Archiv für den Monat Januar 2013

Hanezu no tsuki

Rot verblasst schnell,
Herzen sind wankelmütig.

Von Atong bekam ich diesmal eine kleine Teekanne aus Zhuni (rote Tonerde). Unter der Kanne wurde das Entstehungsdatum und der Name des Büros tief eingeritzt. Das sei die einzige Teekanne, die nach all diesen Jahren überlebt. Und nun geht diese Kanne mit mir nach Zürich.
Hanezu はねづ ist eine rote Farbton, die im 8. Jahrhundert in einer japanischen Gedichtsammlung zur Poesie wurde. Eine zarte weisse Blüte macht ein kirschartiges Frucht, es ist essbar und brauchbar. Es wurde verwendet, zu färben. Feine rote Nuance, unaufdringlich und geschmeidig. Es verblasst nur schnell – so wie die Dinge der Welt, vergänglich. Naomi Kawase 河濑直美 macht es zu dem Motiv ihrer Erzählung Hanezu no tsuki.
Sie wähle den Ort Nara als Schaubühne des Geschehens und als Symbol von Verschmelzung der Vergangenheit in den Gegenwart. Etwas wird an diesen Ort weitergegeben.
Hanezu, eine rote Farbe, die erste Farbe, was Menschen erkennen können. Es ist das Blut, die Sonne und das Feuer.

Einst war Oolong als ein zu Rot verwandeltes Drachen bezeichnet. Grüne Blätter verfärbt mit roten Rand – es war einmal. Schönes eindeutiges und leuchtendes Rot. Heute verschwindet das Rot bei trendigen Oolong in den Hintergrund. Bei Anxi Tie Guanyin wurde die roten Spuren entgültig verwischt. Ist Oolong wie Herzen wankelmütig, oder tatsächlich nur unsere Herzen, die heute in einer Seite pendelt und morgen in eine andere?
Atong sagte mir immer wieder wie schwer er es hatte, treu zu seinem roten Drachen zu bleiben. Wenn das Mainstream nur den grünen Oolong haben will, ist es dumm, wenn man gegen das Geld arbeitet. Aber Oolong hat nicht nur für ihn eine Bedeutung von Lebensunterhalt – Oolong hat vielmehr eine Bedeutung für ihn – Weitergabe. Er muss etwas weiter an Leben halten, damit etwas weiter geht…
Menschen in Nara, meinte die Regiesserin, anders als die anderen in dieser Welt. Sie können warten, sagte sie.
Menschen in früheren Nara, als das Gedichtband entstand, hatten kein Handy, kein SMS und kein Flugzeug. Wenn sie ihre geliebten Menschen treffen wollten, mussten sie warten. Warten ist ein Prozess von Werden. Warten ist ein Gegenwart von Wahrnehmung des Freudes und Schmerzens. Sie schrieben ihr Warten in ihrer Poesie mittels Blumen und Natur, weil sie vergänglich sind. Aber die Dinge in unserer Zivilisation sei zeitlos geworden. In jeder Jahreszeit seien Blumen und Früchte käuflich! Natur spiele keine Rolle mehr in der menschlichen Dominanz. Der Mensch sei nicht mehr ein Teil der Natur, sondern über sie… Das sei Leiden der modernen Menschen, erzählte Kawase. Sie möchte etwas in ihrem Film festhalten, an die nächste Generation weitergeben. Das Leben, was unter der Erde tief begraben ist, sollte in Erinnerung bleiben. Ein Film wird zu einem Ort, wo altes Leben und neues Leben ineinander gehen und ein Ort, wo Geister und Menschen sich begegnen.
In der langen Verwandlungsprozess des Oolongs ist das Warten der Schlüssel zum Rot. Die Teeblätter müssen genügend Sonne bekommen, genügend Feuchtigkeit verloren werden und genügend geschüttelt werden. Warten, warten und warten.
Dann warten bis die Menschen die Seite wechseln, den zum rot gefärbten Drachen neu entdecken! In diesem langen warten – sagte er zu mir, muss man stets an sich selbst glauben, dass was man aus dem Herzen macht, das Richtige ist! Unsere Zukunft liegt in unserem Herzen! Man kann kurzweilig das Herz biegen. Man kann selbst nicht lang betrügen. Etwas holt uns nach, sagte mein Lehrer. Man trägt nicht nur für sich selbst, sondern auch etwas für die Zukunft.
Ich weiss, dass seine Frau anders denkt. Ich weiss, wie schwierig es ist, in wankelmütigen Herzen eine Entscheidung zu treffen. Unsere Zukunft wird aber dort geboren!
Gestern habe ich diese kleine Teekanne eingeweiht. Keinem habe ich etwas erzählt, was es für mich bedeutet. Rot verblasst schnell. Respektvoll blicke ich den Weg meines Vorfahrens zurück, wie sie mit Vergänglichkeit umgehen. Herzen sind wankelmütig. Entschlossen gehe ich in die Zukunft. Auf diesen Teetisch gehen die Vergangenheit und Zukunft ineinander.

Aus einem Blatt Tee

Hier möchte ich einen Artikel von Zhou Yu von Wistaria Teehaus mit Teefreunde teilen. Viele von Euch kennen bereits diesen Mann und sein wunderschönes Teehaus in Taipei. Der Titel des Artikels trägt: Aus der Welt der Teeblätter zu einem Praxis-Ort des Geistes (Ren-Wen).

