Archiv für den Monat Oktober 2008

Einfach und gut essen in Berlin-Wedding

Stefan rümpfte seine Nase, als er wusste, dass ich bei Koreaner mein Mittagsessen hatte. Er behauptete, dass ein neuer Chinese an der Kreuzung zwischen Seetrasse und Müllerstrasse sehr original sei. So original wie in China behauptete er.

Da ich nicht gerne zu einem Show-Restaurant gehe, ging er mit mir zum Türken, Saray ebenfalls an der Kreuzung zwischen Seetrasse und Müllerstrasse. Mit einem Abtrünnigen ging er nicht Chinesisch essen. Er war zufrieden mit meinem hungrigen Gesicht und fetten Finger. Das Fladenbrot war wunderbar auch das gut gewürzte Fleisch. Natürlich bietet das Ambiente nicht zum langen Verweilen. Mehr wollten wir auch nicht.

 

Am nächsten Tag ging ich mittags zu dem sagenhaften Chinesen. Zwei richtig chinesische Gesichter fragten mich mit einem starken Akzent, die ich schwer verstand: „Wo kommst Du her?“ „Taiwan. Taiwanese.“ Ich lass die Speisekarte auf Chinesisch. Wow, richtig sensationell wie in Taipei bei Hunan Spezialitäten! Solche Speisekarte stand auf dem Tisch nur auf Chinesisch. Wer Mut hat, sollte einfach mit dem Finger auf eine Gericht zeigen wie ich 1991 in Köln jeden Tag machte. Ich kannte damals kein Deutsch und hatte immer das bestellte, was mein Nachbar ass. Alle Gerichte sind hier so original, dass man sich nur träumen kann, alles sehr scharf wie Mao es gerne hatte! Er kam aus Hunan! Ich lass und konnte mich selbstverständlich nicht entscheiden. Dann fragte die alte Dame mich, ob ich ihr einen Amtsbrief übersetzen konnte. Ja, klar. Ich übersetzte den Brief und telefonierte für sie. Sie waren glücklich und erleichtert. Der Koch brachte mir ein Kännchen Tee und fing an etwas zu kochen. 10 Minuten später brachte er mir eine Jumbo- Schale von 荠菜馄钝汤Wantan-Suppe. Spezielle Wantan. „Aus Jicai. Wir brachten die Samen von diesem Gemüse aus China und bauen sie in Berlin selbst an. Schmeckt es Dir?“ „Ja, klar.“ Die Suppe war warm und salzig. Die Trännen waren warm und salzig. Sie bieten diese Suppe nicht an Deutschen, die es nicht danach fragen, nur an die unter Fremden gebliebenen Fremdlingen.

 

Jicai gibt es auch in Deutschland, sie wussten nur nicht und Deutsche wissen davon gar nichts. In Konstanz arbeitete ich bei einem chinesischen Restaurant für drei Jahren. In jedem Frühling ging mein Chef geheimnisvoll zum Münster und kam immer mit einer Tüte voller Jicai zurück in die Küche. Dann wusste ich, ich hatte Glück. Er futterte mich wahnsinnig gerne. Er ist Koch, weil er gerne isst. Der Beruf war für ihn eine Berufung. Denn er eigentlich ein Herrensöhnchen aus Shanghai stammte. Da ich gerne esse, freut er sich, mein zufriedenes glückliches Gesicht anzuschauen. Meine Chefin hasste mich, dachte ich manchmal.

Kurz vor meinem Abflug ging ich noch einmal zum Asia Deli (Mei Shi Jia). Diesmal bekam ich Dampling (Shuijiao oder Jiaozi 饺子). Würzig, saftig und fein. Der Teig war wunderbar unter den Zähnen. Alles hausgemacht. Ach! Auch die Damplings lügen nicht! 12 Stücke für nur 5,5 €! Ich schüttelte meinen Kopf. Sie gab mir noch 12 Stücke mit Bambusblatt gefüllten Reisknödel. Ich mache diese Dinge nicht gerne selbst, weil es arbeitintensiv ist. Und hier in Berlin 1 Stück für 1 €! Sklavenarbeit für nichts. Ich brachte diese Knödel nach Zürich, ich weiß Wendy wird sich wahnsinnig darüber freuen!

