Archiv der Kategorie: Formosa Oolong Tea 台灣烏龍茶

Ein Aermel voller Düfte – Oolong aus Shan Lin xi

Shan Lin Xi
Ich habe wirklich viele guten Tees in meinem Leben getrunken. Oft handelt sich nicht mehr um einen so gegannten guten Tee, vielmehr geht es mir um einen Tee, der mich bewegt und inspiriert.
Oft habe ich meinen Lehrer Atong gefragt, weshalb er keinen Oolong aus Shan Lin Xi hat. Seine Antwort war immer, wenn er einmal einen guten findet! Wie schmeckt ein guter Shan Lin Xi?
Man sagt oft, dass es im Sommer bei Teegeschäften ein Sommerloch gibt. Sommerzeit, Eis-Zeit. Auch Besucherzeit. An so einen warmen Tag kommt nur gewollter Besucher. Letzte Tage empfange ich viele Besucher aus der Ferne, wegen Tee wegen Menschen. Für meinen Besucher bereite ich den neuen Shan Lin Xi. Einerseits weil ich ihn näher kennen lernen möchte – es ist schön mit Teefreunde gemeinsam ohn zu erkunden; andererseits weil er unbekannt ist unter den Teefreunden.
Von den entzückten Augen und begeisterten Miene beobachte ich den Erfolg dieses Neuankömmlinge. Ein Aufguss nach den anderen, Ein Atmenszug nach einem anderen. Düfte betörten unsere Sinne – Blüte aus Süden… waren es Osmanthus, Rosen und Lilien? Sanft im Gaumen, dickflüssig auf der Zunge, Nachklang wie Balsam. Angenehm und ungewöhn zugleich. Fremd und vetraut gleichzeitig.
Gegen Abend nachdem letzte Gäste aus Amerika Shui Tang verliess, draussen auf den Neumarkt herrschte noch Lärm – Samstagabend im Sommer gefüllt von Gespräche und Gelächter, schaute ich die bergvolle Blätter aus Shan Lin Xi erinnerte ich mich an einen Ausdruck, wie ich diesen Tee beschreiben würde…
紅袖添香 Hong Xiu Tian Xiang
Roter Aermel voller Düfte
Ich liebe Düfte und sammle gerne verschiedene Düfthölzer und Harz. Nicht wegen esoterischem Spass, sondern aus reiner Liebe. Ich liebe den Aufwand, wenn ich Duftkugel aus Dufthölzer, Honig und Harz knete, wenn ich Asche siebe, wenn ich so aufwendig den Duft geniesse. Ein Hauch von Ruhe und Frieden. Meistens brenne ich auch Rächerstäbchen, nur weil es Fremdgeruch vertreiben soll. Aber für Spass und für mich, bringt der Aufwand mir innerlich viel mehr. Bei jeder Schritt der Vorbereitung wird der Ärmel immer wieder von Duft gefüllt.
Ähnliche Handlung, ähnliche Frieden und Freude wiederholten und beglückten wohl auch Menschen in alten China. Es wurde gerne erwähnt in der männlichen Phantasie der alten Zeit. Bei einem Buch begleitet von einer Schönheit, dessen Aermel voller Düfte – was will man mehr von Leben?
Shan Lin Xi Hochlandsoolong von Atong begleitete mich und meine Gäste an jenem Samstag bis spätem Abend. Er wird wie der Aermel voller Düfte noch weitere Menschen bei einem Buch, bei einem Besuch oder bei einem Sonneuntergang begleiten.

Ein gelagerter Shui Xian aus Shiding

Ein gelagerter Shui Xian aus Shiding

Dank Teeclub habe ich meine Lager neu sortieren müssen, weil wir uns zusammen über die Lagerung von Oolong vertiefen wollten. Auf einmal wurde mir bewusst, dass ich viele gelagerte Tees aus dem Jahrgang 2009 aufbwahre. Warum nicht eine Runde von diesen Tee degustieren? Diese fünf verschiedenen Tees von verschiedenen Röstung, Oxidationsgrade und Pflückgut (von Zikaden befallen) zeigen uns verschiedene Gesichter nach 4 Jahren…
Es waren: Jinxaun stakr geröstet, Oriental Beauty von Da Man Zhong (meine private Sammlung von einer seltenen Baumsorte – diese Sorte treibt sehr langsam im Frühling und ist deswegen sehr unbeliebt. Heute werden diese Buschart aus dem Teefelder ausgerottet, weil sie zu langsam sind. Ich machte dann Anspieglung auf die typische schweizer Art… und erntete Lachanfall! Also die Anwesenden hatten echt Humor. Ich denke SVP hätte sicher das Gefühl, dass das Alpenvolk ein vor Aussterben beschutzt werden soll. Ansonsten würden sie nicht so viel Angst verbereiten.), Zheng Dongding, Shui Xian, Huang Jin Gui. Zheng Dong Ding hat allen gefallen. Aber mir hat der Shui Xian besonders angesprochen.