這廿餘年來,在拓展紫藤廬人文藝術與茶文化的軌跡中,我確實曾看到有些逐步深入茶的愛茶人,氣質上產生的變化,他們面容與動作中透出更多的靈氣,同時,他們家中的佈置也發生了變化:更尊重自然,引進更多的自然事物,在他們平日家居生活中與茶、花、木、石、土、陶的細膩對話,賦予自然事物更多的人情味,也在自己的人文世界中含融了更多的自然氣質。(而紫藤廬的內部氣氛,除傳統因素外,一大部分也是循此途徑形成)。

Seit mehr als 20 Jahren, in der Entwicklung von Kunst und Teekultur des Wistaria-Teehauses, habe ich Veränderung bei vielen Teeliebhaber festgestellt, die sich immer mehr auf Tee eingelassen haben. In ihren Gesichter und Verhalten kann man spirituelle Kraft beobachten. Gleichzeitig findet auch eine Veränderung in ihrem Zuhause statt. Die Natur gewinnt mehr Platz und Respekt. Tee, Blumen, Holz, Stein und Erde werden immer mehr integriert in ihrem Alltag und es findet zwischen diesen Elemente und den Menschen Dialoge. Die Natur wird mit Liebe gepflegt. So verleihen die Teeliebhaber in ihrer geistigen Welt immer mehr Bezug zur Natur. (so ist es ähnlich wie die Atmosphäre in Wistaria Teehaus)

但在這類人的身上,我有時也看到他們對現代社會與文明產生的鴻溝:窩在自己的小天地裡固然十分舒適,但走進社會大環境中卻常感到不安與內心深處的不知所措!(雖然有時能掩飾得外人不易看出),我認為,這類小「真人」身上的不安與不知所措,真正深切地反映出東方百餘年來跨越數個世代的「大問題」:就是在東亞土地上長期以來已發展出豐富獨特歷史文化體質與基因的漢民族,在回應強大的西方現代文明的挑戰過程中,至今尚未找到及發展出能延續與創造自我價值歸宿與世界觀的社會、經濟與文化體系。

Ich stelle bei diesen Teeliebhaber allerdings fest, dass es zwischen ihnen und der modernen Zivilisation eine Kluft gibt. Sie sind zwar glücklich in ihrer eigenen Welt, aber fühlen sich sehr ambivalent und gespalten sobald sie mit Aussenwelt in Berührung kommen. (Obwohl sie manchmal recht gut schauspielen können) Für mich bedeutet diese Zerissenheit und Orientierungslosigkeit dieses kleinen „wahren“ Menschen eine Widerspiegelung des „grossen“ Problem des Ostens, das nach Jahrhunderten und Generation immer noch ungelöst bleibt. Das Problem ist dass das Volk Han (so bezeichnen die Chinese sich selbst) noch keinen eigenen Standpunkt gefunden haben in der Auseinandersetzung mit der westlichen Zivilisation. Auch wenn Han ein eigenständiges und spezifisch historisches Reichtum auf den ostasiatischen Boden entwickelt hat. Sie können bis jetzt noch keine Perspektive entwickeln, um ihre eigene Werte fortzusetzen und zu erneuern in dieser Herausforderung mit Westen.

當漢民族藉著氣功、中醫所呈現的宇宙體系向世界滲透,也在其中找回更多自信時,對近世以西方文明為主體的現代社會與科技文明,政治經濟秩序的思考、消化與反省,大概也才處在一個剛剛開始的階段吧!當具有啟發力的茶世界浸透著這個民族生活的各個層面時,許多沉默卻深沉的反省與源源不斷的創造力,說不定已在社會的各個角落發生,另一場將歷經百年的革命或許已在開始……

Während Han-Volk sein Weltbild mittels Qigong und die traditionelle chinesische Medizin in die ganze Welt vermittelt, hat es in diesem Prozess Selbstvertrauen gewinnen. Es ist zugleich eine Reflexion über die technische Zivilisation und politische economische Ordnung der Welt, dessen Hegemonie in Westen liegt. Dieser Prozess befindet sich gerade in der Anfangsphase. Die inspirierende Kraft des Tees beeinflusst jeglichen Aspekte dieses Volkes. Durch die tiefe Reflexion und sprudelnde Kreativität, was in der Auseinandersetzung mit Westen vollzieht, spielt die Kraft des Tees eine Rolle. In jedem Strassenecken könnte eine hundertjährige lange Reavolution geboren werden….

人原本是大自然的產物,但千百年來早已走上一條自主思考與獨立行動的極富辯證性的歷史道路。人類在摸索與創造科技、制度與社會體系中塑造了自己。在這條自我塑造的不歸路上,我們不能不警覺,世界可能已踏入了極大的誤區!在今天人類對大自然的生態大破壞中,在舉世競逐貪婪、宰制與毀滅性的戰爭中,在現代體制產生出的政治領袖,卻仍可以滔滔謊言惑世!我們似乎急需重新尋找批判、反省與創造的起點,除了美國、西歐以外,各民族文化都應有發言權罷!自然的疾病雖然可怕,而人類歷史與文化出現的大病才是更致命的。
Menschen sind eigentlich Produkte von der Natur. Aber die Menschheit hat sich nun die Selbstdefinition in der Erfindung der Teckniken, der Insitutionen und sozialen Systemen gefunden. In diesem Holzweg der Selbstfindung müssen wir das Warnsignal erkennen, dass unsere Welt einen grossen Fehler macht. In der verheerenden Zerstörung an Natur, in dem Kriege der Gier und Mächte können unsere Politiker immer noch ihre Lüge und unersättliche Begierde ausleben. Wir müssen dringend einen neuen Standpunkt finden, zu reflektieren, zu kritisieren und zu erneuern. Ausser Vereinigten Staaten und Europa haben alle Menschheit dieser Welt Recht sich selbst zu artikulieren! Die Krankheiten sind zwar zu befürten, aber die grosse geistige Krankheit unserer Menschheit ist lebensgefährlich!

