Archiv der Kategorie: Formosa Oolong Tea 台灣烏龍茶

Gukeng Oolong und Vivaldi – I

Ich gebe zu, ich habe Vorurteile. Vorurteile gegenüber Musik von Barock (natürlich habe ich noch viele andere Vorurteile). Warum? Die Zeit in Barock war eine krieg-reiche und von Pest verseuchte Zeit. Eine Zeit, in der Menschen starben und verrecken am Ecke der Strasse. Während das Leid der Menschheit herrschte, begleitete die Musik das Tanz im Hof. Das bekannte Stück von Vivaldi „Vier Jahreszeiten“ hatte ich kategorisch vergessen – bis zum Sonntagabend.

So viel Lebenskraft und menschliche Gefühle sprudeln aus den Noten. Sie versetzten mich nach Venedig. Venedig war für mich ein besonderer Ort – ein Ort mit einem Fuß im Okzident und ein anderer Fuß im Orient. Anmutig und prächtig. Harmonisch und zugleich widersprüchlich. Der Duft der Blumen gemischt mit den Geruch aus der Erde roch ich in der Musik. Und die Lebensbejahung begleitet von Ehrfurcht vor der Natur (Gott) klopfte mein Herz.

Nachdem ich wieder allein war, wirkte die Musik noch sehr lang nach. Der Nachklang holte mich wieder nach, als ich den 古坑 Gukeng Oolong vom Frühling 2019 in Shui Tang degustierte. In meiner Tasse war er noch zurückhaltend, nachdem er eine lange Reise nach Zürich eintraf. Trotzdem duftet er nach leisen Orchidee, Maiglöckchen und Zitrusblüte. Reife Banana und Longgan drängen sich rasch im Vordergrund. Das, was man nicht übersehen kann, ist der starke Ausdruck con mineralischen Spuren in den innersten Schichten des Tees. Ist es ein Felsentee? Ein Felsentee aus Taiwan? Die anmutigen floralen Töne schmücken den fruchtigen Körper, dessen Kern von essentiellen Stein-noten besteht. Geschmeidig und aufrichtig. Entzückend und charakterstark. Ich hörte wieder den Tanz von La Primavera. Ich ahnte den Donnern und den Wind. Und den unausweichlichen Rückkehr zur Rhythmus der Natur. Zurück zur Erde.

Shui Tang wird im Herbst zehn Jahre alt. Atong, mein Lehrer suchte diesen Tee für Shui Tang als der Jubiläumstee. Und dieser Tee wächst in einem steilen Hang, wo viele zersetzten Steinen und Felsen zu finden ist. Warum dieser Tee? Was kann dieser Tee diesen Prozess von Erwachen und Beginn, Verwandeln und Reifen, Rückbesinnung und Neubeginn präsentieren?

Zurück zum Stein

Als ich wieder bei Lijiao war, um die Schalen der Gruppe abzuholen, hatten wir einwenig Zeit miteinander in der Ruhe zu unterhalten.

Ich habe sie gefragt, weshalb sie mit uns solchen Stil gemacht hat. Sie sagte, dass sie uns den Zugang zum „Stein“ vermitteln möchte.

Als sie ihre Werke in China ausstellte, würde sie herausgefordert von chinesischen Keramiker aus 宜興 Yixing. Sie wurde gefragt, wie sie den Unterschied zwischen beiden Stilrichtungen betrachtet. Zuerst zeigte sie ihr Respekt vor der grossen Tradition. Andererseits machte sie es klar, dass Taiwan ein Paradies sei für Menschen, die aus Steinen und Erde töpfern möchte. Es gibt so viele umfassende Sorten von Mineralien und die Natur schenkt uns unzählige Möglichkeit, wenn der Mensch die Augen öffnen kann und bewusst ist, hat er grenzlose Auswahl an Gestaltung und Materialien. Aber das Erste ist das Verständnis von „肉 Fleisch“ und “ 骨 Knochen“ der Keramik.

