Archiv für den Tag 01/10/2008

Mythos Erfolg

Ich bin ein Zugvögel und plus Buchwurm. Was macht ein Buchwurm während der Zugfahrt? Zeitschrift lesen. Ich kaufe gerne Zeitschriften. Gerne Wirtschaftszeitschriften – ich gebe zu, dass ich gerne Geld rieche. Gala und Schweizer Illustrierte lese ich nur bei der Arztpraxis. S AM lese ich am liebsten daheim – ein wunderbares Magazin auch für nicht Architekten. Heute entdeckte ich wieder etwas Neues vor meiner Zugfahrt nach Zürich.  „Vordenker – Zukunftsatlas für die Wirtschaftwelt

Dass es in unserer Wirtschaft vor allem in Börse nicht die realen Zahlen regiert, ist nun eindeutig durch den Untergang von Wall Street klar. Dort herrscht Angst! Angst ist die beste Waffe der Welt. Mit Angst kann man das meisten Geld verdienen. Medikamente, Versicherungen, Kosmetik und Bio-Produkten – ich besitze aber alles was hier gelistet ist. Die geistige Kraft regiert unsere Wirtschaft, nicht die konkreten, messbare und vertauschbare Zahlen. Was ist die Geheimnisse des Erfolges? Wer den Mechanismus dieser geistigen Kraft durchschaut, durchschaut die Geheimnisse des Erfolges.
Doch hat Herr Schwarzmann uns etwas zu präsentieren. Er sagte, „Alles Erfolgreicher besitzt einen Sinn für das Zukünftige.“ Wie kommen wir zum Zukünftigen?

„Ist die Realität, die wir erleben, ein Ergebnis unserer Sichtweise, so können wir sie beeinflussen. Deshalb plädiere ich dafür, unseren Wahrnehmungsfokus zu erweitern, den Blick auf das Mögliche zu richten, ja in zukünftigen Realitäten zu denken, statt zu versuchen, die Vergangenheit zu wiederholen. (…) Intuitiven Eigenschaften repräsentieren eine Art Zugang zu unseren eigenen Zukunftsressourcen. Träume sind Fenster zu möglichen Realitäten. Vertrauen wir Ihnen.“ (Seite 5)

Ich finde alles ganz super, was Herr Schwarzmann schreibt. Es sind tolle Zitaten, die wunderbar zum Jahreskalender passen – z. B. Erfolg für Jeden Tag. Als der Zug die Grenze überschreitet und mein Pass kontrolliert wurde, fing ich an mich zu fragen, wie überschreite ich die Grenze zur Zukunft? Wo fängt die Zukunft an? Wo hört die Gegenwart auf? Wie und wo bleibt ein Traum als Traum? Wenn Träume nicht umgesetzt werden – im Hier und Jetzt, bleibt es einfach als Traum, oder? Wie könnte ich denn einen richtigen guten Traum ausmalen anstatt eines Alptraums? Was ist jetzt?
„Wenn Du jetzt Deine Hausaufgabe nicht machst, weinst Du heute Abend wieder. Du bist selbst schuld. Mir ist es egal, wenn Du weinst.“ Sagte meine Mutter zu mir jeden Tag, als ich in die Schule ging. Auch wenn ich dachte, dass ich keine Angst hatte vor meiner Hausaufgabe und ich sehr intelligent bin, weinte ich immer gegen Abends. Denn ich war zu müde, um Hausaufgabe zu machen.

Ich verstehe viele Dinge nur durch Tee. Kann jedes Pflückgut Oolongtee werden? Kann jedes Oolongblatt lang fermentiert werden lassen oder geröstet werden lassen? Nein. Bedingungen, Schritte und Vorstellung, was ein Tee werden sollte, sind klar definiert und ausgedacht. Der Teemaker hat eine bestimmte Vorliebe und sucht entsprechend das Material aus – wenn er es kann. Oder noch besser. Der Teemaker ist in der Lage aus diesem Material den entsprechend besten Tee zu verwandeln. Jeder Schritt im Hier und Jetzt bestimmt den Verwandlungsprozess eines Tees. Jeder schritt bedingt den anderen, nicht umgekehrt. Den Blick des Teemakers richtet er stets im Hier und Jetzt. Was für ein Material, was für eine Wetterlage, was für eine strukturelle Bedingung im Manufaktum steht ihm zur Verfügung. Das Wichtigste ist, was für einen Geschmack bevorzugt er. Was für einen Tee hält er für einen köstlichen Tee! Ein klares Bild von dem Ausgangspunkt und eine klare Ahnungen von Möglichen. Das Zusammenspiel von Naturalien und menschlichem Können kreiert das Kunstwerk – TEE. Das macht einen Teemaker zum Künstler, anstatt zu einem „Roboter“. Es ist nicht bloß das Möglichen zu visualisieren, sondern einen Prozeß zu klären, was „ich“ will und wer „ich“ bin. Ohne die Identitätsfindung bleibt man bloß ein Mitläufer, wo bleibt die Kunst des Tees? Wo bleibt der Erfolg?

