Archiv für den Tag 01/01/2008

Dilemma eines jungen Teetrinkers

Einen jungen Teeliebhaber Bruno lernte ich vor paar Jahren kennen. Wir trafen uns unregelmässig und seit ich in Zürich lebe, finden wir manchmal auch Zeit zu einer Tasse Tee. Ich habe bereits seine Matura-Arbeit (Abitur) im Blog vorgestellt, dass er sich mit Lebensbilder von Teemenschen beschäftigte. Er, ein ruhiger zurückhaltender Schweizer, sass meistens ruhig am Tisch, hörte mir zu und trank seinen Tee. Als wir uns noch kurz vor Weihnachten trafen, erzählte er mir von der Umbruchszeit seines Lebens, wie viele Dinge anfängt, zu verändern. Teefreunde treffen sich zuerst oft wegen Tee. Mich interessiert eigentlich von Anfang an der Mensch, nicht der Tee. Beim Abschied umarmte ich ihn, während er fast „erschroken“ wurde und sich nicht bewegte. Später wollte er sich für seine Introvertiertheit entschuldigen und sagte mir, dass der Tee mit mir immer Freude bedeutet. In der Wirklichkeit war er mir nie fremd, auch wenn er glaubt, sich nicht zu zeigen.

Vor paar Tage schrieb er mir über seine Dilemma, ob das Teetrinken, das Teeverstehen und das Denken sich gleichzeitig miteinander vereinbaren können.

Hallo Menglin

Der Akt des Teetrinkens, einschliesslich der Vorbereitung, ist für mich ein Ritual, das mich für eine kurze Zeit aus dem Alltag befreit und mir etwas Ruhe gibt. Deshalb trinke ich Tee! Aber wie geschieht das? Ich bin zum Schluss gekommen, dass mir der Konsum von Tee hilft, vom Denken abzukommen und zum reinen Empfinden zu gelangen. Was ich damit meine, hat wohl unter anderem damit zu tun, dass der Vorgang immer derselbe ist. Ich hole eine Tasse, eine Kanne und etwas Tee, koche Wasser, wärme die Tasse/Kanne, tu den Tee hinein, rieche, giesse auf und trinke. Ich kenne den Geruch und den Geschmack meiner Tees bereits, ich erlebe (im Gegensatz zu andern Tee-Trinkern vielleicht) selten eine neue Geschmacksempfindung. Das Essentielle dabei ist, dass ich während dieses ganzen Vorgangs kaum etwas denke. Ich mache mir einen Tee und geniesse ihn. Ich denke dabei weder über Alltägliches, noch über den Tee selbst nach. Ich denke so gut wie gar nicht, sondern empfinde nur. Vielleicht sind hier Parallelen zur Teezeremonie zu finden, wobei ich keinesfalls einem streng vorgegebenen Muster folge, sondern frech meinen eigenen Weg gehe.

Jedenfalls entsteht hier das Dilemma, welches ich oben erwähnt habe: Ich kann den Tee nicht mit Worten beschreiben, ohne dabei diesen ruhigen Zustand, in dem ich mich beim täglichen Teegenuss befinde, zu verlassen! Beschreiben heisst vergleichen, nachdenken, erinnern, Worte finden und das geht nun mal nicht, wenn mein Kopf gerade eine Pause macht. Keinesfalls möchte ich die Basis meines Rituals verlieren, nur damit ich eines Tages in der Lage bin, einen schlechten Tee als solchen zu entlarven und einen guten für seine speziellen Eigenschaften zu loben. Andererseits sind es meiner Meinung nach genau solche Fähigkeiten, die einen seriösen Umgang mit dem Tee ausmachen. Natürlich möchte ich einen Schritt weiter gehen und vom reinen „Tee-Geniessen“ etwas mehr in Richtung „Tee-Verstehen“ rücken, doch frage ich mich, ob dann die Gedanken während meines persönlichen kleinen Rituals noch immer so herrlich vorbeiziehen.

Also Menglin, du bist an einem Punkt, wo du wohl schon viele solche Schritte gemacht hast. Sag mir mal, kannst du eine Tasse Tee überhaupt noch geniessen, ohne dass dein Kopf die Kontrolle übernimmt?

Liebe Grüsse und eine gute Zeit über Neujahr wünscht dir
Bruno

Anji BaichaWas geschieht denn alles hier?

Im Alltag merken wir meistens nicht, dass wir nicht bei uns selbst sind. Wir denken immer. Der Kopf dreht sich immer weiter. Wir sind meistens wo anders. Bei der Freundin, bei der Arbeit oder beim Angel vielleicht. Selten sind wir wirklich bei uns selbst. Bei Teetrinken haben wir eine Möglichkeit, endlich bei uns zu sein. Teezeremonie ist eine Hilfe, diesen Prozess zu beschleunigen und das Kopf-Denken eine Grenze zu setzen, obwohl wir ja auch dort nicht aufhören, zu denken. Wenn Du nun bereits geschaft hast, eine Denkpause beim Teetrinken zu haben, ist es richtig beneidenswert!

Was machst Du, wenn Du einen schönen Tee beschreibst? Denkst Du dabei es „richtig“ zu tun? Kannst Du tatsächlich durch das Denken, diesen Tee beschreiben? Ich erlebe es anders. Durch das Denken bin ich eher brockiert. Der Duft und der Geschmack des Tees wirken wie Inspiration. Sie sprechen durch mich anstatt ich will etwas über sie sprechen. Es gibt keine Trennung zwischen uns. Wir haben die gleichen Identität. Also ich lass mich begeistern, die Begeisterung bringt mich zu einem Punkt, etwas zu schreiben oder zu artikulieren. Manchmal vergesse ich es, aber es wird wieder wach gerufen durch einen „zufälligen“ Duft. Der Duft, der Tee ruft mich, nicht umgekehrt.  Wir könnten gar nicht durch Denken, uns von etwas begeistern zu lassen oder etwas zu beschreiben. Es geschieht ganz allein. Wir lassen uns begeistern, es geschehen und zusammen geniessen. Es ist für mich die Teekunst.

Den Geschmackssinn zu trainieren geschieht ohne den Kopf, sondern durch den Körper, der speichert, was er jemals zum Genuss bekommt.