Mit “ Knochen“ meint sie das Verständnis und Fähigkeit selbst den Grundton auszuwählen und zu verarbeiten. Und dann mit ausgewählten Mineralien zu ergänzen, bis ein gewollte Tonerde entstanden ist. Mit “ Haut“ meint sie die Glasur. Sie war so bescheiden, dass Sie mir sagte, sie experimentiert immer noch, wie man nur aus natürlichen Materialien traditionelle Glasur zu mischen. Das schwierigste von Ganzen ist, die richtige Atmosphäre im Ofen zu finden und wieder herzustellen.

Mit unserer Gruppe wollte sie, die Textur von der Essenz des 岩礦 Yan Kuang Stil vertraut machen. Die Textur zu spüren, zu gestalten und zu verstehen.

Verschiedene Tonerde sind geeignet für verschiedene Teesorten. Glasierte Tassen sind besser für duftende Teesorten, während unglasierte eher für gerösteten oder gelagerten geeignet ist. Sie versteht sich als Dienerin des Tees 侍茶人. Sie arbeitet für einen guten Tee in einer Tasse. Nicht für die Kunst oder für irgendetwas, sondern für Tee.

Das war für mich der wesentliche Unterschied zwischen vielen Handwerker oder Keramiker oder Künstler, die Teegefäss bearbeiten. Viele trinken keinen Tee oder sind zufriednen mit ihren Tee-Erfahrungen. Das ist ebenfalls der Grund, weshalb dieser Stil von Keramik und ihre Person mich fasziniert.

„Meng-Lin, hast Du nicht das Gefühl, dass diese Schale aus Steinen entstanden ist.“

„Ja. Und diese Schale ist zugleich ein umfassender Stein.“

Ein wunderbarer Kreislauf. Wir schauten uns an und fühlten verstanden.

Ps. Sie erzählte im Video, wie man solche Gefässe pflegen kann. Nach dem Gebrauch immer mit Tee pinseln und anschliessend mit einem Tuch polieren. Dieser Akt heisst, Gefässe 養器 Pflegen. Das ist ein Pflegen mit dem eigenen Geist.

Der schwere Körper und dessen Flügel II

An Sonntag fragte mich Tim, was macht man, wenn man „gefangen“ ist? Er meint mit der Situation mit Prüfungen und Prüfungen. Meine Antwort war, Aushalten. Aushalten bis die Zukunft uns Funken schickt.

Aushalten und Ausharren. Wenn die Fenster von Turm von sich öffnen, werden wir ausfliegen. Warum glaubt man, dass die Fenster von sich allein öffnen? Die Fenster da draußen sind korreliert auf den Fenster meines Innern. Wenn mein Herz wie klares Wasser gepflegt wird, wird das innere Sehen klar und scharf – denn das Sehen auch riechen, hören und tasten bedeuten kann. Wenn die Seele leichter wird, wird man auch fliegen können, weil man träumen kann – wie Chagall. Der Mann, der zwei Träume ins Exil mitnahm: ein Traum von seiner geliebten Frau und ein Traum von seinem geliebten Heimat. So kann er zu seiner Frau an seinem Geburtstag und über sein Heimatsdorf fliegen. Was machen wir, wenn die Fenster eines Turms eines Tages geöffnet werden und wir immer noch nicht bereit sind, zu fliegen?

Der Körper ist schwer, aber er kann meine Seele nicht einengen. Was kann ich gegen die Unzulänglichkeit des Lebens tun? So schreien wie Picasso? Oder weiter träumen wie Chagall?

In vielen alten chinesischen Malerei wurden Menschen unauffällig und klein dargestellt. Als junges Mädchen war es für mich ein Beweis genug, sich von dieser Kultur abwenden zu müssen. Das Individuum wird nicht beachtet – dachte ich. Hingegen strahlt und glänzt die griechische Darstellung des Körpers in dem Bilderbuch, stark und anziehend.

