Archiv für den Tag 09/04/2008

Eine Tasse Pu Er

Pu Er Tee ist fuer meine Familie nichts. Nichts halten sie von diesem Tee, weil sie ihn nicht verstehen und nicht verstehen wollen.

Ich verstehe Pu Er auch zu wenig, aber nicht abgeneigt, sondern sehr neugierig. Mein Teelehrer hat nicht gerne meine breite Interesse fuer unterschiedliche Dinge, vor allem Interesse fuer Pu Er. Er sagte immer zu mir, Kuemmere Dich nur um eine Dinge. Ich will allerdings nicht immer das machen, was er sagt. Ich folge gerne meinem Trieb.

Als Gerhard und Kasper hier waren, waren wir bei Zhi Teng Lu, ein Ort, wo sie vor vier Jahren dort waren, als sie ihre erste Asienreise machten. Menschen sind Gewoehnheitstier und wir gingen wieder dorthin. Ein Ort der Erinnerung. Ein gelagerter Tee ist auch ein Ort der Erinnerung. Sehr muehsam fangen wir das neue Haus von Zhi Teng Lu, das inzwischen in verwinkelter Gasse versteckt ist. Wir tranken eine Kanne Liu An, ein Tee aus Anhui 1950. Ein fremder Tee, der uns voll begeistert. Ein Tee, der 150 Euros kostet pro 50g.

Was ist denn bei einer guten Tasse Pu Er oder Liu An so besonders? Wir disskutierten. Er ist smooth, aromatisch und schwer zu fassen. Das stimmt. Fuer mich hat der Genuss solcher Tees eine erotische Nuance. Sie lachten uerber meine ehrliche Aussage. Das ist aehnlich wie bei Sashimi Essen – rohen Fisch. Man geniesst, das knackige, zarte und kuehle Fleisch auf der Zunge, es schmeckt ueberhaupt nicht fischig, sondern ein purer Genuss vom Frische, vom Lebendige und vom Suesse des Lebens. Ein Genuss von dem Fleischigen. Eine gute Tasse Pu Er und Liu An – alt, gut gelagert und vorher nicht kuenstlich fermentiert war, fliesst wie Seide, wie Tautrofpen und wie das lebendige bewegende Quelle in die Gaumen. Der Mund wird geschmeidig, gestreichert und belebt. Solche Genuesse koennte man mit Geld gar nicht kaufen. Was ist denn schon der Preis? Fuer mich ist es preislos bzw. „wertlos“.

Mir ist es bewusst, dass ich diesen Tee zu wenig verstehe und bat um ein Gespraech mit dem Hausherrn Jou Yu. Er kam gestern aus Yunan zurueck. Heute traf ich ihn, waehrend er ein Ei und ein Glas Milch als Mittagsessen ass. Eigentlich hatte er keine Zeit. Ich wartete. Inzwischen lerne ich auf die Zeit zu warten, die wert ist, zu warten. Es ist meine Veraenderung.

Er sah, wie ich wartete und lud mich ein, eine Verkostung von seinen neuen ausgesuchten Pu Ers. In der Welt des Pu Ers ist er eine Autoritaet, nicht weil er Buecher schrieb, sondern weil er ehrlich ist. Er sagte, was er vertritt. Seine Artikeln findet man oft beim Magazin „The Art of Tea“.

Seine Assistentin Wling trank mit. Wir tranken drei unterschiedliche Kategorien, einen, den er als vielschichtig bezeichnet; einen, er nach einem Vorbild von 50er Jahren machen liess – aus 6 verschiedenen Materialen; einen, den er als eine Harmonie zwischen Menschen und der Natur ausdruecken moechte – ein bisschen abstrakt? Den ersten Tee war voll, vielschichtig. Ich schwizte gleich. Eine Lebenskraft aus dem Wildness koennte man gleich spueren. Den zweiten – für mich, wie eine Frau, die schweigt, weil die Zeit noch nicht reif ist von sich Preis zu geben. Aber seine Tiefe war zu spueren.

Als er den dritten Tee machte. Er war sehr gespannt auf unsere Komemntare. Dieser Tee schien ihm sehr wichtig zu sein. Wling meinte, diesen Tee zu trinken erinnerte sie an das Verliebsein. Das Herz ist warm, suess und lebendig. Er freute sich sehr. Ich schwieg. Nach dem zweiten Aufguss wiederholte Wling ihre Empfindung. Ich erzaehlte ihnen langsam, wie ich es wahrnahm. Fuer mich ist das Verliebsein, eine Ansammlung voller Erwartungen. Das Erwarten von dem Erwarteten. Das Abwarten von dem Unerwarteten. Zheng Chouyu schrieb einmal in einem Gedicht über die Ambivalenz dieser Situation, seine letzte zweite Saetze sind:

„Meine laufende Schritte vor deinem Fenster ist ein schoener Fehler.

Ich bin kein Heimkehrer, sondern ein fremder Wanderer.“ 

Fuer mich war dieser Pu Er keine Ansammlung der Erwartungen. Ich erwartete nichts und will nichts, als ich den Tee trank. Eine Zufriedenheit und Gelassenheit umhuellte mich. An nichts dachte ich.

Er wurde nachdenklich, als ich von dem Gedicht erwaehnte. „Weiss Du, ich wurde in einer Zeit geboren, eine Zeit voller Unterdrueckung!“ Ich kenne ein bisschen seine Geschichte als ich eine Studentin war. Eine Zeit der Unterdrueckung, wenn Liebende sich nicht lieben können und voneinander trennen muessen, weil die Welt daraussen unterdrueckt ist.

Er schenkte mir ein kleines Stueck von diesem hoch erwarteten Tee, den gar nicht zu kaufen war. „Du hast ihn gerne.“ er sagte mir, „Aber weiss Du, Du muss Dich entscheiden, was Du willst. Du kannst Dich nur um eine Sache kuemmern.“ Meinte er, dass ich mich zwischen Pu Er und Oolong entscheiden muss? „Ich entschied mich fuer Pu Er.“ das war sein Abschiedsatz.

Eigentlich hatte ich vor in diesem Monat meine Kalligraphie zu verbessern. Meister Sun besuchte ich gleich nach meiner Ankunft und fragte ihn, ob ich jeden Tag eine Stunde vorbei kommen koennte. Er wies mir ab und sagte laut, dass er keine Zeit habe, fuer meine Freizeitsbeschaeftigung.

Jou Yu wird eingeladen nach Prag eine intensive Diskussion ueber Pu Er zu fuehren. Es wird wohl irgendwann im Sommer oder Herbst sein. Jeder, der Pu Er naeher kennenlernen und verstehen will, waere es die beste Gelegenheit, sich zu vertiefen. Wer Pu Er liebt und es nicht kann, hat Pech. Ich versprach ihm, ihm zu assistieren, auch wenn ich keine Zeit haette.