Das stimmt, dass ich im Moment nur arbeite. Zwei Traumprojekte, die Vorbereitung für eine Traumreise mit 18 Wilden, ein laufendes Ladengeschäft, ein Saison von Teeeinkauf und so weiter – machen mich total zur Stimmung voller Jammer. Manchmal traume ich schon, dass ich alles nicht schaffe und mein Flugzeug verpasse. Ich versuche mir stets zu sagen, Step by Step – auch ich werde ankommen. Aber die innere Zeigefinger lass einen nicht immer in Ruhe. Wir sind manchmal der schlimmste Feind und der strengste Kritiker von uns selbst.

Ich sagte Carola, dass es schön wäre, wenn wir diese Tees noch einmal degustieren. Sara kam heute zum Zazen und wir degustierten zu viert noch einmal die 5 Tees. Der Shui Xian sprang sofort für uns beiden aus dem Rahmen. Wir fühlen uns sehr angesprochen von diesem Oolong. Sie sagte, dieser Tee ist so reich an Faccetten, stark im Ausdruck und voller Power! Eine junge Seele sagte sie. Ich schüttelte meinen Kopf…
Ein Shui Xian von Shiding kannte ich als ein Mauerblühmchen. Nicht mehr.
Ein Oriental Beauty hingegen ist eine Päonie, die immer im Vordergrund steht und nie übersehen werden kann. Ein Oriental Beauty ist schön zu trinken. Aber… Sara und ich würden etwas anderes vermissen an diesen Glanz und Schönheit.
Ein Mauerblühmchen, der schweigsam an dem Rand steht und sich zurückhält, ist heute reich an Aromen und Faccetten und voller Ausdruck von Stärke. Ich erzählte Sara, dass so ein Shui Xian kann nur gelagert sein. Die Erlebnisse und Schmerzen machen einem Menschen stark – wirklich stark, nicht stolz. Reich an Erfahrungen und Vertrauen in das eigene Tun macht einem Mauerblühmchen zu einem selbstbewussten Blüte.
Sara sagte, dass ich eine „Lifestory about a tea“ erzähle. Was ist daran so anders zwischen einem Tee und einem Menschen?
In dieser sehr harten Zeit bekomme ich auch verschiedene Kommentare zu hören. Manche fragte mich, ob ich nicht wieder zu Yoga gehe – Yoga würde mich super erden und Energie stärken. Oder Zazen sei richtig für mich, um mich runter zu holen. Diese Kommentare wirkten immer zuerst wie ein Stich – als ob ich etwas nicht gut genug machen würde und nicht gut genug wäre. Meine Reaktion war zuerst immer, „Könnten andere Menschen es besser meistern?“ Wahrscheinlich können andere Menschen es tatsächlich besser. Ich bin einfach nur ich. Ich mache mein Bestes und lerne es zu gestehen, dass ich auch nur das kann. Nicht mehr.
Es ist schwer nur zufrieden mit sich selbst zu sein. Es ist hart, zu akzeptieren, dass man ein sehr gewöhnlicher Mensch ist. Mit der Zeit möchte ich nur eins lernen – nicht mehr Shui Tang besser zu machen oder noch mehr aus Shui Tang zu machen – sondern lerne, Frieden mit mir zu schliessen.
Dieser Shui Xian ist genau so alt wie Shui Tang. Ich bin inzwischen auch 4 Jahre älter. Gelagert, gereift und vielleicht ein Stück weiter gekommen mit sich selbst. Ein Mauerblühmchen wird zu einem ausdruckstarken Blüte. Und ich?
Hoffentlich nur friedlicher mit mir selbst.
Vielleicht wenn wir aufhören können, an uns verbessern zu wollen, sondern nur mit uns selbst in Einheit zu kommen, dann werden wir friedlicher und die Welt endlich voller Frieden!

