Archiv für den Tag 21/10/2008

Spiegelgasse 26

Spiegelgasse 26

Netzwerk ist eine harte Arbeit für jemanden wie mich. Ich bin zu faul. Hannes sagte mir einmal wenn ich in Zürich Fuß fassen möchte, sollte ich an die Vernissage gehen und an bestimmten Veranstaltungen teilnehmen. Ich bin zu faul, um seinem Rat zu folgen. Außerdem ist es mir richtig egal. Ich verschwende ungerne meine Zeit und habe meine Füße unter mir. Die Menschen an der Spiegelgasse kennen zu lernen, war nicht geplant.

Eigentlich weiss ich auch nicht mehr, wie die Geschichte angefangen hat?

Als die Mutter ihrem Mädchen verbot, mit Kindern auf der Strasse zu spielen, kaufte sie ihm viele viele Büchern. Das Kind wurde „Buchwurm“ und war fasziniert von dem Fremden,  von der Andersartigkeit und von dem anders Denkenden. Das Kind sammelte Kalenderfotos von Europa und klebte sie überall an der Wand. Seinem Vater zeigte es die Fotos, dass es einmal hin fahren würde. Der Vater war stolz und arbeitete hart. Irgendwann kam das Kind nach Deutschland, weil die meisten in die Staaten gingen. Das Kind wurde inzwischen eine junge Frau, die Völkerkunde studieren wollte. Da sie in Konstanz es nicht tun konnte, studierte sie Germanistik, weil sie dachte, es auch nicht schlecht sein konnte, Deutsche zu studieren. Irgendwann lernte sie den Professor Kantowsky kennen und saß oft in seinem merkwürdigen Seminar. Das war „Buddhismus im Westen“. Dort lernte sie eine promovierte Chemikerin Erika kennen, die Erika schrieb später das Buch „Heilen mit Tee“. Mit Erika wurden sie die besten Freundinnen und wurde einmal mit nach Zürich zur Spiegelgasse mitgeschleppt. Dort sitzt das Zen Dojo Zürich. Zen kannte die junge Frau nur von Büchern. Aber, die Paradoxien, die sie dort erlebte und gehörte, wie Z. B., dass man sich binden kann ohne Seil, faszinierte sie und sie ging immer wieder gerne dort hin.

Einmal spazierte sie wieder an der Spiegelgasse vorbei. Sie sah einen sympathischen jungen Mann in einem schönen hellen Laden. Sie fühlte sich angezogen und ging hinein. Sie fingen an, mit einander zu sprechen. So lernte sie Hubert kennen.

So lernte ich Hubert kennen. Sofort fühlten wir uns vertraut. Als Kind noch einmal Kind war, konnte das Kind die Engel sehen und mit seinen Seele sprechen… Warum rechnen wir immer mit den Jahren oder die Zeit, wie lange Menschen sich kennen und mit einander verbringen? Ich dachte, dass ich Hubert schon lange kenne. Wie ein Bruder fühle ich mich so wohl bei ihm. Ja, ich kenne Dich schon lange, länger als es ist. Warum sprachen wir denn über Tee? Keine Ahnung. Er nahm meine Tees in die Sortiment und wir treffen uns Mal zum Frühstückskaffee, Mal zum essen. Wenn er Event hatte, half ich manchmal mit. So lernte ich seinen netten und wohlwollenden Vermieter kennen, die im Nebenhaus wohnte. Ich erzähle ihm von meinem Traum. Eigentlich wäre doch sein Laden mein Traumladen…

Frau Mauz, eine ehrgeizige Schneiderin und Designerin in Zürich. Für ihre Berufung verließ sie ihr gut bezahltes Bankjob und näht in ihrem Atelier. Ich wurde ihr Kunde, weil ihre Kollektion eine schöne fließende Linie aufzeigt, eine Bewegung in der Bewegung unterstreicht. Viele ihre Seidenröcke hängen in meinem Schrank. Das kleine Atelier an der Spiegelgasse begleitet mich mit ihrem Werk zu vielen Anlässe. Ich bin faul und vertraue gerne Profi, so wechsele ich ungerne meinen Stil – wenn ich überhaupt einen hätte. Wenn überhaupt, dann konservativ und trocken.

