelektür.
Was ich jetzt mit Mathias plane und mache ist eher etwas was der Teewelt gut tut – ein Teealtlas! Ein Nachschlagwerk für Oolongtees. Sehr wahrscheinlich müssen wir in einem bestimmten Rahmen eineschränken, weil ich mich nicht allen Oolongsorten kenne und verstehe. Aber es ist ein erster Schritt im Europa so etwas zu wagen. Ich bin Mathias sehr dankbar. Also er ist eigentlich der Autor, der schreibt und ich plappere einfach nebenbei.
Weil er der wirkliche Autor ist, hat das Buch ein Format, was man nicht mit Menglin gleich assoziert – das ist gut so. Dann kann ich weiterhin Kaffeehausliteratur schreiben.
Ich habe tatsächlich vieles erlebt und habe viele Leben von anderen Menschen mit erlebt und mit beobachtet. Wenn ich ein Filmmacher wäre, hätte ich sehr viele Stoffe Geschichte zu visualisieren und etwas Buntes in die Welt zu bringen.
Die heftigste Geschichte findet nicht auf dem Leinwand statt, sondern neben uns und bei uns selbst. Die meisten Menschen wissen nur nicht, was gerade bei ihnen und mit ihnen geschieht. Somit verpassen sie die beste Story ihres Lebens zu schreiben!
Andere Menschen füllen mein Leben, während ich selbst ein Teil von dem Leben des anderen werde. Wie wäre ein Kamera an der Spiegelgasse zu stellen? Köstlich!
Ich liebe Romanen von Kawabata und liebe Kore-eda und Kurosawa. Sie schaffen in einer Distanz und Wertungslosigkeit die grausamste Geschichte zu erzählen.
Es gibt immer weitere Blätter auf den Teeweg. Wie meine Grossmutter sagte, „Wenn es Licht brennt, dann wird jemand den Weg finden…“ es wird weiter gehen und weiter geben…
Aber Martin – seien wir doch ehrlich – macht das Buch „Blätter vom Teeweg“ Dir keinen finanziellen Verlust?

Matroschka

Matroschka

Mein alter verstorbener Grossvater sagte oft, dass es keine Nachrichten eben gute Nachrichten sind. Man sollte anderen Menschen nicht suchen… Man sollte den anderen frei gehen lassen.
Es war seine Lebenshaltung.
Etwa um 3 am, kleingelte mein Telefon. Mit schweren Schritte ging ich ans Telefon – das kann nur aus Fernost und dann an diese private Nummer kann nur meine Familie sein. Es war mein Vater… ich bekam kalte Schweiss! Was ist passiert? „Ach, nichts. Ich habe verwählt. Papa liebt Dich.“ sagte er so alles in einem Satz.
Wieder mit schweren Schritten und versuchte einzuschlafen. Schwer.
Ich nahm alle Unterlage für meine Buchhaltung zu La Stanza. Die Musik ist sehr laut, der Raum gefüllt. Ein Zoo, sage ich immer. Wenn ich arbeite, brauche ich solche Umgebung. Warum denn? Als ich an der Uni war, war Macdonalds meine Bibliothek fürs lernen. Heute sagte Alexander zu mir, „Klar, Geborgenheit in der Masse. Verschwinden in den Menschenlichen Wogen.“ Klare Worte! Es trifft ins Schwarz.
Aus diesem Fenster machte ich nicht nur meine Zahlen-Spiele, sondern kreierte auch das getäuschte Gefühl wie an unserem alten Haus zu sein.
Gestern kam Kaspar zu Besuch und wir tranken allen verrückten Tees einen nach dem anderen. So in einem Teewolken begann ich an meine Kindheit zu denken. „Ja, die Beschäftigung mit Tee ist wie ein Stück meine Vergangenheit zu reparieren. Was scheinbar für immser unmöglich scheint.“ Auf einmal überwältigt mich das Gefühl die äusserste Puppe von Matroschka zu sein. Und innerhalb dieser äussersten Puppe sind viel viel anderen Puppen gefüllt. Viele Leben von anderen füllen mein Leben? Kann man wirklich sagen, dass unser Leben nur uns gehört? Wir sind bloss die äusserste Puppe von Matroschka.
Schicht für Schicht fing ich an zu zählen, wer alles mich gefüllt hat. Plötzlich sind meine Finger zu wenig. Schicht für Schicht räume ich eine Puppe aus einer anderen. Plötzlich ist die Puppe nur noch einzeln. Und sie sind so unrealistisch und unerträglich leicht. Eigentlich gehören sie alles zusammen… Ich bin ein Zusammenhang von meinem Vorfahren und von Menschen die mich jetzt begegnen und begleiten, auch von Menschen, die mich verlassen haben.
Ein Tee ist wie Matroschka. Schicht für Schicht – entdecken wir die Aromen in den Facetten. Eine Puppe (Teemensch) neben einer anderen füllen das ganze des Tees. Ich werde bei einer Tasse Kaffee über die Matroschka von Lalashan erzählen. Und ein Tee, der tatsächlich ein Matroschka ist, ist Lishan Hochland, der über Holzkohle geröstet ist.

