Archiv für den Tag 29/04/2008

So wach wie ein Frosch

Auf das Wiedersehen mit Nojiri Sensei war ich nicht besonders scharf. Bevor ich nach Nyon fuhr war ich nervös, unsicher und volles schlechten Gewissen. Mein spärliches und vernachlässiges Praxis wird mich verraten und was sollte ich ihr denn von meinem Verschwinden erklären?

Als wir uns zufällig zu zweit beim Eingang begegneten, fragte sie mich nur, „How are you?“ Ich sagte, fein. „Really?“ Sie beobachtete mich mit ihren starken Augen. Sie leidet inzwischen unter schlimmen Heuschnupfen.

Nojiri Sensei hat zwei besondere Begabungen.

1. Begabung: sie kann ihre Schüler sehr gut imitieren. Sie imitiert unsere schlechte Haltung oder nervöse Fehler und bringt allen zum lachen. Gestern morgen fragte sie uns, was eigentlich die richtige Haltung von Tee sei. Wie könnten wir denn das richtige Körpergefühl in uns wieder finden? Dann imitierte sie ein Frosch. Sensei (jap. Lehrer) behauptet die richtige Haltung des Tees ist die Haltung eines Frosches. Ein Frosch bewegt sich nicht, verliert sich nicht. Er sah wie verschlafen aus, schnappt jedes Insekten blitzschnell. Wach und unbeirrt sollte die Haltung des Teepraxis sein.

In jedem Morgen üben wir, wie wir zum eigenen Körper zurückkommen und wo ist der Punkt, der uns unbeweglich macht und der uns Souveränität vermittelt. Aus diesem Punkt sollten wir Tee für anderen Menschen zubereiten. Wenn der Gastgeber souverän ist, könnte er auf andere Menschen eingehen und eine Atmosphäre kreieren. Jedesmal wenn dieser Punkt wieder in mich zurückkommt, weiss ich den Grund, warum ich noch da bin und Tee praktiziere.

2. Begabung: diese zierliche unscheinbare Frau strahlt eine unbegrenzte und unendliche Präsenz, die sich durch ihre Stimme und starke Augen manifestiert. Ihr wacher Geist bringt die Komplizierten Schüler aus ihrem Konzept und lässt sie entblösen. Eigentlich ist es die beste Übung unter ihrer starken Präsenz, sich nicht von ihr aus der Ruhe zu bringen. Das ist leicht gesagt als getan.

Sie fragte mich am ersten Tag, was ich ihr gerne präsentieren wollte. Ursucha oder Koicha. O.K. Koicha im Ro (Erdofen – Winterstellung), das kann ich schon und mache es auch richtig gerne. Zu nervös werde ich wohl nicht. Sie hörte von Koicha und fragte, welche Zubreitungsart? Natürlich wollte ich die einfachste nummer und sie die komplizierste. Ich liess mich nicht beirren. Dann fing die Hölle los.

„Do you know, what you have to take now!!??“; „What do you do??!!“; „Where are you? You lost your center!! You should never lose your center!!! HMMM!!!“

„This is not Koicha! This is Ursucha!“ Sie sass nicht gerade neben mir, woher sollte sie denn wissen, ob mein Tee zu dünn war? „HOW DO YOU KNOW THAT?“ Alle lachten, weil ich ihr widersprach. „I see everything!“ Mein Koicha war tatsächlich zu dünn, aber woher sah sie es?

„I told you to do the complicated one, but you prefer the simple one!“ sie schaute mich mit ihren starken Augen. Sie vergass es nicht und hing es an die große Glocke. Am nächsten Tag musste ich natürlich den Befehl ausführen und ein harter Tag fing richtig an. Fast zu jeder Temae (Teezubreitung) wurde ich aufgerufen mitzuarbeiten. Als Strafe oder Privileg kann man es nicht so leicht definieren. Ich war am Abend richtig erledigt. Erledigt war auch mein Wünsch baldmöglichst wieder dabei zu sein.

Später kam Miya zu mir. Sensei habe gesagt, dass sie sich über meine Fortsetzung des Unterrichten erfreut habe.  Dies erzählte sie mir persönlich nicht. Das sollte ich von anderen indirekt erfahren und meinen eigenen Weg für mich selbst praktizieren, nicht für sie.

Nun komme ich mit einem strapazierten Körper in Zürich an und hatte noch zwei tolle Begegnungen mit zwei Klienten in Bern. Ein Klient sagte mir, dass er noch weitere 20 Stunde mit mir hätte reden wollen. Das war die Energie von Nojiri-Sensei und Tee. Mein Körper ist müde und hat Schmerzen, aber der Geist ist klar und zufrieden. Ich höre immer noch, wie sie „schrie“: „Your ears should be always over your shoulder!“

An ihre Seminars könnte man in Brüssel, München (St. Ottilien), Bern, Nyon oder Rom teilnehmen. Details könnte man unter diese Seite bei zuständigen Organisationen anfragen.