Was passiert jetzt? Eine Veränderung findet in der Veränderung unseres Geistes statt – Im Hier und Jetzt, nicht im Traum. Wenn jetzt eine Veränderung stattfindet, haben wir erst die Möglichkeiten von Zukunft zu sprechen, zu träumen. Bevor wir etwas verändern, verändern wir zuerst unseren Geist. Dabei ist es außerordentlich wichtig zu wissen, wer sind wir und was wollen wir? Möglichkeiten gibt es viele, aber was ist unsere?

Wenn Du jetzt den Tee zu lange ziehen lässt, wird er einfach bitter. Es gibt wirklich viele Möglichkeiten Tee zu trinken. Aber, was ist Deine?
Eine „erfolgreiche“ Teekunst besitzt nicht einen Sinn für das Zukünftige, sondern ein Bewusstsein für jetzige Handlung. Was machst Du jetzt?
Die Zukunft kommt von allein, wenn wir wissen, was wir jetzt machen. Wozu an die Zukunft zu denken?

Ein verkehrter Weg.
Ein guter Teemaker würde nicht aus einem Pflückgut gerösteten Oolong machen, wenn das Pflückgut für Grüntee bestimmt ist. Der Tee wird schlecht und kann nur – sorry, dass ich so böse bin, an eine „lange Nase“ verkauft werden – nur ein Witz. Aber in unserer Wirtschaft findet immer solches Märchen statt. Man will unbedingt einen gerösteten Oolong – also es wird so gemacht – zukunftgerichtet, eben.

Herr Schwarzmann kritisiert auch den erfolgreichen Bestseller „Secret“ Die Wünsch-Dir-Was Theorie“ ist für einen Wirtschaftcoach lediglich „Selbsterfüllende Prophezeiung.“ Gewiss, wenn man den Prozess der Wünsche nur als Vorstellungsprozess und ein Prozess des Kalküls versteht, ist es nur ein Placebo-Effekt. Eigentlich geht es in diesem Prozess der Wünsche einen Identitätsfindungsprozess. Wünsche muss man klar definieren, Träumen muss man genau ausmalen. Ansonsten hat man am Ende einen Alptraum anstatt einem schönen!

Nur ein Klatsch.

Boss des eigenen Lebens

Zu wenig Muße, zu wenig Aufnahmefähigkeit. So vernachlässige ich meine Teeliebhaberei. Um einen Tee kennen zu lernen, ist zeitaufwendig und der Geist muss offen sein. Letzter Zeit war kaum möglich, einen liebeswürdigen Tee zu entdecken. Schon lange wollte ich Rougui besser verstehen. Exemplare gesammelt, aber kaum etwas daran gearbeitet. Ein wahrer Faulpelz.

Ein Rougui 2005 Frühling aus Nantou. Wie alle Tees von meinem Lehrer duftet der Aufguss nach reifen Blättern. Der klare süße Duft beflügelt mit dezente Pfefferminz und Zimt. Wunderschönen geschmeidigen Abgang! Ich sehe wieder den Sonnenschein im Südtaiwan!

 

Als die Sonne im Zürcher Himmel auch schien, meldet sich Skype. Es war ein überraschender Besucher, den ich nie gedacht habe. Wie hat er denn geschafft, mich im Cyberspace auf diese Art ausfindig zu machen?

Ich kenn Shin seit dem ersten Schultag. Eine treue Seele, typisch Skorpion? Ich weiß nicht. Mit seiner Frau ist er bereits seit 22 Jahren zusammen. Für mich eine Verrücktheit! Doch ein bisschen beneidenswert. Er pflegte unseren Kontakt bis vor 4 Jahren, als seine Frau wieder schwanger wurde. Ich traf sie zum letzten Mal. Damals dachte ich, was für eine glückliche Familie! Dann hörte ich nicht mehr von ihm und ich bin ja ein Faulpelz…

Er hat sich verändert. Seine Stimme war rau und nachdenklich. Vier Jahren liegen nun dazwischen. Wovon sollte man denn anfangen zu erzählen? Was wollte er mir denn erzählen, so dass wir endlich wieder einander zuhören konnten? Er trank Tee, sagte er. Er war schon immer Teeliebhaber, vor allem Hochlandsoolong. In meinem Regal steht immer noch die rote schön Teekanne von ihm, die er mir vor 10 Jahren schenkte. „Alles hat sich verändert. Nicht wahr?“ fragte ich ihn einfach. „Ja, alles.“ Nach der Geburt von Tochter hat sich alles verändert.