Meine Grossmutter insistierte in meiner Kindheit immer, an jeden Tag – Licht durch den ganzen Tag zu brennen. Sie sagte, wenn das Licht brennt, findet jeder den Weg nach Hause. Das Licht brennte und brennt heute immer noch an unseren Familie-Altar. Ich weiss nicht wie lange noch. Vielleicht werde ich in Zürich auch anfangen so ein Licht anzuzünden. Denn die Matroschka geht immer weiter – solange Licht brennt, findet immer jemand den Weg zu ihm nach Hause.
An diesem Fenster in La Stanza – fühlte ich mich so nah an Taiwan. Vor allem an die alten Werte Taiwans…

Grüsse vom Zitronenland

Grüsse vom Zitronenland

Liebe und sehr verehrte Menglin,

seit Wochen begleitet mich Ihr Büchlein “ Blätter vom Teeweg“ durch die verschiedenen
Zimmer meiner Wohnung.
Gerade möchte ich meine Arbeit kurz unterbrechen, um schon mal dem ersten Teil meines “ inneren Dranges“ Ihnen zu schreiben nachzugeben.

Ich habe das Buch zwar noch nicht zu Ende gelesen- jedes Kapitel genieße ich wie eine gute Praline- doch möchte ich mich schon einmal ganz herzlich bei Ihnen für diese wunderbare und erfrischende, psychologisch, wie philosophische “ Gedanken-Collage“ bedanken.

Viele Sätze die Sie niedergeschrieben haben sprechen mir aus der Seele, viele Gefühle kann ich teilen und einige Male halten sie mir den Spiegel vor.
Diese ganzen Gefühle dann auch noch mit Tee in Verbindung zu bringen, ist wunderbar!

Die Wege der Reisenden führte mich im Juli letzten Jahres von Mallorca auf meiner Geburtstagsreise nach- wie Sie so schön schreiben- Shui Tang.
Als Teeliebhaberin kenne ich – außer in Asien- keinen schönen Teeladen.
Ich rede nicht von einem Tee-Kaffee-Laden, sondern eben einem Ort, wo Tee zelebriert und geschätzt wird.

Mit meinem Mann und einem Freund kamen wir um Tee zu probieren, ich hätte ewig bleiben können, doch die zwei Männer wollten weiter und warteten zwar geduldig, aber beharrlich- damals ging ich mit ein paar Utensilien, dem 1990er Pu-Er, dem Dianhong Premium und dem Anxi Tie Guanyin.
Ich wußte nichts von Pu Er und fing vorsichtig an, den kleinen der Ihr Geschenk war als Einstieg zu trinken. Dann kam der 1990er und ich verstand langsam das mir immer fremd gewesene Wort “ Sucht“ zu erahnen.