Nun bin ich nicht mehr ein junges Mädchen und realisiere, dass die Statue von Aphrodite und Apollon zwischen 18 bis zum 21 Jahre alt geblieben sind. Was und welches Vorbild kann für eine alternde Frau sein? Was bleibt, wenn alles vorbei ist?

Was bliebt, wenn alles vergangen wird? Es bleibt nur der Geschmack. Gestern regnete es fast ununterbrochen in Zürich. Ich lief genervt und wurde auf einmal klar. Es riecht hier anders, anders als Taipei. Es ist oft sehr heiß dort. Und wenn es richtig heiß wird, regnet es mit Donner und Blitz. Danach scheint es wieder die Sonne und der Geruch in der Luft ist erdig, grasig und oft gemischt mit irgendeinem Essstand. Oder im Pflaumen-Regen-Periode, so heißt es bei uns im April, regnet es ununterbrochen. Die Luft ist immer feucht, so feucht wie eine feuchte unbeachtete Teekanne bei meinem Großvater neben dem Schaukelstuhl.

Als der Großvater starb, als sein Sarg ins Feuer geschoben wurde, wurde ich aufgefordert laut zu rufen, „Gehe schnell, beeile Dich! Beeile Dich!“ Beeile Dich, Großvater, es geht uns gut. Gehe bitte. Sein Körper ist tot, aber wir glauben, dass seine Seele an die Familie haftet. Wenn er die Klarheit nicht bekommt, an die Liebe haftet, kehrt er zurück und bekommt wieder einen Körper. Somit kehrt er wieder zurück in die leidvolle Welt der Phänomenen. Wenn er sich einmal von seinem Körper befreit, wird er weg fliegen wollen? Oder vermisst er den Geschmack seines Tie Guanyins? Nur wegen dem Duft des wunderbaren Oolongs aus Taipei nimmt er wieder einen schweren Körper auf sich, um zurückzukehren?

Ich schaue gerne den Himmel aus einer engen Gasse, zum Beispiel aus der Spiegelgasse. Ich weiß, dass der Himmel breit und weit ist. Aber der Himmel aus der Spiegelgasse ist ein Ausschnitt. Es hat einen Anfang und ein Ende. Ich kann ihn stundenlang anschauen in verschiedenen Jahreszeiten und Witterungen. Er ist so begrenzt wie ich. Es hat einen Anfang und ein Ende.

 

Der schwere Körper und dessen Flügel I

Fortsetzung zu „chawangshu-und-die-unsichtbaren-fluegel“.

In meinem Leben – bis jetzt, nehme ich stets die Reibungen und Zusammenstösse mit dem Leben des anderen wahr. Diese Zusammenstösse gaben mir häufig Mut, um den Fluss meines Lebens zu ändern. Manchmal mit einer großen Anstrengung. Oft schmerzt es besonders, wenn das Gefangen-sein präsent ist. Gefangen in einem Turm, kein Ausweg. Nur die Flügel können die einzige Lösung sein. Flügel auszustrecken ist schmerzhaft, weil man gefangen ist. Weil die Seele sich gefangen gehalten fühlt. Wenn diese Schmerzen kommen, versuche ich mir zu sagen, schaue sie genau hin – es schmerzt nur so viel, nicht mehr.

Ich will fliegen, aber mein Körper ist zu schwer. Kurz vor meiner Reise, vor allem solche mit vielen Menschen auf einer Teereise, nehme ich das Gefangen-Sein besonders stark wahr. Es gibt kein Zurück. Du muss geradeaus.

Das Gefangen-Sein im Turm ist begleitet mit Zweifeln. Wieso mache ich so etwas? Warum will ich nicht vermeiden, mir selbst solche Last aufzuladen? Warum sollte das Leben leiden?

Es gibt viele Dinge, die nicht verstanden werden, zum Beispiel das Ans-Messer-Laufen wollen. Krisen bringen Menschen näher. Der schwere Körper kommt zu einem anderen und sucht Kraft – als ob das Näher-Rücken Kraft anzünden könnte. Krisen sind oft äußerlich verstanden, aber ihre schreckende Wirkung offenbart sich auf der seelischen Ebene und manifestiert durch den Körper. Weshalb suche ich solche ausweglose Situation anstatt es zu vermeiden?