Like Oriental Beauty from Formosa

Like Oriental Beauty from Formosa

Es ist oft so, dass Menschen im unseren Leben plötzlich kommen und auf einmal gehen.
Wir wissen nicht, warum sie kommen und weshalb sie uns verlassen.
Weil wir gerne den Grund wissen, sind wir misstraurisch. Wir wollen einen Grund haben, warum diese oder jene passieren. Ich hätte aber das Gefühl, dass das Wesentliche darin nicht an dem Grund des anderen liegt, sondern an dem Zeitpunkt in unserem Leben. Jemand ist an einem bestimmten Zeitpunkt aufgetaucht, der unseren Zustand etwas reflektiert, und ich freue mich auf diese Begegnung.
Und vielleicht ist diese Vorstellung zu asiatisch.
Alexander bracht mir einen Oriental Beauty am Freitag. Als ich den Herkunftsort Fujian sah, war ich sofort misstraurisch! Ah! Oriental Beauty aus China! Natürlich ist der Oriental Beauty, ein berühmter Formosa Oolong nicht ein geschützer Name. Und wenn dieser Oriental Beauty aus Fujian ein wunderschöner Oriental Beauty ist – warum nicht?
Unbedingt wollte ich diesen Tee aufgiessen und unbedingt verglich ich diesen mit dem gleichen preis-kategorischen von Shui Tang.
Das kann sein, dass manche Leute diese sofort erkenntbare grobe Süsse gleich mit Oriental Beauty identifizieren. In meinem Mund schmeckt dieser Tee schlicht als verwässert, schlecht gelagert und ein vertuschter Oolong, der wie ein Oriental Beauty sein soll, aber nie sein kann! Für Menschen, die Oriental Beauty kennen, ist es fast eine Beleidigung so etwas als Oriental Beauty zu bezeichnen! Es ist die Intention, something like Oriental Beauty from Formosa vorzutauschen!
Im Kino sagte Josef, dass er nur mir zuliebe diesen Film mit angeschaut hat. Mein guter Freund Josef wusste vorher schon, dass dieser Film „Like Someone in Love“ von Abbas Kiarostami einfach schräg ist. Wie kommt ein Iraner auf die Idee ein Film in Tokyo zu drehen und so süss japanisch klingen zu lassen? Diese süsse weibliche Akzente und Tonhöhe, die ich als typisch japanisch verstehe, wurde sehr gut zum Ausdruck gebracht – aber der Rest? Doch er hat recht – die ganze Welt ist so wie die Akteure in diesem schrägen Film, sie wissen nicht, was sie tun und verwechseln Liebe mit Gewohnheiten und Besitztum! Der junge Mechaniker will die Akiko heiraten, weil er glaubt, dass sie ihm dann immer eine Antwort schuldig ist, wo sie ist. Die Akiko glaubt diesen Mann zu lieben, kann aber ihm nie die wirklichkeit mit ihm teilen, wo sie ist. Er wurde am Ende gewaltätig weil er glaubt, weil er sich in sie verliebt ist.
Und der alte Professor – niemand weiss warum er sich so um diese junge Frau kümmert und woher er kommt. Niemand weiss auch, wie der Film beendet wird. Der Film endet einfach.
Muss man unbedingt etwas von anderen wollen, um anderen zu begleiten und Kontakte zu halten? Muss menschliche Handlungen immer begründet in einem Wollen und muss alles enden mit einem Ziel?
Wir wissen nicht, warum diese Story angefangen hat und weshalb es nun endet – nur visuell auf dem Leinwand beendet. Wir wissen aber, dass jeder von uns nie wirklich verstehen, was mit uns geschieht und ob wir tatsächlch lieben.
Unser Leben enden oft einfach so, ohne zu wissen, warum. Buddhismus lehrt uns oft, was hinter dem Zeichen und Geschehenisse zu verstehen ist – aber wollen wir es tatsächlich wissen? Es ist bequemer – für mich – einfach so tun als ob —
„Like Someone in Love“ findet überall statt und auch ein Iraner kann einen Film in Tokyo über Japaner drehen! Denn was Kiarostami uns aufzeigen will, ist nur zu menschlich. Und Gewalt hat nichts mit Bösheit und Armut zu tun. Gewalt liegt ganz tief in jedem Menschen…
Auch ein Oriental Beauty kann aus Fujian und woanders kommen. Es muss einfach so aussehen wie…
Die Kunst liegt dann an das Wie!
Ich hoffe ich begegnen nächtest Mal einen richtigen guten Oriental Beauty – Like Oriental Beauty from Formosa! Entzückende florale und nektarsüsse Duft und aprikose-pfirsich-Aromen im Mund – das kann nur der Oriental Beauty sein, nachdem das Teebusch von Zikaden befallen und lange sorgfältig fermentiert wurde!

