Archiv für den Tag 13/08/2008

Musashi Abumi – der Brief aus Musashi

Oli war der erste, der mich zum Geburtstag gratulierte, sogar bevor der Tag richtig eintraf. In der Mailbox sagte er, damit der Tag zwischen den Terminen nicht unterging, rief er lieber mich sofort an. Eine Woche später kam ich erst dazu, ihn anzurufen, um zu fragen, ob er eine Lücke zwischen den Gerichtsterminen fand. Ich wollte am Wasser sein. Abgeholt wurde ich am Fischmarkt. Ohne viel zu sagen fuhr er mich direkt an den Rhein. Die Zeit verging, seit einem Jahr meldete ich mich nicht bei ihm. Wenn ich an ihn denke, fällt mir immer die Gedichte zwischen Rikyu und Oribe. Damals war Oribe in Schlachtfeld Musashi.

„Krieg in Musashi – Oribe 古田重然 (1544-1615)
Musashi abumi
Sasuga ni michino
Takene ba
Towanu mo yukashi
Tou mo ureshishi.
Der Weg von Dir zu Musashi ist wirklich weit.
Wenn Du nicht schreibt,
Ich denke an Dich,
Wenn Du es tust, Ich bin überglücklich.

Go Onshin
Todae Todaezu
Musashi Abumi
Sasuga ni toki
Michi zo to omeba.
Ich bin sehr glücklich, von Dir zu hören.
Auf diesen Brief habe ich schon lange gewartet.
Der Weg nach Musashi, ist wirklich ein weiter Weg. – Rikyu.“

Oribe war einer von den sieben bekanntesten Teeschüler Rikyus. Sein Name ist bekannt nicht nur wegen seinem Ruhm als Teemeister, sondern als eine Bezeichnung des bekannten Oribe-Keramik-Stils. Anders als Rikyu liebt Oribe den asymmetrische Form der Teeschale und eingereicht mit glänzenden leuchtenden grünen Glasur. Diese freie gestalterische Darstellung z. B. einen kurvigen Bergweg am Rande einer Teeschale hinterzulassen bezeichnet sein ästhetisches Verständnis. Als Freiheit liebender Mensch wurde er nicht zufällig ein Teemensch. Freiheit kostet. Oft kostet die Freiheit nicht nur Schmerzen oder Geld, manchmal auch das Leben. Rikyu starb als ein unbeirrter Teemensch, der sich nicht scheut vor seinem Herrn zu stehen und seine Meinung einfach vertrat. Er starb nicht aufgrund seines Freiheitsliebe oder seinem unabhängigen Geist, sondern wegen der Demonstration der Macht Hideyoshis. Nach Rikyus Tod wurde Oribe der Teemeister in seiner Zeit. Jahren später starb Oribe wegen demselben Grund unter der neuen Herrschaft, die seine Macht zur Schau stellte.
Der Stil von Oribe ist nicht zu verkennen. Sein freier Geist ist in seiner Ästhetik nicht zu verstecken. Die Freiheit in einer Freundschaft, die zwei Menschen verbindet, jedoch frei sein lässt, ist in diesem Briefwechsel ebenfall nicht zu übersehen.
Am Rhein schauten wir einfach das Wasser an. Es gäbe eigentlich viel zu erzählen. Es regnete ganz heftig in Konstanz. Das Wasser tropfte heftig ins Wasser. Irgendwann rief seine Freundin zum dritten Mal an. Ich stand auf. „Was hast Du noch vor?“ „Dich nach Hause schicken.“ Eigentlich musste ich mich beraten lassen, ob ich das Angebot tatsächlich wahrnehmen sollte, ein Laden zu übernehmen, den ich schon lange liebäugle. Vielleicht nächste Woche, sagte ich. Mich fuhr er nach Weinfelden, wo ich einen direkten Anschluss hatte.
„Hoffentlich bis bald.“ „Rufe an, wenn Du wieder ans Wasser gehen willst.“ Er gab mir Abschiedskuss, „wenn Du nicht anrufst, weiß ich, dass es Dir gut geht.“ Ich spürte das Wasser in meinem Gesicht. Es schmeckte salzig. Das Wasser im Rhein war matt, matt grün. Anders als die Glasur von Oribe, grünlich schimmernd und verlangend, verlangen nach Raum, nach Bewunderung – wie der Mensch Oribe.

Oribe Teeschale
 
Viele Kunstkritiker bezeichnen seinen Stil als natürlich und unbefangen. Für mich verbirgt hinter der vermeintlichen Freiheit einem ungestillten Hunger nach Leben, nach Vollendung und nach Wahrheit. Oribe starb unter dem Befehl von Shongun. All sein männliches Nachkommen starben unter dem gleichen Befehl an dem gleichen Tag, Oribes wegen.
In dem Film Prinzesin Goh fing der Kult- Regisseur Teshigahara (der Regisseur von „Der Tod des Teemeisters“. Er ist selber ein Tee- und Ikebana-Meister.) mit der Szene an, Oribe fragte verlangend dem Hideyoshi, weshalb er dem Tod Rikyus verlangte. Hideyoshi verneinte all die Vermutungen Oribes, aber gab keinen Preis über seinen Grund. Oribe gab es nicht nach und brachte Hideyoshi zum Schweigen. Im tiefen Schweigen des Herrschers erkannte Oribe, dass der Tod keinen tatsächlichen Grund brauchte, die Freiheit in tatsächlichen Leben keinen tatsächlichen Grund besass. Es unterliegt alles unter der Willkür eines Herrschers. Nur im Tee und in seiner künstlerischen Wirklichkeit lebt er in seiner Freiheit, die keinen Grund bräuchte.