一片茶葉在水中可展開一個小小的「自然道場」,一間茶館或家居茶空間可開展出一角自然與人文的雙重道場。「人文道場」不同於「宗教道場」,它沒有絕對教義與絕對權威,它是一個開放的人性場、開放的美學場、開放的語言場與開放的批判與創造場,它是全面的、可深入歷史反思的,不像「宗教」(東亞以佛教為主)的「非歷史性」,要命地迴避了對形成人類性格與命運、社會文明體制的基礎的歷史透視與反省,自然也無從建立對個人真切的理解與解決人類最真實的現世問題。

Aus dem Wasser eines Teeblattes öffnet sich ein winziges Ort der Übung – eine Übung mit der Natur anders umzugehen. Ein Teehaus oder ein Teeraum (einfach ein „Raum“) kann ein Platz schaffen für jeden Menschen zwischen dem Geist und der Natur. In diesem geistigen Übungsort ist anders als ein religiöser. Es exisitert keine absolute Autorität und Dogma. Es ist ein offener Raum für Menschlichkeit und Ästhetik. Ein offener Platz für Sprache und kritische Kreativität. Es ist umfassend, es kann tief in die Geschichte reflektiert werden. Anders als eine Religion, die keine historische Qualität hat. In Ostasien z. B. der Buddhismus vermeidet die Diskussion von der Prozess, der menschliche Charakter und Schicksale formt und reflektiert nicht die Grundlage des sozialen System und hat kein richtiges Verständnis der Geschichte. Deswegen kann der Buddhismus auch nicht eine Antwort geben, auf das, was jedes Individuum in der realen Leben braucht.
「自然精神的再發現,人文精神的再創造」是「紫藤廬」1981年1月18日的開幕宣言。在已跨過白色恐怖、跨出戒嚴體制的今天,紫藤廬被有心的藝術界、學術界、文化界人士與社會大眾爭取為台北市的文化地標古蹟(活蹟!),劃為台北市文化局管理督導後的重新開幕,我深切地期望:將來更多從茶天地中開展、涵融「自然道場」的「人文道場」的建立與壯大!
Die neue Entdeckung von Natur und Erneuerung der geistigen Kraft ist das Eröffnungsmanifest von Wistaria Teehaus am 18.Jan. 1981.

Sargbrot

Hier noch ein spannender Artikel über das kulinarische aus Taiwan.
Also, ich bin nicht so begeistert wie der Journalist, natürlich weil es mir nicht so fremd ist wie es für ihn. Solche Sensation erregende Titeln sagen alles über den exotischen Blick.
Meine Empfehlung hier, z.B.
http://www.shi-yang.com/
http://www.sgarden.com.tw/
http://www.wistariateahouse.com/main/modules/MySpace/index.php?sn=wistariateahouse&pg=ZC2024
Ein Aspekt des taiwanesischen kulinarischen Vielfalts.

Ich habe sehr gut gegessen in letzten zwei Wochen, natürlich leicht an Gewicht genommen. Aber was solls!! Ich habe ein gesundes Verhältnis zum Essen. Ich esse wahrsinnig gerne!
Das Interessant in Taiwan zu essen ist nicht, dass man gut essen kann – das kann man jedenfalls! Sondern das Spektrum! Mit wenigem finanziellen Mittel kann man wirklich sehr gut essen, anders als in Japan. Man kann dort auch sehr gut essen, aber nicht mit der entsprechenden finanziellen Aufwand. Ich bin oft sehr enttäuscht in Japan und im Europa. Das häufig auftauchende Themen zwischen mir und den Taiwanesen in Zürich ist: „wie soll gibt es so wenige gute Restaurant oder Orten in dieser sehr reichen Stadt?“
Ich meine echt gut im Preis und wirlich gut im Essen!
Die Jungs in Shui Tang glauben nicht, dass ich auch kochen kann. Was koche ich denn gerne? Eher Fusionsfood. Das, was ich koche ist leider sehr verwestlicht. So ist das Essen oft in der Stadt Taipeis. Wenn man in Taiwan noch traditionelles Essen essen will, sollte man nach Süden gehen, dort spürt man noch ein Stück bodenständiges Taiwan!

———–
Liebe Menglin

Sargbrot und Schlangengalle heisst der Titel, der ein kulinarische Entdeckungsreise auf dem Night Market von Taipeh beschreibt.

Liebgruss
Joseph
———————————————————-

Neue Zuercher Zeitung
11. Januar 2013

Sargbrot und Schlangengalle

Eine kulinarische Entdeckungsreise auf dem Night-Market von Taipeh

Ein Streifzug durch Taipehs Nachtmärkte gleicht einer kulinarischen Offenbarung. Mitunter ist die exzellente Kochkultur Taiwans jedoch für westliche Besucher mehr als gewöhnungsbedürftig.

Marc Vorsatz

Wenn der 62-jährige Din-Fu Hung einen Drink mixt, dann bleiben die Passanten stehen in der Snake Alley. Nicht weil der Typ vom Hua-Xi-Nachtmarkt so aussieht wie die chinesische Ausgabe von Tommy Lee Jones. Auch nicht, weil ihm ein paar Finger fehlen, was ja eigentlich eher ungewöhnlich ist für einen Barkeeper in der Millionenmetropole Taipeh oder auch anderswo. Nein, weil dieser Mann Spezial-Cocktails mixt wie kein Zweiter in ganz Taiwan und das obendrein werbewirksam per Mikrofon kommentiert.