Das Restaurant ist nur minimal eingerichtet und man riecht immer, was der Koch kocht. Das Geräusch im Wok rief in mir Heimweh hervor. Nur meine Großmutter kochte noch so. Meine Mama fand diese Art von Kochen zu altmodisch und zu rückständig. Das Geräusch und der Geruch sind allerdings nicht jedermanns Geschmack.

 

Im Vergleich mit dem Chinesen ist das koreanische Restaurant noch weniger eingerichtet. Das Lokal sieht tatsächlich so aus wie in jedem kleinen Ess-Lokal in Asien. Aber der Tisch ist sauer und klebt nicht. Zwei mimiklose Koreaner starrten mich an, als ich die Tür öffnete, als ob ich in einem falschen Film wäre. Ich wollte Damplings und liebe Damplings jeglicher Art. Sie verstand Chinesisch. Sie fingen an freundlicher zu sein, als ich Chinesisch sprach. Mir wurde eine halbe Serviette gebracht. Wahrscheinlich aus Umweltschutz-Gründen halbieren sie einfach eine vollständige Serviette. Man hat so wie so nur einen Mund, mehr braucht man nicht zu wischen. Die Damplings waren herrlich aus Tofu und Gemüse. Sehr fein, leicht und dezent. Für mich waren sie besser als die von Hunan. Ca. 20 Stücks für 6,5 €! Ich schüttelte meinen Kopf. Warum bin ich denn in Zürich gelandet? Dann kamen andere Schlitzaugen hinein, anscheinend ist das unscheinbare Lokal ein Insider-Tipp. Koreanisch, Japanisch hörte ich. Eine große Familie.

 

Nur für das Essen würde ich sofort wieder nach Berlin fliegen. Wo in Deutschland hätte ein Fremder anhand von kleinen Budgets etwas auf die Beine stellen können – außer in Berlin? Wo in Deutschland hätte man Möglichkeit einen unbekannten vielseitigen kulinarischen Streifzug zu unternehmen als in Berlin? Wo in Deutschland könnte man Zerfall und Aufbruch, Edel und Vulgär alles an der gleichen Strasse zu erleben? Diese Vielfalt und Lebenskraft dieser erneuernden Stadt haben viel an den Glück suchenden Fremden zu danken.

Asia Deli

Seetrasse 41, 13353 Berlin 030-45084219

Die Speisekarte auf Deutsch ist ein anderes Angebot – Chinesisch für Deutsche.

Jeden Tag bis 22.30

Arirang Restaurant

Seestrasse 106 13353 Berlin 030-45021248

Montag Ruhetag

U6 Seetrasse

 

Herbst in Berlin

Ich kann nie nein zu einem Glas Champagner sagen. Ich gestehe zu meiner Schwäche, zu allen problematischen Genüsse. Im Flugzeug war ich nur im Toilette, erbrochen und litt unter Durchfall. Mich schaute die Lufthansa Personal ganz mitgefühlsvoll an und brachte mir Kamillentee. War das Essen im Swiss Lounge so schlecht? Ja!

Mit diesem Gesicht kam ich in Berlin an und Kristine umarmte mich ganz fest! Es gab eine Fischsuppe, original nach Brandenburger Art! Ich fühlte plötzlich gestärkt, nur durch diese Fee vor mir und die Vorstellung von einer Fischsuppe!
Kristine warnte mir, dass sie einen Riesen daheim hat. Ich habe keine Angst vor deutschen Riesen, vielleicht hat er vor mir? Nein, er sei sehr gut eingeweiht mit Schlitzaugen, vor allem mit dem aus Taiwan!

