Archiv für den Tag 25/08/2008

Vor seinem Trip to Asia

Vor seinem Trip to Asia traf ich Joseph zu einer Schale Tee in Seiundo, eine ruhige Teeoase integriert mit Galerie abseits von Zürcher Geschehnisse. Das war ein Premier für mich das Teehaus zu besuchen, ebenfalls ein Premier Joseph in einem privaten Rahmen zu treffen. Den Schulerleiter kenne ich von Teeclub und flüchtig, wie die meiste soziale Beziehungen sind.

Eine Tasse Gyokuro wünschte ich mir. Inhaberin Atsuko Ikeda, eine ruhige unscheinbare kleine asiatische Frau. Sie spricht nicht, wenn sie nicht gefragt wird. Sie lässt sich nicht merken, wenn sie nicht gebraucht wird. Aber sie ist da.

Er erzählte mir, dass er eine Auszeit nimmt. Seinen Job schmiss er hin. Ein Alpha-Tier will er nicht mehr sein. Ins blau flog er in die fernen Landschaft, in der seine Andersartigkeit alltäglich sein kann und veralltäglicht werden kann. Als ein Asiat verstehe ich selbstverständlich nicht, wie man allein reisen kann. „Hast Du keine Angst?“ „Doch!“ „Ist es nicht einsam, allein zu reisen?“ „Doch! Man weint manchmal auf dem Kopfkissen und dann irgendwann ist man froh, dass man keine Kompromisse machen muss.“ Er war schon viel unterwegs, in Indien, in Kamboscha, in Japan, in Burma…, immer allein, immer unabhängig und immer abseits der Zivilisation. „Unabhängigkeit ist mir sehr wichtig.“ Er versuchte mir klar zu machen, dass unser Tee ein freundschaftlicher Tee war. Mein Kopf nickte, mein Mund schmunzelte und meine Augen schauten ihn sanft an. „Du kannst das Buch von Menschen sehr gut lesen.“ Seufzte er. Ich kenne ihn schon lange. Wir sind ähnlich. Wir wollen nicht fremd bestimmt leben und keinen Fremden bestimmen wollen. Es geht nicht nur darum, was wir wollen. Die anderen müssen auch wissen, was sie wollen. Ein Alpha-Tier sucht Untertan, für sie er schauen muss, entscheiden muss und beschützen muss. Es ist eine Abhängigkeitsbeziehung. Der vermeintliche schwache Untertan schiebt die Verantwortung dem vermeintlichen starken Alpha-Tier zu und machte ihn Vorwürfe – das erleben wir alltäglich in der Politik, in der Arbeitstelle und in der eigenen Familie. Das arme Alphatier verpulvert seine Energie für die vermeintliche Stärke, aber was will er wirklich für sich selbst? So ein Leben will Joseph nicht mehr führen. Er geht. „Hast Du keine Angst?“ „Doch, ich muss immer bei anderen Menschen rechtfertigen, warum ich es so mache. Aber Menglin, weiß Du, ich bin gut, ich bin gut in meinem Beruf. Ich muss keine Angst haben. Ich werde wieder einen guten Job bekommen. Ich bin gut.“ Großen Respekt habe ich vor diesem Teefreund. Seine Augen leuchteten voller Vertrauen. Auch wenn Angst unser Leben bestimmt, erkennt er die Angst, die sein Leben nicht mehr bestimmen sollte. „Ich muss weg.“ Er ist sicher. Es ist nicht nur ein Wünsch, es ist nun Realität. Vertrauen schenkt uns Kraft, auf eigenen Weg zu gehen. Ein Quantensprung, den Wünschen nicht mehr als verwünscht gelten zu lassen. Das Zusehen, dass Wünsche nur als Wünsche bleiben können, tut weh. Aber richtig schmerzhaft, ist es zuzusehen, dass das Bild von diesem Wünschen Tag für Tag blasser wird und für immer verschwindet. Die ewige Fragerei nach warum bloss, ist letzendlich das letzte Halt, um das Bild noch vergegenwärtigen zu wollen.

Eine leicht getrübte grüne Tasse von feinem Gyokuro stand vor uns. Bitter, süß und geschmeidig. Der Tropfen ist wie Tautropfen. Der Geschmack voller Aromen. Aromen von Wünschen werden bitter und schwermutig, wenn die Wünsche in unseren inneren Garten alt werden. Joseph macht es richtig. Er geht, um seinen Wünsch zu erfüllen. Er bat mir, für ihn anzumelden. Er wollte unbedingt bei unserem Teatrip to Asia dabei sein. Er sagte, dieser Trip ist so wichtig, dass er noch einmal sein Job hinschmeißen würde.

 

Vor seinem Trip to Asia, ein Trip in die blaue Ungewissheit, bat ich ihn, unbedingt Handy mitzunehmen. Mich sollte er anrufen, wenn ein Tiger über seinen Weg läuft. Er lachte. Er müsste doch wissen, dass es Menschen gibt – ihnen ist es nicht egal, wie es ihm geht.