Archiv für den Tag 01/04/2008

Hanami – Blumen bewundern

Hanami - Blumen bewundern

Kirschbluete gibt es ja ueberall, auch in Washinton D.C. bluehen die Krischbluete. Wozu preisen wir denn die Kirschbluete in Japan und tausenden Touristen pilgern dort hin? 

Kirschbluete werden gepflueckt, gesalzt und konserviert. Als Tee aufgegossen mit Sencha, oder als Beilage zum Essen. Diese Art von Kirschbluete-Kult gibt es wohl auch nur in Japan. Aber warum? Koennte man in Washinton so eine Kult auch zerebrieren?

Die Suche nach Senbei

Die Geschichte hat vor einem Jahr angefangen.

Teemeister Ulrich Haas fuehrte ein Kencha in Zuerich im Feb. 2007 auf und offerierte eine ausgesuchte Sueesigkeit von Urasenke-Schule. Diese Suessigkeit ist extra fuer Urasenke im Ausland hergestellt und unverkaeuflich. R. war wegen meiner Einladung zum Tee da und war sehr angetan von dieser Suessigkeit. Er fuehrt inzwischen ein renomiertes Versandhaus in der Schweiz und wuerde sehr gerne seiner werten Kundschaft diese leichte suesse und salzige Suessigkeit – Senbei zum Tee anbieten. Es gaebe in Europa nichts Adaeguates.

Ich fragte Urlich, wie man es besorgen keonnte. Er lachte im Telefon und sagte mir, dass wir es vergessen sollten. Die Japaner wuerden wegen uns doch keine Muehe machen. Ich gab nicht auf und fuehlte richtig aufgemuntert dabei. Etwas zu organisieren ist meine Staekre, vor allem etwas Besonders, was schwer zugaenglich sei sollte. Ich versprach R. es zu besorgen.

Die Zeit ist vergangen. Kein Erfolg. Das Geschaeft Sue Tomi sagte immer hoeflich im Telefon, dass sie nichts ins Ausland verschicken und diese Suessigkeit nur fuer Urasenke anfertigt. Wenn ich es unbedingt will, sollte ich doch zu Takashimaya Kaufhaus oder nach Kyoto kommen. Letzter Fruehling war ich in Kyoto mit einer Reisegruppe so sehr abgelenkt, dass die Suche nicht moeglich war. Und diesmal wollte ich mein Versprechen einloesen.

Ich lass die Adresse – nur einen Strassename und eine ungefaehr Richtung, keine Hausnummer. Auch kein Problem, ich wusste ungefaehr, was das bedeutete – einfach um das Ecke dieser Strasse sollte das heissen. Wir fuhren mit dem Bus und suchte nach dieser Gasse. Es gab einfach keinen Strassenschild und auch keine Nummer. Nach einer grossen Anstrengung fanden wir endlich diese Gasse. Meine Schwester fragte, „Wie koennte Urasenke so einen Laden beauftragen, der in so einer kleinen Gasse steht?“ Aber diese komische schwer auffindbare Gasse scheint etwas Besonders zu sein. Alte traditionellen Haeuser stehen nebeneinander. Viele Kimono Laeden versammeln sich dort, die von Aussen nicht erkennbar sind. Wir suchten nach Reklame-Schilder nach Sue Tomi. Es gab keine Schilder, die man ueberall in Asien finden koennte. Nichts, was uns verraet, wo Sue Tomi sein koennte. Ploetzlich merkte ich, dass ich vor der Tuer von Sue Tomi stand. Eine unauffaellige Erscheinung mit einer unauffaellige Tuer und unauffaelliger Atmosphaere. Hier sollte dieser beauftragte Handwerker sein, der fuer weltweite Urasenke Senbei (eine Art Kekse aus Reis und Weizenmehl) produziert. 

Sue TomiSue Tomi von Aussen. Das Geschaeft hat nicht Mal eine Internetseite!