Auf den Weg nach Nyon

Wege sind Orten der Begegnung und Kreuzungen sind Anfang der Irrwege. Manche treffen sich aus verschiedenen Wege an der Kreuzung, mache eilen weiter in die eigene Richtungen, mache geraten deswegen in die Irrwege.

Wir sind erzogen auf den richtigen Weg zu gehen. Wir haben erst die Möglichkeit uns zu erlauben, sich zu irren, wenn wir zu einem fremden Ort aufbrechen – das Aufbrechen aus dem Gewöhnlichen. Unter den Fremden dürfen wir in die Irrwege verlaufen. Kinder geraten auch gerne in Irrwege. Denn Sie ihre Welt als das noch Unbekannte voller Fremdheit und Faszination wahrnehmen.

Ich war als Kind mindestens zwei Male vermisst, aber nicht auf den Irrweg. Es war Wege der Sehnsüchte. Es war Wege der Möglichkeiten, sich aus dem von Eltern bestimmten Realität zu befreien, in die Ungewissheit der Anziehungskraft. Das erste Mal, vermisst zu sein, war meine jüngste Tante schuld. Sie war zu jung und zu unerfahren. Plötzlich befand ich mich unter Fremden an einem Strassenrand. In der Erinnerung fragte ein älterer Herr mich nach meiner Adresse und meiner Eltern. Ich hatte keinen Grund zu weinen und sagte den auswendig gelernten Text. Er kannte diese Adresse. Er kaufte mir ein Eis. Während ich Eis ass, tauchte mein Großonkel auf, der mit Velo in der Rettungsaktion des Clans ganz nervös rund fuhr. Zum zweiten Mal war mein Großvater schuld. Er sollte mit mir kurz in den Tempel gehen und etwas holen. Er genoss in dieser Pause seine Zigerette, die er zu Hause nicht mehr sichtbar geniessen konnte. Er kaufte mir ein Ball und sass im Genuss am Ecke. Ich spielte den Ball, warf ihm weg und folgte ihn. Das gleiche wiederholte sich bis der Ball auf einmal in den Fluss verschwand. Ich weinte ganz laut. Die Erwachsenen versammelten sich und wollte mir helfen, nach Hause zu bringen. Ich schrie nur in die Richtung des Balls, aber sie verstand es nicht. Ich verriet meine Adresse nicht und schrie so lang, bis mein Vater mich fand. Er war verzweifelt. Er sagte, er habe mich sogar lokalisieren können wegen meinem unerträglichen Schrei.

Auf den Weg nach Nyon dachte ich immer wieder an meinen Irrweg im Erwachsensein.

Als ich 1999 den Einladungsbrief von einem brüsseler Teeseminar mit Nojiri-Sensei (jap. Lehrer) über Detlef zur Hand bekam, wußte ich noch gar nicht, worauf ich mich einliess. Eine Schale Tee verändert mein Leben – komplett. Den Weg der Veränderung machte man mir allerdings nicht einfach. Ich sah wie manche im Unterricht zum Weinen gebracht wurden, wie die Sensei mit immer lauteren Stimmung Handlungen korrigierte. Mich schickte sie in einem Nebenkammer und ich durfte nur das Erlaubte Stück für Stück lernen. Heute verstehe ich mit Dankbarkeit den Grund. Damals war es wie eine Schikane. Die Schikane erschrak mich nicht, weil ich einer fremden Anziehungskraft folgte. Ich wollte sie weiter folgen und machte meine Entscheidung nicht von anderen Menschen abhängig.

Außerdem warnte Detlef mir bereits an der Wegkreuzng. Klar und unbeirrend sagte er mir:

Deine Knieschmerzen ist Deine Schmerzen. Dein Zweifel ist Dein Problem. Dein Weg ist Deins.

Gestern abends konnte ich meine Beine kaum noch berühren. Es war wieder sehr hart. Mich hat die Sensei richtig genommen und richtig geknetet. Der innere Zweifel überkam mich, ich fragte mich, weshalb kam ich hier her. Auch inzwischen kenne ich den Zweifel gut, er kommt und geht. Die Wörter Detlef vergesse ich nicht. Meine Schmerzen ist meins. Es geht um mich, um meinen Weg und meine Sehnsüchte. Seine Wörter helfen den Unentschlossenen rechtzeitig auf den richtigen Weg zurückzukehren, während die Entschlossenen entillusioniert weiter gehen können.

Auf diesen Weg der Sehnsüchte treffe ich die Menschen, die mir den Weg nicht immer „erleichtern“. Jeder an dieser Wegkreuzung trägt seine eigene Geschichte und auch Belastung mit. Wir praktizieren zusammen den Teeweg und es entwickelt eine Verbundenheit, die weder aus Zuneigung noch Abneigung entsteht. Eine Freiheit, die erst anfängt, wenn man Menschen nicht mehr mögen „will“, nur so wie sie sind, akzeptiert. Sie sind einfach da, wenn ich meine Augen öffne.