Neugier und Schauder

Als Erstes greift Din-Fu beherzt in einen engmaschigen Stahlkorb und zaubert eine dunkelbraun gefleckte Schlange ans Licht. Gut einen Meter ist diese Asiatische Bambusotter lang, und ihr scheint dieser Ausflug nicht sonderlich zu behagen. Doch es gibt kein Entrinnen, der Schlangenmann hält sie mit eiserner Hand. Aber nicht direkt hinter dem Kopf, wie man das erwarten würde, sondern in ihrer Körpermitte. Das gibt ihr Bewegungsfreiheit und die Chance, blitzartig zuzubeissen. Dann fuchtelt er mit dem züngelnden Reptil knapp vor unseren Gesichtern herum. Auge in Auge. Ich zucke zurück. Es gibt schöne Schlangen, die edel aussehen, und es gibt andere. Diese hier gehört eindeutig zu den ganz anderen. Längst hat das Publikum eine Mischung aus Neugier und Schauder ergriffen. Besonders die Kinder schauen wie gebannt. Din-Fu schleudert die Giftschlange kopfüber auf den Boden. Ein Raunen geht durch die Menge, Mitleid ist anscheinend nicht dabei. Das Verhältnis zwischen Mensch und Nutztier, Fressen und Gefressenwerden ist klar definiert in Taiwan. Im nächsten Augenblick hängt der Kopf der Schlange in einer Schlinge, und Din-Fu macht sich mit einer Schere vorsichtig über ihre Eingeweide her, durchtrennt die Bauchschlagader und lässt sie in eine gläserne Karaffe ausbluten. Dabei muss er ständig ihren Schwanz fixieren. Selbst halb ausgeweidet, windet sich das Raubtier noch.

Nun folgt das Beste, der grüne Gallensaft. Ob ich den nicht probieren wolle, mit Wasser gestreckt vielleicht? Beide Essenzen seien äusserst gesund und seit Menschengedenken fester Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin. Nein, ich möchte nicht, so viel Naturalismus ist mir einfach eine Spur zu viel. Doch lieber das Fleisch? Grilliert, gebraten oder gekocht? Später gerne, ja. Ich gebe vor, verabredet zu sein. Dann erwarte er mich eben später. Sein Blick hat plötzlich etwas Warmherziges, fast Hypnotisches.

Mir steht der Sinn nach etwas gewöhnlicherer Kost. Nirgends in Taipeh soll die Auswahl grösser sein als auf dem Shilin-Night-Market. «Das Essen ist der Himmel des Lebens», sagt ein altes chinesisches Sprichwort. Dann muss Shilin mitten im Himmel liegen. Hier wird die Nacht zum Tag, Hunderte Garküchen wetteifern um die Gunst von Abertausenden verwöhnten Gaumen. Allein die Auswahl an Nudelgerichten überfordert mich völlig. Vegetarisch oder doch mit Fisch? Aber welcher? Barrakuda, Milchfisch, Blauer Marlin, Thunfisch, Gefleckter Zackenbarsch, Talipia-Buntbarsch, Flussbarsch, Karpfen, grillierte Sepien oder doch lieber Krabben? Herzhaft gewürzter Rogen der Meeräsche? Oder feinstes Sashimi von fangfrischem Schwertfisch? Oder etwas Veganes aus dem Wasser? Frischer Seegrassalat klingt interessant. Oder eine einfache Algensuppe?

Ich gebe mich geschlagen und nehme einen glitschigen Seegurkensalat. Der ist viel bissfester als erwartet, schmeckt dafür aber sehr gesund. Danach etwas Seetangsuppe, schon besser. Damit fällt die in Duftblüten geköchelte Garnelensuppe für heute weg. Als nächsten Gang bestelle ich Sargbrot und bekomme Bohnenkraut und Curryhuhn in ausgehöhltem Teig, welcher in der Tat die Form eines Sarges hat.

Obwohl schon halbwegs satt, möchte ich unbedingt ein sehr beliebtes und überaus preiswertes Alltagsgericht probieren: Omelette mit Austern und Kohl. Die Schalentiere werden bis zu ihrer Zubereitung lebend in Aquarien gehalten, genau wie kleinere Fische oder Krabben. Generell gilt, dass Tiere, wenn irgend möglich, erst direkt vor dem Verzehr getötet werden. Man muss schon ein richtiger Naturbursche, ein selbsternannter Gourmet oder ein waschechter Asiate sein, um die halbflüssigen Austern zwischen den Eiern zu mögen. Das Gleiche gilt für das Nationalgericht Chou Doufu, besser als Stinky Tofu bekannt. Nie zuvor habe ich etwas Vergleichbares gerochen. Die fermentierte Bohnenpaste stinkt bestialisch – schmeckt hingegen überraschend gut.

Kurz vor dem Platzen probiere ich noch den populären Schweineblutpudding am Stiel. Ziemlich markant. Dann doch lieber Klebreisbällchen mit süsser Bohnenpaste. Zu guter Letzt gönne ich mir noch einen Oolong-Tee. Hatte ja wirklich gar keine Ahnung, wie gut Tee schmecken kann! Erst jetzt verstehe ich, warum die edelsten Oolongs aus dem Hochland von Alishan mehrere tausend Euro das Kilo kosten. Kaffee gilt in Taiwan dagegen als profan und billig.