Irgendwie sind Momente in einer Krise richtig aufregend und in Vorahnung vor einem richtigen Ausbruch sind Menschen besonders kreativ und voller Energie. Das Potential des einzelnen will sich entfalten und ich fühle mich sehr nah an der Schöpfung. Das Leben ist so voll „energetisiert“ und die Flügel sind besonders spürbar. An das Unmögliche glauben, weil die Form des Denkens uns fangen – eine der Leit-Essenz von Diamant-Sutra, kann hilfreich sein. Der Körper und der Geist kommen zusammen. Sie bereiten sich für einen großen Abenteuer vor. Um gegen das Scheitern bekommt ein entschlossener Mensch beflügelnde Kraft. Was passiert wenn die Flügel brechen und der Körper zu schwer wiegt? Ist es ein Leiden ohne Preis?

Im Fallen der Flügel – im Fall des Leidens und Scheitern bekommt einer eine Chance über die Möglichkeit des Seins nachzudenken. Wenn ich vielleicht nächstest Mal anders fliege, mich anders bewege, vielleicht – vielleicht wird es klappen?

Es gibt viele Dinge, die nicht wirklich verstanden werden. Zum Beispiel der Noah von Michelangelo in Sixtinischen Kapelle. Ist der Noah ein frommer fleißiger Bauer, der ackert? Oder ist er ein nackter betrunkener belächelter alter Mann, der von seinen Enkeln belächelt wurde?

Die zwei Seiten von Noah und der Noah in jedem von uns sind nach dem konventionellen Denken nicht zu verstehen und zu vereinbaren. Diese Dilemma ist gefangen im Denken. Der Körper ist schwer, der uns auf dem Boden hält. Die Flügel sind leicht und beflügelt uns dorthin, wo wir uns nicht einmal vorstellen können!

(Werbung für Tee: Wenn Du Deine Flügel nicht spürst, dann ist der Tee noch nicht genug getrunken… und bei solchen Momente empfehle ich gerne den Qilai Dongpian!)

Der Orchideen-Kult und Charen (Teemensch) II

Meine Grossmutter hiess Qing-Pang – Klarer Duft. Wenn ich auf der Strasse in Songshan lief, wusste jeder, dass ich Enkelin von Qing-Pang war. Nicht auf der Strasse essen, stets höflich und mit gradem Rücken, und immer vor den Älteren beugen – war ihr Habitus und war das, was sie von uns verlangte. Jeden Morgen und mittags kochte sie 10 Liefer Baozhong. Diesen Tee brachte mein Vater runter vor der Tür und stellte ihn an der Strasse um den durstigen Passanten zu offerieren.

Sie pflegte und liebte auch Orchideen. Ich sah sie jeden Tag zwischen den Orchideen. Nicht nur sie, auch mein Großvater. Sie liebten Orchideen. Mein Großvater bezahlte Leute, die für ihn in die Bergen gehen, um wilde Orchideen zu suchen. Er selbst ging auch, wenn es ihm gut ging. Wenn er zurückkam, brachte er nicht immer Orchideen zurück, weil man ihn nicht immer finden konnte, aber Kräuter! Ich wusste dann, dass ich eine Woche lange feinen Kräutertee zu trinken hatte! Meine Großmutter süßte ihn mit Kandis-Zucker, weil es so schöne Stimme macht. Schöne Stimme war wichtig für sie. Sie sagte oft zu uns, Menschen mit feiner Stimmen haben Glück.

Meine Mutter verstand all dieses Habitus nicht. Nach dem Tod der Großmutter starben nach und nach die meisten Orchideen. Orchideen haben auch eine Seele? Erkennen sie auch Liebe?