Palimpsest II

Jeder Tee ist ein Palimpsest. In jedem Blatt verbirgt ein Mensch, ein Ort, eine Tradition und ein Zugeständnis zum Tee.
Durch Tee kam ich in die Schweiz. Als ich nach einem Bleibe suchte, schaute ich verschiedene Wohnungen an. Manchmal war ich so erstaunt über die einwandfreie Badewanne eines alten Hauses! Ich dachte immer, was machen die Frauen in dieser Gesellschaft? Haben sie nichts anders zu tun als zu putzen? Oder vielleicht sind es die Männer, die putzen?
Mit der Zeit verstehe ich, dass diese Phänomenen gewisse Mentalität und Merkmale bestimmten Millieu aussagen.
Meine Kunde in Shui Tang verehren gerne glatte glänzende Porzellan und sind immer beeindruckt von der dünnen Schale vom Meister Hsu. Oft schmälen sie die dicke Steinzeug. Es sei zu grob. Wenn ich solche Kommentare höre, fühle ich mich plötzlich so nah zu meinem Grossvater, der hässliche Orchideen und hässliche Steine gesammelt hat. Er sagte gerne, „Nur gewöhnliche Menschen haben gerne einwandfreie Schönheit…“ Wenn alle die perfekte Edelsteine haben wollen, dann – dachte er wohl – sammelt er eben hässliche Steine. Er sammelte nicht nur solche komische hässliche Sache, die mein älteste Onkel erbt, sondern auch Kalligraphie. Die Kalligraphie in unserer Familie verkörpert keine Kunst und gar keine künstlerische Fähigkeit, sie ist – wage ich es zu sagen, eine Lebenshaltung, wie man zu sich, zu Kosmos und zu allen anderen steht.
Ich mag die Kalligraphie von Su Dongpo, vor allem das Stück Han Shi Tie, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde und im Süden aus seinem Amt herabgesetzt wurde. In einer traurigen depressiven Stimmung versuchte er sein Leben nicht zu verschönern, ohne es zu jammern, gab einfach die Tatsache wieder, wie er sich fühlte. Jedesmal wenn ich es lese, versetzt die Schrift mich in einer anderen Zeit und in einer anderen Lebenslage. Jeder von uns bekommt Möglichkeiten von Leben die Höhe und die Tiefe zu erleben. Alles was geschieht hinterlassen Spuren in uns. Da wir eben nur gewöhnliche Menschen sind, wollen wir in unser Palimpsest nur das Schöne und Fröhnliche aufbewahren, während die Schmerzen und Enttäuschung wie Müll irgendwie weg radiert werden soll. Die Kalligraphie von Su und wie der Lishan Hochland Holzkohle wirken wie Schlüssel zu meiner Palimpsest, es ist die Zeit, es mit dem Finger durch das Blatt zu spüren, was alles überlappert wurde…
Auf dem Exemplar von Han Shi Tie kann man tatsächlich die Spuren dieses geschätzten Stück suchen. Mit jedem Siegel erfahren wir seine Liebhaber, die ihm zeitlang aufbewahrten. Mit jedem Strich kommunizierte der Autor mit uns, wie er sein Leben als schwer und ohnmächtig beschrieb und wie er in der scheinbaren Ausganglosigkeit immer noch zu sich selbst stand. Es ist keine schöne Kalligraphie, indem sie uns mit Schönheit entzückt und die Wörter von Su verschönern nicht das realen Leben. Es ist „die“ Kalligrahpie in der chinesischen Kultur, die uns vermittelt, was Wahrhaftigkeit und Selbst-Sein schön ist. Es ist schön, weil es Palimpsest ist – in jeder Kratzer oder Schmerzen vielschichtiger wird.
Zhuangzi, der taoistische Philosoph erzählte gerne eine Geschichte von Menschen, die gerne etwas aufbewahren wollten. Jemand wollte sein Schiff gut vor Diebstahl aufbewahren. Er versteckte sein Schiff sorgfältig in einem Tal und glaubte es sehr klug gehandelt zu haben. In der Nacht regnete es zu stark und es wurde überall überflutet. Das Schiff wurde in dem Flut mitgerissen und verschwand noch bevor der Man es retten konnte!
Das Schiff ist wie die Zeit, die ihren eigenen Lauf hat. Das Schiff ist wie unsere Vorstellung, die scheinbar wertvolle Dinge so aufbewahren will, was in der Wirklichkeit keine Substanz hat! Meine Finger streichelen über das Teeblatt, als ob ich ein Palimpsest streicheln würde. Nichts ist aufzuhalten. Nichts ist zu verbergen.

