Der kuriose Fall von Alishan Hochland 1999

Eine Uhr, die rückwärts läuft, landet mit der Zeit in Friedhof.

Eine Verbindung, die von einem bestimmten Muster belastet wird, bricht im Lauf der Zeit ab.

Eine Beziehung, die das tiefe Herzen berührt, wird durch die Zeit alt.

Wie ist denn es, wenn eine Uhr rückwärts laufen würde?

Wie ist es, wenn wir zum zweiten Mal Chance hätte, die Dinge neu zu erleben?

Wie ist es, wenn wir alt geboren und immer jünger werden?

Manchmal haben wir das Gefühl, jemanden bei der ersten Begegnung bereits gekannt zu haben. Die Zeit und Raum spielen gar keine Rolle. Manchmal haben wir das Gefühl, wenn wir es noch einmal erleben würden, würden wir vieles anders machen. Die Zeit und der Raum beschränken stets den Rahmen unsere Handlungen. Wir sind anscheinend nicht unser eigener Herr. Der eigene Herr für das Leben.

Als der Alishan 1969 einmal im Februar degustiert wurde, wurde ich „enttäuscht“ von der Reaktion der Anwesenden. Die Anwesenden waren vom großen Name in ihrem Bereich und waren enttäuscht von diesem fast 40 Jahre alten Tee. Sie sagten, er zerfällt. Ein Tee, der seinen Höhepunkt erreicht und nun zerfällt. Zerfall. Er schmeckte nur nach duftendem Holz. Verholzt. Alt und gelagert. Sie achteten nicht auf die Geschmeidigkeit die durch die Zeit gewann, nicht auf die Energie dieses Tees, die den Körper aufwärmte. Ein Tee, der zu alt ist.

 

Vor Kürzen trank ich mit Lehrer Aton in Taipei einen Alishan 1999, bevor die Reisegruppe eintraf. Ich erkannte den anderen, der zerfällt, in ihn. Ich erkannte ihn in seiner Leichtigkeit, die die Zeit übersteht, seine Vielschichtigkeit, die zeitlos ist und seine klare Sprache, die die Zeit überdauert. Einerseits fruchtig reif, Duft nach den unter der Sonne getrockneten Zwetschgen; andererseits blumig nach zarten Frühlingsorchideen. Klar, unverklemmt und unverschwommen. „Das ist es.“ Sagte Aton zu mir. Ich nickte meinen Kopf. Ein Tee, den wir in Shui Tang einführen werden. Als ein Einstieg für Teeliebhaber in die Reise mit der Zeit…

Dieser 10jährige Alishan im Vergleich mit Alishan 1969 versetzt mich ins Kino von Benjamin Button. Indem ich ihn (1999) trank, erinnerte er mich an dem 1969. Benjamin wurde alt geboren und erlebte sein Leben immer jünger. Während die anderen hinfälliger wurden, wurde er immer kräftiger und lebendiger. Was ist die Zeit für Menschen? Was ist das Zeitlose im Leben? Gibt es wirklich, was die Zeit unbedeutend macht?

 

„Möchtest Du diesen Alishan noch jünger erleben?“ fragte Aton mich anschließend. Noch jünger? Ich sah ein Schalk im Augen von Aton. Noch jüngerere Alishan, der Nage Nage Cha, den er manchmal versteckt und manchmal doch verkauft. Er weiß manchmal nicht, wie er die Attacke von berührten Teeherzen widerstehen kann, an sie keinen guten Tee zu verkaufen.

Der noch jüngere Alishan 2003 noch fruchtiger, blumiger und frischer. „Er ist so jung!“ Nur im Aussehen? In seinem Wesen ist er reif, er ist klar und übersteht die Zeit. Er wird alt. „Nehme doch all diesen Tee. Lagere ihn, verkaufe ihn langsam. Es ist gut für Dein Geschäft.“ Aton wollte mir helfen, einen Name mit Raritäten und erlesenen Tee im Europa zu behaupten. Er gibt mir sein Schatz, weil ich ihn verstehe. Weil meine Liebe zum Tee ihn berührt. Ist das, was zeitlos ist?

 

Als Benjamin Button Daisy begegnet, wurde es ihm etwas klar. Diese Person verändert sein Leben. Dieser Erkenntnis machte vielleicht sein hinfälliges Leben einen Sinn, denn es nicht mehr in dem gleichen Muster läuft. Der gleiche Muster, sich so zu fühlen und verhalten wie die alten Menschen, die auf Tod warten. Er bekommt Mut.

Mein Leben verlief auch in einem bestimmten Muster. Bis mir durch Tee und durch den so genannten Teeweg eines klar wurde, dass ein Muster mein Leben und meine menschlichen Beziehungen dominierte und dominiert.

Auch wenn man bewusst die Dinge zweite Chance gibt, verlaufen die Dinge nicht immer anders. Yang Dechang versuchte in „Yi Yi“ zu erklären, dass gewisse Muster unser Leben stets dominieren und unseren Versuch zum Scheitern bringen. Wenn wir bewusst wieder in die gleiche Situation zurückkommen, überkommt uns die Unerträglichkeit dieser Wiederholung. Der unglückliche Familievater von Yiyi fährt noch einmal mit seiner Jungendfreundin zusammen auf die Reise. Am Ende steht er fest, dass sie einfach nicht an ihr Schicksal verändern. Es dominiert ein bestimmtes Muster, eine bestimmte Wiederholung, die den zweiten Versuch so unertäglich schmerzhaft machte. Vielleicht weil es nicht einmal wahrgenommen wurde, um durchzubrechen.

