Archiv für den Tag 30/12/2007

Der Tee und seine richtige Kanne

Lieber Arno hat mir eine schwierige Aufgabe gegeben, die richtige Kanne für einen richtigen Tee zu lösen.

Dass sich der gleiche Tee in der gleichen Menge und in der gleichen Zeit in unterschiedlichen Teegeschirr unterschiedlich entfalten, haben wir in letzten Gongfu Cha Kurs in Zürich bereits festgestellt. Wir habe den gleichen Tee – einmal Yinzhen Baojao, einmal Daye Oolong und einmal Mixiang Hong Cha in Yixing-Kanne, in Glaskanne und Gaiwan und in Porzellan in der gleichen Zeit zubereitet. Das Fazit war, dass der gleiche Tee sich unterschiedlich entfaltete. Jörg (den Du kennst und wir im Blog) war begeistert von dem Porzellan, während der Jürg (aus Zürich) weiterhin an seine Yixing-Kanne festhielt. Gibt es objektiv eine richtige Teekanne für einen Tee? Oder es ist eine individuelle Wahl? Auch der Yinzhen Baihao kam im Glas sehr gut zur Geltung, während die anderen zwei fermentierten Tees nicht zum Ausdruck kamen.

Was die Bücher uns erzählen, ist Theorie. Probieren und den Unterschied schmecken müssen wir selber. Und das richtige Material zu wählen muss Du wohl selbst tun. Ich bin begeistert von Porzellan, nicht weil der Tee in der Porzellan-kanne am besten schmeckt, sondern weil er darin am „ehrlichsten“ schmeckt! Also ich will nicht, dass der Tee besser schmeckt, sondern ich will ihn kennenlernen, so wie er ist. Später möchte ich ihn vielleicht besser zur Sprache kommen lassen, dann probiere ich gerne Mal ihn in einer guten Ton-Kanne aus. Auf dieser Ebene ist es bereits nicht mehr Tee kennenlernen, sondern die so genannte Spielerei oder im anderen Auge – die Teekunst.

Es ist ähnlich wie die Liebe- entschuldige, wenn ich es so vergleiche. Zuerst lernt man zufällig jemanden kennen . Liebe macht aber blind. Also könnten manche Menschen nur den verliebten Partner verherrlichen und glaubten, ihn verändern zu können – Liebe schafft alles! Also man versucht ihn zu verwöhnen und nur die beste Seite zu zeigen. Später trifft man auf die bittere Wahrheit und wird enttäuscht – was mache ich falsch… Aber ist Liebe nicht, jemanden so zu akzeptieren, wie er ist? Jemanden zu verändern könnten wir so wie so nicht. Wir könnten immer nur uns selber verändern. Also die Kunst der Liebe bzw. des Tees ist, die richtige Teekanne zu finden, den Tee in seiner besten Form zur Sprache kommen zu lassen. Aber zuerst lerne ihn richtig kennen und akzeptiere das, wie es ist!

Abgesehen von Fremdgeruchsgefahr – theoretisch schmeckt ein duftender Tee besser in einer Keramik-Kanne, die eine höhe Ton aufzeigt, wenn man die Deckel mit der Kanne leicht schlägt. Persönlich trinke ich gerne Oolong in der Ton-Kanne – wenn ich wirklich Muße habe. Ungerne bereite ich Tee in einer fremden Teekanne, die zuerst kennengelernt werden sollte. Aber anderen Menschen einen neuen Tee vorzuführen oder den Tee erst kennenzulernen, mache ich ihn gerne in einer Porzellankanne. Weil der Teefreund diesen Tee in seinem „originalen“ Geschmack kennenlernen könnte. Wenn ein Tee für die Teefreunde bekannt ist, würde ich ihn als Spielerei in einer Ton-Kanne zubereite. Und solche Momente sind schönund glücklich, weil man auf eine Abentuer gemeinsam geht, etwas Unbekanntes zu entdecken. Leider sind solche Kreise in meiner Umgebung noch nicht entstanden. Teefreunde im Blog sind weit verstreut. Ja, es wäre wunderbar, mit anderen solche Erfahrungen direkt zu teilen! Der Wünsch ein Teehaus zu eröffnen ist die Verwirklichung diees Glück.

Kind und Teelieber Arno, er ist unser jüngsten Weggefährte, der Neffer Jacob von Suzanne trinkt seinen ersten Gongfu Cha!

Ich bin sicher, dass Du den Qilan nicht falsch zubereitet hast. Er ist einfach anders, wenn er in Gaiwan ist. Wenn sein Geschmack in Gaiwan für Dich besser ist, dann hast Du wohl ein Hauch der Teekunst geschnuppert! Gratulation!

Und diese Erfahrungen gehen immer weiter. Eine neue Erfahrung bringt ein neues Neugier. Das neue Neugier bringt wiederum eine neue Erfahrungen hervor! Der Rückkehr kann nicht mehr stattfinden, weil der Geschmack des Tees im Körper eindringt und der Körper nach ihm schreit – Tee und das ich sind eins. Irgendwann entdeckt man, dass der Tee nicht nur Geschmack hat, sondern auch eine andere Qaulität, die wir als „Geist“ bezeichnen. Sich an ihn anzunähren eignet man sich eine bestimmte Haltung an, Tee nicht als Objekt zu betrachten, sondern uns in ihm hineinzusetzen. Subjekt und Objekt haben die gleiche Identität. Der Duft und Geschmack des Tees rufen in uns innere Bilder hervor anstatt unserem Verstand. Den Tee wirklich kennenzulernen setzt eine Bereitschaft und Mut vorraus, das gewöhnte Denkmuster zu überwinden, den immer weiter drehenden Intellekt abzulegen und nur Sinnesorgane anzuwenden. Somit kommen immer mehr andere Erfahrungen zum Vorschein anstatt denken. Wir lernen uns immer mehr anders kennen, als wir konditioniert sind. Wir kommen plötzlich an dem Punkt nicht mehr vorbei, aufrichtig zu uns selbst sein zu wollen. Das ist das, was wir als Chado-Teeweg nennen.

Sorry für den langen Beitrag, eigentlich habe ich Deine Frage nicht wirklich geantwortet. Ich wollte nicht die klassische Antwort schreiben: lieber Arno, für Grüntee und weissen Tee bitte Glas oder Porzellan; für Oolong und Pu Er unbedingt Yixing oder Ton, Gaiwan für Tees, dessen Frische und Duft im Vordergrund steht oder weil Du faul bist, die ganze Kanne zu putzen…