Anfang November letzten Jahres ging ich wieder nach Shui Tang. Es war wie ein Magnet.
Auch wenn Sie sehr reserviert waren, so waren Sie herzlich und mir wurde klar dass ich hierher öfters kommen wollte.
Dieses Mal begleiteten mich wieder der Pu Er 1990, der Dianhong roter Tee und ein Bangwei 2012- von dem Sie als “ tragenden Tee“ sprachen.

Ich habe von Ihren zwei Teeseminaren gelesen und den tiefen Wunsch bei – zumindest einem- dabei zu sein.

Noch einmal danke und herzliche Grüße aus dem Ort “ wo die Zitronen blühen“ ( bei uns wachsen sie gerade im Garten) …

Ihre
Claudia
……………………………………………………………………
Liebe Claudia, herzliche Grüsse aus sehr kalten Zürich!
Ihre ermutigenden Wörter werden mich begleiten!
Mehr bruache ich nicht zum Wort bringen.
Menglin
ps. heute hat mein Doktor Bonsai Tim (so nennt er sich, ein 15jähriger Teemensch) mir auch den Grenztee 1990 verordnet. Damit ich nicht zickig und traurig bin.

Ein Teller für den Kuchen

Eigentlich war es ein seltener ruhiger Samstag. Ulrich kam zu Besuch. Wie immer bekomme ich viele Nahrung für meinen Intellekt und für meine Seele. Ich erzählte ihm von einem tollen Buch, verfasst von einem Japaner, wie die Ursprungsbedeutung und Entstehung der chinesischen Schrift entstanden sind. Das Buch stellt mir einen Brücke zu meiner Vorfahren vor 3000 Jahren. Das Wort Dao 道, eigentlich ein unglaublich wirkungsvolles Wort in dem alten chinesischen Zauber. Das Akt mit einem geköpften Haupt eines anderen Stammskönig Schritte zu machen ist die bekräftigste Methode um das feindliche Land zu erkunden und zu besiegen. Also mit einem geköpften Kopf zu laufen, heisst das Dao. Ulrich sagte, „Wow! Das gefällt mir. So heftig wie das Zitat von Kafka!“
Er verweiste mir das Zitat auf sein Blog

„Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg;
was wir Weg nennen, ist Zögern.“