Din-Fu begrüsst mich herzlich. Er habe mir schon ein klares Süppchen mit Bambusotter beiseite gestellt, er habe gewusst, dass ich zurückkommen würde. Das hätten meine Augen verraten. Zwei Seelen kämpfen, ach, in meiner Brust: Neugier gegen Ekel. Dabei sehen die gehäuteten weissen Fleischstückchen mit etwas Phantasie sogar appetitlich aus. Wenn ich nur glauben könnte, dass da Aal in meinem Napf schwimmt.

Schlechte Zeiten

Seit 1968 betreibt er seine «Forschungsstelle für asiatische Schlangen». So heisst Din-Fus Spezialitätenrestaurant ins Deutsche übersetzt. Doch die Zeiten sind schlecht. In der gesamten Snake Alley haben gerade zwei Restaurants überlebt, im anderen herrscht gähnende Leere. «Die jungen Leute von heute möchten keine Schlangen mehr essen», resümiert Din-Fu, «das gilt als altmodisch und rückschrittlich. Früher war Schlange ein weitverbreitetes Armeleutegericht. Heute kaufen alle gezüchtete Austern.» Kobra, Viper und Co. stehen als Synonym für eine entbehrungsreiche Vergangenheit. Der taiwanische Tiger kennt nur eine Richtung – nach vorn.

Der Schlangenmann hat die Zeichen der Zeit erkannt und sich auf die veränderte Klientel eingestellt, aus der profanen Essenszubereitung ein touristisches Happening gemacht. Er ist eine lebende Legende, der Einzige, der seine Reptilien noch selber fängt und im eigenen Restaurant vor seinen Gästen zubereitet. Aber was gilt schon der Prophet im eigenen Land? Die Bambusotter schmeckt im Übrigen besser als Aal. Eine Art Mischung aus Huhn und Kaninchen. Das Fleisch ist fest, dabei nicht zäh, obendrein auch noch Slow Food. Was will man mehr?

Ungefähr vierzigtausend Mal war Din-Fu schneller als seine Beute. Dreimal nicht. Beim ersten Biss war er schon zwanzig Jahre im Geschäft. Dass ihn gerade eine Chinesische Nasenotter erwischte, war einfach Pech. Der Volksmund nennt sie auch «Snake of Seven Steps». Man könne also noch genau sieben Schritte gehen, bevor man tot umfalle. Sich selbst den linken Zeigefinger abzuhacken, kostete Din-Fu Überwindung. Beim zweiten und beim dritten Mal ging es schon viel einfacher. Seine Hände machen es ihm heute nicht gerade leichter, Nachwuchs für das Geschäft zu finden. Inzwischen hat er enttäuscht aufgehört zu suchen. Er will weitermachen bis zum Schluss. Wenn er geht, stirbt auch ein Stück Kultur in Taiwan.

[NZZ E-Paper – Neue Zuercher Zeitung] Auf Rosen gebettet

Lieber Joseph, herzlichen Dank für den Artikel!
Menglin

——————————————————————–
11. Januar 2013

Auf Rosen gebettet

Eine Sammlung chinesischer Keramik von Weltrang als Dauerleihgabe im Museum Rietberg

Nach halbjährigem Umbau wird die China-Abteilung des Museums Rietberg wiedereröffnet – mit einem namhaften Neuzugang: der Meiyintang Collection, einer Schweizer Sammlung chinesischer Keramik von Weltrang.

Philipp Meier

«Die Halle der Rosenbeete» – auf Mandarin «Meiyintang» -, das klingt wie der Name eines geheimnisvollen Palasttrakts am einstigen Kaiserhof von China. Hinter dem Phantasienamen verbirgt sich indes die Sammelleidenschaft der beiden Schweizer Brüder Stephen und Gilbert Zuellig. Über ein halbes Jahrhundert lang hatten sie eine der weltweit bedeutendsten Kollektionen chinesischer Keramik aufgebaut, die sie mit einem für chinesische Kunstsammlungen typischen Etikett versahen.

Doppelter Glücksfall

Der ältere Bruder, Stephen, lässt seinen Sammlungsteil, vorab jüngere Keramiken der Yuan-, Ming- und Qing-Dynastien, seit 2011 in Hongkong versteigern – mit Erfolg: Eine blauweisse Ming-Vase hatte dort im Oktober 2011 den Rekordpreis von rund 20 Millionen Franken erzielt. Die Kollektion des jüngeren, 2009 verstorbenen Bruders, der sich den früheren Epochen chinesischer Keramik vom Neolithikum bis zur Song-Zeit zugewandt hatte, wurde in den vergangenen Jahren in eine Stiftung übergeführt und auf diese Weise zusammengehalten. Als Dauerleihgabe findet sie nun in der neu eröffneten China-Abteilung des Museums Rietberg einen ihrer Bedeutung gebührenden Rahmen.

Der Neuzugang ans «Rietberg» ist aber nicht nur ein Glücksfall für die Meiyintang-Sammlung, von der die deutsche Spezialistin Regina Krahl sagt, sie sei die weltweit beste ihrer Art – als eine Koryphäe auf diesem Gebiet hat sie die gesamte Kollektion katalogisiert. Das Glück ist auch ganz auf der Seite des Zürcher Museums, das zwar bereits zuvor eine China-Abteilung von internationaler Ausstrahlung vorweisen konnte, bis anhin aber bei der Keramik unterdotiert war. Mit der Dauerleihgabe von rund 1500 Stücken, wovon 630 permanent ausgestellt sind, weist die Institution nun eine der europaweit bedeutendsten Sammlungen chinesischer Keramik auf.

