Mythos Erfolg

Ich bin ein Zugvögel und plus Buchwurm. Was macht ein Buchwurm während der Zugfahrt? Zeitschrift lesen. Ich kaufe gerne Zeitschriften. Gerne Wirtschaftszeitschriften – ich gebe zu, dass ich gerne Geld rieche. Gala und Schweizer Illustrierte lese ich nur bei der Arztpraxis. S AM lese ich am liebsten daheim – ein wunderbares Magazin auch für nicht Architekten. Heute entdeckte ich wieder etwas Neues vor meiner Zugfahrt nach Zürich.  „Vordenker – Zukunftsatlas für die Wirtschaftwelt

Dass es in unserer Wirtschaft vor allem in Börse nicht die realen Zahlen regiert, ist nun eindeutig durch den Untergang von Wall Street klar. Dort herrscht Angst! Angst ist die beste Waffe der Welt. Mit Angst kann man das meisten Geld verdienen. Medikamente, Versicherungen, Kosmetik und Bio-Produkten – ich besitze aber alles was hier gelistet ist. Die geistige Kraft regiert unsere Wirtschaft, nicht die konkreten, messbare und vertauschbare Zahlen. Was ist die Geheimnisse des Erfolges? Wer den Mechanismus dieser geistigen Kraft durchschaut, durchschaut die Geheimnisse des Erfolges.
Doch hat Herr Schwarzmann uns etwas zu präsentieren. Er sagte, „Alles Erfolgreicher besitzt einen Sinn für das Zukünftige.“ Wie kommen wir zum Zukünftigen?

„Ist die Realität, die wir erleben, ein Ergebnis unserer Sichtweise, so können wir sie beeinflussen. Deshalb plädiere ich dafür, unseren Wahrnehmungsfokus zu erweitern, den Blick auf das Mögliche zu richten, ja in zukünftigen Realitäten zu denken, statt zu versuchen, die Vergangenheit zu wiederholen. (…) Intuitiven Eigenschaften repräsentieren eine Art Zugang zu unseren eigenen Zukunftsressourcen. Träume sind Fenster zu möglichen Realitäten. Vertrauen wir Ihnen.“ (Seite 5)

Ich finde alles ganz super, was Herr Schwarzmann schreibt. Es sind tolle Zitaten, die wunderbar zum Jahreskalender passen – z. B. Erfolg für Jeden Tag. Als der Zug die Grenze überschreitet und mein Pass kontrolliert wurde, fing ich an mich zu fragen, wie überschreite ich die Grenze zur Zukunft? Wo fängt die Zukunft an? Wo hört die Gegenwart auf? Wie und wo bleibt ein Traum als Traum? Wenn Träume nicht umgesetzt werden – im Hier und Jetzt, bleibt es einfach als Traum, oder? Wie könnte ich denn einen richtigen guten Traum ausmalen anstatt eines Alptraums? Was ist jetzt?
„Wenn Du jetzt Deine Hausaufgabe nicht machst, weinst Du heute Abend wieder. Du bist selbst schuld. Mir ist es egal, wenn Du weinst.“ Sagte meine Mutter zu mir jeden Tag, als ich in die Schule ging. Auch wenn ich dachte, dass ich keine Angst hatte vor meiner Hausaufgabe und ich sehr intelligent bin, weinte ich immer gegen Abends. Denn ich war zu müde, um Hausaufgabe zu machen.

Ich verstehe viele Dinge nur durch Tee. Kann jedes Pflückgut Oolongtee werden? Kann jedes Oolongblatt lang fermentiert werden lassen oder geröstet werden lassen? Nein. Bedingungen, Schritte und Vorstellung, was ein Tee werden sollte, sind klar definiert und ausgedacht. Der Teemaker hat eine bestimmte Vorliebe und sucht entsprechend das Material aus – wenn er es kann. Oder noch besser. Der Teemaker ist in der Lage aus diesem Material den entsprechend besten Tee zu verwandeln. Jeder Schritt im Hier und Jetzt bestimmt den Verwandlungsprozess eines Tees. Jeder schritt bedingt den anderen, nicht umgekehrt. Den Blick des Teemakers richtet er stets im Hier und Jetzt. Was für ein Material, was für eine Wetterlage, was für eine strukturelle Bedingung im Manufaktum steht ihm zur Verfügung. Das Wichtigste ist, was für einen Geschmack bevorzugt er. Was für einen Tee hält er für einen köstlichen Tee! Ein klares Bild von dem Ausgangspunkt und eine klare Ahnungen von Möglichen. Das Zusammenspiel von Naturalien und menschlichem Können kreiert das Kunstwerk – TEE. Das macht einen Teemaker zum Künstler, anstatt zu einem „Roboter“. Es ist nicht bloß das Möglichen zu visualisieren, sondern einen Prozeß zu klären, was „ich“ will und wer „ich“ bin. Ohne die Identitätsfindung bleibt man bloß ein Mitläufer, wo bleibt die Kunst des Tees? Wo bleibt der Erfolg?

Was passiert jetzt? Eine Veränderung findet in der Veränderung unseres Geistes statt – Im Hier und Jetzt, nicht im Traum. Wenn jetzt eine Veränderung stattfindet, haben wir erst die Möglichkeiten von Zukunft zu sprechen, zu träumen. Bevor wir etwas verändern, verändern wir zuerst unseren Geist. Dabei ist es außerordentlich wichtig zu wissen, wer sind wir und was wollen wir? Möglichkeiten gibt es viele, aber was ist unsere?

Wenn Du jetzt den Tee zu lange ziehen lässt, wird er einfach bitter. Es gibt wirklich viele Möglichkeiten Tee zu trinken. Aber, was ist Deine?
Eine „erfolgreiche“ Teekunst besitzt nicht einen Sinn für das Zukünftige, sondern ein Bewusstsein für jetzige Handlung. Was machst Du jetzt?
Die Zukunft kommt von allein, wenn wir wissen, was wir jetzt machen. Wozu an die Zukunft zu denken?

Ein verkehrter Weg.
Ein guter Teemaker würde nicht aus einem Pflückgut gerösteten Oolong machen, wenn das Pflückgut für Grüntee bestimmt ist. Der Tee wird schlecht und kann nur – sorry, dass ich so böse bin, an eine „lange Nase“ verkauft werden – nur ein Witz. Aber in unserer Wirtschaft findet immer solches Märchen statt. Man will unbedingt einen gerösteten Oolong – also es wird so gemacht – zukunftgerichtet, eben.

Herr Schwarzmann kritisiert auch den erfolgreichen Bestseller „Secret“ Die Wünsch-Dir-Was Theorie“ ist für einen Wirtschaftcoach lediglich „Selbsterfüllende Prophezeiung.“ Gewiss, wenn man den Prozess der Wünsche nur als Vorstellungsprozess und ein Prozess des Kalküls versteht, ist es nur ein Placebo-Effekt. Eigentlich geht es in diesem Prozess der Wünsche einen Identitätsfindungsprozess. Wünsche muss man klar definieren, Träumen muss man genau ausmalen. Ansonsten hat man am Ende einen Alptraum anstatt einem schönen!

Nur ein Klatsch.

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