Thomas war bereits mehrfach in Taiwan und befasste in seiner Diplomarbeit die Wirtschaft von den vier Tigerstaaten. Dieser Riesen war freundlich, süß und herzlich. Ein bisschen kindlich, ein bisschen streitsüchtig und ein bisschen sentimental. Ich liebe seine lebendigen farbfrohe Bilder, die ich jeden Tag an meine Tür anschaue. In den vier Tagen bei dem Teefee und dem Riesen wurde ich jeden Tag mit aussagekräftige und erzählerischen Bilder vorgeführt. Ich bewunderte und seufzte.

berlin

Neben dem Teefee und dem Riesen war noch der hübsche blonde Julian da, der sich für Tee und Fußball interessiert. Ich bin für ihn Tante Menglin. Um mich herum gab es noch eine richtig maskuline Kater und eine Mieze. Kristine behauptet, der Kater war total „verknallt“ auf mich. Ja, er verfolgte mich. Ins Bad, in mein Zimmer, oder jeder Richtung. Eigentlich nur weil ich ihm ungenügende Aufmerksamkeit schenkte.

Die beiden Katzen erinnerten mich an meiner Zeit am See. In der Dachwohnung am Bodensee hatte meine Vermieterin zwei Katzen. Ihre Herrin war meistens nicht da und ich war die Ersatzpflegerin für Streicheinheiten. Der Mogli, ein wahrer König mit einer würdigen Haltung und liebvollen Zuwendung. Er hat Charakter und respektiert klare Grenze. Er gab mir viel Trost und Wärme in der kalten Zeit. Das Ende der Geschichte war, dass er Flöhe bekam. Ich war das Opfer. Meine Wohnung musste vollständig geräuchert werden und meine Haut war kaputt. Ich war zu eitel und wollte diesen Schaden nicht noch einmal haben. Ihn sperrte ich vor meiner Tür. Ich war entschlossen und er war entschlossen. Er stand drei Tage und drei Nächte vor meiner Tür. Wahnsinn! Meine Tür war fest geschlossen und ab dem vierten Tag war er weg. Seitdem verschwendet er nie mehr einen Blick. Dieser Kater gab mir dem Laufpass. Wie könnte so etwas passieren? Ausgerechnet von einem Kater! Dann rief mein Nachbar mich an und wollte über den Kater Mogli reden. Er war verknallte auf diesen Kater, der nun einen neuen Schwarm fand. Er bat mich einmal Mogli zu besuchen, weil es ihm schlecht ging. Ich kam in dem schön eingerichteten Salon und sah den Mogli auf dem Louis-Philippe-Sessel zum letzten Mal. Sein Blick ließ mich verstehen, dass er nun ein anders Leben anfing und ich bei ihm nichts mehr zu suchen hatte. Anders als meine schwankende Natur, er ist tatsächlich fest entschieden. Seitdem verbrannte ich meine Finger und wollte keine Katze mehr lieben.

Kristines Kater war anders, aber nicht ohne Weisheit. Ich packte meine Sache heute aus und merkte, dass er seine Spuren überall an meine Kleider und Bücher hinterließ. Während ich die Dinge packte, versteckte er sich in einer Tragtasche. Er ließ mich wissen, auch wenn ich ihn im Moment ablehnte und ihn beiseite schob, werde ich noch einiger Zeit sich mit seinen Spuren beschäftigen. Ich werde ihn nicht so schnell vergessen bis ich ihn wieder begegne.

Vergessen werde ich auch nicht an dem schönen Abend nach dem Seminar. Mit der Familie sind wir zusammen richtig deutsch essen gegangen. Einfach und gut! Ich aß hungrig meine Brat-Kartoffel und Leberkäs, während Julian seine Sparribs knabberte. Natürlich zu einem Glas Bier! (Thomas lästerte über meinen Kölsch – es sei abgestandenen Waschwasser und typisch weiblich.)

Am nächsten Tag traf ich Stefan, den ich seit mehr als zwei Jahren nicht sah. Zu viele Dinge standen dazwischen, zu viele Zweifel hätte einfach verschwinden müssen. Die Zeit war einfach nicht reif und es war stets ein Stein im meinen Herzen. Er holte mich ab, sagte er. Wir kennen uns zu gut. Er weiß, dass ich Nord und Süd nicht auseinander halten kann, Hausnummer immer verwechsele und Straßenname immer falsch buchstabiere. Die einzige Aufgabe von mir sei, pünktlich zu sein. Auf den gold gefärbte Blätter wartete ich auf ihn an dem Straßerand. Die Zeit spielte keine Rolle. Die Ruhe strahlte auf diese Strasse. Plötzlich drehte ich mich um und sah ihn vor mir. Wie lange schon? Seine Augen waren voller Schalk. Dann übernahm er die Regie. Ich ließ mich gerne führen. Ich bin gerne ein Touri und liebe die Berliner Schick.