Franz Kafka
Betrachtungen über Sünde, Leid,
Hoffnung und den wahren Weg, 1917-19

Wow, diesmal war ich daran den Satz zu bewundern und es ist wirklich heftig! Michel hat mir immer gesagt, „Klare Menschen haben keine Wahl. Die Wahlen sind für die Wankelmütigen!“ So ist das…
Trotzdem liebe ich meinen Weg. Das wäre total langweilig, wenn es keine Reue und keine Zögerung gäbe im Leben.
Dann bediente ich die Kundschaft. Ein grosser blonder Herr schob die Tür hinein. Er lief zweimale durch Shui Tang und fragte dann in Englisch, ob es hier Antiquitäten verkauft werden. Ich blickte ihn kurz an – zögerte – warum sollte ich jemanden, der zum ersten Mal kommt, ja oder nein sagen, ob ich etwas Gutes hätte? Er fragte noch einmal. Ich antwortete, „Maybe. If you can wait.“
Also, er wartete tatsächlich.
Ich bediente weiter meine Kundschaft und beobachtete ihn unauffällig nebenbei. Tatsächlich wartete der Herr.
Dann brachte ich ihm paar Schale und eine Teekanne. Teeschale aus Mingzeit. Seine Augen wurden gross. Naja, so toll ist das Stück eigentlich nicht. Wir unterhielten uns kurz. Er kommt aus Ami-Land und musste ein Geschäft in Bern abwickeln. Ich erzählte ihm einen guten Ort, wo man Schätze in der Schweiz jaggen kann – Brockenhaus im abgelegenen Orten. Ich habe meine alten Möbel alles dort gekauft. Alles was ich habe, ist entweder aus Brockenhaus oder aus Ikea. In meinem billigen Billy-Regal stehen die schönen Kristalgläser, Imari-Teller und Jungenstilbesteck. Meine Besucher wissen gar nicht, was sie da berühren. Einmal machte Jeff and Co. meinen 10jährigen Tie Guanyin für seinen Bubble Tee!! Ich habe fast geschrien.
Ich erzählte ihm natürlich auch, dass ich einmal zwei Teller für 2 Schweizer Franken vor 10 Jahren in einem Brockenhaus nahe deutscher Grenze ausgegeben habe und wusste, dass es kostbare Stücke waren. Sie sind in der Auktion für 1400 Euros – 2000 Euros wert. Er sagte sofort, dass er die Teller kaufen wollte. Hmmm… Wieso glaubst Du, was ich Dir alles erzähle? Du kennst mich ja gar nicht!
„I am not interessted for money.“
Sein Gesicht zuckte, als ob jemand ihm gehämmert hätte. „Oh, I unterstand.“
Nein, Du verstehst gar nicht.
Für mich ist 2000 Euros nicht mehr Wert, wie der Freude meinen Kuchen in diesem Teller zu essen. Diese Geschichte gehört mir. Der Spass gehört mir und die Freiheit, Kuchen in diesem Teller zu essen gehört auch mir. 2000 Euros kann man verdienen, nicht wahr? Aber eine Geschichte in dieser Art und so einen Teller zu treffen gibt es wahrscheinlich im Leben nur einmal!
Michel sagte früher immer, „Zigaretten rauchen ist wie Erleuchtung und wie Sex – für manche ist es wichtig, für manche nicht.“
2000 Euros sind zwar gewöhnlich, aber sehr wertvoll in allgemeiner Betrachtung. Das stimmt.
Aber was ist das einmalige im Leben?
Er fragte, ob ich in diesem verschlossenen Schrank noch etwas hätte für ihn? „No.“ Nach dem zweiten Mal diese Frage zu stellen gab er auf.
Er ging, in 5 Minuten kam er wieder. „I will come here again.“ Okay, seine Freiheit.

Eine kurze Geschichte

Ich sage schon immer, dass ich eine schlechte Verkäuferin bin.
Heute kam eine schöne Frau zu Shui Tang und fragte mich, ob ich einen Tee namens Harmonie hätte.
Harmonie-Tee?
„Meinen Sie einen Tee, der einem hilft, Harmonie aufzubauen oder ein Tee, dessen Name Harmonie ist?“
„Einfach Harmonie Tee.“
Hmmm….
Mir fiel wirklich gar nichts ein.
Hätte ich ihr irgendeinem Tee verkaufen mit irgendeinem Wort, der Harmonie ist?
Irgendwie fiel es mir einfach gar nichts ein.
„Es tut mir leid… Ich habe diesen Tee, der Harmonie heisst nicht…“
Sie ging und suchte weiter nach einem Tee, der Harmonie heisst.

Michael lachte im Hintergrund. „Du hättest ihr doch irgendetwas verkaufen sollen.“
„Ja, ich weiss. Ich bin einfach blöd!“
„Also, nächtest Mal.“ er ermutigte mich.

Ach, ich hätte auch gerne einen Tee, der Harmonie heisst. Warum bin ich denn so unharmonisch?