Jahrelang verstand ich nicht, was für eine Kluft zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter gab. Ich verstand auch nicht wozu Orchideen. Mit dem Erwachsen werden begreife ich langsam, dass viele Dinge dieser Welt nicht mit Mühe gelernt werden können – denn sie gehören zu einem Habitus, was verinnerlicht werden muss. Meine Mutter hat eine sehr hohe Bildung, aber verstand nicht den Kult. Sie kann es durch Bücher lesen, aber nicht fühlen. Das zu fühlen, was Orchideen einem Menschen ausmacht – eine Seelenverwandtschaft.

Vielleicht hat der Orchidee den Geschmack des Erwachsen-werdens?

S. brachte mir einen Orchidee, der im Vietnam-Krieg als ausgerottet galt und plötzlich im 80er Jahren auftauchte. Dieser Orchidee war und in Taiwan immer noch sehr kostbar, heute bekommt man in Zürich für 20 Sfr. Er lachte, weil die Schweizer ihn nicht kennen, meinte er. „Man verkauft Orchideen in der Schweiz nach der Größe der Töpfen anstatt nach der Seltenheit.“ Aber vielleicht ist die Seltenheit hier anders verstanden! Er nickte seinen Kopf. Er fragte, mich, wie ich diesen Orchidee als schön finde?

Ich finde ihn schön, weil er nicht stark wirkt – nicht hübsch oder fröhlich; weil ich Anmut in ihm erkenne – obwohl er nicht hübsch oder fröhlich wirkt; weil er eine Seele zeigt oder einen Ausdruck macht – er wolle etwas sagen. Ein Pflanzen, das für sich selbst spricht. Nicht so schön wie die Rose. Nicht so fröhlich wie Kirschblüte. Nicht so prächtig wie die Päonie. Wie ein elegantes schwingendes Blatt im Winde, das nicht fällt und nicht flattert. Was für ein Habitus?

Orchideen wirken nicht stark. Sie sind aber sehr stark. Sie sterben sehr langsam. Und wenn sie sterben, zeigen sie es Dir nicht.

Orchideen wachsen sehr langsam. So langsam wie das Wachstum unserer inneren Kraft, die unsere Vision realisieren kann! Sie wachsen nach ihren Rhythmus. Der Mensch, der Orchideen pflegt, lernt Geduld und Vision von Zukunft im Leben zu pflegen. In der alten chinesischen Tradition gehören Orchideen-Kult die Erziehung eines wahrhaftigen „Mannes“. Geduld und Vision gehören zu einer Einheit. Wenn die Vision des Lebens langsam klarer wird, übt man geduldig, um die Chance reifen zu lassen und Momente zu ergreifen. Man hat nicht immer Pech. Man hat ebenfalls nicht immer Glück. Pech oder Glück sind oft Prüfungen, die uns verlangen, nicht aufzugeben.

Orchideen geben selten auf. S. sagte mir, Orchideen geben seinen Leute oft Chance. Ich seufzte, „Oh, wenn man sie erkennen würde!“ „Weiss Du, dass solche Orchideen oft unter einander abmachen, dass nur ein Orchidee an einem bestimmten Platz überleben sollte.“ „Machen sie Suizide? Wie machen sie denn das ab?“ Er schüttelt seinen Kopf, keiner weiß es. Aber es ist so.

Diese Sorten von Orchideen tauchen immer nur einzel auf. Obwohl 10000 fache Samen verstreut werden! Nur ein einziger Orchidee sollte vor unseren Augen erscheinen! Sie wollen nicht mit anderen Orchideen zusammen mischen. Sie wollen ihren eigenen Standort selbst wahren. Was für eine Vision? Was für eine Wille? Was für eine Einstellung – nur für die einzige Schönheit, die eigene Lebenschance aufzugeben? Die Stärke der Seelen-Kraft – wenn ein Orchidee es überhaupt hat, berührt mich. Ich fühle mich verstanden. Ist das, warum sich Teemenschen (Charen) in der alten China von diesen Pflanzen so angezogen fühlten? Oder gar verstanden fühlten?