Wir traten ein und waren irritiert. Die Verkaeufer schienen genau so irritiert zu sein, als sie wussten, was ich wollte. Ich wollte Senbei kaufen, die aenhlich schmeckt wie die Senbeis von Urasenke. Die Verkaeuferin deutete auf diese Kekse. Ich wollte verkosten. Sie zoergerten und die andere wohl gedresste Dame neben mir zeigte ihr ueberraschtes Gesicht. Ja, ich bin ein Barbar, aber das macht nichts – ich sagte zu mir selbst. Die flexible Verkaeuferin brachte mir zwei Senbeis. Sie waren genau so wie der Geschmack in der Erinnerung an dem Tag von Kencha. Ich gab einen Auftrag – in der gleichen Zeit bewegte das gesamte Personal. Sie packten, falteten und schnurrten die Packeten in einer Geschwindigkeit, die man nicht erwartete. Blitzschnell waren die Schachtel fertig gepackt. Das Packpapier war ohne TesaBand und das Knoten von dem Schnurr kann man nur nachmachen, wenn man eine Anweisung erhaelt. Solche Knoten sind so gemacht, damit die Schachtel ueber einander stehen koennen, auch wenn es zwangzig oder dreissig Schachtel sind. So etwas wuerde man nie in anderen Teilen der Erde finden. Ich war beeindrueckt. Beeindrueckend war auch der Preis und die poetische Namen von deren Suessigkeiten.

Danach ging ich Kimono kaufen. Als ich das Kimono mit dem Obi anprobierte, fragte mich die Verkaeuferin, ob ich Kunde von diesem teueren Laden bin. Sie deutete auf die Tragtasche. „Dort gehen nur reiche Leute hin.“ sagte sie. Ein Laden, wo nur reiche Leute hingehen? So ein unauffleiiger Laden mit einer unscheinbaren Erscheinung in einer kleinen Nebengasse?

Wie wuerde ein Suessigkeitgeschaft in Zuerich aussehen, wenn nur reiche Kundschaft rein und rausgehen? Oder in Paris und New York? Nehmen wir ein Beispiel von Spruengli. Wo liegen die Laeden von Spruengli? Im Hauptbahnhof, am Paradeplatz oder an der Lowenstrasse! Wie werden die Verkaueferin gedresst und was fuer Marnier haben diese Frauen? Was fuer ein Show muss man dort abziehen, wenn man dort einkauft, um „reich“ zu erscheinen und freundlich bedient zu werden?

Ich fragte mich, was es bedeutet, dass ein traditionreiches Geschaeft seit Meiji Zeit, ein von einer traditionreichen Teeschule beauftragtes Handwerker an einer kleinen Nebengasse ohne Reklame unauffaellig auf uns wartet. Das Geschaeft ist nicht interessiert ein globaler Player zu werden. Sie wissen, dass sie etwas besonders produziert, eine Suessigkeit aus Miso (fermentiertes Sojabohne) und Soja-Sosse koennen nur Menschen erreichen, die das einfache dezente Geschmack schaetzen. Vielleicht nur Japaner. Sie wissen, dass die Kunde sie finden, die wollen. Und nicht umgekehrt. Eine Logik gegen die gaengige Bussiness-Logik der kapitalistischen Lehrbuecher! Aber es scheint zu funktionieren! Auch ein Innernschweizer Versandhaus suchte nach ihren Senbeis!

Die Nachwirkung von dieser Suche wirkt jetzt immer noch nach. Ich verstand, warum ich immer wieder in diese Stadt zurueckkehre. Dieser Geist ist der Geist, der Kyoto zu Kyoto macht! Die Handwerker in Kyoto wissen, dass ihre bewusste Zurueckhaltung Menschen tiefer berueht als das Blendwerk. Sie wissen, dass die schweigende Arbeit im Hintergrund in der Wirklichkeit viel mehr bedeutet als die Praesenz in Medien.  Sie wissen, dass ihre gute Arbeit ihr Selbstwertgefuehl schenkt und ihr Beharren auf das, was ihnen Wert ist, eine Tradition schafft und belebt.

Das ist auch der Geist des Tees. Die Menschen suchen Tee (Weg), sie kommen, weil sie es wollen. Sie halten die Suche aus, weil sie es wollen. Unabhaengig davon, was die Anstrengung einem ausmachtund was das Ziel ihnen verspricht.