Archiv für den Tag 07/12/2007

Der Zauber des Anfangs

„Und plötzlich weißt Du:

Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen,

und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“

Eckhart von Hochheim,

bekannt als Meister Eckhart

(* um 1260, † vor 30. April 1328).

Adlerholz Räuchern

Für ein Kind aus einem einfachen Haus auf Formosa war Parfüm ein Sinnbild der Unerreichbarkeit der Exotik und Luxus. Wenn Vater seine Freunde aus dem vorderen Orient nach Hause einlud, füllte Wolken der Düfte unser Wohnzimmer. Gemäß der Tradition duften Kinder bei solchen Ereignisse gar nicht dabei sein. Aus Neugier und meiner Natur versteckte ich mich hinter den Vorhängen, beobachtete das Geschehen und bemerkte einmal die schönen tiefen dunklen Augen hinter dem Schleier, die mich gleichzeitig ebenfalls erblickten. Die Düfte der schönen Augen bezauberten Nächtelang meine Träume und verbanden mich mit einer anderen Welt.

Ich liebe Düfte, vor allem Adlerholz 沈香. Diese Verbindung verstärkt sich durch Tee. Die Düfte des Tees und die Verwandlung seiner feinen flüchtigen Nuance bereichern mein Leben und bezwingen mich vor der Vollkommenheit der Schöpfung zu knien. Um die Düfte des Tees besser zu verifizieren und die Botschafter dieser Düfte, die uns von der Herstellung und Entstehung des Tees erzählen, richtig zu entziffern, schärfe ich meine Sinne mit dem Duft. Weniger fasziniert von Düften der Blüten oder Fürchten, sondern von Harz. Der Genuss mit dem Schmecken von Harz ist bedingt von einer mühsamen aufwendigen Vorbereitung. Richtiges Asche, richtige Kohle und der richtige Temperatur – wie eine Vorbereitung auf eine Reise. Eine Reise, die möglicherweise begleitet wird oder auch nicht.
Jemanden zu sich einzuladen ist für mich wie auf eine Reise zu gehen, die vorbereitet werden muss. Oft räuchere ich die Räume, während ich auf die Gäste warte. Das Warten auf eine gemeinsame Reise. Das Treffen fängt nicht erst ab dem Hände schütteln oder Küsschen geben an, sondern viel früher, früher als wir es wissen.

Heute trat Anja mit mir gemeinsam auf eine Reise des Duftes an. Eine liebliche Person mit schönen klaren Augen, die voller Lebensbejahung leuchten. Sie lernte ich durch das Teeseminar vor zwei Wochen kennen. Sie war wie ein unbeschriebenes Blatt, das im Kurs nur aufschrieb und alles auf einmal merkte und wissen wollte. Sie kam auf dem Tee zu, vorbehaltlos und entschlossen, als ob sie lebenslang wusste, dass sie es wollte. Mit der gleichen Entschlossenheit wollte sie unbedingt Adlerholz haben, obwohl sie vorher nie von Adlerholz erfuhr und roch. „Ich weiß, dass ich es nicht zum ersten Mal rieche und mache.“ Ich weiß, dass wir uns nicht erst seit zwei Wochen kennen. Ich wollte für sie etwas besonders räuchern –  für dieses auf sich wartende Moment. Wir packten meine Schachtel zusammen aus, als ob wir ein Schwesterpaar wären. „Neriko am 25.11.2005, Düfte von Benzoe, Nelken, Kampfer und Adlerholz“. An jener Nacht im November 2005 wurde diese Begegnung bereits vorbereitet, obwohl wir an jener Zeit in dieser Welt noch als Fremde aneinander vorbei liefen.

Der Rauchwolke stieg, der Duft strömte. Wir lächelten uns an und verabredeten uns von einem Neriko-Kneten Tag.
Sie packte das Räucherofen, das Adlerholz und das Werkzeug zusammen. Sie erzählte mir, dass sie ab dem ersten Augenblick bereits wusste, dass sie es schon lange lange machen wollte. Ich nickte meinen Kopf und dachte an meine Begegnung mit Nojiri Sensei in Brüssel. Ein neuer verzauberter Anfang voller Ungewissheit und Ambivalenz. Trete ich auf diese Reise an oder lass ich es sein?

Der Rauch kreiste noch im Raum, der Duft kündigt seinen Zauber an. Ich wurde wieder allein. Auf dem Stuhl lag ihre vergessene Tasche von Asche. Mein Blick suchte nach Handy… Aber, Moment Mal… Der Duft wird sie schon rufen.