Der Wolken küssende Tee

Der Wolken küssende Tee

Es war Hanspeters Aufrufszeichen am Dienstagabend. Ich erzählte ihm von meiner Reise und berichtete aus meinem Herzen. Natürlich zeigte ich ihm, was ich als einen total verrückten Tee bezeichnete. Die Tees aus Lala Shan – wild, unangepasst und risikoreich – hmm, es hört sich wie meine Eigenschaften an. Als er das Foto sah, schmunzelte er, „Ach! Der Wolken küssende Tee!“
Wow… dachte ich, wie poetisch…
Nach einer englsich sprechenden Frauengruppe kam eine junge Frau, die heute endlich schaffte zu kommen. Sie hat bereits vieles von Shui Tang gehört und wollte eine Beratung. Zuerst wollte sie einen grünen Tee. Ich tue es, was mein Kunde sich wünscht. Dann plötzlich fragte sie mich, „was würden Sie mir empfehlen?“. Dann erwiderte ich, „Keinen Grüntee.“ „Warum?“ „Weil Sie durchlässig sind.“ „Ja! Genau! Aber wie sehen Sie es?“ Ich kann diese Frage nicht beantworten. Warum sieht man es nicht? Wäre es hilfsreich zu wissen, dass wir uns voneinander nichts unterscheiden? Würde es uns helfen aufrichtig zu uns zu sein, wenn wir wissen, dass der Ruf des Herzen sein eigenen Weg als unsere Kontrolle hat?
Dann kam Dany und er lachte darüber.
Ich holte meine kleine Teekanne von Atong und bereitete diesen verrückten Lala Shan 拉拉山!
Sanft, unaufdringlich und facettenreich! Ein Wolken stieg über den Teetisch. Es bleibt nur zu lachen und zu träumen. Dieser wilde Teegarten in Lala Shan hat eine Geschichte, die ich einmal erzählen werde. Aber wie soll dieser Tee denn eigentlich richtig auf Deutsch heissen?
Dany sagte, es wäre poetisch, wenn man den Satz passiv formulieren würde – der von Wolken geküsste Tee.
Ich sagte, „Nein! Der Tee ist nicht passiv! Der Tee atmet und will den Himmel erreichen. Also, er will Wolken küssen!“
Aber was ist daran schlimm, wenn der Wolken den Tee küssen will, anstatt umgekehrt?
Der Wolken ist beweglich und macht das, was er will, eben den Tee küssen. Der Tee kann sich nicht wehren.
Dass der Tee sich nicht wehren kann, macht mich traurig.
Warum kann der Tee sich nicht wehren?
Warum kann der Tee sich gegen Zikaden nicht wehren? Weil er sich nicht wehren kann, ergibt sich ein wunderbarer Guifei!
Aber, aber… ist der Tee so passiv und muss sich einfach so küssen lassen? Dieses Gedanke macht mich total traurig.
Trotzdem habe ich mich entschieden, dass dieser Tee für mich, der Wolken küssende Tee ist.
Dany wollte den Tee mit ihm nach Hause mitnehmen. Ich schrieb ihm die Ettikette nicht. Ich sei gemein? So ist das. Eben nicht angepasst und unkontrollierbar. Ich sagte ihm, „Schreibe doch, was Du ihn benennen willst. Mir ist es egal!“ Er lachte über meine kindische Verhalten und schmunzelte wahrscheinlich den Heimweg entlang.
Der Wolken küssende Tee würde ich allerdings in Chinesisch andersrum übersetzen. „Bei Yun Wen Dao de Cha 被雲吻到的茶 – Der von Wolken geküsste Tee“ es hört sich auf Chinesisch so poetischer an…

