Auf den Weg nach Nyon

Wege sind Orten der Begegnung und Kreuzungen sind Anfang der Irrwege. Manche treffen sich aus verschiedenen Wege an der Kreuzung, mache eilen weiter in die eigene Richtungen, mache geraten deswegen in die Irrwege.

Wir sind erzogen auf den richtigen Weg zu gehen. Wir haben erst die Möglichkeit uns zu erlauben, sich zu irren, wenn wir zu einem fremden Ort aufbrechen – das Aufbrechen aus dem Gewöhnlichen. Unter den Fremden dürfen wir in die Irrwege verlaufen. Kinder geraten auch gerne in Irrwege. Denn Sie ihre Welt als das noch Unbekannte voller Fremdheit und Faszination wahrnehmen.

Ich war als Kind mindestens zwei Male vermisst, aber nicht auf den Irrweg. Es war Wege der Sehnsüchte. Es war Wege der Möglichkeiten, sich aus dem von Eltern bestimmten Realität zu befreien, in die Ungewissheit der Anziehungskraft. Das erste Mal, vermisst zu sein, war meine jüngste Tante schuld. Sie war zu jung und zu unerfahren. Plötzlich befand ich mich unter Fremden an einem Strassenrand. In der Erinnerung fragte ein älterer Herr mich nach meiner Adresse und meiner Eltern. Ich hatte keinen Grund zu weinen und sagte den auswendig gelernten Text. Er kannte diese Adresse. Er kaufte mir ein Eis. Während ich Eis ass, tauchte mein Großonkel auf, der mit Velo in der Rettungsaktion des Clans ganz nervös rund fuhr. Zum zweiten Mal war mein Großvater schuld. Er sollte mit mir kurz in den Tempel gehen und etwas holen. Er genoss in dieser Pause seine Zigerette, die er zu Hause nicht mehr sichtbar geniessen konnte. Er kaufte mir ein Ball und sass im Genuss am Ecke. Ich spielte den Ball, warf ihm weg und folgte ihn. Das gleiche wiederholte sich bis der Ball auf einmal in den Fluss verschwand. Ich weinte ganz laut. Die Erwachsenen versammelten sich und wollte mir helfen, nach Hause zu bringen. Ich schrie nur in die Richtung des Balls, aber sie verstand es nicht. Ich verriet meine Adresse nicht und schrie so lang, bis mein Vater mich fand. Er war verzweifelt. Er sagte, er habe mich sogar lokalisieren können wegen meinem unerträglichen Schrei.

Auf den Weg nach Nyon dachte ich immer wieder an meinen Irrweg im Erwachsensein.

Als ich 1999 den Einladungsbrief von einem brüsseler Teeseminar mit Nojiri-Sensei (jap. Lehrer) über Detlef zur Hand bekam, wußte ich noch gar nicht, worauf ich mich einliess. Eine Schale Tee verändert mein Leben – komplett. Den Weg der Veränderung machte man mir allerdings nicht einfach. Ich sah wie manche im Unterricht zum Weinen gebracht wurden, wie die Sensei mit immer lauteren Stimmung Handlungen korrigierte. Mich schickte sie in einem Nebenkammer und ich durfte nur das Erlaubte Stück für Stück lernen. Heute verstehe ich mit Dankbarkeit den Grund. Damals war es wie eine Schikane. Die Schikane erschrak mich nicht, weil ich einer fremden Anziehungskraft folgte. Ich wollte sie weiter folgen und machte meine Entscheidung nicht von anderen Menschen abhängig.

Außerdem warnte Detlef mir bereits an der Wegkreuzng. Klar und unbeirrend sagte er mir:

Deine Knieschmerzen ist Deine Schmerzen. Dein Zweifel ist Dein Problem. Dein Weg ist Deins.

Gestern abends konnte ich meine Beine kaum noch berühren. Es war wieder sehr hart. Mich hat die Sensei richtig genommen und richtig geknetet. Der innere Zweifel überkam mich, ich fragte mich, weshalb kam ich hier her. Auch inzwischen kenne ich den Zweifel gut, er kommt und geht. Die Wörter Detlef vergesse ich nicht. Meine Schmerzen ist meins. Es geht um mich, um meinen Weg und meine Sehnsüchte. Seine Wörter helfen den Unentschlossenen rechtzeitig auf den richtigen Weg zurückzukehren, während die Entschlossenen entillusioniert weiter gehen können.

Auf diesen Weg der Sehnsüchte treffe ich die Menschen, die mir den Weg nicht immer „erleichtern“. Jeder an dieser Wegkreuzung trägt seine eigene Geschichte und auch Belastung mit. Wir praktizieren zusammen den Teeweg und es entwickelt eine Verbundenheit, die weder aus Zuneigung noch Abneigung entsteht. Eine Freiheit, die erst anfängt, wenn man Menschen nicht mehr mögen „will“, nur so wie sie sind, akzeptiert. Sie sind einfach da, wenn ich meine Augen öffne.

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