Archiv für den Tag 08/10/2008

Herbstlich

碧云天 Bi Yun Tian  – Der blaue Himmel, so blau wie Jade

黄叶地 Huang Ye Di – Der von fallenden Blätter bedeckte Boden, so gefärbt wie im Herbst

 

Die Fahrt war unangenehm. Ich musste meinen Platz drei Male wechseln, nur wegen meiner Bindungsunfähigkeit an einem festgelegten Zug. Entscheidungen zu treffen fällt mir immer schwer, vor allem sich für einen festgestellten Zug oder für einen Gericht aus einer Speisekarte zu entscheiden. Typisch ML, sagen Freunde. Meine Freundin Wendy von Hot Pot bezeichnete meine Eßgewohnheit – immer die gleiche Speise zu bestellen, als typisch schweizerisch.

Innerlich schimpfte ich und hinterfragte, weshalb ich mich auf so eine sinnlose Fahrt nach Frankfurt eingelassen habe. Nur weil ich nett sein wollte, oder weil ich gerne patriotisch aussehe? Paar Exil Taiwanese in Frankfurt zu treffen, über die Lage der Insel zu diskutieren und über die jetzige Machthaber zu lästern erschienen mir so schwachsinnig. Heimweh spielt doch keine Rolle für eine Heimatslose. Die Fahrt war wie ein Jammertal bis ich Marco traf. Ein gesprächiger, unkonventioneller und lebenslustiger Deutsche, der wegen Geld in die Schweiz kam und in Zürich glücklich lebt. Die letzten zwei Stunden nach Frankfurt wurde erleichtert durch seine Lebendigkeit. Ich lachte und lachte. Ich bewunderte ihn, wie er innert kurze Zeit alle meinen Daten sammelte, ein Ente-Essen bei Wendy verabredete und alles ohne das Visitenkarten-Theater.

 

Wenn Leute mich fragten, was ich so treibe, antwortete ich, dass ich Tee betreibe. Die urigen Gesichter der alten Exiltaiwanese, viele sind erfolgreich, meistens Unternehmer in Hamburg, waren immer erstaunt, wie so eine kleine Frau wie ich Tee in Europa betreiben kann. Das Treffen lief gut außer der Auseinandersetzung mit den neuen Botschaftern aus Berlin. Ich lernte viele interessanten alten „raren“ Typen kennen, die ihre Vergangenheit nicht vergessen wollen, nun im fremden Norden leben und eine harte spannende Exilgeschichte wie Krimi hinter sich hatten. Z. B. Dr. Wu, der im 50er Jahren in der Türkei promovierte – wer promovierte überhaupt in dieser Zeit in der Türkei (?), und dann im Museum Berlin landet. Am kommenden Wochenende muss ich ihn unbedingt in Berlin besuchen. Er sammelte Theater-Puppen. Als er seine Sammlung auspackte, war ich verzauberte von der Schönheit der Puppen, die aus verschiedener Epoche stammen und ihr Glanz nicht verliert. Was ist denn überhaupt Kunst? Was für eine ansteckende Kraft hat diese winzige Puppe, die trotz der Zeit immer noch leuchtet und eine Geschichte erzählt? Auf der Insel gehören die Puppen und diese Kunst zur Vergessenheit. Dr. Wu ist ein Mensch, der die Vergessenheit dokumentiert und das Vergessene archiviert – in seiner Zeit im Berliner Musuem und in seinem Leben für die Insel. Junge Menschen auf der Insel schauen nach Morgen anstatt nach der Gestern. Meine Faszination begeisterte und erfreute Dr. Wu, dessen Tätigkeit wohl einen einsamen Weg bedeutet. Ich verstehe es nur zu gut.

 

Von Tee hatten sie tatsächlich keine Ahnung, wundern sich, dass man in Europa sich für Formosa Oolong interessiert. „Wer kauft denn so teueren Tee aus Taiwan?“ fragten die meisten mich. Formosa Oolong ist ein vergessener Begriff auf der Insel, wo es nun Englische Tees und Indien-Tees trendy sind. Ich bemühte mich, es zu erklären, was einem Oolong zu einem Formosa Oolong macht und weshalb der Formosa Oolong immer noch Formosa sein sollte. Ich sollte doch in nächsten Mai in Belgien mithelfen, wenn es dort ein Taiwan-Tag stattfindet. Formosa Oolong ist ja so einzigartig wie unser Land…

晓来雨过, 遗踪何在, 一池萍碎

Nach dem kurzen Regen, finde ich Deine Spuren nicht. Im Wasser ist nur gebrochene Welle.

 

Trotz dem vier-steinern Hotel war das Essen richtig zu „kotzen“. Ich litt unter Verdauungsstörung. Magenschmerzen und Durchfall liess mich nachts nicht schlafen. Ich würde gerne wieder nur Reisbrei von meiner Mutter essen oder etwas einfacheres. Als Jörg mich zu einem Apfelweinbeiz brachte und ich Sauerkraut und Püree bestellen konnte, fühlte ich mich richtig wohl. Sauerkraut! Ich weine fast. Ich fragte Jörg, „Wie so bin ich denn überhaupt in Zürich gelandet?“ Er versprach mir ein Sauerkraut-Restaurant in Zürich aufzumachen – nur wegen mir.

Vergessen ist ein grausamer Akt. Heimweh und Sehnsucht nach jemandem manifestieren sich durch Magenschmerzen. Ich spürte die Säure und Frische des Krauts. Vergessen wird es, weil man glaubt, somit weiter gehen zu können…