Palimpsest I

Palimpsest I

In unserem alten dunklen Haus sah man nicht, ob etwas neuwertig war oder altmodisch. Alles verschwanden in der Schattierung im Dunkel. Aus diesem Millieu aufgewachsen wusste ich nicht, dass man Dinge so pflegen sollte, um immer neu aussehen zu können. Dinge putzen und pflegen waren nie unsere Stärke.
Das war mein Kulturschock, als ich den „germanischen“ Alltag in die Berührung kam. Ich staunte wie „germanische“ Frauen ihre Töpfe putzen und ihr Haus frisch halten. Ich kannte es nicht und kann es nicht. Ich kaufe nie eine Hülle für mein IPhone, schaue nie, dass mein alter Lacktisch keine Spuren bekommt und mache oft extra Kratzer auf dem glatten Oberfläche, als ob ich dieses Stück schon lange kennen würde. „Was soll´st? Die Dinge sind doch fürs Benutzen da, nicht wahr?“ Umgekehrt liebe ich alte Dinge. Alte hässliche gekratzte Dinge, die eine Geschichte erzählen können.
Mein Lehrer und ich verstehen gut im Tee. Ansonst vielleicht nur noch die Politik, sonst nichts. Er mag Pu Er nicht. Ich liebe Pu Er. Er mag Literatur nicht. Ich empfinde eine Leidenschaft für Literatur. Er mag Musik nur selten. Ich habe Musik als meine Lebensquelle. Er fragt sich oft, warum ich bis heute immer noch gerne unterwegs bin und warum kein Sicherheitshafen buchen wollte. Er versteht nicht, dass es in manchem Lebensentwurf nicht um die Sicherheit und haben geht, sondern um den Prozess. Aber wir lieben Tee.
Wenn es draussen ganz kalt ist, röstet Atong gerne seinen privaten Tee, darunter oft Lishan Hochland. Auf 2600 Meter hohen Bergen Lishans wachsen immer noch Qingxin Oolongbusch. Die kalte Luft und Luftdruck macht die Pflanzen dichfleischige Blätter, die ein wesentliches Merkmal ist, wenn man den Tee sonst nicht auf Anhieb erkennen kann. Als ich noch jung im Tee war, war der Lishan Hochland ein unglaublich langweiliger Tee – ich scherzte gerne – wie die Schweizer… Damals tanzte ich gerne und liebe Latino-Musik. Der Alishan Hochland war für mich viel spannender – eben wie die Latino.
Nachdem Spuren des Lebens auch in mir hinterlassen haben und ich bekam Zugang zu der Vielschichtigkeit des Seins, verstand ich auf einmal die Zurückhaltung dieses eleganten Tees, der nicht laut schreit und gerne subtil bleibt. Zart, blumig und in sich ruhigend – in einer Überzeugung, dass die Dinge für sich selbst sprechen; in der Überzeugung, dass man den richtigen trifft.
Aus einem Blatt Tee lese ich Spuren, was der Boden und der Menschen ihn geprägt hat – ist er stark gedünnt, ist der von Zikafen befallen oder wurde er über Holzglut geröstet. Aus dem Aufguss des Blattes spricht der Tee zu uns, was für einen Prozess er durchleben muss, um hier zu sein. Als ich bei dem verschneiten Tag vor meinem Fenster diesen Lishan Holzkohle trank, überwältigte mich das Bild von Palimsest! Ein Blatt Papier, das immer wieder gekratzt, geschrieben und geschabt wurde, wurde immer vielschichtiger in jeder Wiederholung von Kratzen und schreiben!
Der schöne Lishan kommt nicht nur aus sehr edeler Herkunft – eben Hochland, wurde nicht nur getrocknet, er wurde sogar über 130 Grad Holzkohle-Glut geröstet. Diese Röstaroma erschwert den Zugang von meisten Liebhaber zu ihm, ziehen andererseits besondere Liebhaber, die genau die leicht herbe ungefällige Note, die einen Tee besonders macht. Hinter dem herben Mantel verbirgt eine Schönheit, die durch Gluten facettenreicher und eigenartiger wird. Das Palimpsest ist dieser von Holzkohle geröstete Lishan Hochland! Einmal sagte Atong zu mir, dass der Lishan Holzkohle geneu ich sein kann. Auch ich und jeder von uns ist ein Blatt Palimpsest!