Ein weiterer Glücksfall ist, dass die Zuellig-Erben damit einverstanden waren, ihre exquisiten Töpferwaren in die China-Abteilung zu integrieren und nicht separat zu zeigen. So wandelt man nun neu durch eine luftig wirkende, nicht mehr von Wänden, sondern von hellen, transparenten Vitrinen gegliederte Ausstellungshalle an Steinzeug, Porzellan, Cloisonné und Bronzen, Grabfiguren, buddhistischen Skulpturen, Tuschmalerei und Kalligrafie vorbei – insgesamt 850 Objekte, die sozusagen den gesamten Kunst-Kosmos Chinas repräsentieren. Die einzelnen Stücke der Keramiksammlung werden in den Vitrinen auf Leuchttablaren mit LED-Technik präsentiert, einer Neuentwicklung des Museums in Zusammenarbeit mit einer Schweizer Lichtfirma. So sind die Exponate optimal ins Licht gerückt. Allein die Unterseite, bei chinesischer Keramik nicht ganz unwichtig, da sich dort für Kenner Wissenswertes über Herkunft und Datierung ablesen lässt, ist durch das weisse Milchglas der Tablare nicht sichtbar.

Mit Intellekt und Herz

Beim Aufbau ihrer Sammlung wurden die Zuelligs von den weltbesten Händlern wie Giuseppe Eskenazi oder Edward Chow beraten. Seit den vierziger Jahren hatten die Gebrüder die von ihrem Vater in Manila gegründete Handelsfirma zur Zuellig-Gruppe ausgebaut, einer der grössten Unternehmungen für Pharma und Agrikultur in Asien. Mit dem Sammeln chinesischer Kunst begannen sie schon in den fünfziger Jahren. Erhalten bleibt nun diejenige Sammlung, die auch die im Westen seit je hochgeschätzte Song-Keramik umfasst. Letztere gilt in technischer wie ästhetischer Hinsicht als unbestrittener Höhepunkt weltweiter Keramikproduktion. Neureiche Chinesen zahlen heute allerdings vor allem für die bunten und für den westlichen – wie auch japanischen – Geschmack oft überdekorierten kaiserlichen Porzellane der späteren Epochen Höchstpreise.

Solche Stücke fehlen nun einmal im Museum Rietberg. Mit ihnen aber leider auch Beispiele des monochromen Qing-Porzellans mit den bestechenden Ochsenblut- oder Pfirsichblüten-Glasuren oder auch Exemplare der berühmten blauweissen Ming-Keramik: Für solche Beispiele muss man in der Schweiz ins Genfer Musée Baur reisen.

Gilbert Zuelligs hervorragende Sammlung setzt Tausende von Jahren früher ein als solche Keramik. Der mit Intellekt und Herz gleichermassen zu Werk gegangene Sammler hatte ein Konvolut von aussergewöhnlicher Breite zusammengetragen, wobei ein erstes Highlight schwarze Weinkelche des Neolithikums sind. Im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung hatten die Chinesen (zeitgleich mit Mesopotamien) die schnell drehende Töpferscheibe erfunden, wodurch sie hauchdünne sogenannte Eierschalen-Keramik herstellen konnten. Die schwarzen Weinkelche aus dem dritten Jahrtausend in der Meiyintang-Sammlung sind denn federleichte, hervorragende Beispiele dafür und Zeugen einer der erstaunlichsten Leistungen auf dem Gebiet der Keramik weltweit.

Entscheidende Wende

Früh war man in China auch in der Lage, hoch gebranntes, wasserdichtes Steinzeug herzustellen. Für die hauptsächlich als Grabbeigaben verwendeten Keramiken genügte allerdings eine niedrig gebrannte, kalt bemalte oder mit giftigen Bleiglasuren versehene und daher nicht alltagstaugliche Ware. Schöne Beispiele dafür widerspiegeln die jeweiligen Gesellschaften, in welchen sie hergestellt wurden: agrarische in der Han-Zeit mit Brunnen und Getreidespeichern, kriegerische Gesellschaften dagegen in der Tang-Zeit mit Soldaten und Pferden.

Der Grabkult trieb mit immer farbigeren Keramiken zunehmend buntere Blüten – und viele wohlhabende Familien bisweilen in den Ruin, weswegen er schliesslich vom Kaiser verboten wurde. Dies brachte eine entscheidende Wende in der Entwicklung der chinesischen Töpferkunst. Die Öfen stellten auf hoch gebranntes Steinzeug um, das dem sich ausbreitenden Genuss von Tee diente.

Ab dem 10. Jahrhundert wurde Keramik Gold, Silber und Lackwaren ebenbürtig. Es entstanden weisse, grüne und schwarze Gefässe von höchster Perfektion, wobei mit Farbigkeit und Dekor sparsam umgegangen wurde und man sich vorab an einer klaren und schlichten Formgebung sowie am Glanz der Oberfläche erfreute.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Perfektionierung in der Song-Zeit. Eines der Highlights in der Ausstellung ist ein kleines, auf den ersten Blick unscheinbares Gefäss zum Waschen von Pinseln, eine sogenannte Ru-Keramik. Bereits seinerzeit rar und gesucht, existieren heute von diesem Typ weltweit lediglich noch ganz wenige Stücke. Mit ihrem zarten Grün und feinen Craquelé von schwarzen und goldenen Fäden ist denn die kleine Schale im Museum Rietberg mit einem Juwel vergleichbar.

Zürich, Museum Rietberg, Katalog der Meiyintang Collection von Regina Krahl in vier Bänden in Englisch: Fr. 2445.- plus Transportkosten (aus England) Fr. 75.-, zu bestellen im Museumsshop.