Da ich gerne Seide trage, wurde ich Kunde von En Soie und lernte Holländerin Jenny kennen. Jenny war Jahren lang eine Galeristin und verkauft Kollektion von En Soie, ein renommiertes Geschäft in Zürich von ihrer Tochter. Ich komme manchmal vorvei und bringe ihr Tee. Sie tröstet mich, gibt mir Rat und macht mir eine Tasse Tee. Als ich an letzten Freitag zu Besuch kam, sah einen älteren Gentleman. Wir lächelten uns an. Jenny sagte zu ihm, dass ich der größte Schatz Zürichs sei. Er nickte. Er gab mir drei Küsschen, so natürlich und einfach. Ich richtete kurz seinen Mantel, so selbstverständlich und normal. „Ich gehe zu einem Geburtstagparty einer Freundin an der Spiegelgasse.“ „ Viel Spaß!“ wünschte ich ihm. Ein wichtiges Geburtstagparty, nicht wahr? Minuten später kam eine gepflegte Dame hinein und rief, „Kommst Du auch zu der Party?“ Jenny schüttelte ihren Kopf. Die Dame sah mich lächelnd an und gab mir ihre Hand. Zu welcher Party? Spiegelgasse 26!
Die Menschen sind vernetzt. Vernetzt sind sie hier in der alten Züricher Stadt. Ohne zu ahnen trampelte ich hinein. Ohne sich vorzubereiten stand ich vor der Tür. Jenny tröstete an diesem Tag mich wieder, dass ich wegen Warten auf die Nachricht von der Spiegelgasse 26 ungeduldig wurde. Sie erzählte mir, dass sie von vielen Konkurrenten hörte. Viele Galeristen und Antiquitätenhändler möchten auch gerne der neue Herr des Ladens sein. „Aber Du hast eine gute Chance!“ Ich hoffte. Dann entdeckte ich einen wunderschönen langen weißen Seidenrock. „Diesen Rock ziehe ich zu meiner Eröffnungsfeier an!“ sagte ich entschlossen zu Jenny. Sie stimmte mir zu, dass dieser Rock mich in diesem Anlass sehr unterstützen würde.

Heute um vierzehn Uhr klingelte ich die Tür an der Spiegelgasse 26 und wusste, dass der Kauf dieses Rockes ein Schlüssel dieses Geheimnis war – Kosmos erfüllt unseren Wünsch, wenn wir wissen, es zu wünschen.

Spiegelgasse

Spiegelgasse

Als ich diese Nachricht bekam, war ich noch nicht richtig wach. Ich sei in der engsten Wahl gekommen, um das begehrte Ladenlokal in der Altstadt Zürichs zu bekommen. Hoch erfreut war ich sprachlos.

Dann aß ich unter dem Sonnenschein mit Laura an der Limmat. Ehrlich gestand ich meine Angst. Ja, mir überkam eine großartige Angst! Was wohl nun alles auf mich zukommen wird! Ich habe Angst, habe Zweifel und habe kalte Füße, ob ich diese Anforderungen wachsen werde. So ein fauler Mensch wie ich – einmal schimpfte Stefan mich wegen meiner Dissertation, wie könnte so jemanden geben wie Dich, so faul und zugleich intelligent? Wie könnte so ein Faulpelz wie ich einen Laden führen und schaffen? Was mache ich dort? Was biete ich an? Was werde ich wohl werden? Laura war interessiert, wo der Laden liegt. Wir gingen nach dem Essen an der Schipfe in die Stadt. Von Außen zeigte ich Laura die Lage. „Wie schön!“ sie nickte ihren Kopf, „ich habe ein sehr gutes Gefühl.“ Das Gefühl habe ich ebenfalls. Aber nun herrschte einfach Angst. Wir spazierten durch die Innenstadt. Plötzlich rutschte ich aus. Mein Absatz rutschte auf dem Kopfpflasterstein. Eins war mir klar, ich verlor meinen Boden. Auf dem Boden saß ich und wusste nur, zu versuchen, wieder auf zu stehen. Was nun? Fuß verletzt. Laura sah mich besorgt an. Termine in nächsten Tagen musste ich abstreichen. Teezeremonie mit einem kaputten Fuß – es geht nicht. Später kam Bruder Dirk und schüttelte seinen Kopf, trug mich einfach weg ohne Kommentare.