Teeliste am Teeseminar 12.10.2008

1. Runde Einblick in die chinesische Teewelt:

Yinzhen Baihao, Nanyue Maofeng, Junshan Yinzhen, Huang Ya, Jade Oolong, Dianhong Premium, Pu Er 1990

2. Originalität und OEM Produkte:

Yinzhen aus Fuding, Zhenghe und Java; Lapsang Souchung aus Wuyishan Premium und KbA; Jadeoolong aus Nantou (Taiwan) und Hubei (China) 

3. Herstellungsmethode und Teebaum:

aus Qingxin Ganzhong in Sanxia könnte man:

Sanxia Baicha, Sanxia Hong Cha, Sanxia Fancy Oolong, Sanxia Mixiang Hong Cha, Sanxia Bi Luochun herstellen.

4. Fehler in der Produktionen

Tie Guanyin Anxi 2 Exemplare; Gyokuro Uji, 2 Exemplare; Lungjing 2 Exemplare

5. Lagerung

Pu Er 1990, 1999, 2001, 2003, 2005, 2006 KbA

Kristine bezeichnete diese Runde als ein A-HA-Effekt Runde. Eigentlich ist es gar nicht schwer die Differenz der Zeit durch die Lagerung herauszufinden. Es ist sehr logisch und nachvollziehbar! – Ich finde es auch!

Das Wichtigste dabei ist, eine zuverlässige Quelle zu finden und sich daran orientieren zu können! Durch Vergleich bekommt man ein gutes Gefühl, wie der Jahrgang schmeckt.

6. Röstung und Fermentation im Tee:

Muzha Tie Guanyin vs Anxi Tia Guanyin; Dongding original VS Dongding Nostalgie

7. Die Höhe der Teegarten und äußere Faktoren:

Qingxin Oolong aus Lishan, Lishan Holzkohle von Insekten befallen, Alishan, Mingjian, Pingling und Dongding Berg; Kontrast Beispiel Meeroolong 2008 (Gangkou Cha)

Für viele im Seminar war diese Runde eine Herausforderung. Zuerst glaubte man es nicht zu schaffen, den Unterschied herauszufinden. Doch es gelingt, wenn man intuitiv und logisch vorangeht…

Fotos von Seminar in Berliner Teesalon zum runder Laden.

Teeseminar am 12.10.2008 in Berlin

Teeseminar am 12.10.2008 in Berlin

Es war ein sonniger Tag!
Teefreunde trafen sich zum Tee. Eine sehr harmonische Atmosphäre in einem wunderbar eingerichteten Teesalon an der Invalidenstrasse! Unser Teefee Kristine arbeitete am ganzen Tag im Hintergrund, damit unser Wasser frisch gekocht wurde und wir immer saubere Teeschale hatten. Ich möchte mich hier richtig bei ihr und Claudia bedanken! Ohne die beiden Teedamen in Berliner Teesalon wäre dieser schöne Tag nur ein Traum, anstatt Realität!

Ein Streifzug durchs Teeland. Angefangen in China, über Japan und dann beenden wir mit zwei hervorragenden Tee aus Formosa in eine Tasse Gongfu Cha. Dongding 1977 und Oriental Beauty aus 2007 Sommer vollendeten die schönen Runde! Wir verabredeten uns zu einem weiter Vertiefungsseminar – Oolong im Februar 2009!
Ich freue mich jetzt schon!

Vielen Dank an allen Teilnehmer! Danke, dass Ihr mir einen bereichernden Tag geschenkt habt!

All in This Tea

all in this tea

Teefreunde in der Schweiz haben das Glück, den Film „All in this Tea“ am 15. November 2008 13.15 im Filmpodium Zürich zu sehen.

Ein Dokumentationsfilm über die Entdeckungsreise von David Lee Hoffman durchs Teeland China.

Filmpodium Stadt Zürich

Nüschelerstrasse 11, Zürich

15.11. 2008 um 13.15

Veranstalter: Teeclub Schweiz, Bitte anmelden.

