Auf der Grenze

Ich liebe Flughafen und wohne seit meiner Kinderheit immer gerne nah am Flughafen. Ein Bedürfsnis, den Anschein zu bewahren, irgendwo dazwischen zu sein.
Wir gingen immer zum Neumarkt, wenn er kommt. Meistens bestellen wir den gleichen Gericht, wahrscheinlich weil wir ähnliche Vorliebe haben. Hanspeters Augen blinkten, als er das Essen langsam zu Ende bracht, „ich habe Dir etwas zu erzählen.“ Er war wieder auf Nahrungssuche für seine Persönlichkeit und für sein Leben. Wenn er wieder etwas Wertvolles fand, gibt er mir weiter. Er begann mit diesem Satz: „Menschen wie Du, die auf der Grenze leben, gehen in eine unglaubliche Risiko ein, gewinnt allerdings ein grosses Reichtum für das Leben. Aber es ist ein sehr hartes Leben.“ Es ist nichts neues, ich blieb schweigend. Mein Leben ist hart, das weiss ich. Aber wer will denn schon ein Leben, das gut versichert ist?
Oft muss ich Unterlage unterschreiben, wenn ich wieder bei meinen Eltern bin. Es sind viele Versicherungsdokumente, was die Eltern aus Sorgen und Angst für ihre Kinder vorbereiten. Das entlastet nicht mich, sondern sie. Mein Tod kann viel Geld bringen, denke ich immer. Darum fliege ich auch mit dem gefährlichen Airlines.
Er fuhr weiter fort mit dem Name Paul Tillich, ein Mensch auf der Grenze. Er entwarf das Konzept von Korrelation über Essenz und Existenz. 99 % von Menschen, meinte Hanspeter verlieren den Bezug zwischen unseren Essenzen- was das wahre Reichtum des Ichs verstanden werden kann und unserer Existenz – wie wir uns im Moment befinden oder das, was wir als „Ich“ nach Aussen leben wollen. Um unsere Essenz tiefgründig zu erfahren, damit die Existenz mit der Essenz näher übereinstimmen können, „müssen“ wir auf die Grenze gehen. Die Grenzerfahrung bringt uns ein Stück nähe zum wahren Selbst und somit wird unsere Existenz ein Stück mehr bereichert und authentischer. Das geschieht nur, wenn man auf Risiken eingehe.
Wir sind nicht religiös, glauben weder an Gott noch an Buddha. Das was uns interessiert, ist der Weg zur inneren Bewusstheit. Er sagte immer, dass er sich für mich freut, wie ich als ein Fremde in einem fremden Land Fuss fasse. Der Tee bekommt durch mein Wesen als ein Mensch auf der Grenze an diesem Ort eine andere Bedeutung. Auf der Grenze zu leben – zwischen dem Okzident und dem Orient, zwischen Ja und Nein, zwischen Haben und Verlust und zwischen Freiheit und Geborgenheit zu pendeln war nicht eine bewusste Handlung, sondern eine Sehnsucht. Das Herz ist wankelmütig und in jedem Pendel weiss ich, dass ich wankelmütig bin. Inzwischen habe ich meine Antworten für diesen Pendeln gefunden. Auf der Grenze zu leben ist unabhängig von Alltagsrealität, sondern eine Lebenshaltung. Im Grunde genommen suchen wir die Erfahrung der Weite anstatt der Enge. In diesem Pendeln sind wir verletzlich. Und manchmal finden wir das Gefühl bei einer bestimmten Person, dass es sich alles zum Guten wenden wird.
Der Flughafen ist ein sehr angenehmer Zwischenraum. Als ich diesmal mit Migräne in Frankfurt auf den weiteren Flug wartete, sass ich in einem gefüllten Bar. Ich bevorzuge laute Umgebung, wenn ich Ruhe brauche. Ich versenkte meinen Blick auf einen unzentrierten Punkt im Raum. Vielleicht wirkte meine Hilfslosigkeit anziehend und wurde von Fremden angesprochen. In dieser unverbindlichen Unterhaltung ist Angabe von dem Persönlichen so unbedeutend. Es sind nur Kleider und Wortwahl, die von mir erzählen können. Ich bezeichnete es als eine unglaubliche Leichtigkeit für mein Sein. Ich hatte das Gefühl, ich besäss keine Identität.
Mitgefühlsvoll schaute er mich an. Kannichen wurde bis aufs Knochen aufgegessen. Beim Abschied sagte ich ihm, wie sehr ich ihn schätze. Er erwiderte, „Ebenfalls, bei Dir ist man ein Stück nah an der asiatischen Lebendigkeit!“ Ah…
Die Luft war kalt und die Kopfsteinpflaster waren lutschig…
Während wir Kannichen assen, bekam ich ein SMS von B. Er schrieb, dass er gerade meine alten SMSs lass… Zu seiner leisen Melancholie schrieb ich ihm zurück, dass ich die Fucken aus der Zukunft roch. Das können nur Menschen auf der Grenze – wahrscheinlich. Die Zukunft ist nicht in Planung des Agendas zu finden, sondern in dem, was das Leben einem bietet. Das Pendeln zwischen Ja und Nein sagt mir, dass ich gewöhnlich bin und lebe.

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