Der Wolken küssende Tee

Der Wolken küssende Tee

Es war Hanspeters Aufrufszeichen am Dienstagabend. Ich erzählte ihm von meiner Reise und berichtete aus meinem Herzen. Natürlich zeigte ich ihm, was ich als einen total verrückten Tee bezeichnete. Die Tees aus Lala Shan – wild, unangepasst und risikoreich – hmm, es hört sich wie meine Eigenschaften an. Als er das Foto sah, schmunzelte er, „Ach! Der Wolken küssende Tee!“
Wow… dachte ich, wie poetisch…
Nach einer englsich sprechenden Frauengruppe kam eine junge Frau, die heute endlich schaffte zu kommen. Sie hat bereits vieles von Shui Tang gehört und wollte eine Beratung. Zuerst wollte sie einen grünen Tee. Ich tue es, was mein Kunde sich wünscht. Dann plötzlich fragte sie mich, „was würden Sie mir empfehlen?“. Dann erwiderte ich, „Keinen Grüntee.“ „Warum?“ „Weil Sie durchlässig sind.“ „Ja! Genau! Aber wie sehen Sie es?“ Ich kann diese Frage nicht beantworten. Warum sieht man es nicht? Wäre es hilfsreich zu wissen, dass wir uns voneinander nichts unterscheiden? Würde es uns helfen aufrichtig zu uns zu sein, wenn wir wissen, dass der Ruf des Herzen sein eigenen Weg als unsere Kontrolle hat?
Dann kam Dany und er lachte darüber.
Ich holte meine kleine Teekanne von Atong und bereitete diesen verrückten Lala Shan 拉拉山!
Sanft, unaufdringlich und facettenreich! Ein Wolken stieg über den Teetisch. Es bleibt nur zu lachen und zu träumen. Dieser wilde Teegarten in Lala Shan hat eine Geschichte, die ich einmal erzählen werde. Aber wie soll dieser Tee denn eigentlich richtig auf Deutsch heissen?
Dany sagte, es wäre poetisch, wenn man den Satz passiv formulieren würde – der von Wolken geküsste Tee.
Ich sagte, „Nein! Der Tee ist nicht passiv! Der Tee atmet und will den Himmel erreichen. Also, er will Wolken küssen!“
Aber was ist daran schlimm, wenn der Wolken den Tee küssen will, anstatt umgekehrt?
Der Wolken ist beweglich und macht das, was er will, eben den Tee küssen. Der Tee kann sich nicht wehren.
Dass der Tee sich nicht wehren kann, macht mich traurig.
Warum kann der Tee sich nicht wehren?
Warum kann der Tee sich gegen Zikaden nicht wehren? Weil er sich nicht wehren kann, ergibt sich ein wunderbarer Guifei!
Aber, aber… ist der Tee so passiv und muss sich einfach so küssen lassen? Dieses Gedanke macht mich total traurig.
Trotzdem habe ich mich entschieden, dass dieser Tee für mich, der Wolken küssende Tee ist.
Dany wollte den Tee mit ihm nach Hause mitnehmen. Ich schrieb ihm die Ettikette nicht. Ich sei gemein? So ist das. Eben nicht angepasst und unkontrollierbar. Ich sagte ihm, „Schreibe doch, was Du ihn benennen willst. Mir ist es egal!“ Er lachte über meine kindische Verhalten und schmunzelte wahrscheinlich den Heimweg entlang.
Der Wolken küssende Tee würde ich allerdings in Chinesisch andersrum übersetzen. „Bei Yun Wen Dao de Cha 被雲吻到的茶 – Der von Wolken geküsste Tee“ es hört sich auf Chinesisch so poetischer an…

暗香 Der Duft aus dem Schatten

暗香 Der Duft aus dem Schatten

頻相顧
ich schaue immer wieder zurück
餘歡未盡
es ist eigentlich vorbei
卻去且流連
ich sollte gehen, meine Schritte schreiten nicht.
秦觀 Qin Guan, Song Dynastie, China