Ich würde ihn sehr gerne sehen. Leider werde ich wohl in diesem Moment irgendwo in Asien sein. Hoffentlich auch in einem Teeland.

Chitose Bon

Chitose Bon

Ich schlief so gut, dass ich kaum aufstehen wollte. Die Zeit schien hier stehengeblieben. Ich war in guten Hände. Das Gedanke gab mir viel Trost. Das Frühstück wartete, der Tee wartete und niemand hatte die Eile.

Der gewöhnliche Arbeitstag schien das Haus nicht zu beeindrücken, mich ebenfalls nicht. Wir hatten unseren Rythmus.

Ulrich fragte mich, was für ein Temae (Tee-Übung), ich gerne ausprobieren wollte. Chabako ist im Moment die Übungsthema – Tee in einem tragbaren Kasten zuzubereiten überall und jeder Zeit. Etwas Unbekanntes wollte ich. „Dann machen wir Chitose Bon.“

The pine in the garden,

Of color

which changes not for a thousand years.

May

your life,

Too, Be as this.

Kayoko (1897-1980)

An dem 60. Geburstag Tantansai (1983-1964) kreierte seine Frau diese neue Form der Teezubereitung. Chitose – Thousand Years. Wie sollte ein unsterbliches Leben nach Thousand years aussehen? Einsam, kalt und müde? Wer könnte Dich denn wirklich begleiten, während Du nicht sterbst? Ich erinnerte mich an einem Roman, in dem Unsterblichkeit ein Qual wurde – ohne Liebe.

Tantansai wurde von seiner lieben Frau geglückt mit einem Temae. Er sollte so klar und aufrichtig sein wie die Farbe des tausendjährigen Kiefers.

Ulrich sass neben dem Kessel. Ich merkte, dass diese von Diskussionen gefüllten und Social life belasteten Tagen mich weit entfernt vom Tee brachten. Ich war nicht im Fluss, meine Bewegung stoppte und mein Kopf überlegte, was wohl demnächst kommen sollte. Ich sei aus meinem Rhythmus. Tee… „Begwegung im Tee gleicht die Brandung des Meeres, Menglin.“ Wie in Strömung des Meeres bewegte der Körper auf dem Tatami, die Zeit spielte keine Rolle, nur der bewegende Körper und der Duft einer Schale Tee machten uns aufmerksam auf das irdische Glück. Ich wußte nicht, ob ich es tatsächlich verstand, sich einfach von Meer treiben zu lassen. Ich spürte nur Ruhe, die den Raum füllte. Der Rythmus des Meers, den ich seit Kindheit kenne und im Tiefen speicherte, wurde wieder vergegenwärtigt…

chitosebon

Wie oft musste Ulrich sein Teehaus aufbauen, abbauen; einziehen und umziehen; einrichten und neu anfangen? Wie oft mussten er und seine Familie die mühsame Arbeit und einen ständigen Neuanfang im Kauf nehmen, nur um Tee hier in Europa als der einzige nicht-japanische Urasenke-Repräsentant im Europa zu unterrichten? Die meisten begreifen es kaum, was es bedeutet. Wenn er nicht entschlossen wäre auf diesen Weg, wäre alles schon vom Winde verweht. Nach all diesen Jahren…“Kannst Du Dich noch an Zollhaus erinnern?“ „Ja, es war meine ersten Begegnung mit Tee!“ Es war ein Seminar Ausflug von der Uni-Konstanz. wenn Detlef nicht so ein außergewöhnlicher Geist an der Uni war, wenn es nicht Ulrich im Schwarzwald im Schweigen in seinem Teehaus seine Teesamen streute, wäre alles nciht zustande gekommen, vielleicht.

Nach all diesen Jahren, nach all unzähligen Umzüge. Ulrich ist immer noch da. Im Unterricht aufrecht und aufmerksam korrigierte er mich. „Ich bin bald 60!“ Menschen im Tee scheinen in Zeit stehen geblieben. 60 Jahre alt? Dein Gesicht hat für mich nie verändert. 

