[NZZ E-Paper – Neue Zuercher Zeitung] Auf Rosen gebettet

Lieber Joseph, herzlichen Dank für den Artikel!
Menglin

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11. Januar 2013

Auf Rosen gebettet

Eine Sammlung chinesischer Keramik von Weltrang als Dauerleihgabe im Museum Rietberg

Nach halbjährigem Umbau wird die China-Abteilung des Museums Rietberg wiedereröffnet – mit einem namhaften Neuzugang: der Meiyintang Collection, einer Schweizer Sammlung chinesischer Keramik von Weltrang.

Philipp Meier

«Die Halle der Rosenbeete» – auf Mandarin «Meiyintang» -, das klingt wie der Name eines geheimnisvollen Palasttrakts am einstigen Kaiserhof von China. Hinter dem Phantasienamen verbirgt sich indes die Sammelleidenschaft der beiden Schweizer Brüder Stephen und Gilbert Zuellig. Über ein halbes Jahrhundert lang hatten sie eine der weltweit bedeutendsten Kollektionen chinesischer Keramik aufgebaut, die sie mit einem für chinesische Kunstsammlungen typischen Etikett versahen.

Doppelter Glücksfall

Der ältere Bruder, Stephen, lässt seinen Sammlungsteil, vorab jüngere Keramiken der Yuan-, Ming- und Qing-Dynastien, seit 2011 in Hongkong versteigern – mit Erfolg: Eine blauweisse Ming-Vase hatte dort im Oktober 2011 den Rekordpreis von rund 20 Millionen Franken erzielt. Die Kollektion des jüngeren, 2009 verstorbenen Bruders, der sich den früheren Epochen chinesischer Keramik vom Neolithikum bis zur Song-Zeit zugewandt hatte, wurde in den vergangenen Jahren in eine Stiftung übergeführt und auf diese Weise zusammengehalten. Als Dauerleihgabe findet sie nun in der neu eröffneten China-Abteilung des Museums Rietberg einen ihrer Bedeutung gebührenden Rahmen.

Der Neuzugang ans «Rietberg» ist aber nicht nur ein Glücksfall für die Meiyintang-Sammlung, von der die deutsche Spezialistin Regina Krahl sagt, sie sei die weltweit beste ihrer Art – als eine Koryphäe auf diesem Gebiet hat sie die gesamte Kollektion katalogisiert. Das Glück ist auch ganz auf der Seite des Zürcher Museums, das zwar bereits zuvor eine China-Abteilung von internationaler Ausstrahlung vorweisen konnte, bis anhin aber bei der Keramik unterdotiert war. Mit der Dauerleihgabe von rund 1500 Stücken, wovon 630 permanent ausgestellt sind, weist die Institution nun eine der europaweit bedeutendsten Sammlungen chinesischer Keramik auf.

Ein weiterer Glücksfall ist, dass die Zuellig-Erben damit einverstanden waren, ihre exquisiten Töpferwaren in die China-Abteilung zu integrieren und nicht separat zu zeigen. So wandelt man nun neu durch eine luftig wirkende, nicht mehr von Wänden, sondern von hellen, transparenten Vitrinen gegliederte Ausstellungshalle an Steinzeug, Porzellan, Cloisonné und Bronzen, Grabfiguren, buddhistischen Skulpturen, Tuschmalerei und Kalligrafie vorbei – insgesamt 850 Objekte, die sozusagen den gesamten Kunst-Kosmos Chinas repräsentieren. Die einzelnen Stücke der Keramiksammlung werden in den Vitrinen auf Leuchttablaren mit LED-Technik präsentiert, einer Neuentwicklung des Museums in Zusammenarbeit mit einer Schweizer Lichtfirma. So sind die Exponate optimal ins Licht gerückt. Allein die Unterseite, bei chinesischer Keramik nicht ganz unwichtig, da sich dort für Kenner Wissenswertes über Herkunft und Datierung ablesen lässt, ist durch das weisse Milchglas der Tablare nicht sichtbar.

