Archiv für den Tag 10/08/2008

Melancholie und der Menschengeist

Normalerweise erfahre ich von meinem Lehrer Michel selten ein Lob. Meistens nur tadeln. Mit Tadeln möchte er seinen Schüler von Abhängigkeit von bedingter Liebe befreien. Eine freie Herzensentscheidung für etwas zu unternehmen und einzusetzen bringt uns mehr Freiheit, als eine Erwartung von Lob und Erfüllung von Pflichten. Einfach etwas tun, ohne Lob und Zuwendung des anderen zu erwarten, befreit uns von Fesseln der Abhängigkeit. Auch Tadeln bewegt uns kaum, wenn unser Tun aus freier Herzensentscheidung getan wird. Es ist seine Lehre, die sicher oft anders verstanden wird – als Schikane. Es war aber etwas Seltsames geschehen, dass er mir sagte, „Menglin, Du bist so kostbar.“ Ich dachte, dass etwas nicht stimmt mit ihm. Beim Abschied sagte er es noch einmal zu Ph. Das brachte uns drei zu lachen. Und all das hängt mit dem Grüntee zusammen.

Er trank wieder den Grüntee. Nachdem er von seinem Krebs erfuhr, trank er keinen Grüntee mehr. Plötzlich fing er wieder an den Grüntee zu trinken, weil er seinen Geist klar halten möchte, in seiner begrenzten Zeit am Leben. Er habe viel Plan, viel zu vollenden und viel zu erledigen. Ständig unter starken Medikamenten konnte er seinen Alltag nicht mehr geistig richtig ausschöpfen. Er kam auf die Idee von Grüntee. Ich sollte für ihn eine Schale Matsch zubereiten. Sein Gesicht wurde weich und Augen lieblich. Glücklich strahlte er und sagte mir, dass seine Krankheit ist das Los seines Lebens. Durch seine Krankheit erfährt die Welt im einen anderen Licht und Menschen mit anderen Augen zu sehen. Noch subtiler. Er fragte mich plötzlich, „Wie geht´s?“ Ich schwieg und meine Augen schauten ihn an. Er sagte mir, dass er seine Frage nicht einfach so stellte. Ich nickte meinen Kopf. Aus dem Zimmer holte er mir einen Zettel und las mir das Gedicht vor

„Kimi Mizuya segan no iro 君看双眼色

Katarazareba ureninaki ni nitari. 不语亦无忧”

Meister Dogen

Ein Gedicht von Zen-Meister Dogen:

„Ich schaue tief in Deinen Augen, sehe aber nicht, was dahinter tief verbirgt,

Deine Augen schweigen und scheinen sorglos zu sein – jedoch spüre ich eine Spur der Melancholie.“

Er fragte mich, „Verstehst Du?“ „Was ist mit den Augen und Melancholie?“

„Die Melancholie ist der Menschengeist, liebe Menglin.“ Die Melancholie ist der Menschengeist, der einen Menschen ausmacht! „Hast Du jemals gefragt, warum der Frühling immer kommt?“ Der Frühling kommt jährig, ohne Kalkül, ohne „Geist“, weil es Naturgesetz ist. Aber der Menschengeist, der ständig kalkuliert, ständig abwägt, ständig rechnet und verlangt, der ist nicht perfekt.

„Der Kosmos hat keine Melancholie. Der Zustand des Kosmos ist geistlos, herzlos, während der Zustand unserer Seele melancholisch ist. Unsere Seele, unser Geist ist nicht perfekt. Was Menschlichkeit ausmacht ist das Unperfekte.“ Er zeigte die Raku-Schale, die er gerade in der Hand hielt. „Schaue genau hin, ist diese Schale perfekt?“ Ich schüttelte meinen Kopf und wusste was er meinte. Das Makel, was der Künstler durch die Zange beim Herausnehmen der Schale hinterließ, sollte jeden Teemenschen an das Unperfekte der Menschheit erinnern. Denn eine Schönheit ausmacht, ist nicht das Perfekte, sondern eine Makel. Ein Makel, die uns stets an das reale Leben erinnert und unsere unperfekte Seele tröstet, anstatt an einem Traum…

Er wollte seine Wohnung umgestalten, er meinte, dass das Leben ist zu kurz zu warten. Einen anderen Geist möchte er in diesem Raum bringen. Einen anderen Geist? Eine andere geistige Einstellung, ein bisschen mehr Leichtigkeit. Den Raum umzugestalten, um eine andere Einstellung zum Leben zu gewinnen. Den Raum zu verändern fängt in dem Moment an, die jetzige geistige Einstellung zu verändern. Er zeigte mir die Kalligraphie von Meister Ryokan und fragte mich, ob sie mir gefiel. Ich schüttelte meinen Kopf, auch wenn es ihm staunte. Meine Aufrichtigkeit ist das, was ich ihm erwidern kann. Die Schrift Ryokans von dem Gedicht Meister Dogens tanzt im Papier, der Tanz kann die Melancholie nicht verbergen. Michel genoss die Melancholie, die ihm scheinbar eine andere Lebensquelle spendiert und das Vertrauen in all Geschehen seines Lebens schenkt. Das Unperfekte der Menschheit widerspiegelt in seiner Krankheit, die ihm wohl wiederum zu wahren Menschenkörper verwirklicht.