Archiv für den Tag 04/04/2008

Hanami – der unaufhaltsame Fruehling

alter KirschbaumGepflegter alter Kirschbaum

自從有了天窗
 就像親手揭開覆身的冰雪

我是北地忍不住的春天

鄭愁予.一九五七

Wenn der Ostwind weht, ist der Fruehling im Norden unaufhaltsam – unaufhaltsam sind die Kirschblueteknospe, unaufhaltsam ist das kosmische Zyklus, unaufhaltsam ist die Sehnsucht nach einem neuen Anfang. 

Worum Kirschbluete in Japan? Was macht denn dieses Phaenomen so besonders? 

Hast Du schon Mal alte Beaume gesehen? 100, 200 oder 300 Hundertjahren alt? Alt, leicht geknickt, rauh und volle Knollen? Vielleicht haesslich, unauffaellig und laestig? Was passiert, wenn so ein alter Baum blueht? Er blueht mit vollen seinen Kraft: aus den faltigen rauhen Staemme und Zwerge kommen die zarte, weisse oder rosa Bluete. So Zart, dass es fast melancholisch aussieht. So intensiv, dass seine Lebenskraft voll ausgeschoepft ist. So voll, dass seine Axte fast ausbricht.

Und wenn es nicht nur einen solchen Baum auf der Strasse steht, sondern 100 oder 1000 an einem Ort oder am Ufer? So wunderbar und praechtig, dass man fast eine Verbeugung vor diesen Baeume machen muss!

Ein junger bluehender Kirschbaum auf einem europaeischen Garten vermittelt uns nicht das gleiche Gefuehl wie ein alter Baum, der einfach an der Strasse steht, der aus seiner Lebenskraft vielleicht die letzte Hanami mitstreitet. Japaner bewundern nicht nur einen bluehenden Kirschbaum. Sie verstehen sogar, was das Kirschbluete-Bluehen bedeutet. Die Baeumen tun ihr Beste! Sie tun ihr Beste, zum bluehen, wenn der Fruehling sich voranschreitet.

Was passiert, wenn ein alter Baum das Hanami nicht mehr mitmacht? Wird er ins Altersheim verschoben? Wird er abgeholzt, damit ein junger Baum Platz bekommen kann? Die Kirschbluehte-Kult in Japan lebt mit einer anderen Logik. Sie entscheidet sich fuer einen alten Baum, der nicht mehr bluehen kann. Er wird gewickelt, gepflegt, gestuetzt. Sie glauben an den guen Wille des Baums. Es gibt nicht nur diesjaehrige Hanami, es gibt noch das naechste und uebernaechste. Sie tun ihr Beste – genau wie der scheinbar tote Baum einst tat, um diesen Baum wieder zum Leben zu wecken. Es geht nicht um die Erfolgschance, oder um das Hanami, sondern um den Baum, den man liebt. Ob diese Aufwand sich lohnt, wird nicht gefragt. Man tut das Beste. Um den Rest kuemmert sich das Kosmos.

Dieser Geist ist das, was mich von Hanami am meisten berueht. Die Liebe, die man hier zum Kirschbluete pflegt, ist nicht eine oberflaechliche Emotion. Man bewundert die bluehenden Masse, aber auch das, was die Natur Menschen inspiriert. Zu jedem Fruehling bluehen aehnliche Baeume, auch wenn die Gesichter der Menschen sich wechseln. Die Baeumen tun ihr Beste, ohne etwas zu wollen. So zu leben wie die Kirschbluete koennte wohl so bedeuten: so zu leben nur um das Beste aus dem Leben zum schoepfen.

Kirschbluete Tee

Diese Kult hat eine sehr triviale Seite: Kirschbluete konservieren, vor dem Gebrauch waschen und dann mit Sencha aufgiessen. Der Geschmack scheint mir nicht sehr romantisch.