Mit Intellekt und Herz

Beim Aufbau ihrer Sammlung wurden die Zuelligs von den weltbesten Händlern wie Giuseppe Eskenazi oder Edward Chow beraten. Seit den vierziger Jahren hatten die Gebrüder die von ihrem Vater in Manila gegründete Handelsfirma zur Zuellig-Gruppe ausgebaut, einer der grössten Unternehmungen für Pharma und Agrikultur in Asien. Mit dem Sammeln chinesischer Kunst begannen sie schon in den fünfziger Jahren. Erhalten bleibt nun diejenige Sammlung, die auch die im Westen seit je hochgeschätzte Song-Keramik umfasst. Letztere gilt in technischer wie ästhetischer Hinsicht als unbestrittener Höhepunkt weltweiter Keramikproduktion. Neureiche Chinesen zahlen heute allerdings vor allem für die bunten und für den westlichen – wie auch japanischen – Geschmack oft überdekorierten kaiserlichen Porzellane der späteren Epochen Höchstpreise.

Solche Stücke fehlen nun einmal im Museum Rietberg. Mit ihnen aber leider auch Beispiele des monochromen Qing-Porzellans mit den bestechenden Ochsenblut- oder Pfirsichblüten-Glasuren oder auch Exemplare der berühmten blauweissen Ming-Keramik: Für solche Beispiele muss man in der Schweiz ins Genfer Musée Baur reisen.

Gilbert Zuelligs hervorragende Sammlung setzt Tausende von Jahren früher ein als solche Keramik. Der mit Intellekt und Herz gleichermassen zu Werk gegangene Sammler hatte ein Konvolut von aussergewöhnlicher Breite zusammengetragen, wobei ein erstes Highlight schwarze Weinkelche des Neolithikums sind. Im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung hatten die Chinesen (zeitgleich mit Mesopotamien) die schnell drehende Töpferscheibe erfunden, wodurch sie hauchdünne sogenannte Eierschalen-Keramik herstellen konnten. Die schwarzen Weinkelche aus dem dritten Jahrtausend in der Meiyintang-Sammlung sind denn federleichte, hervorragende Beispiele dafür und Zeugen einer der erstaunlichsten Leistungen auf dem Gebiet der Keramik weltweit.

Entscheidende Wende

Früh war man in China auch in der Lage, hoch gebranntes, wasserdichtes Steinzeug herzustellen. Für die hauptsächlich als Grabbeigaben verwendeten Keramiken genügte allerdings eine niedrig gebrannte, kalt bemalte oder mit giftigen Bleiglasuren versehene und daher nicht alltagstaugliche Ware. Schöne Beispiele dafür widerspiegeln die jeweiligen Gesellschaften, in welchen sie hergestellt wurden: agrarische in der Han-Zeit mit Brunnen und Getreidespeichern, kriegerische Gesellschaften dagegen in der Tang-Zeit mit Soldaten und Pferden.

Der Grabkult trieb mit immer farbigeren Keramiken zunehmend buntere Blüten – und viele wohlhabende Familien bisweilen in den Ruin, weswegen er schliesslich vom Kaiser verboten wurde. Dies brachte eine entscheidende Wende in der Entwicklung der chinesischen Töpferkunst. Die Öfen stellten auf hoch gebranntes Steinzeug um, das dem sich ausbreitenden Genuss von Tee diente.

Ab dem 10. Jahrhundert wurde Keramik Gold, Silber und Lackwaren ebenbürtig. Es entstanden weisse, grüne und schwarze Gefässe von höchster Perfektion, wobei mit Farbigkeit und Dekor sparsam umgegangen wurde und man sich vorab an einer klaren und schlichten Formgebung sowie am Glanz der Oberfläche erfreute.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Perfektionierung in der Song-Zeit. Eines der Highlights in der Ausstellung ist ein kleines, auf den ersten Blick unscheinbares Gefäss zum Waschen von Pinseln, eine sogenannte Ru-Keramik. Bereits seinerzeit rar und gesucht, existieren heute von diesem Typ weltweit lediglich noch ganz wenige Stücke. Mit ihrem zarten Grün und feinen Craquelé von schwarzen und goldenen Fäden ist denn die kleine Schale im Museum Rietberg mit einem Juwel vergleichbar.

Zürich, Museum Rietberg, Katalog der Meiyintang Collection von Regina Krahl in vier Bänden in Englisch: Fr. 2445.- plus Transportkosten (aus England) Fr. 75.-, zu bestellen im Museumsshop.

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