Archiv für den Monat September 2012

So sanft wie die Erinnerung

Einmal im Monat treffen sich paar Teefreunde in Shui Tang, um Tee zu degustieren und Notiz zu schreiben. Heute wurde der Tie Guanyin das Thema.
Muzha Tie Guanyin – wie oft habe ich ihn schon getrunken? Seit meiner Kindheit kenne ich diesen Tee, den von meinem Grossvater in der Dunkelheit still getrunken wurde. Diesen Tee stellen wir gegenüber den herrlichen blumigen erfrischenden Anxi Tie Guanyin.
Der Muzha Tie Guanyin wirkte dagegen ruhig, zurückhaltend und erdig. Ein Geschmack, den mein Grossvater vor 30 Jahren gut fand und heute wenige Resonanz findet. Reonanz findet er nur bei den Menschen, die diese Zurückhaltung schätzen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass dieser Geschmack der Geschmack ist, der bleibt. Egal wie die Welt sich ändern. Denn er ruft in mir emotionale Bilder hervor, die für immer für mich etwas bedeuten.
Als mein Zenlehrer Michel noch lebte, erzählte er mir gerne von Schönheit seines Lebens. Er malte mir oft ein Bild von vollkommenem Glück. Er kam aus Bergen Wallis und als Kind sass er gerne neben seinem Grossvater beim Abendsonne. Den Sonneuntergang mit dem Grossvater zu erleben und den herrlichen Blick auf Genfer See zu geniessen. Wortlos und zufrieden war es. Gemeinsam trotzdem jeder für sich alleine. Es war diese Ruhe und Zufriedenheit, was er als das höchste Glück ausmalte. Es berührte mich sehr und lernte diese Ruhe und Frieden zwischen Menschen zu schätzen.
Dieser Muzha Tie Guanyin versetzte mich in die Zeit, als Michel es mit mir teilte. Ich spürte wie Ruhe und Frieden in mir ausdehnt und den wunderbaren Abendsonne, die auf mich schien.
Heute waren Stefan und Stefan zu Besuch. Er kennt zufällig auch Michel und praktizierte auch Zazen. Er hat Mühe mit meinem Ausdrück, wenn ich sage, dass die Einsamkeit eine sehr wichtige Erfahrung sei. Einsamkeit wird in unserer Gesellschaft als etwas Negatives ettiketiert. Aber es ist einfach so, dass man nicht alles mit anderen teilen kann und will. Es gibt viele Ecken in meinem inneren Garten, wo nur mir gehört. Je weiter man auf einem bestimmten Weg schreitet, desto schwierig wird es mit anderen Menschen zu teilen. Dann bleibt nur das Moment unter dem Abendsonne, ein Stück Soledad von Piazolla zu hören, einen Muzha Tie Guanyin zu trinken. Worte werden überflüssig. Die Leere mit anderen Menschen zu teilen, wenn man welche hat.

Spuren im Salon

Dank Martin, habe ich Spuren aus dem 17.09. gelesen.

http://wize.zehnder.ch/eweb/wize/2012/09/26/wize/13/8635/
Diese Zeilen gefallen mir besonders:

Trotzdem ist sie (Menglin) alles andere als eine Fanatikerin. Sie bekannte freimütig, auch gerne einmal ein Bier oder ein Glas Wein zu trinken …

Der Journalist hat mich verschont, eigentlich. Ich bekenne mich öffentlich als Kaffee-Liebhaberin! Gerne trinke ich hinten in Shui Tang meinen Kaffee! Natürlich auch von Schwarzenbach.