Chinesische Keramik im Rietberg Museum

Dank Alexander bekam ich das wunderbare Tip!
http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/museum-rietberg-1.17933511 
Im Film behaupten sie, dass das Licht für die Austellung einmalig sei, weil es gar keine Schatten mehr gibt.
http://www.rietberg.ch/de-ch/ausstellungen/meiyintang-collection.aspx

Michael sagte gerade, dass das Schatten doch eigentlich dazu gehört, oder?

Diese Austellung eigent sich wunderbar für einen Ausflug von ShuiTang – Helfer. Ich werde einen Besuch organisiere und selbst die Führung übernehmen – nicht dass ich mehr weiss als die Prosfis, nur wegen dem gelebten Freude an Keramik.

Hier noch ein chinesischer Film über die Schätze der chinesischen Kultur in Taipei.

Atongs Gemüsebeet

Atongs Gemüsebeet

Wie kalt kann es sein, wenn man allein unter den Fremden unterwegs ist?
Wie warm kann das Herz schlagen, wenn es berührt wird?

Kurz vor meinem Abflug zeigte mir mein Lehrer Atong sein Gemüsebeet. Unweit von seinem Büro hat er seine Nachbaren bearbeitet, so dass er ein bisschen Samen setzen kann. Ich sah die winzige Pflanzen und lachte, „warum willst Du nicht fertige Blumen kaufen? Du kannst doch gleichen den schönen Augenblick geniessen. So langsam wachsen die Keimen…“ Er sagte zu mir mit vollem Ernst: „Mädel! Ich will eben diese Langsamkeit geniessen! Wer will schon schöne fertigen Blumen anschauen? Ich will aussäen, Wasser giessen und Unkraut jäten. Ich freut mich jeden Tag, wenn es neue grüne Blätter kommen. Ich will mich darüber freuen…“ Er bezeichnete mich als moderne Menschen, die eben nur ernten wollen, nicht dafür arbeiten. „So ist es auch mit Tee, verstehst Du! Du muss lernen, zu knien, zu bücken und von der Erde berührt werden. Kennst Du das Wort DEMUT?“
Dann kann ich die Schönheit der einfachen Dinge erkennen? Kann ich noch bücken, knien und meine Hände schmutzig machen?
Kurz vor meinem Abflug besuchte ich den Räuchermeister Chen in seinem unscheinbaren Geschäft in dem sehr betriebsamen Viertel. Aber hinter diesem zurückhaltenden Mann und diesem unauffälligen Geschäft verbirgt das grösste Schatz an Adlerholz (Aloewood) im asiatischen Raum, auch das Tokugawa Museum in Kyoto könnte nicht verglichen werden. Ich besuche ihn selten, nicht weil ich es nicht will, sondern wegen Respekt. Ich liebe die Welt der Düfte. Aber ich kann mich nicht dieser Schönheit widmen. Ich möchte noch Tee lernen, nur eine Sache gut machen. Er wartete auf mich und ich bemerkte gleich eine Veränderung in diesem Raum. Er sagte, „Ja, ich hätte Dir etwas zu zeigen.“
Es war eine Ehre und eine grossartige. Ohne viel Höflichkeit zu verschwenden, was er nicht gerne hat, wurde ich vor einer traumhaften Welt des duftenden Adlerholz geführt. Wie kann man es davon träumen? Wenn man sich gar nicht vorstellen kann?
Adlerholz stammt aus tropischen Bäumen. Manchmal hat so ein Baum einen wunderbaren Standplatz. Er wächst und wächst, die Zeit spielt keine Rolle, Hundertenjahren… So prächtig, dass es scheinbar nur er zwischen dem Himmel und Erde stehen würde… Eines Tages kommt ein Sturm und es verletzt dem Stamm. Dann kommen die Bienen, Insekten die sind angezogen von den Träumen des Baumes, weil er verletzt wird… Diese Trännen duften. Die Lebenwesen fressen das Holzige, was bleibt ist das Harz. Sehr hart. Irgendwann wird das Harz eine Last des Baumes. Irgendwann fällt das lästige Harz auf den Boden. Menschen wie ich finden das Harz auf den Boden und freut sich auf die Beute. Aber solche wie Chen oder Atong, sie nehmen es nicht. Sie lassen das Harz unter den Erde verschwunden. Nach vielen Hundertenjahren wird das Harz aus einstigem prächtigen Baum so gezämt unter den Erden, dass er ein reines duftendes Wesen wird – sanft, klar und unafufällig. Das will Chen haben. So geht er Zeit für Zeit, bückt, kniet und gräbt aus der Erde, nur um mit Qinan (das beste von Kyara) zu begegnen. „Weiss Du, Du kannst es nicht wollen. Du kannst nur versuchen… und der Versuch ist das, was mich fasziniert…“ Ich ging immer wieder zu einem Schrank und innerlich spürte ich einen Andrang zu weinen. „Warum?“ fragte ich ihn. Er antwortete, „Menglin, diese Bäumen sind viel älter als wir. Sie sind über Tausenjahren… Was sind wir denn dagegen? Dein Herz ist berührt…“ Wir schauten uns an. In seinen Augen erkannte ich das, was ich auch sah. Ich sah wie dieser prächtige Baum stand, wie er verletzt wurde und fiel und wie er unter der Erde warteten, gefressen wurde und warteten… Eines Tages war die Zeit reif und er begleitet Chen bis heute!
Wie ist es denn mit einem Menschen? Jeder will erfolgreich werden…
Kurz vor dem Abflug habe ich oft Stress mit meinem Vater. „Hast Du Deinen Pass? Hast Du Dein iPad? Hast Du Dein iPhone? Hast Du überhaupt genug zu essen?????“ Seine Sorgenliste ist sehr lang und ich muss warten. Irgendwann macht er sich Sorgen um mein Gepäck. „Wie willst Du denn alles schaffen?“ Ich sah durch seine grasigen Augen viel viel Unterdrückung von Sorgen. Er erkennt meine Last. Meine Last trage ich alleine unter den Fremden in einem fremden Land. Es ist mein Leben, an dem er nur wenig Anteil nehmen kann. Es ist schwer zu lieben. Zu sehen, dass der geliebte Mensch Last trägt. Aber er muss es alleine tragen.
Durch das Tragen von Last werde ich vielleicht mehr von Demut verstehen.
Wenn es kalt wird, weiss ich zu bücken und knien.
Wenn paar Teeblätter heiss aufgegossen werden, bücke ich meinen Kopf nach unten, in aufsteigendem Duft wird mein Herz bestimmt sehr warm.