 

Es ist bestimmt auch der Grund, warum Elisabeth in Wong Kar Wais „ My Blueberry Nights“ durch das Amerika wandert, um wieder nach New York zurückzukommen. (Wong Kar Wai bezeichnete diesen Film als eine Geschichte von einer Frau, die den weitesten Weg genommen hat, anstatt den kurzen, um den Mann, den sie liebt, wieder zu begegnen.) Sie wusste, dass der Cafe-Besitzer Jeremy auf sie wartete. Aber wenn sie wieder die Tür gleich geöffnet hätte, wäre sie immer noch dieselbe Elisabeth wie gestern gewesen. Sie musste ihr Leben mit Abstand betrachten und reflektieren, was bis jetzt dominierte. Sie musste ihre Schmerzen mit auf den weiten Weg mitnehmen und ihre Geschichte durch Leben des anderen mit neuen Augen sehen.

Alishan BäumenBäumen in Alishan

Ein Baum kann in Alishan fast zwei tausend Jahren alt werden, aber Menschen nicht. Ein Tee, der verholzt, sei zerfallen. Unser Herz wird auch alt und verholzt, wenn es nicht mehr zur Sprache kommt. Selten erleben wir Menschen, die jünger „wirken“ (nicht aussehen – dies kann man mit künstlichen Angriff oder Kosmetik helfen) als sie wirklich sind. Selten erleben wir Menschen, dessen Herzen jünger bleiben als sie tatsächlich sind. Herzen können jung bleiben, wenn sie einmal verstehen, was zeitlos sein kann.

4 Gedanken zu „Der kuriose Fall von Alishan Hochland 1999

  1. remon

    hallo menglin,
    über gelagerten alishan kann ich nicht mitreden.doch habe ich vor einer woche don ding 1978 wieder getrunken.ich fan ihn früher eher langweilig und schal.doch letzte woche war die zeit anscheinend reif,ich bin total begeistert,kann dir den te aber schlecht beschreiben.manchmal brauche ich einfach zeit und mehrere versuche um einen tee zu verstehen,vorallem die gelagerten geben sich mir nicht sofort preis.ich hoffe du hast noch gelagerten don ding 1978.
    gruss romeo

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  2. Hans

    So viel Philosophie! Ich staune, woher du all‘ diese Gedanken und Geschichten holst. Dieser Vergleich mit Benjamin Button ist spannend. Diesen Film habe ich gesehen (ich schaue nicht sooooo viele Filme), darum kann ich deinen Gedanken folgen. Ich fragte mich dann: „Soll ich nun den Alishan 1999 auch öffnen und versuchen, ein wenig nachzuempfinden, was Menglin beschreibt?“ Doch: Zur Zeit lasse ich diesen Tee verschlossen, denn es mahnt mich an deine Bemerkung vor kurzem, dass ein Tee, den wir am 8.5. gemeinsam tranken, zu lange in der geöffneten Tasche war. Dieses Schicksal soll den Kostbarkeiten aus Taiwan nicht widerfahren. Also trinke ich zuerst von den schon geöffneten Tees und habe viel Vorfreude auf den Alishan 1999.

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  3. Menglin

    Philosophieren?
    Nein, ich schreibe nie etwas aus meinem Kopf.
    Ich habe die Dinge mit meiner Haut durchgelebt. Manchmal fühle ich mich auch sehr alt, so alt wie Benjamin, wenn ich hier so laut sagen darf. Sehr alt, so alt, dass ich sterben kann.
    Heute sagte Chraqi zu mir, dass er mit 30 noch nichts erlebt hast. Ich beneide ein bisschen seine Leichtigkeit. Ich bin nun Ende 30, habe wirklich viel erlebt. Manchmal zu viel.
    Eins kann ich Dich noch überraschen. Den Alishan 1999 ist nicht der, den Du kennst…, lieber Hans.

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  4. Christoph

    Hallo Menglin,

    mir fällt da ein wunderschöner Teil aus einem Gedicht von Goethe ein.

    „Und so lang du das nicht hast, diese stirb und werde
    Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“

    Lass doch die Menglin los… wenn sie dir zu alt ist.
    Und werde jemand neues. Zeit ist bedeutungslos… so lange wir leben haben wir die Wahl und Endscheidungsmöglichkeit alles zu sein was wir wollen. Es ist die Suche nach uns selbst die bei uns beginnt und letzlich zu uns zurück führt.

    Der Augenblick ist Anfang und Ende – in ihm schaffen wir uns ständig neu. In einem Augenblick können wir das Universum begreifen.
    Und erkennen das die Antworten auf die Fragen die uns das ganze Leben geplagt haben, schon immer beantwortet waren. Nur wollten oder konnten wir sie nicht verstehen.

    Ich liebe es 18:00 Uhr auf dem Balkon zu sitzen und einen Qilan zu trinken. Die Sonne auf meiner Haut zu fühlen, den Tee zu richen, ihn zu schmecken und ihn zu spüren. Was ist in einem solchen Moment schon Zeit oder das Alter? Bei allen Dingen die man mit ganzem Herzen tut, spielt die Zeit keine Rolle.

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