„Shui Tang ist ein idealer Ort, den Orchidee zu zeigen.“ sagte er. „Vielleicht fühlen die Menschen sich auch angezogen, nicht mehr nach der Größe und Stärke eines Pflanzen (oder Menschen?) als schön oder nicht schön zu beurteilen?“ Sondern nach dem Habitus (das gesamte Erscheinungsbild) und manchmal genau wegen den hässlichen Blüten.

 

Der Orchideen Kult und Charen (Teemensch) I

Rare Orchideen werden geklaut. Wo? Aus botanischen Garten oder aus Oeko-Wiese. Oder aus geheimen Orten. Seit gestern und immer noch heute.

Eine Meldung aus Deutschland am 18.06.2018:

Tee aus Orchideen?

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Mitarbeiter des Kreises vermuten, dass Diebe, die mit den Orchideen handeln, sich gezielt diese artenreiche Wiese ausgesucht haben.

Renate Ortelbach hat eine andere Theorie: „Ich habe gehört, dass Leute vom Balkan die Pflanzen ausgraben, sie trocken und dann als Tee verkaufen.“Derartige Teemischungen sind im Internet zu haben – zum Preis von 20 Euro für zehn Gramm.“

Eine Meldung aus Bern am 04.05.2018

„Diesmal sind es zwei sehr seltene Orchideen, die entwendet wurden. Man erhalte diese Pflanzen nicht im Handel, erklärt Castelberg. Deshalb vermutet sie, dass ein Sammler sich die seltenen Orchideen sichern wollte.“

Und Orchideen Dieb! Susan Orlean widmet dieser fieberhafte Tatsache zuerst mit einem Reportage „Orchid Fever“.  Später schrieb sie aus dieser Geschichte das Buch „Der Orchideen Dieb“ und später ist der Film „Adaption – Der Orchideen Dieb“ entstanden. Eine Geschichte von Sammler, Jäger und einer anmutigen unfassbaren Blume voller Eleganz.

Tee aus Orchideen zu trinken? Alte Chinesen badeten gerne in Orchideen, parfümierten gerne Sake mit Orchideen und schliefen gerne im Kissen von Orchideen. Vor allem Teeliebhaber – Charen lieben Orchideen. Oolong duftet nach Orchideen. Der Tee-Mensch fühlt sich wie ein Orchidee. Ich möchte demnächst mit Beiträgen der Orchideen-Kult der chinesischen Teekultur widmen – und auch um einen Brücke zu meiner Kindheit bei meinen Grosseltern zu schlagen.

Solche Orchideen wachsen wie Gräser und sind solche was meine Großmutter liebte und pflegte. Sie nahm sie für Sake oder Kopfkissen. Sie waren Ihr Schatz und ich dachte oft als Kind, die Orchideen seien wichtiger als ihre Enkelkinder!

(Foto aus Blumenmarkt Taipeis)

Alishans seltene Winterernte

Wenn Du Chanel No.5 nicht kennst, weiß Du nichts von Parfüm. Wenn Du Alishan Oolong nicht kennst, kennst Du keinen Hochlandsoolong.

An allen Bergen auf Insel Taiwan werden heute fast überall Oolong angebaut. Aber warum Alishan? Alishan, genauer gesagt Meishan, 1200 Meter über den Meeresspiegel hat den ersten Teegarten im Hochland. Seit der japanischen Zeit wurden hier Teepflanzen aus Samen gezogen, die zwischen Bambus wuchsen. Seit 1975 werden hier Qingxin Oolong angebaut. 1978 kam der ersten Hochlandsoolong auf den Markt. In den 80er Jahren ist der Alishan (Meishan) der Lieblingstee von Teeliebhaber Taiwans.