 

Er lernte eine Person kennen im virtuellen Ort, aber so real, dass er glaubt, nie so real gelebt zu haben. Diese Person lehrte ihn das Leben anders zu sehen, wahrzunehmen, indem sie sich einfach in ihm verliebte. Zuerst gechattet, dann geschrieben und dann werden Gefühle gespeichert und ausgetauscht. Ganz trivial. Das kennen wir. Er erfuhr zum ersten Mal, sagte er, dass man für etwas bedingungslos tut, ohne an sich selbst denken zu müssen. Da er eine Familie hat und gebunden ist, ist der Ausgang wohl ziemlich klar. Wenn er sich nicht für diese oder für jene entscheidet, hat jeder Beteiligte nur unbefristete Schmerzen zu ertragen. Er hat sich nicht entschieden. Also hat die andere Person sich entschieden. Sie nahm einen liebvollen Abschied und überließ ihn seiner Familie. „Dann ist es wohl ein Happyend?“ „Nein. Ein eiskalter Stillstand.“ Kein Sturm, nur einfach eiskalt. Seine Frau verschließt sich in Bitterkeit. Ein Stillstand voller Verletzungen. Nur die Kinder werden immer größer, wacher und lauter. Ihn quälen moralische Vorwürfe, die er von aller Seite und von seiner Erziehung bekam. Das Leben wurde Pflicht und Schuldabzahlen. „Ich bin ein schlechter Mensch.“ glaubte er. „Auch ein schlechter Mensch hat Recht, sein Glück zu suchen!“ „Was?“ „Auch ein unmoralischer Mensch kann nichts dafür, dass der Andere sein Glück nicht sucht und holt.“ ich lachte im Skype, „Jeder muss selbst schauen, dass er zu seinem Glück findet, nicht wahr? Manchmal ist es auf Kosten des Anderen. Darum bist Du unmoralisch. Aber auch der Andere ist selbst verantwortlich. Deine Frau kann sich auch entscheiden, zu leiden oder zu lachen.“ „Das höre ich zum ersten Mal seit Jahren, dass ich auch Recht habe, auf Glück.“ Er lachte.

In chinesischer Vorstellung würde man nie Paare auseinander zu raten, weil man glaubt, schlechtes Karma zu bekommen. Karma hin und Karma her. Aufrichtig zu meiner Freundschaft sagte ich ihm, „Wenn Du glücklicher wirst, wirst Du ein glücklicher Vater. Deine Frau kannst Du nicht verändern. Du hast allerdings noch viele Jahre zu leben und Deine Kinder sollen einen glücklichen Vater erleben.“ Wiederholte ich. „Du muss glücklicher werden.“ „Würde es gehen?“ Er bemitleidete selbst. Diese dritte Person hinterließ ihm viele Fragezeichen. „Ich habe sie bestimmt verletzt. Sie hat ja keine Hoffnung mehr bei mir gesehen.“ Dass sie keine Hoffnung sah, war es wohl von Anfang an klar. Was hätte sie von einem gebundenen Mann erwartet? Wenn sie verletzt wäre, wäre der Abschied vorwurfsvoll und zäh. Wenn sie nur ein Kopfmensch wäre, hätte sie sich nie auf ihn eingelassen. „Sie möchte, dass Du ein glückliches Leben führst – auch ohne sie. Weiß Du? Wenn sie Dich tatsächlich liebte, wollte sie Dich nicht in der Klemme sehen. Also machte sie Dir Deinen Weg frei. Wenn diese Liebe kein Geschenk wäre, was wäre es?“ als Außenseiter kann man die Handlung gut nachvollziehen. „Du bist reichlich beschenkt worden. Was willst Du denn mehr?“ Ich hörte nur schluchzen. Ich seufzte. „Du muss einfach glücklicher werden. Du hast ein Geschenk erhalten. Es ist ja wirklich ein Glück.“

Es war ein Gespräch vor knapp zwei Stunden. Es war gegen Abend in Taipei, während es in Zürich ab und zu Sonne schien. Seine Tochter rief ihn an und fragte ihn, wann der Papa nach Hause kommt. Sie sei stolz, dass ihr Vater der Boss ist. Der Boss in eigener Firma, aber nicht der Boss in eigenem Leben. Zumindest bis jetzt.