Nachdem meine Kraft allmählich zu mir kam, war der Besuch bei meinem Lehrer wie ein Lichtstrahl. Ein Lichtstrahl, weil ich wieder nur ich sein kann. Es besteht Hoffnung…
Ich habe viele Teemuster gesammelt und ist bereit mich wie ein Anfänger zu fühlen. Wir haben viele Anxi Tie Guanyin unter die Lupe genommen. Auch wenn ich recht stolz war, was ich nun gefunden habe, lächelte Atong bloß und fragte, ob ich wirklich etwas sehen will, was wirklich einmalig ist? Er brachte mir einen von ihm per Aufrtag erzeugten Tie Guanyin Anxi. Ein sehr leiser Tee, sagte ich fraglich. Ja, antwortet er. Nach 15 Minuten sagte der Tee immer noch kein Wort zu mir. Was ist das eigentlich? Bin ich wirklich ein Anfänger? Er goss einen anderen Oolong von Lala Shan. Ein Guifei Hochlandsoolong, von Zikaden befallen und aus verwilderten Garten. Wieder so einen! Leise, aber präsent. Fein strukturiert, beständig im Aufguss und sanft im Umgang mit unseren Sinne, bloß nicht vordergründig sein, bloß keine Sehnsucht zu erwecken – einfach sein. Einfach sein… Mein Herz wurde glasig und meine Augen ebenfalls.
So einen hätte ich übersehen. Ich hätte.
„Menglin, Tee zu verstehen ist wie eine Lektion über das Leben nachzudenken. Junge Menschen oder Menschen im glatten Lebensweg verstehen den Tee anders als wir.“ Sie lassen sich zu stark beeindruckt von bunten Erscheinungen und Konventionen. Der Duft aus Schatten sei das was ihm fesselt… Anstatt der betäubenden Duft aus der Helligkeit.
Am einem Abend, beim Sonnenuntergang weht eine Brise frischer Wind aus dem Schatten hinter uns. So beschrieb er… Der leise subtile Duft von den schattigen Hecken erreicht unsere Riechweite. Die Brise ist vorbei, der Duft wirkt wie Schatten in unserem Gemüt und es schattiert alles.
Der ruhige Lala Shan ist leise. zwischen den seidigen Textur spürte ich Neroli im Brise.
Atong sagte, so ein Tee ist wie das Verliebtsein. Man merkt es erst Nachhinein. Das leise Süße und blumige Emotion erreicht uns oft vor dem Bewusstsein. Oft ist es schon zu spät. Es wirkt so präsent wie das Schatten in uns schattiert. Man sollte gehen, aber die Schritte schreiten nicht.
Langsam glaubte ich es zu verstehen.
Ich schmeckte eine Veränderung meines Lehrers und meine.
Ist es die Hoffnung, was der 15jaehrige Tim mich einmal fragte?
Beim den letzten Gespräch in Shuitang am heiligen Abend handelte sich um Tod und Organspende. Ich habe die Weisheit nicht, diese Debatte mitzureden. Aber Tod ist für mich anders. Tod ist ein Tor. Das, was wir in diesem Leben nicht gelebt haben und unerledigt bleibt, nehmen wir durch das Tor ins nächste. Wir werden gezwungen bei nächsten Wiederholung zu erledigen. Das ist ähnlich wie, was was wir in diesem Jahr nicht erledige, mit ins nächsten leben müssen. In der chinesischen Vorstellung ist das Leben eine Hoffnung, gewisse Veränderung jetzt zu vollziehen anstatt weiter mit diesem Rücksack zu reisen ins nächsten. Ich habe mein Leben egoistisch genug gefuehrt, immer das getan, was wahrhaftig ist für mich und das gesagt, was ich wollte. Es gäbe nichts zu bereuen. Wenn ich weiß, dass jetzt das Ende ist, würde ich mein Konto plündern, Feste feiern.
Ich habe viel Gepäck, was ich mit ins 2013 mitschleppe, auch wenn ich vieles erledigt haben wollte. Es ist eben wie das Schatten aus der Dunkelheit, unbewusst bleibt der Duft ins mir. An diesem Erkenntnis ahne ich, dass das Leben hoffnungsvoll ist. Weil man sich verändert. Was vorher unmöglich und unerkennbar scheint, ist heute eine Hinweise des Weges. Der Kampf, den ich gegen das Schatten fuehrt, fuehrt zu mir selbst.
Ich werde auf meinen Weg, der mutig in die Dunkelheit schreitet, immer meinen Lehrer sehen und paar Weggefährte begleiten.
Der Duft bleibt.
Mein Lehrer testete gerade Leckerli. Sein Gesicht sah recht kritisch aus…

Ninjas schwere Mission

Ninjas schwere Mission

Atongs Schatzkammer wurde nie von Ninja heimgesucht, wurde mir versichert. Denn der Wert eines Schatz-Tee ist nicht mit Augen erkennbar.
Anhand von dem Erfolg eines Diebes könnte man feststellen was für Teekenntnisse er besitzt.
Warum wurde hier so viele Schaetze gelagert? Weil jemand die Perle aus Nichts erkennt ohne geblendet der Konvention zu befolgen…

Türe

Liebe Menglin
Ich hab’s geschafft. Jetzt bin ich erleichtert und müde. Danke, dass du an mich geglaubt hast 🙂
Hoffe es geht dir gut.
Schaue bald wieder einmal vorbei.
Liebe Grüsse
Rafael

Rafael ist eine grosse Hilfe in Shui Tang, ein Erzengel. Wir haben uns ein Jahr begleitet, während er seine Masterarbeit schrieb und an und zu in den Zweifel landete. Ich kenne diese Zerissenheit zu gut. Manchmal glaubt man nicht mehr, dass man eine Tür aus eigener Kraft zuschliessen kann! Wenn eine Tür nicht zugeht, wie könnte eine andere Tür der Ueberraschung sich offenbaren? Wir unterhielten uns oft und ich sagte ihm, dass ich an ihm glaube. Ich musste ihn gehen lassen, damit er eine Tür schliessen und die andere öffnen kann. Ich freue mich für ihn.
Das sage ich auch jeden Tag zu mir – immer wieder neu. Glaube an Deine Kraft.

