So wach wie ein Frosch

Auf das Wiedersehen mit Nojiri Sensei war ich nicht besonders scharf. Bevor ich nach Nyon fuhr war ich nervös, unsicher und volles schlechten Gewissen. Mein spärliches und vernachlässiges Praxis wird mich verraten und was sollte ich ihr denn von meinem Verschwinden erklären?

Als wir uns zufällig zu zweit beim Eingang begegneten, fragte sie mich nur, „How are you?“ Ich sagte, fein. „Really?“ Sie beobachtete mich mit ihren starken Augen. Sie leidet inzwischen unter schlimmen Heuschnupfen.

Nojiri Sensei hat zwei besondere Begabungen.

1. Begabung: sie kann ihre Schüler sehr gut imitieren. Sie imitiert unsere schlechte Haltung oder nervöse Fehler und bringt allen zum lachen. Gestern morgen fragte sie uns, was eigentlich die richtige Haltung von Tee sei. Wie könnten wir denn das richtige Körpergefühl in uns wieder finden? Dann imitierte sie ein Frosch. Sensei (jap. Lehrer) behauptet die richtige Haltung des Tees ist die Haltung eines Frosches. Ein Frosch bewegt sich nicht, verliert sich nicht. Er sah wie verschlafen aus, schnappt jedes Insekten blitzschnell. Wach und unbeirrt sollte die Haltung des Teepraxis sein.

In jedem Morgen üben wir, wie wir zum eigenen Körper zurückkommen und wo ist der Punkt, der uns unbeweglich macht und der uns Souveränität vermittelt. Aus diesem Punkt sollten wir Tee für anderen Menschen zubereiten. Wenn der Gastgeber souverän ist, könnte er auf andere Menschen eingehen und eine Atmosphäre kreieren. Jedesmal wenn dieser Punkt wieder in mich zurückkommt, weiss ich den Grund, warum ich noch da bin und Tee praktiziere.

2. Begabung: diese zierliche unscheinbare Frau strahlt eine unbegrenzte und unendliche Präsenz, die sich durch ihre Stimme und starke Augen manifestiert. Ihr wacher Geist bringt die Komplizierten Schüler aus ihrem Konzept und lässt sie entblösen. Eigentlich ist es die beste Übung unter ihrer starken Präsenz, sich nicht von ihr aus der Ruhe zu bringen. Das ist leicht gesagt als getan.

Sie fragte mich am ersten Tag, was ich ihr gerne präsentieren wollte. Ursucha oder Koicha. O.K. Koicha im Ro (Erdofen – Winterstellung), das kann ich schon und mache es auch richtig gerne. Zu nervös werde ich wohl nicht. Sie hörte von Koicha und fragte, welche Zubreitungsart? Natürlich wollte ich die einfachste nummer und sie die komplizierste. Ich liess mich nicht beirren. Dann fing die Hölle los.

„Do you know, what you have to take now!!??“; „What do you do??!!“; „Where are you? You lost your center!! You should never lose your center!!! HMMM!!!“

„This is not Koicha! This is Ursucha!“ Sie sass nicht gerade neben mir, woher sollte sie denn wissen, ob mein Tee zu dünn war? „HOW DO YOU KNOW THAT?“ Alle lachten, weil ich ihr widersprach. „I see everything!“ Mein Koicha war tatsächlich zu dünn, aber woher sah sie es?

„I told you to do the complicated one, but you prefer the simple one!“ sie schaute mich mit ihren starken Augen. Sie vergass es nicht und hing es an die große Glocke. Am nächsten Tag musste ich natürlich den Befehl ausführen und ein harter Tag fing richtig an. Fast zu jeder Temae (Teezubreitung) wurde ich aufgerufen mitzuarbeiten. Als Strafe oder Privileg kann man es nicht so leicht definieren. Ich war am Abend richtig erledigt. Erledigt war auch mein Wünsch baldmöglichst wieder dabei zu sein.

Später kam Miya zu mir. Sensei habe gesagt, dass sie sich über meine Fortsetzung des Unterrichten erfreut habe.  Dies erzählte sie mir persönlich nicht. Das sollte ich von anderen indirekt erfahren und meinen eigenen Weg für mich selbst praktizieren, nicht für sie.

Nun komme ich mit einem strapazierten Körper in Zürich an und hatte noch zwei tolle Begegnungen mit zwei Klienten in Bern. Ein Klient sagte mir, dass er noch weitere 20 Stunde mit mir hätte reden wollen. Das war die Energie von Nojiri-Sensei und Tee. Mein Körper ist müde und hat Schmerzen, aber der Geist ist klar und zufrieden. Ich höre immer noch, wie sie „schrie“: „Your ears should be always over your shoulder!“

An ihre Seminars könnte man in Brüssel, München (St. Ottilien), Bern, Nyon oder Rom teilnehmen. Details könnte man unter diese Seite bei zuständigen Organisationen anfragen.

2 Gedanken zu „So wach wie ein Frosch

  1. Madeleine

    Liebe Menglin

    Dein Bericht über den Unterricht bei Michiko-Sensei hat bei mir diverse Saiten zum Klingen gebracht. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie du dich gefühlt hast, als dich die strenge unnachgiebige Sensei in die Zange nahm. Ich habe es selber schon erlebt und bin nach jedem Seminar ein wenig unschlüssig, ob ich mich dem überhaupt noch stellen mag. Und doch gibt es da so eine gewisse Energie, du mich immer wieder dazu verleitet, wieder hin zu gehen. Ich kann mir das auch nicht erklären…. Einerseits empfindet man Michiko-Senseis Unterrichtsstil demütigend und daher seelisch schmerzend, und doch schöpft man daraus die Kraft, die uns hilft (mit Demut) durchs Leben zu gehen. Ein Widerspruch? Logisch? Das Herz der Teezeremonie ist schwierig zu erklären, aber Michiko-Sensei vermag es durch ihr Schreien, die scharf beobachtenden Augen und halt auch mit viel Humor und dem herzhaften Lachen. Oft im Alltag höre ich tief in mir eine Stimme, die „search your center, you are not in your center“ ermahnt. Dies bringt mich dann zum Schmunzeln….;-)
    Gehen wir also weiter auf unserem Teeweg. Gambarimashou ne! Bis bald, Madeleine

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  2. Menglin

    Liebe Madleine, mit Freude lese ich Deine Zeile!
    Für das Leben ist Demut-Haltung eigentlich essential, die leider in der modernen Erziehung häufig missverstanden wird. Ich bin Michiko Sensei sehr sehr dankbar, denn sie meinen Geist durchschaute, als ich mit Ehrgeiz den Teeweg anfing.
    Ihre Unterweisung begleitet mich nicht nur im Tee-praxis, sondern durch mein Leben. Jedes Mal wenn ich an sie denke, spüre ich eine Dankbarkeit, die mich sehr glücklich macht!
    Jeder findet seinen Weg auf seine Art. Was mich beeindruckt, ist nicht unbedingt das, was anderen auch gerne tun. Jeder auf seine Art.

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