Kyosaku

Es ist das zweite Male in diesem Monat, dass man mich um Unterricht der chinesischen Kultur bat. Ich sollte durch solche Gespräche und Stunde entgelt werden. Ich fühle mich nicht qualifiziert genug für solche Angelegenheit und weise auf die Universität hin. Nein, dort kann man nur die Kultur für den Kopf lernen, aber nicht fürs Leben. Recht überrascht und ich sagte, dass man sich an diesem Teetisch freundschaftlich annähren kann und darüber so unterhalten kann. Mein Gegenüber hat gelacht und sagte, dass er mich nicht als Freundin haben will, sondern als Lehrerin.
Lehrerin.
Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit meinem Zen-Lehrer Michel. Jedesmal wenn ich das Dojo eintrat, drehte er sich gegen mich um. Drei Jahre lang. Er hat mich einfach nicht beachtet. Geht man wohin, weil man beachtet wird? Ich weiss es nicht und es war mir vollkommen egal. Ich erinnere mich an meinen ersten Schlag von Gyosaku, das man im Dojo von älteren Schüler erhält. Gyosaku wird in amerikanischen Zentradition vermieden, weil ein Schlag zu sehr an Strafe und Gewalt erinnert. Kann man besser mit Gewalt umgehen, weil man mit ihm nicht mehr konfrontieren muss? Ich weiss es nicht. Ich war ein Kind, das oft Schläger erhielt und ganz normale Schaden mit mir trägt wie meine europäischen Mitmenschen. Schläger sind mir nicht fremd und nicht zu fürchten. Ich melde mich oft für Gyosaku, lass mich gerne auf meinen Schulter schlagen. Manchmal ist ein Schlag bloss ein Schlag. Manchmal ist es ein Schlag ins Gesicht und ich werde wach!
Ich war bereit für den Schlag. Der Schlag auf meinen Schulter ist oft der einzige Klang in dem stillen Raum, eine einzige Ton zwischen den Wände, was sich Generation zu Generation nie unterscheidet. Manchmal fühle ich mich durch diesen Klang so verbunden mit all den Patriachen, die mir diese Lehre weiter geben.
Viele Leute kritisieren die harte Zen- und Teeschulung, dass man Schüler hart tadelt. Manche bezeichnen es als Psycho-Spiele. Gyosaku zu geben und zu empfangen erhalten in dieser Auslegung eine Färbung von Unterdrückung und Blockade.
Für mich bedeutet Gyosaku weder gut noch schlecht. Vielmehr beschäftigt mich mit der Frage: „Bist Du bereit?“ Was bedeutet Schüler, was ist ein Lehrer?
In Rasa bin ich Jack begegnet, ein brillianter Tee-Lehrer aus Kyoto. Von ihm hat die Mystik des Tees mir ein Tor geöffnet. Dafür bin ich sehr dankbar. Dass er sich bemüht, einen vereinfachten Teeweg für hiesigen Menschen zu experimentieren, hat mich jedoch sehr zum Nachdenken bewegt. Als ich daran war, Unterricht zu nehmen, bat ich ihm:

„Ich will kein Lob. Ich will Kritik. Hier bitte ich um Unterweisung.“

Eine Einladung von Kritik, ist für mich eine Bitte für Teeunterricht. Ich bin bereit, mit mir selbst auseinanderzusetzen und den Tee als Spiegel zu betrachten. Schone mich nicht, auch ich bin in der Lage etwas zu lernen. Der Weg muss nicht einfach und vereinfacht werden. Ich bin bereit.
Eine Tradition und eine Kultur kann nur aufgrund eine Einladung vermittelt werden. Niemanden können wir erzwingen, etwas aufzunehmen. Wenn der Gegenüber bereit ist, die Tür zu öffnen, kann das Reichtumg beschenkt werden. Der Geist des Tees geht über Generation zu Generation, von Menschen zu Menschen, die bereit sind, machmal für ihn das Leben aufzuopfern – wie Meisters es taten. Der Weg war und ist nie geradeaus.
Bist Du bereit?