Auf der Grenze

Ich liebe Flughafen und wohne seit meiner Kinderheit immer gerne nah am Flughafen. Ein Bedürfsnis, den Anschein zu bewahren, irgendwo dazwischen zu sein.
Wir gingen immer zum Neumarkt, wenn er kommt. Meistens bestellen wir den gleichen Gericht, wahrscheinlich weil wir ähnliche Vorliebe haben. Hanspeters Augen blinkten, als er das Essen langsam zu Ende bracht, „ich habe Dir etwas zu erzählen.“ Er war wieder auf Nahrungssuche für seine Persönlichkeit und für sein Leben. Wenn er wieder etwas Wertvolles fand, gibt er mir weiter. Er begann mit diesem Satz: „Menschen wie Du, die auf der Grenze leben, gehen in eine unglaubliche Risiko ein, gewinnt allerdings ein grosses Reichtum für das Leben. Aber es ist ein sehr hartes Leben.“ Es ist nichts neues, ich blieb schweigend. Mein Leben ist hart, das weiss ich. Aber wer will denn schon ein Leben, das gut versichert ist?
Oft muss ich Unterlage unterschreiben, wenn ich wieder bei meinen Eltern bin. Es sind viele Versicherungsdokumente, was die Eltern aus Sorgen und Angst für ihre Kinder vorbereiten. Das entlastet nicht mich, sondern sie. Mein Tod kann viel Geld bringen, denke ich immer. Darum fliege ich auch mit dem gefährlichen Airlines.
Er fuhr weiter fort mit dem Name Paul Tillich, ein Mensch auf der Grenze. Er entwarf das Konzept von Korrelation über Essenz und Existenz. 99 % von Menschen, meinte Hanspeter verlieren den Bezug zwischen unseren Essenzen- was das wahre Reichtum des Ichs verstanden werden kann und unserer Existenz – wie wir uns im Moment befinden oder das, was wir als „Ich“ nach Aussen leben wollen. Um unsere Essenz tiefgründig zu erfahren, damit die Existenz mit der Essenz näher übereinstimmen können, „müssen“ wir auf die Grenze gehen. Die Grenzerfahrung bringt uns ein Stück nähe zum wahren Selbst und somit wird unsere Existenz ein Stück mehr bereichert und authentischer. Das geschieht nur, wenn man auf Risiken eingehe.
Wir sind nicht religiös, glauben weder an Gott noch an Buddha. Das was uns interessiert, ist der Weg zur inneren Bewusstheit. Er sagte immer, dass er sich für mich freut, wie ich als ein Fremde in einem fremden Land Fuss fasse. Der Tee bekommt durch mein Wesen als ein Mensch auf der Grenze an diesem Ort eine andere Bedeutung. Auf der Grenze zu leben – zwischen dem Okzident und dem Orient, zwischen Ja und Nein, zwischen Haben und Verlust und zwischen Freiheit und Geborgenheit zu pendeln war nicht eine bewusste Handlung, sondern eine Sehnsucht. Das Herz ist wankelmütig und in jedem Pendel weiss ich, dass ich wankelmütig bin. Inzwischen habe ich meine Antworten für diesen Pendeln gefunden. Auf der Grenze zu leben ist unabhängig von Alltagsrealität, sondern eine Lebenshaltung. Im Grunde genommen suchen wir die Erfahrung der Weite anstatt der Enge. In diesem Pendeln sind wir verletzlich. Und manchmal finden wir das Gefühl bei einer bestimmten Person, dass es sich alles zum Guten wenden wird.
Der Flughafen ist ein sehr angenehmer Zwischenraum. Als ich diesmal mit Migräne in Frankfurt auf den weiteren Flug wartete, sass ich in einem gefüllten Bar. Ich bevorzuge laute Umgebung, wenn ich Ruhe brauche. Ich versenkte meinen Blick auf einen unzentrierten Punkt im Raum. Vielleicht wirkte meine Hilfslosigkeit anziehend und wurde von Fremden angesprochen. In dieser unverbindlichen Unterhaltung ist Angabe von dem Persönlichen so unbedeutend. Es sind nur Kleider und Wortwahl, die von mir erzählen können. Ich bezeichnete es als eine unglaubliche Leichtigkeit für mein Sein. Ich hatte das Gefühl, ich besäss keine Identität.
Mitgefühlsvoll schaute er mich an. Kannichen wurde bis aufs Knochen aufgegessen. Beim Abschied sagte ich ihm, wie sehr ich ihn schätze. Er erwiderte, „Ebenfalls, bei Dir ist man ein Stück nah an der asiatischen Lebendigkeit!“ Ah…
Die Luft war kalt und die Kopfsteinpflaster waren lutschig…
Während wir Kannichen assen, bekam ich ein SMS von B. Er schrieb, dass er gerade meine alten SMSs lass… Zu seiner leisen Melancholie schrieb ich ihm zurück, dass ich die Fucken aus der Zukunft roch. Das können nur Menschen auf der Grenze – wahrscheinlich. Die Zukunft ist nicht in Planung des Agendas zu finden, sondern in dem, was das Leben einem bietet. Das Pendeln zwischen Ja und Nein sagt mir, dass ich gewöhnlich bin und lebe.