 

Als ich mit Laura allein Kaffee trank, redeten wir über Angst und Absturz. Sie sagte, dass Angst uns tatsächlich nicht weiter bringt. Das erlebte ich unmittelbar im Hier und Jetzt. Seit ich diesen Anruf erhielt, dreht mein Kopf nur um die gleichen Dinge. Es hört einfach nicht auf. Nun zeigte der Kosmos mir einfach, dass es so nicht geht. Der Kopf dreht in Kreis, und die Füße wollen nicht. Step by Step. Angst bekommt man, wenn man nicht auf den Boden steht und nur an die Zukunft denkt. Diese Zukunft, die man vermeintlich mit Kopf denkt, ist nicht real. Es ist eingeschränkt von Möglichkeiten, die Angst machen. Aber die scheinbaren Unmöglichkeiten, die Menschen zu wahren selbst führen könnten, werden verdrängt und kommen nicht zur Sprache. Was hätte ich denn zu verlieren? Wie viele Bankrotte habe ich in meiner eigenen Familie gesehen? Fünf. Zwei gehört. Zwei miterlebt. Zwei haben sich wieder geschafft steinreich zu sein. Einer ist ein glücklicher Schriftsteller. Von der Entwicklung des letzen wissen wir noch zu wenig. Es ist noch zu frisch. Vor einem Monat war das ganze Clan auf der Kreuzfahrt nach Okinawa. Niemand erfuhr etwas. Vor drei Wochen lass mein Vater in der Zeitung über diese Meldung. Er war zutiefst traurig und ohnmächtig. Er fühlte sich schuldig gegenüber meiner verstorbenen Tante. Mein Bruder belächelte über meinen Vater, er sei zu altmodisch, dass er sich so fühlt. Ich fragte ihn, „Was!? Fühlst Du Dich nicht verantwortlich für das Glück Deiner Schwester?“ Er war sprachlos im Skype. Meine 5. Tante ahnte über diesen Untergang eines Reichtums. Vor ihrem Tod bestand sie ihre Tochter an einem normal sterblichen zu verheiraten – ein Redakteur von einer Zeitschrift. Sie bat meiner Mutter, sich um ihren jüngsten Sohn zu kümmern. Zu mir sagte sie, dass der Linlin mein jüngster Bruder sei. Sie hatte kein Vertrauen in ihre reichen Schwiegerfamilie, sondern in meinen geizigen Vater. Also jeder Mensch hat das Recht und die Möglichkeit, wieder dort aufzustehen, wo er absturzt. Das erfuhr ich gestern und erfahren wir tagtäglich. Eigentlich ist das Absturz auf drei Akte aufgebaut: runterfallen, auf dem Boden sitzen und wieder aufstehen. Warum schauen wir gerne nur die erste oder die zweite Akte an anstatt die dritte? Aufstehen folgt automatisch nach dem Absturz. Und nicht umgekehrt.

 

Heute Morgen ging ich mit meinem kaputten Fuß ins Dojo. Im Zazen beobachtete ich das Kommen und Herrschen meiner Angst. Ich kenne Dich, meine Angst. Ich muss nicht vor Dir fliehen, weil ich Dich kenne. Einmal fragte ich Michel, weshalb ich immer noch Angst bekomme, vor meinem Auftritt. Er lachte, dass es mein Leben lang begleiten wird. Aber ich muss ihn nicht mehr verteufeln. „Du kennst ihn.“

Es schien die Sonne in Zürich. Ich fühle mich richtig gut, auch wenn die Angst mich eine Weile immer wieder begleiten wird. Mit langsamem Schritt schreite ich in die Zukunft, Step by Step.