Sencha Jabukita

寻寻觅觅, 冷冷清清,凄凄惨惨戚戚 Gesucht, geschaut, haltlos, leer und kalt.

 

Es war mir kalt, oder vielleicht weil ich zu wenig anhatte. Hungrig, müde und krank kam ich in Karlsruhe an. Jiri mit seinem verletzten Fuß holte eine jammernde Frau ab und versuchte nur sie zu besänftigen. Er brachte mir warmen Zwiebelkuchen und frisch gepflückte Feigen. Mein Bauch schmerzte und mein Geist war müde. Tee verkosten war plötzlich anstrengend und mein Kopf war leer. Mitgefühlsvoll schaute er mir an und wollte mir gerne etwas Gutes tun. Mit Freude zeigte er mir verschiedene Schätze, die er neulich erhielt. Jörg warnte mir bereits vor einem Gänsehaut-Sencha, den ich unbedingt nicht verpassen durfte.

 

Ein Gänsehaut-Sencha, wie muss ein Sencha sein, der Gänsehaut von Jörg erweckte? Etwas, was außergewöhnliches, was man nach langem Suchen wohl nur träumen kann! Jiri bereitete langsam den Sencha zu und gab mir eine Flasche Eiswein, die er meinem Lehrer in Taipei gerne schenken möchte. Sprachlos nahm ich das Geschenk an. Wie können unbekannte Menschen sich so verbunden fühlen? Nur wegen einem Pflanzen Tee? Oder nur wegen dem gleichen Geist, den man selbst verspricht, treu zu sich selbst zu sein? Beruf ist eben nicht gleich wie die Berufung.

 

Sencha Jabukita! Aus Tenryu Shizuoka. Es sollte einen Herrn Namens Oota sein, der diesen wunderbaren Tee bezauberte, der Gänsehaut eines jungen Deutsche in einem fremden Teil der Erde erweckt. Ein Stromfluss oder ein Schlag? Ich war fertig mit dem Zwiebelkuchen und die Feigen wurden gierig runter geschluckt. Nach paar Schlucken klares Wasser trank ich den sagenhaften Sencha. Auf meiner Zunge schmeichelte der Aufguss. Der Mund voller Düfte! Was schmeckte ich? Jasminblüte, Osmanthusblüte oder Neroli! Klare blumige Düfte, so klar wie man ein Fächer öffnet. Schicht für Schicht zergeht die Düfte in meinen Körper und strömte durch mich. Leicht herb, leicht bitter, leicht süß, leicht zusammenziehend. Sein leiser Schritt dieses seltenen Tees erweckte eine müde wandernde Seele.

Gesucht und gefunden. Was für ein Glück! Ich gratulierte Jiri für seine Tätigkeit als Sammler. Was für einen schönen Sencha? Ich habe Sencha in dieser Art noch nie erlebt! Gänsehaut? Nein. Ein Blitz voller Kraft.

 

三两杯淡酒, 怎敌他晚来风急 Nach paar Becher dünnen Wein, im heftigen Wind der Abenddämmerung, es ist immer noch kalt.

 

Kalt ist es, auch nach vielen vielen Tassen Tee. Ich zog alles an, was ich so hatte. Die Reise ging weiter. Ich bedankte mich für den schönen Nachmittag. „Es ist ein weiter Weg. Hoffentlich auf bald.“ Der warme Tee musste wirken. Die Züge waren so voll. Ich fand kaum einen Platz. Was ist mit diesem Land passiert? Sind alle Deutschen unterwegs? So etwas habe ich noch nie erlebt. Zerquetscht, erschöpft und fast erstickt saß ich sprachlos vor dem dunklen Fenster. Reise hörte fast nicht auf. Das dunkle Fenster reflektierte Fragezeichen und ein verschwommenes Gesicht. Als der Zug endlich in Freiburg ankam und ich Ulrichs Schatten in der Halle sah, atmete ich tief aus. In seinem Umarmen wusste ich, dass ich angekommen bin.

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