Suche nach der verlorenen Zeit

http://www.tagesschau.de/inland/speed112.html
Die Zeit an sich fasziniert mich immer mehr. Jemand kam zu mir ins Shui Tang und wollte, dass seine Uhr langsamer laufen lässt. Er behauptet Tee könnte es.
Martin Suter glaubt, dass die Zeit Wunden nicht heilen kann. Kann man wirklich Fehler der Vergangenheit nicht reparieren?
Existiert überhaupt die Zeit? Begrenzt uns tatsächlich die Zeit als Handlungsraum?
Ich kenne paar Zeitlöcher auf dieser Erde.
No.1 Shui Tang 水美堂. Das ist ein grosses Zeitloch. Wer keine Zeit hat, wird dort mit der Zeit verschuldet.
No.2 Der Teich 曹源池 in Tenryuji 天龍寺. Dort zu verweilen gleicht eine Zeitreise.
No.3 Alishan 阿里山 in Taiwan. Man weiss nicht mehr, wo man tatsächlich ist, man hätte das Gefühl zwischen den Toren der Zeit zu sein.
Aber die wirklichen Erlebnisse in diesen Zeitlöcher kann man nicht immer mit anderen Menschen teilen, ausser mit dem Tee.

Führt der Tee uns nach Asien?

Es war ein spätsommerlicher Abend. Wir waren bei Martin, in seinem Salon. Wir sollen über Tee sprechen.
Martin fragte mich, ob der Tee uns den Zugang zur chinesischen Kultur führt.
Ich weiss es nicht.
Wenn es so ist, ist Tee ein sehr gutes Mittel zweck Propaganda nicht wahr?
Ich weiss es nicht.
Hat der Tee mich näher zu meiner kulturellen Wurzel geführt?
Was ist an Tee denn so chinesisch? Muss man ein Chinese sein, um Tee zu verstehen?
Ich erinner mich an die Momente als ich Cha No Yu begegnete. Sprachlos und zufrieden. Brauche ich Sprache um es zu verstehen? Brauche ich die kulturellen Codes um es zu tätigen? Ich fühlte mich vollkommen angekommen und so glücklich bei mir ZUHAUSE zu sein.
Es sind Dinge, die alles überschreiten und Grenze sprengen!
Wenn wir die Sprache des Tees lernen wollen, brauchen wir nur Nase und Gaumen, ein bisschen Offenheit, ein wenig Vertrauen. Den Kopf können wir zu Hause liegen lassen und das Ego beiseite schieben. Auch wenn Du ein Schweizer oder Deutscher bist, kannst Du einfach das riechen, was Du riechen kannst und willst, das wahrnehmen, was möglich ist. Der Duft, die Aroma des Tees sprechen die Sprache Deines Herzens, nicht die Sprache eines Fremden.
Für mich führt der Tee mich nicht nach Asien. Der Tee erleichtert meinen Weg über Europa nach Asien. Er führt hauptsächlich zu mir selbst.

Der Kompass des Lebens

Wuliangshan in Yunnan ist heute ein Nationalpark. Früher war er bewohnt von Menschen, die ihre eigene Geschichte haben. Sie haben keine Schrift, aber Kompass. Ihre Kompass waren die Felsen, den Fluss und die Sonne. Die scheinbar unbewegliche Dinge bieten die Orientierung und Stabilität für die Weitergabe ihrer Geschichte und Mythen.
Was kann passieren, wenn die Menschen nicht mehr erlaubt sind dort zu leben und ihre Kompass bei sich zu haben?
Jahr für Jahr liefen die Bewohner von Wuliangshan in jedem Frühling ins Innern des Berges und pflückten die zarten Frühlingsblätter. Jahr für Jahr. Seit Wuliangshan ein Nationalpark wurde, dürfen sie nicht mehr, weil der Berg beschützt werden soll von zivilisierten Chinesen.
Ich weiss nicht, was mit diesen Menschen nun passiert und was dann mit ihrer Geschichte weiter passiert. Ich weiss nur, dass der verbotene Tee aus Wuliangshan mir ein Mythen erzählt von unbeweglichen Teebäume, die einmal Kompass war und nun immer noch Kompass ist – für mich.
In der Beliebigkeit unserer Welt, in der man alles weiter erfinden kann und selbst mischen kann, versuche ich in Shui Tang den jungen Menschen zu vermitteln, die zu mir kommen, den Kompass.
Wenn wir eine Schale Tee zubereiten, egal wo wir sind und wann wir es tun, bleiben paar Dinge für immer gleich wie ein Kompass: der Weg des Tees ist der direkte und einfachste Weg.
Steht der Kopf in der Mitte des Körpers? – wie findest Du den Mitte?
Steht die Kanne oder Schale genug weit von Dir oder genug nah? – wie finde ich die Nähe und Distanz zu den Dinge, die ich tue?
Möchtest Du einen Tee von klar ausrichteter Konzentration trinken und servieren? Was kann mir widerspeigeln, ob ich klar und konzentriert bin?
Was geht jetzt vor? Was steht im Vordergrund? Der Tee, der Gast oder ???
Paar Dinge im Tee verändern sich nie. Bestimmte Dinge im Leben auch nicht.