The Pine in the Garten. Du bist wie der Kiefer. Deine Farbe verändert sich nicht, nach all diesen Jahren, nach all diesen Schwierigkeiten. Im Teeweg des Europas ist Ulrich für mich der Kiefer, dessen Farbe sich nach Tausendjahren nicht ändert. Ich bin sehr glücklich so nah erleben zu dürfen. 

Sencha Jabukita

寻寻觅觅, 冷冷清清,凄凄惨惨戚戚 Gesucht, geschaut, haltlos, leer und kalt.

 

Es war mir kalt, oder vielleicht weil ich zu wenig anhatte. Hungrig, müde und krank kam ich in Karlsruhe an. Jiri mit seinem verletzten Fuß holte eine jammernde Frau ab und versuchte nur sie zu besänftigen. Er brachte mir warmen Zwiebelkuchen und frisch gepflückte Feigen. Mein Bauch schmerzte und mein Geist war müde. Tee verkosten war plötzlich anstrengend und mein Kopf war leer. Mitgefühlsvoll schaute er mir an und wollte mir gerne etwas Gutes tun. Mit Freude zeigte er mir verschiedene Schätze, die er neulich erhielt. Jörg warnte mir bereits vor einem Gänsehaut-Sencha, den ich unbedingt nicht verpassen durfte.

 

Ein Gänsehaut-Sencha, wie muss ein Sencha sein, der Gänsehaut von Jörg erweckte? Etwas, was außergewöhnliches, was man nach langem Suchen wohl nur träumen kann! Jiri bereitete langsam den Sencha zu und gab mir eine Flasche Eiswein, die er meinem Lehrer in Taipei gerne schenken möchte. Sprachlos nahm ich das Geschenk an. Wie können unbekannte Menschen sich so verbunden fühlen? Nur wegen einem Pflanzen Tee? Oder nur wegen dem gleichen Geist, den man selbst verspricht, treu zu sich selbst zu sein? Beruf ist eben nicht gleich wie die Berufung.

 

Sencha Jabukita! Aus Tenryu Shizuoka. Es sollte einen Herrn Namens Oota sein, der diesen wunderbaren Tee bezauberte, der Gänsehaut eines jungen Deutsche in einem fremden Teil der Erde erweckt. Ein Stromfluss oder ein Schlag? Ich war fertig mit dem Zwiebelkuchen und die Feigen wurden gierig runter geschluckt. Nach paar Schlucken klares Wasser trank ich den sagenhaften Sencha. Auf meiner Zunge schmeichelte der Aufguss. Der Mund voller Düfte! Was schmeckte ich? Jasminblüte, Osmanthusblüte oder Neroli! Klare blumige Düfte, so klar wie man ein Fächer öffnet. Schicht für Schicht zergeht die Düfte in meinen Körper und strömte durch mich. Leicht herb, leicht bitter, leicht süß, leicht zusammenziehend. Sein leiser Schritt dieses seltenen Tees erweckte eine müde wandernde Seele.

Gesucht und gefunden. Was für ein Glück! Ich gratulierte Jiri für seine Tätigkeit als Sammler. Was für einen schönen Sencha? Ich habe Sencha in dieser Art noch nie erlebt! Gänsehaut? Nein. Ein Blitz voller Kraft.

 

三两杯淡酒, 怎敌他晚来风急 Nach paar Becher dünnen Wein, im heftigen Wind der Abenddämmerung, es ist immer noch kalt.

 

Kalt ist es, auch nach vielen vielen Tassen Tee. Ich zog alles an, was ich so hatte. Die Reise ging weiter. Ich bedankte mich für den schönen Nachmittag. „Es ist ein weiter Weg. Hoffentlich auf bald.“ Der warme Tee musste wirken. Die Züge waren so voll. Ich fand kaum einen Platz. Was ist mit diesem Land passiert? Sind alle Deutschen unterwegs? So etwas habe ich noch nie erlebt. Zerquetscht, erschöpft und fast erstickt saß ich sprachlos vor dem dunklen Fenster. Reise hörte fast nicht auf. Das dunkle Fenster reflektierte Fragezeichen und ein verschwommenes Gesicht. Als der Zug endlich in Freiburg ankam und ich Ulrichs Schatten in der Halle sah, atmete ich tief aus. In seinem Umarmen wusste ich, dass ich angekommen bin.