Als ich zum ersten Mal in Meishan war, fragte ich damals einen alten Bauer, der auf Hof aufs Welken des Tees wartend hockte. „Warum bauen Sie Tee in den Bergen an?“ „Wir hier in Meishan haben gutes Fengshui und uneser Tee duftet. Das muss die Welt wissen und zwar seit japanischer Zeit!“ Ich fragte weiter nach. Er wurde allmählich sprachlos und antwortete bloß, „unser Tee duftet.“ Er duftet. Was meint ein taiwanischer Bauer mit dem Duft? Warum ist der Duft der beschreibende Sammelbegriff von einem Tee?

Wenn man mich fragt, wie Taiwan duftet, würde ich sagen, nach Ananas, nach Mangos, nach Osmanthus oder nach dem Regen. Nach dem Regen duftet unser altes Haus nach Stein. Ich hatte als Kind oft das Gefühl, dass meine Zunge an einem Stein leckte, wenn der Pflaumenregen (es heisst Pflaumenregen, weil Pflaumen in diesem Saison reifen) im Mai ununterbrochen fiel. Auch der Regen über unser Dach war nur manchmal sanftmütig, aber meistens leidenschaftlich und wild – wie die Bewohner auf dieser Insel und wie der Tee. Der Duft einer subtropischen Insel vermittelt eine Sehnsucht. Aus dieser Insel in die Welt zu gehen will ein Inselbewohner in seinem Leben mit seinem Tee. Er will seinen Duft in die Welt bringen. So wie Chanel?

Als ich diesen Alishan vom 2018 Dezember zum ersten Mal trank, dachte ich es sei ein Dongpian. Mein Lehrer schüttelte seinen Kopf, „Ein wahrer Wintertee aus Alishan. Selten geworden. Selten geworden.“ Selten geworden – weil man in Alishan selten im Dezember Tee pflückt, weil es 70% Ernteausfall bedeutet. Weil es wirtschaftlich nicht passieren darf. Kühler distanzierter Duft aus einem Gedicht von frisch reifenden Früchten, blühenden nördlichen Blumen und frischen Gemüsen. In der Mitte die nicht zu verpassende Caramel-Süsse. Der Duft hinterließ deutlich einen Raum, wo die Phantasie weiter feiert und mit Flügeln in die Welt fliegt. „Der Duft!“ ich rief „Ihn kenne ich nicht!“. „Ja, dieser Duft, er ist selten geworden.“ antwortete der alte Meister. Ich schaute in die Tasse und zu meinem Lehrer. Zwischen uns liegen mindestens 20 Jahre. Eine Generation. Der Duft ist der Brücke oder das Verbindungsglied, was uns verbindet ohne Worte. Jemand von uns kannte den Duft. Jemand von uns lernt den Duft kennen. Beide von uns wollen diesen Duft weiter tragen.

Was meinte der alte Teebauer vor 15 Jahren in Meishan mit dem Duft, was ihm im Grunde genommen nicht benennen konnte? Etwas, was nicht Fassbares, Duftendes, Feines, Herrliches und Schönes, was Menschen begeistert, berührt und bereichert, hat er in seinem Tee gefunden. Damit wollte er nicht auf dieser Insel bleiben lassen. Der schöne feine Tee muss in die Welt, damit WIR miteinander verbunden werden können!

Respektvoll trank ich diesen Alishan und will seinen Duft in meinem Körper speichern.

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Wozu, Pfirsichdorf? Notiz über Qilai Dongpian

Die Fahrt ins Pfirsichdorf ist atemberaubend. Die Pfad zu schmal – ungeeignet für die Gruppe. Atong lehnte gleich meinen Vorschlag ab. Aber vielleicht die heisse Quelle nebenan? Die Quelle ist kein Spa! Sondern heiße Quelle im wilden Bach!

Wozu zum Pfirsichdorf?

Pfirsichdorf von Tao, Yuanming vermittelt mir ein Bild von der lebendiger Utopie – wir können so leben wie wir sind, als Menschen. Das Wunschbild widerspiegelt der Macht der Wunschvorstellung über einzelne Person, die sich an das Kollektiv orientieren muss. Was sollte ein Mann liefern? Wie sollte eine Frau leben? Wie sollte ein Tee sein?

