Archiv für den Tag 28/08/2008

Die Schönheit ist ein Verbrechen

In dem wunderschönen Gyokuro-nachmittag erzählte uns Astuko ihre Beobachtung in ihrer Tee-Galerie. Viele ihre Kunden sind unbeständig. Sie kommen und gehen. Oft jammern sie, dass sie keine Zeit haben. Keine Zeit, den Tee schön zuzubereiten. Keine Zeit, eine schöne Zeit bei ihr zu verbringen. Eigentlich keine Zeit, um sich schön zu pflegen. Sie sagte, solche Kundschaft kocht sich auch nicht schön. Sie essen oft Sandwiches und Take away… Joseph war ehrlich und gab sofort zu, dass er es kennt. Ich guckte tief in die grüne Tasse und gab ganz leise zu, dass mein Leben im Moment von Sandwichs und der Küche von meiner Freundins Restaurant Hot Pot unterstützt wird und mein Frühstück aus zwei schnell erledigten Dianhong Tassen besteht…

Sandwich war einst für mich das Essen für armselige Menschen…

In diesem spiegelnden Zustand betrachte ich meine Lebensweise ganz kritisch. Was bedeutet denn keine Zeit für Tee, keine Zeit für Kochen und schlussendlich keine Zeit für sich selbst? Eine Depression?

Zeit ist Luxus geworden. Dinge, die zeitaufwendig ist, sind Luxus. Luxus ist müßig, ornamental und überflüssig.  Luxus ist eigentlich nutzlos.  Zeit zu haben ist nutzlos, weil man effektiv leben muss. Denn die leere Stelle der Zeit ist die Leere der Seele. Wie viele Menschen könnten wirklich mit Ruhe und Schweigen neben anderen Menschen umgehen? Wir müssen stets sprechen, sprechen von belanglosen Dingen, damit wir nicht merken, wie leer wir sind. Alles was Zeit erfordert, ist überflüssig. Menschliche Beziehung, die nutzlos ist, ist keine Begierde des Networks.  Schönheit und das Schöne im Leben benötigt Pflege und bewussten Umgang. Einen Tee in seiner Schönheit kennenzulernen, seine Schönheit entfalten zu lassen und seine Schönheit zu kosten, kostet Zeit und Pflege.  Insofern ist es ein Luxus. Es ist überflüssig, ornamental und deswegen schön.

Sobald die Schönheit als Zusatz des Lebens und als Ornament des Alltags betrachtetwird, wird Sandwich zur Hauptmahlzeit und Teatime zur Schaustellung der Muße und die Schönheit zum Hässlichen. Die Schönheit und das Pflegen von Schönheit werden lästig. Das Schöne wird hässlich.

Irgendwann wird unsere nüchterne rationale Wirklichkeit zum Alptraum, von dem man eines Tages ganz böse aufwacht, begleitet mit Burnout, mit Herzanfall oder mit Erschrecken, dass man ganz allein ist ohne Farbe und Schönheit.

Das Sandwich ist eigentlich ein Halt, was uns noch an die sicheren Tage erinnert, dass man ein selbst sicherer gefragter Mensch war. Sobald man an die Macht der Schönheit ausgeliefert ist, Zeit für das Schöne des Lebens nimmt, ist man nicht mehr auf einen sicheren Boden. Man muss sich vor anderen Menschen rechtfertigen, dass man Lücke im Terminkalender hat, dass man für etwas Überflüssiges einsetzt, um nichts zu wollen.

Da Schönheit ein Luxus ist, ist das Begehren der Schönheit irrational. Eine irrationale Handlung hat immer etwas Unanständiges, was das Leben unangenehm macht und die Moral in Frage stellt.  Der Effekt der Schönheit ist unsichtbar und zugleich präsent. Es wirkt wie der Geist, der es genießt, die klare Grenze zwischen Elementen der so genannten Realität dort zu zerstören, wie diese Grenze für logisch und vor allem moralisch gehalten werden. Schönheit ist in diesem Sinne kein Objekt mehr, sondern eine Darstellung einer Beziehung, wie wir mit dem inneren Ich umgehen, wie wir Selbstliebe verstehen, und was wir als Freiheit leben.

Insofern ist die Schönheit ein Verbrechen. Ein unverzeihbares Verbrechen, das uns vor Verlustangst provoziert und uns anstößt, das Stabile und Glaubwürdige an unser Leben zu rütteln. Das Verbrechen verführt uns sogar, uns selbst zu bezwingen, um aufzubrechen.