Ich bekam die letzte Lieferung von einem Rougui Guifei. Dieser Tee stammte aus dem Garten Atongs Bruder. Mit vielen Teefreunden waren wir letztes Jahr dort. Der Tee namens Guifei bedeutet immer ein Tee aus einem fast verwiderten Garten, von Insekten befallen und nach der Tradition sorgfältig erzeugt. Faccettenreich und vielschichtig. Seine Aromen gewinnen durch die Reifung. Atong sagte, das sei die letzte Parite. Sein Bruder ist bald 80jährig… Er kann nicht mehr sich um seinen Garten kümmern und sein Sohn will diesen Garten für wirtschaftlich interessanteren Ananas entscheiden!
Ananas anstatt Tee!
Wie geht es weiter? Atong zuckte seinen Schulter. „Menglin, das, was wir tun ist gegen die Zeit und gegen die Strömung. Wir müssen vertrauen, dass es weiter geht…“
Wie sollte es denn weiter gehen? Ich fragte mich damals mit meinem Kopf – wenn sein eigener Bruder auch schon aufgibt? Mein Lehrer schweifte seinen Blick weg und richtete sich nach einem unbekannten Ort.
Vor einem Monat verlangte ich die ganze Partie und verlagerte sie nach Zürich. Ein Vertrauen an diesem Ort, wo der Geist einer Tradition weiter gelebt werden kann.

Gestern kam meine jüngere Schwester an. Ehrlich gesagt war mein Gefühl über ihren sehr kurzen Besuch sehr ambivalent. Da ich das älteste Kind bin, verlangten meine Eltern von mir Pflichtbewusstsein und Anstand. Ich habe es immer gehasst.
Zuerst kamen Jeff und seine Freundin zum Besuch und wollten meine Meinung hören, was sie nach ihrem Abschluss tun sollen – hier bleiben oder nach Asien zurück. Als wir zusammen zurück spazierten, sah ich meine Schwester mit ihrem schweren Gespäck entgegen. Wir wechselten kaum Wörter. Es war wie in einem schlechten Film. So verbundene Menschen wie wir, die keim Wort aussprechen können, weil sie zu belastet sind. Ich hatte immer ein schlechtest Gewissen und dachte oft, dass ich sie nicht allein lassen kann. Ich beobachtete mich und beobachtete meine geliebte Schwester. Auf einmal war es klar, dass sie inzwischen eine erwachsene Frau wurde. Meine kleine Schwester verdient mein Respekt und Vertrauen. Wahre Liebe anstatt Mitleid aus Pflicht… Sie kann aus ihrer eigenen Kraft den für sie richtigen Weg beschreiten. Ich glaube an sie, dass sie es kann.
Sie brachte mir ein Berg von Esswaren. Darunter mein Lieblingskuchen Kasutela aus Tokyo, den mein Bruder am Freitagabend aus Tokyo nach Hause brachte. Mein Vater war mit seiner Belegschaft und dem halben Clan in Kyshu ohne mir ein Wort zu erzählen. Er kaufte mir einfach etwas zu essen… es ist wie in dem Film von Ann Lee „Eat, Drink, Men and Women.“ wo Liebe immer nur in der chinesischen Kultur mit Essen assoziiert wird… Sehr wahrscheinlich haben die beiden Männer Angst, einen komischen Auftrag von mir beim Shopping in Misukoshi oder Takashimaya zu erhalten. Ein Hauch von familiärer Verbundenheit vergössert sich in meiner Wohnung. Eine Tür geht zu, dann öffenet sich eine andere. Es geht immer weiter.
Es ist kein Zufall, dass es so einen Tee wie Guifei in Zürich zu erwerben ist. Es ist ein Fluss von Menschen, die an einer Tradition glauben, dass es so richtig ist. Zuerst muss ein Garten gefunden werden, dessen Besitzer kaum Interesse hat an kommerziellen Erfolg. Dann ein Teemaker, der in der Lage ist, Geduld zu üben und an sein Können zu glauben, so dass die moderne Kühlungsgerät gar nicht nötig ist. Dann gibt es einen mutigen Mann, der diesen Tee so röstet, um ihn zu stabilieren um durch die Zeit reifen zu lassen. Als wir die lederigen von Zikaden befallenen Blätter sahen, wissen noch nicht, wie sie zu einem schwarzen Drachen (Oolong – Schwarze Drachen) verwandelt werden können. Aber Paar Menschen können es, in dieser kaputten Pflückgut eine Tür sehen, die zum Regenbogen öffnet!