Archiv für den Tag 27/08/2008

Gyokuro, Ziehende wolken

Gyokuro, Ziehende wolken

Atsuko ist unscheinbar. In ihrem zierlichen Körper verbirgt eine unglaubliche Energie und Herzlichkeit. Als Teeliebhaberin und Künstlerin pflegt sie eine Galerie und eine ruhige Teeoase in einer Stadt mangelnder Zeit. Ich war unverschämt, brachte ein Gyokuro zu ihr und möchte gerne ihren Kommentar hören. Joseph war gerne dabei, bevor er für paar Wochen Abschied von Gyokuro nehmen muss wegen seiner Reise nach Laos.

Atsuko bereitete uns Gyokuro zu, ruhig, stilvoll und unscheinbar – unauffällig und konzentriert. Wir plauderten ganz allein in der Galerie, redeten von der Religion und Essen. Wo könnte man denn in Zürich gut und einfach essen? Eine brennende Frage für faule und hungrige Menschen wie Joseph und mich. Kronenhalle und Dolder sind sicher gut, aber einfach und gut? Wir tauschten Adresse aus. Ich schwärmte von dem Inder im Seefeld, die beste Ente von ganzem Europa und das spezielle Tofu am Goldbrunnenplatz. Joseph bat mir die Adresse einmal im Blog zu veröffentlichen. Das hörte ich schon öfters von meinen Klienten. Vielleicht.

Inzwischen duftete es bereits nach Gyokuro. Blätter von Gyokuro von Teegarten Nakai, kräftig und stark. „Sehr kräftig.“ Sagte Atsuko ohne eine Nuance auffallen zu lassen. Der Geschmack war drei-schichtig. Leicht brotig auf der Zunge, ein langer eindeutig pflanzlicher erfrischender Körper und ein kurzer präsente typische Gyokuro vom weichen lieblichen Abgang – was oft gerne mit „Nashi (oder Lashi?)“ – japanische Würzsoße verglichen wird. Kein typischer Gyokuro, den man als Gyokuro kennt. Sie hätte den Gyokuro nicht als Gyokuro erkannt, wenn die Tüte nicht als Gyokuro gekennzeichnet wäre. Ich nickte meinen Kopf. Aus Großzügigkeit bereitete sie ihren Top Gyokuro zu. Gyokuro aus Kirishima 50g 40 Sfr. stammt ebenfalls aus Organic Teegarten. Typische leuchtende grüne Farbe, typische trübe Tasse und typische Gyokuro-Geschmack, den man als Gyokuro sofort erkennt. Drei-schichtig. Herbe erfrischende vibrierende Note auf dem Zunge, kurzer pflanzlicher Körper und ein langer nachhaltiger nur Gyokuro eingeweihter weichen lieblichen Abgang. Die Verschiebung der Geschmacksnuance von beiden Gyokuros war nicht zu verkennen und übersehen. Plötzlich war ich nicht mehr in Zürich, sondern irgendwo im Gedanke. Wolken, kommen und gehen. Menschen, kommen und gehen. Wo bleibe ich denn?

Joseph war hungrig. Ich schlug vor, nach Seefeld zum Inder zu laufen. Von der Gemeindestrasse liefen wir unter dem wunderschönen Sonneschein zum Seefeld. Wir plauderten weiter über Filme, über die Literatur und über die Kluft zwischen Verfilmung und Literatur. Ich erzählte ihm von dem „Elegy“ (in der Schweiz läuft er erst ab dem Okt. in Deutschland bereits ab August), eine Verfilmung von P. Roths Roman „Das sterbende Tier.“ Es handelt sich um Tod, Liebe und Angst. Dass der Protagonist Angst hatte, sich tatsächlich vor der wahren Liebe zu stellen und sich farblos alt fühlt, nachdem er die Liebe tatsächlich auch verliert, fühlte er sich sehr angesprochen. „Hast Du Bindungsangst.“ ich war gemein und direkt, so wie ich bin. „Nein, “ meinte der ex Schuleiter, „Meine Unabhängigkeit war mir einfach das Wichtigste.“ Ich lachte und nickte meinen Kopf, sicher, es ist durchaus wichtig. „Weiß Du ML, “ er meinte ernst, „in unserem Alter gibt es nicht mehr vielen Auswahl. Diejenigen, die übrig geblieben sind, haben ein Schaden!“ „Nein.“ Ich bin überzeugt, „Auch wenn man oft Enttäuschungen, Verletzungen und Ablehnungen im Leben erlebt, bedeutet es nicht, dass das Leben so ist und es so weiter geht.“ Nicht in jedem Schmerzen, den wir durch Enttäuschung erleben, hat zwangsläufig eine Opfer-und Täter-Beziehung. Auch wenn die Liebe nicht erwidert wird, könnte man diesen Menschen lieben, weil man ihn so wie er ist, gerne hat und sich einmal aus dem Herzen entschieden hat. Leider muss auch der andere sich entscheiden können, was er will. Enttäuschung ist dafür da, die Täuschung zu klären. Warum sollte man sich verletzt fühlen?

„Das wahre Glück zu finden fängt von der Veränderung der geistigen Einstellung an.“ schrie ich fast zwischen den Autos und Tram. „Wir finden zu unserem Glück, wenn wir das Konditionieren durchschauen, dass es NICHT nur Enttäuschungen und Schmerzen um uns gibt.“ Das Leben könnte ganz anders sein, wenn wir anfangen, zu vertrauen! Er sagte, um mein Glück zu finden, sollte ich lieber andere Typen treffen als ihn. Das stimmt. Er möchte dann gerne wissen, ob das Glück eingetroffen ist, wenn er wieder kommt. Ich gab ihm ein Schutzpatron, das ihm vor Autounfall, Krankheiten und Diebstahl schützt. Aber ich warnte ihn, dass man in Asien nicht einmal an Ampel glauben darf - noch weniger an Schutzengel.

Die Sonne scheint, die Wolken ziehen durch den blauen Himmel. Keine Wolken halten unbeweglich fest an einem vermeintlichen Ort, den wir als Himmel nennen und warum sollte der Mensch es tun?

Sei Un Do

Teehaus von „Blaue Wolken“

Nächste Ausstellung: Erde und Feuer, Künstler Hugues de Crousaz

Vernissage: do. 28.08, 2008 18-21 Uhr

Grünteeapero Sa. 13.09. 2008 15-17 Uhr

Di-Fr 12-18 Uhr, Sa: 11-16

Gemeindestrasse 19  8032 Zürich

Tram 3 bis Hottingenplatz

044 2518093