Archiv für den Tag 15/01/2008

Teeküche in Beijing (Peking) – ein Essay von Zhou Zuoren

Auf dem Dong-An Markt kaufte ich ein Buch „我的书翰“ von dem japanischen Schriftsteller 五十岚力. Er erzählte, dass die Teeküche in Tokyo nicht mehr schmeckt. Nur noch selten findet man gutes Dessert, das Frucht, Zucker und Füllung harmonisch ineinander verschmelzt werden, so dass die Zunge den einzelnen Geschmack der einzelnen Zutaten nicht mehr schmeckt. Die zweihundertjährigen gloreichen Edo-Zeit hinterlässt uns noch Spuren der genussvollen sinnlichen Tradition. Obwohl diese Tradition Kyotos noch besser gelebt wird. Die Hauptstadt Bejing besitzt auch mehr als 500jährige Geschichte. Theoretisch würde man meinen, dass die Grundsteine von Mode, Wohnkultur und dem Kulinarischen bereits gelegt wurden. In der Wirklichkeit ist es enttäuschend. In Bezug auf die Teeküche könnte ich keine Spezialitäten empfehlen. Obwohl wir uns in Bejing nicht gut auskennen, könnten wir den Zufall selten überlassen. Wir lernen keine gute Teeküche kennen, auch nicht per Zufall. Haben wir hier wirklich nichts anzubieten? Oder wissen wir einfach nichts davon? Es geht eigentlich nicht bloss um das Gier zu befriedigen, sondern um etwas anders. Dass man in einer alten Hauptsadt keine von Geschichte geprägte und dekadente Speise geniessen kann, ist richtig Schade.

Ich mag nicht die Made-in-China Waren im 20. Jh. Grobe Nachahmungen, die vom Patriotismus als „Unsere“ Ware verherrlicht werden, werden teurer als impotierte Ware verkauft. Waren im neuen Häuser erwecken in mir immer Skepsis. Diese Denkweise ist wohl altmodisch, aber die Qualität von Genuss und Schönheit für mich ist in der Tradition begründet. Wenn ich in Bejing nach Süden laufe, sehe ich die große Plakat von Yi Fu Zhai异馥斋. Das erweckt in mir immer Freude und Phantasie. Nicht nur, weil Yi Fu Zhai ein traditionreiches Geschäft, das bereits vor dem Boxeraufstand existiert, sondern auch dass Yi Fu Zhai eine Illusion verkörpert, dass der Alltag mit Räuchern und Meditieren von Muße und Überfluß gefüllt werden könnte. Ich räuchere nie, interessiere mich allerdings sehr dafür. Aber ich traue mich nicht in den Laden zu gehen, weil ich fürchte, dass man auf dem Räuchergefäss Seife und Parfüm aufbewahren, um uns Duft vorzutäuschen.

Das Leben kann nur schön sein, wenn man ausser dem alltäglichen Gründbedürfnissen ein bisschen nutzloses Spiel und Genuss noch Raum zulassen kann. Z. B. über den Sonneuntergang zu seufzen, dem Fluss im Herbst entlang zu spazieren, Blumen bewundern, Regen anhören, Räuchern und den Duft geniessen, Wein nicht aus dem Durst zu trinken, etwas zu essen, weil man nicht satt werden will. Das ist notwendig fürs Leben, obwohl sie nutzlichlos sind. Je raffiniert, desto besser. Schade, dass unser Leben in China gefüllt von Grobheit und vulgärem Geschmack ist. Seit 10 Jahren finde ich hier nichts gescheite gute Teeküche.

Zhou Zuoren, 1924 Februar.