Atongs Gemüsebeet

Atongs Gemüsebeet

Wie kalt kann es sein, wenn man allein unter den Fremden unterwegs ist?
Wie warm kann das Herz schlagen, wenn es berührt wird?

Kurz vor meinem Abflug zeigte mir mein Lehrer Atong sein Gemüsebeet. Unweit von seinem Büro hat er seine Nachbaren bearbeitet, so dass er ein bisschen Samen setzen kann. Ich sah die winzige Pflanzen und lachte, „warum willst Du nicht fertige Blumen kaufen? Du kannst doch gleichen den schönen Augenblick geniessen. So langsam wachsen die Keimen…“ Er sagte zu mir mit vollem Ernst: „Mädel! Ich will eben diese Langsamkeit geniessen! Wer will schon schöne fertigen Blumen anschauen? Ich will aussäen, Wasser giessen und Unkraut jäten. Ich freut mich jeden Tag, wenn es neue grüne Blätter kommen. Ich will mich darüber freuen…“ Er bezeichnete mich als moderne Menschen, die eben nur ernten wollen, nicht dafür arbeiten. „So ist es auch mit Tee, verstehst Du! Du muss lernen, zu knien, zu bücken und von der Erde berührt werden. Kennst Du das Wort DEMUT?“
Dann kann ich die Schönheit der einfachen Dinge erkennen? Kann ich noch bücken, knien und meine Hände schmutzig machen?
Kurz vor meinem Abflug besuchte ich den Räuchermeister Chen in seinem unscheinbaren Geschäft in dem sehr betriebsamen Viertel. Aber hinter diesem zurückhaltenden Mann und diesem unauffälligen Geschäft verbirgt das grösste Schatz an Adlerholz (Aloewood) im asiatischen Raum, auch das Tokugawa Museum in Kyoto könnte nicht verglichen werden. Ich besuche ihn selten, nicht weil ich es nicht will, sondern wegen Respekt. Ich liebe die Welt der Düfte. Aber ich kann mich nicht dieser Schönheit widmen. Ich möchte noch Tee lernen, nur eine Sache gut machen. Er wartete auf mich und ich bemerkte gleich eine Veränderung in diesem Raum. Er sagte, „Ja, ich hätte Dir etwas zu zeigen.“
Es war eine Ehre und eine grossartige. Ohne viel Höflichkeit zu verschwenden, was er nicht gerne hat, wurde ich vor einer traumhaften Welt des duftenden Adlerholz geführt. Wie kann man es davon träumen? Wenn man sich gar nicht vorstellen kann?
Adlerholz stammt aus tropischen Bäumen. Manchmal hat so ein Baum einen wunderbaren Standplatz. Er wächst und wächst, die Zeit spielt keine Rolle, Hundertenjahren… So prächtig, dass es scheinbar nur er zwischen dem Himmel und Erde stehen würde… Eines Tages kommt ein Sturm und es verletzt dem Stamm. Dann kommen die Bienen, Insekten die sind angezogen von den Träumen des Baumes, weil er verletzt wird… Diese Trännen duften. Die Lebenwesen fressen das Holzige, was bleibt ist das Harz. Sehr hart. Irgendwann wird das Harz eine Last des Baumes. Irgendwann fällt das lästige Harz auf den Boden. Menschen wie ich finden das Harz auf den Boden und freut sich auf die Beute. Aber solche wie Chen oder Atong, sie nehmen es nicht. Sie lassen das Harz unter den Erde verschwunden. Nach vielen Hundertenjahren wird das Harz aus einstigem prächtigen Baum so gezämt unter den Erden, dass er ein reines duftendes Wesen wird – sanft, klar und unafufällig. Das will Chen haben. So geht er Zeit für Zeit, bückt, kniet und gräbt aus der Erde, nur um mit Qinan (das beste von Kyara) zu begegnen. „Weiss Du, Du kannst es nicht wollen. Du kannst nur versuchen… und der Versuch ist das, was mich fasziniert…“ Ich ging immer wieder zu einem Schrank und innerlich spürte ich einen Andrang zu weinen. „Warum?“ fragte ich ihn. Er antwortete, „Menglin, diese Bäumen sind viel älter als wir. Sie sind über Tausenjahren… Was sind wir denn dagegen? Dein Herz ist berührt…“ Wir schauten uns an. In seinen Augen erkannte ich das, was ich auch sah. Ich sah wie dieser prächtige Baum stand, wie er verletzt wurde und fiel und wie er unter der Erde warteten, gefressen wurde und warteten… Eines Tages war die Zeit reif und er begleitet Chen bis heute!
Wie ist es denn mit einem Menschen? Jeder will erfolgreich werden…
Kurz vor dem Abflug habe ich oft Stress mit meinem Vater. „Hast Du Deinen Pass? Hast Du Dein iPad? Hast Du Dein iPhone? Hast Du überhaupt genug zu essen?????“ Seine Sorgenliste ist sehr lang und ich muss warten. Irgendwann macht er sich Sorgen um mein Gepäck. „Wie willst Du denn alles schaffen?“ Ich sah durch seine grasigen Augen viel viel Unterdrückung von Sorgen. Er erkennt meine Last. Meine Last trage ich alleine unter den Fremden in einem fremden Land. Es ist mein Leben, an dem er nur wenig Anteil nehmen kann. Es ist schwer zu lieben. Zu sehen, dass der geliebte Mensch Last trägt. Aber er muss es alleine tragen.
Durch das Tragen von Last werde ich vielleicht mehr von Demut verstehen.
Wenn es kalt wird, weiss ich zu bücken und knien.
Wenn paar Teeblätter heiss aufgegossen werden, bücke ich meinen Kopf nach unten, in aufsteigendem Duft wird mein Herz bestimmt sehr warm.

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