Herr Staufenbiel hat eine ausführliche und informative Seite über Oribe Keramik geschrieben. Eine Einladung aufs Land Oribes Hier.

Teeschüler, sein Weg und sein Gesicht

Gestern war ein komischer Tag. Irgendwie ist man unter dieser Hitze streitsüchtig. Von C. bekam ich ein Mail, indem er mich mitteilte, dass er sich von unserem Lehrer in Taipei trennt. Schwach konnte ich mich erinnern, dass unser Lehrer sich über ihn beschwerte. C ist ein eigenwilliger Mensch, der gerne Geheimnisse für sich behält, gerne untertaucht, gerne diskutiert. Manchmal meldet er sich Wochenlang nicht, manchmal verschwindet einfach bei einem Meeting, manchmal wechselt einfach seine Handynummer. Er will nicht gefasst werden. Er sagte mir, dass ein Mann sein, bedeutet, frei und abenteuerlustig, wie der Hemingway. Wir kommen miteinander ausgesprochen aus, denn wir sind ähnlich. Er sagte mir, dass er so eine Frau wie mich nicht kennt. Klar, ich bin ja zum Glück nur mit ihm befreundet. Anscheinend hat unser Lehrer allen anderen mitgeteilt, dass er die Handynummer Cs gelöscht hat und seine Teetasse weggeschmissen hat. Den Grund könnte ich mir sehr wohl vorstellen, dass C sich wieder unsichtbar und unverbindlich machte und mein Lehrer seine Geduld verlor und ihm seine letzte Lektion erteilte.

Eigentlich war ich nicht in der Stimmung mich um Gelegenheit des anderen zu kümmern. Aber die zwei Stunde einfach am Rhein zu sitzen, tat mir sehr gut. Ich rief ihn an und dachte, dass der Kosmos sich entscheidet, ob C zu retten ist, oder nicht. Er nahm das Telefon ab, was für eine Überraschung! Ich fragte ihn, weshalb er für seinen Stolz einen teueren Preis bezahlen will. Er verstand nicht. Was könnte denn für ihn wichtig sein: sein Leben, das durch Tee bereichert werden kann; sein Stolz, das immer sein Problem ist; oder seine Gewohnheit, sich selber als Zentrum der Welt zu betrachten? Er fühlte sich außerordentlich provoziert und sagte mir, ob ich Spion von unserem Lehrer sei. Mich bewegt seine Provokation nicht. Ich tat es für mich, weil ich ihn gerne habe. Er sagte, dass er viele Literatur hat und davon ganze Menge lernen kann und außerdem gibt es überall Teelehrer. Ich fragte ihn einfach, ob er sicher ist, wieder so einen Lehrer begegnen zu können – das muss er selbst wissen. Mich interessiere sein Leben nicht, ich bin froh, ihn aus der Konkurrenz als Teekenner zu haben. Er hing das Telefon ab.
Zwei Stunde später rief er an. Ich war cool und distanziert. „Was nun?“ fragte er „Ich gehe sicher nicht zu ihm zu knien.“ „ Ein guter Lehrer erwartet es von niemandem. Gebe einfach Deine Handynummer noch einmal. Bringe Deine neue Teetasse wieder in den Regal zurück.“ „Was mache ich vor anderen Leuten, die alles davon wissen?“ „Gar nichts. Du hast alles vergessen.“ „Was denken denn andere über mich?“ „Ein ganz toller Typ, der sich selbst bezwingt!“ „Woher weiß Du denn über solche Tricks?“ „Ich bin ja eine Frau, die ihr Gesicht verlieren kann.“ Er lachte. „Aber“, ich warnte ihm, „Du kannst nicht mehr derselbe sein, der nach dem selben Muster handelt, wenn Du wieder hingehst.“ Ich hörte nur Schweigen. „Also ich weiß.“
Ob er das macht, geht mir nicht mehr an. Schlussendlich ist es sein Karma, sein Glück, wie er sein Leben führt. Auch ich muss ähnliche Schläge schlucken. Vielleicht sind diese Dinge sehr kulturell geprägt. Im Westen bezahlt man Studiengebühr und die Sache ist damit geregelt. In unserer Gesellschaft regelt das Geld nicht die Entwicklung eines Schülers, sondern die Will oder die Liebe des Lehrers, ob er mit seinem Schüler damit auseinandersetzen will. Manchmal dient ein Bruch als eine Hilfe, damit der Schüler von sich aus bereit ist, sein Leben zu verändern. Ohne Schmerzen, passiert gar nichts.  Aber es könnte sehr delikat sein. Jedenfalls musste ich auch schlucken, als Meister Sun verweigert, mich Kalligraphie zu unterrichten. Aber ich kenne eine ganze Menge Schwäche von ihm. Ich bin zudem noch eine Frau, die in der chinesischen Kultur als hinterlistig und dumm gilt. Das ist gut so. Ich brachte ihm dem „besten“ Alderholz und den „besten“ Sandelholz. Er hat gerne heitere Frauen, die ihm zuhören. Also, es ist nicht schwer, Meister Sun zu bewegen. Er hat Freude und ich habe einen guten Lehrer.

Es ist mir sehr wichtig, bei einem guten Lehrer zu sein. Wer tapert denn gerne in der Dunkelheit? Und die Verletzung des Eogs, das Stolz und das Gesicht? Chinese sagen es gut: „Damit kann ich doch nicht essen!“

Die süße japanische TV-Werbung, die ich schon Mal postete, stammte von C. Ein vielseitiger, interessanter Teefreund, ihm wünsche ich das Beste für seinen Weg!