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Jeden Tag 17 Minuten…

Meng Lin, ich finde, du hast sehr viel dafür geleistet, dass du dich nicht unbedingt einsam fühlen musst. Ein paar gute Leute sind immer da und wollen sicherlich, dass es allen gut geht. So empfinde ich das, und bin dankbar, dass du imstande bist, so einen Laden zu führen, wo man hingehen kann und auch Leute treffen kann, über die man sich freut, wenn man sie sieht. So einfach empfinde ich das und wünsche dir viel Energie. Und Kunst ist ein grosser Energiegeber, sie ist wie eine mächtige elektrische Batterie, die dem Menschen doch auch in schwierigen Zeiten Kraft spendet. Und der Mond leuchtet nicht von allein, er reflektiert die Sonne, und wir auf Erden erfreuen uns des Lichtes, der Sonne und der Sterne:-).

Meine Zeile über Einsamkeit und Gemeinsamkeit hat L. zum Nachdenken gebracht und heute bekam ich einen langen Email zu lesen, das mich ermutigen sollte, sich nicht einsam in Zürich zu fühlen.

Ich fühle mich nicht allein. Einsam-Sein ist nur ein Zustand ohne Konnotation und bietet einen Raum, mich selbst zu begegnen. Ich pflege jeden Tag diesen Raum – also meine Einsamkeit, auch wenn meistens Menschen um mich sind. Gerade wenn Menschen um mich sind, muss ich um so mehr diesen Raum beschützen!

Wie oft habe ich mich gefragt, was bringt mir eine Tasse Tee? Was bringt Shui Tang in Zürich? Was bringt Tee dieser Welt? Wozu ich? Diese Frage wird oft brennend, wen viele Menschen im Kaufrausch sind und sich in Shui Tang irrten. Was bringt das?

Was bringt eine Tasse Tee in dieser Welt im Krieg, vor einem ausbrechenden Krieg oder nach einem verheerenden Krieg?

Umgekehrt kann ich mich fragen, kannst Du dem Tee jeden Tag 17 Minuten geben? Kann ich mir selbst jeden Tag 17 Minuten geben? Wenn Du es Dir nicht jeden Tag geben kannst, dann vielleicht einmal wöchentlich oder gar nur 17 Minuten in einem Leben? Warum nur 17 Minuten? Tee kann Dir weder Reichtum noch Rum geben. Genau wie die Poesie. In dem Kampf der Erlebnisgesellschaft kann Tee nur weiter nach hinten treten und ans Ecke gedrängt werden.

Die Zahl 17, 1+7 = 8. Nummer 8 ist der Anfang nach einem Zyklus und das Symbol der Unendlichkeit.

Wie wäre es ein Tag ohne Duft aus einer Tasse, keine Farbe in dem See meiner Schale? In diesen 17 Minuten hast Du Duft in der Nase, Aromen im Gaumen, und Bilder im Kopf. In diesen 17 Minuten kann ich den Ruf aus dem Wald hören, das Nordlicht auf meinem Dach ahnen und die Verbindung zu jemandem, der mir am Herzen liegt, spüren. Diese kurzen 17 Minuten ist wie ein heiliger Raum, der mir Klänge und Töne schenkt – in einer desillusionierten Welt.

Neulich schrieb Tim mir, dass er sich so sehr auf den ersten Schnee in Zürich freut. „Warum?“ „Weil in diesem Moment Magie über Zürich herrscht!“ Dieser Sad-Boy berührt mich immer wieder mit seiner nebensächlichen Bemerkung. Kannst Du Dich noch an den Tee erinnern, der Deine schöne dunkle Seite des Lebens offenbart? Ich weiß nicht, ob er es noch genau weiß. Ich weiß, dass er die Funken aus der anderen Welt wahrnehmen kann und dass er etwas in seinem Leben hat, was ihm nährt und flüstert, wenn er auf der Suche ist! Er wird sich rechtzeitig an dem Geschmack des Tees erinnern!

Ich warte auch auf dem ersten Schnee. Der erste Schnee bleibt nicht, bringt alles durcheinander und bedeckt das, was die Zeit vergessen will.

Kannst Du Dir jeden Tag 17 Minuten Zeit geben, für eine Tasse Tee? Oder anders formuliert für Deine Einsamkeit! Und wenn der erste Schnee kommt, lass Dich in diesem 17 Minuten von der Magie Zürichs verzaubern!

Muss man beim Teetisch philosophieren?

„Kann man nicht nur einfach Tee trinken, nicht philosophieren?“ 

Dies hat meine Besucherin gestern betont.

Wenn Serafino nach der Schule zu Shui Tang kommt, will er mit mir plaudern. Er will wissen, warum sollte man nicht das Wort Neger verwenden, oder ist es ethisch wenn man beim Kepab Stand Fleisch isst?

Als ich so jung war, war ich wahrscheinlich wie Serafino, ein Sinnsuchender. Ich lass gerne Diderot, Voltaire und Nietzsche. Tief geprägt von ihren Ideen suchte ich Lösungen für meine Welt. Es ist wahrscheinlich ein tiefes Bedürfnis als Mensch nach Sinn des Lebens zu suchen, eigene Wünsche nach Aussen zu projizieren und Götter zu erfinden. Anstatt zu realisieren, dass wir diejenigen sind, etwas auf die Natur zu projizieren und Göttr gestaltet haben, glauben wir, dass es ein „Gott“ gibt, der uns schöpft. 

Aber es gibt tatsächlich so etwas wie ein „Gott“. Etwas was wir nicht benennen können, etwas was wir als Unendlichkeit bezeichnen, etwas was wir alssinnvolle Zufälle beobachtet haben. Etwas, was Chaos darstellt.

Chaos, im Griechisch, ist der Gegenbegriff von Kosmos. Kosmos als perfekte Ordnung. Chaos als ein Zustand vollständiger Unordnung, ein Raum zu gestalten. „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.“ So Nietsche.

Nietzsche geht noch viel weiter, er sagte, „wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen, wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.“ 

Für viele Menschen bin ich ein „Vernichter“, weil mein Verhalten ihren Bilder nicht entsprechen. Für Leute, die bei mir Tee lernen, ist es als ein Lehrer fast wie ein Pflicht, ihre Werte zu rütteln und zu hinterfragen. Für anderen die gelegentlich in Shui Tang Tee trinken, ist es mir eher gleichgültig, was sie denken.

Ich philosophiere vielleicht gerne, weil ich gerne mich selbst hinterfragen, das Philosophieren hilft mir selbst kritisch zu sein. Die Philosophie ist für mich wie der Tee, der mein Denken in Frage stellt und meine Wahrnehmung erweitern. Tee gibt mir keine Lösung für meine Probleme, auch wenn viele Werbungen von Heilwirkungen erzählen. So wie die Philosophie uns ebenfalls keine Lösung verspricht, schenkt diese Fähigkeit zu denken uns ein Werkzeug, kritisch zu uns zu sein, uns als Schöfper zu betrachten anstatt als Opfer einer Geschichte.

Man muss nicht bei einem Teetisch philosophieren, aber man wird vielleicht irgendwann auffallen, dass man zu bestimmten Moment bestimmten Tee gerne trinkt, bestimmte Teetasse mit bestimmten Tee und wahrgenommenen Emotion verknüpft werden. Man fängt an zu beobachten, zu reflektieren und dann sieht sich selbst im Spiegelbild des Tees. Plötzlich… merkt man – es sind paar Schritte, die man hinter sich gelassen hat.

(Angeregt von einem Gespräch mit Eva Schiffer, http://www.philo.ch. Es war eine tolle Sternstunde!)