Die Sprache des Herzens

Es ist absurd zu denken, dass die Fussverletzung ein Geschenk ist – aber doch!
Dass meine Unbeweglichkeit ein Not wurde, erhalte ich plötzlich Hilfe von Unerwarteten. Viele junge Engel flogen auf mich zu und wollten mir helfen. Diese auferweckten männlichen Seelen sind hilfsbereit und freundlich, haben aber auch paar Haken. Ich scherze immer, dass diese Engel defekte Flügel haben und repariert werden sollen. Alexander sagte, Shui Tang habe nun einen neuen Name: „Flügelreparatur-Werkstatt“.
Alexander hat eine Tochter bekommen und sein Leben nimmt einen neuen Sinn an. Er entdeckt Tee und Tee beflügelt ihn zu seiner Bestimmung. Er sagte, viele Menschen haben den Draht zum Herzen verloren und sind nicht mehr fähig eine Entscheidung zu treffen und dann zu tragen. Aber, das Wort „Herze“ sei doch zu „falsch“ und würde Leute abschrecken, vor allen Männer.
Ich weiss nicht, ob das Wort Herz falsch sei oder die Bezeichnung Liebe zu oberflächlich.
Aber die Sprache des Tees, die ich kenne, ist eine Sprache des Herzens.
Wenn diese Sprache des Herzens Leute abschrecken würde, dann sollte es eben sein. Daran ändert sich nichts.
Wie kann man Tee verstehen wollen ohne Herzen? Oder meinst Du über Tee reden? Geht es um den Tee oder um Dich oder um Deine Fähigkeit über etwas zu blasen?

Es sind bloss paar Blatter aus einer so genannten Pflanzen Camelia Sinesis. Man kann sie in heissem Wasser kochen zerquetschen oder malen. Sie können bedeutunglos sein oder beladen von Bilder. Diese Bilder malen wir selbst. Wir sind der Schöpfer und Teeblätter lediglich ein Ferment. Wir kreieren die Fülle der Bilder, indem wir unser Reichtum an Einfühlen, an Fantasie und an Ausruck zur Sprache zu bringen. Das Radar des Sinnes ist das Herz, nicht der Verstand der Augen, der viel lesen kann und weiter spricht. Wir sind der Schöpfer, nicht Opfer. Wir sind der Schöpfer, der gestaltet, nicht der Opfer einer Tradition oder Ideologie. Wenn das Herz zur Sprache kommt, dann verschmelzt der Verstand einer Tradition oder Ideen mit dem Erleben des Gegenwarts!
Im Moment ist mein Flügel auch verletzt, meine Beweglichkeit ist eingeschränkt. Im Moment habe starkes Berdürfnisse an Bangwei Pu Er oder Lao Banzhang Pu Er. Es ist unsinn über die Tee blätter zu sprechen. Es ist bereichernd – zum Mindest für mich über das, was der Tee mit mir macht, zu reflektieren!