Hoffnung

Hoffnung

Am 01.01 schrieb Tim mir, „Hoffnung ist der Moment indem man ohne Sorgen lebet und sich dies der Zukunft weiterhin wünscht.“ Das sei seine weitere Interpretation 2013.
„Hoffnung ist dass man trotz den Sorgen an sich selbst glauben kann und vertraut, dass man durch diese Sorgen reift.“ Schrieb ich ihm zurück.
Dann ist Pu Er eine Hoffnung – bemerkte er.

Am den ersten Tag des Neujahres haben wir abgemacht, wiederzusehen. You hat die drei wertvollen Teesorten von drei tausendjährigen Bäumen aufgehoben und mir alles gegeben. Er versprach mir, dass er bereits fuer die naechste Ernte reserviert hat. Oder – er fragte, “ möchtest Du nicht einmal diese Bäumen sehen?“
Einmal selbst diese Bäumen zu erleben? Gerne. Ich weiß aber nicht, ob ich es schaffe. Es gibt zu viele Faktoren, die die Zukunft verunsichern. Er redet nicht viel wie immer, bereitete einfach Tee fuer mich zu. Er hat den Ort Jingmai vorgeschlagen, mit mir einen Pu Er Edition selbst zu machen. Ich sagte, ich würde nur lieber zuschauen. Ich will meine Hände nicht verbrennen und bin nicht scharf anderen Leute zu erzählen, dass ich selbst den Tee samt meinem Hand verbraten hat. Er lachte. Fuer mich machte er einen Jingmai, ein Tee aus einem unglaublichen Wald von über 500 Jahren alten Bäumen. Der Aufguss vorbereitet sich in meinem Koerper, breit und weit, horizontal und vertikal. Mein Ruecken wurde gestärkt und meine Augen auf einmal klar. In dieser Klarheit glaubte ich den Ruf aus diesem tiefen Wald zu hören! Leicht blumige und suesse Noten hinterlassen Spuren auf den Zunge. Es pendelt zwischen Hoffnung und Sorgen.
Dann zeigt er was er neulich mit Töpfermeister gemeinsam kreiert hat. Die fließende Glasur erweckt fast den Eindruck eine Kieferallee – ja, Kiefer (Masu) so nennt er sich immer. “ ich würde die Glasur matter bevorzugen. Es glänzt zu sehr fuer mich.“ Meine direkte Art gefällt ihm, er nickte. Auch der Siegel von ihm ist zu markant, ich würde es zurückhaltend gestalten…
Die Zeit verging, er fragte mich, ob ich seine Tees zurück verkaufen will? Ich lachte, „Nein niemals.“ Er sollte warten bis zur naechsten Finanzkrise, dann kann er wieder paar wertvollen Fladen zurück kaufen. Aber ich behalte meine gerne in meinem Keller!
Dann erzählte er mir über eine Anfrage aus Paris. Er sagte, er arbeite nur mit mir. Ich binde niemanden und jeder hat freie Willen. Ich sagte ihm, dass es mir nicht stören sollte, wenn er seine Teekanal erweitert. Er ist frei. Wenn das Leben fließt, dann treffen wir bestimmte Begleiter an einem richtigen Zeitpunkt und an einem richtigen Ort. Ich habe Vertrauen, dass jeder den richtigen Weg fuer sich selbst wählt. Wenn wir uns eine Zeitlang begleiten können, ist es mein Glück, wenn nicht, dann wünsche ich ihm aus meinem Herzen das Beste. Jeder Mensch hat im Herzen einen Garten. Wenn ein Besucher kommt, teile ich gerne Teile meines Gartens mit ihm. Wenn er geht, möchte ich ihm ein schönes Blumenstrauß schenken.
Wer weiß, was sein Tee in Paris macht? Aber ich liebe klare Woerter. Klarheit ist die beste Medizin gegen Komplikation. Klare Aussage tut in dem Moment weh, aber heilsam. Es ist einfach fuer die Menschen in diesem Alpenland schwierig, weil sie dachten, dass es verletze anderen.
Jeder Teetisch gleicht ein Zeitloch. Es war wieder zu Zeit zu gehen! Was bedeutet schon die Stunde mit einem Teefreund zu verbringen?
Er fuhr mich zur Ubahn Station. Ich stieg aus und kehrte wieder um. ich sollte gehen, aber meine Schritte schreiten nicht. Ich fragte ihm, ob ich ihm das Geld fuer die Frühlingsernte vorstrecken soll, um ihm den Anfang zu erleichtern? Er schüttelte seinen Kopf. Das grüne Licht blickte, er musste gehen, “ lebe wohl“ sagte er. Er fuhr ab.
Es war nass und kalt in dieser Stadt.
Mein Fuß tat weh.