Oft verschiebt sich die Vorstellung von Wunsch. Meistens hat diese Vorstellung nichts mit der „Qualität“ zu tun, sondern mit der Wirtschaft.

Wie muss ein guter Oolong sein, der vor dem Jahreswechsel gepflückt wurde? Diese Frage war notwendig, weil die Teemaker auf Insel Taiwan importierte Arbeitskraft aus China war. Ihr Denken von einem Jahr endet mit dem Mondkalender. Sie kamen nach Taiwan im Mai und fuhren wieder kurz vor dem Neujahrsfest wieder heim. Der heutige Dongpian – Winterblatt war eigentlich die frühere Winterernte. So hatte eine Winterernte vor fünfzig Jahren noch eine andere Note als heute – der Geschmack von Dongpian (Winterblatt). Die Wunschvorstellung über die ideale Ernte verschob sich aufgrund der Wirtschaft – die Pflücker haben heute ein Zeitplan um die Insel. Im Oktober sind sie im Hochland und später in Mingjian. Teepflanzen muss zu diesen und jenen Termin liefern.

Der heutige Dongpian ist oft die Teeblätter, die zu der Pflückzeit nicht ideal waren. Sie wachsen zu kurz und zu langsam. Sie verpassen die Wunschvorstellung von Bauern. Wenn der Bauer genügend Mittel und Kapazität zur Verfügung hat, lässt er die Ernte pflücken. Meistens lässt man es sein. Die Teepflanzen werden richtig geschnitten, damit sie im Frühling richtig liefern können. Aber die heute gepflückten Dongpian nennt man auch Bu-Zhi-Chun, der Tee, der nicht weiss was der Frühling ist. Ein Tee, der in den Winter zu wachsen beginnt und vor dem Frühling gepflückt wird, hat seine eigene Jahreszeit.

Der Qilai Dongpian, produziert am 25.12.18, füllt meinen Mund mit Düften von Maiglöckchen, Frieder oder Jasmin. Selbst nach vier Aufgüssen zeigt er immer noch seine florale Präsenz. Die Honig-Süsse! Die fruchtige Pfrischnoten! Aufgegossen in einer Zhuni Kanne bezaubert er fremde Teeliebhaber und versetzt das Erfahrungshorizont. War er zu klein und zu schwach? Zum Glück entsprach er nicht der Vorstellung der Menschen und hat die Chance wie ein Segen auf den Teetisch zu erscheinen.

Atong sagte mir oft, dass man vieles über Tee fürs Leben lernen kann. Die Marktwirtschaft hat ein Zukunftsbild mit Menschen und mit Tee, was meistens die Wesen der Dinge egalisiert und reduziert. Ein Wintertee hat ähnliches Verhältnis von Sonne und Klima wie von dem Frühling – worin besteht noch der Unterschied zwischen den Ernten? Und zwischen Dir und mir? und zwischen links und rechts?

Zwischen den Entscheidungen von links und rechts liegt häufig die Angst. Angst um zu verpassen. Verpassen von was? Was wir dort verpassen können ist oft das, was die Anderen von uns erwarten. Das, was wir werden wollen, wie wir es wollen, beginnt vielleicht erst nach dem Verpassen.

Der zauberhafte Qilai Dongpian erinnert mich nicht nur an das Nordlicht, sondern auch an das Pfirsichdorf. Mystisch hoffnungsvoll und konkret erfahrbar. Das Pfirsichdorf lebt in meinem Herzen anstatt in der Zukunft. Die „verpassten“ Teeblätter entfalten sich zu dem besten Bild, was sie von sich geben können.

Nach einer Teerunde goss ich den Qilai noch einmal und liess ihn über die Nacht stehen. Als ich morgens ihn aus der Tasse trank, hörte ich einen innigen Ruf : Guten Tag! Jeden Tag, ein guter Tag!