Die Schönheit des Hässlichen

In dem Moment als ich realisiere, wie wenig ich leisten kann, frage ich mich, was ich eigentlich mache und was möchte ich weiter machen?

Ich bin ein heimlicher Fan von dem türkischen Pianist Fazil Say. Am vergangenen Freitag fuhr ich extra nach Schaffhausen, nur um seine Präsenz zu geniessen. Seine Musik wurde einerseits von bestimmten Medien als „neue Musik“ gefeiert, andererseits wird von anderen als lächerlich gekennzeichnet. Ob seine Musik DIE neue Musik ist, kann ich nicht beurteilen. Aber wer und was kann beweisen, ob diese Musik eine Zukunftsmusik hat?

Als Balthasar mir von seinem neuen Projekt mit Liszt erzählte, tauchte in mir eine dringende Frage auf: was ist das, was die Musik von Liszt verewigt?
Nehmen wir doch die Revalität zwischen Liszt und Thalberg als Beispiel. Thalberg? Wer weiß noch von dieser hervorragenden Persönlichkeit als Pianist und Komponist? Er verdiente als Pianist viel mehr als Liszt und hatte immer bessere Kritik als Liszt geerntet. Sein Ruhm war kaum zu übertreffen. Aber heute?
Was ist das Entscheidende dabei? – ich fragte den weisen Balthasar und er wunderte sich über mein Fragezeichen.

Mein Großvater trank vor 20 Jahren in dem dunklen Ecke ganz einsam seinen alten Tie Guanyin. Heute berüht mich dieser Tee immer noch. Und in 20 Jahren – was wird noch getrunken? Rooibusch mit Vanile?
In diesen Tagen schwam ich bewußt in der Welt meiner Vorfahren – zwischen alten Schriften und alten Zeichen. Die drei als höchst ästhetisch verehrten Kalligraphie-Schriften sind einfache Notizen. Einfache Notizen entstanden fast ausschliesslich unter Rausch von Alkohol. Voller Fehler und purer Inspirationscharakter! Solche Schriften würden wir heute in dem Zeitalter vom Computer kaum vorstellen! Wie könnte man diese fehlerhafte Version veröffentlichen – man kann doch mit Photoshop einiges erreichen – bzw. Retuschieren!
Aber, wiewo, verehren die Chinesen solche improviesierte Schriften? Sie sind jenseits der Perfektion, nicht wahr?
Was bringt einem die Obsession zur Perfektion? Ausser Panik und Angst vor Entblösst-werden und Quälerie für die anderen Mitmenschen? Ich weiss es nicht.
Was verewigt denn eigentlich diese „hässlichen“ Schriften? Die Hässlichkeit? Oder die Schönheit des Hässlichen, was die Zeit überdauert, weil sie ehrlich und nicht schön sind?

Lantingxu
Das Vorbild aller Kalligraphen der chinesischen Geschichte. Es wurde von Wang Xizhi 王羲之 im 4. Jahrhundert geschrieben bei einem Treffen mit vielen Literaturfreunden. Diese Kalligraphie wurde im 21 Jahrhundert zu Rap gedichtet:
http://www.youtube.com/watch?v=Kyw_y_DJ_Dg
Sehr amüsant! Aber das MTV ist schrecklich…

Der Wind trägt

Meine Eltern wissen eigentlich nicht genau, was ich mache.
Nach so vielen Jahren allein bei den Fremden zu leben – wie fühlt man sich denn? Es fehlt Worte.

„Was ist Dein Lieblingtee?“
„Was ist Ihr Lieblingstee?“
Es sind die häufige Frage, die mich konfrontieren.

Ich erinnere mich, dass ich nicht Teeverkäufer werden wollte. Aber ich kann mich immer wieder erinnern, wie die Begegnung mit Buddhas Hand mich berühte und berüht. Diese Begegnung trägt mich bis hier her, wo ich jetzt stehe. Es war wie ein großartiger Regenbogen, bunt, süss und er hat keinen Anfang und kein Ende. Ich hatte das Gefühl, als ob ich nur wegen diesem Moment mein Leben gelebt hätte. Unausweichlich wollte ich mein Reichtum mit anderen Menschen teilen. Unvermeidlich komme ich auf diesen Weg, wo ich jetzt gehe. Der Duft und der Rausch des Buddhas Hand trägt mich wie der Wind hier her, wo ich jetzt bleibe.

Koreeda 枝裕和 und 行定勋 Yakisada sagten, „Seit ich Tongnian Wangshi – A time to live, a time to die. von Hou Hsiao-Hsien 侯孝賢 gesehen habe, wollte ich Filmmacher werden.“ So fängt der Weg des Filmmachers für die beiden japanischen Regiessers an. So wollten sie mit Mark Lee 李屏賓 zusammen arbeiten. Mark Lee war und ist die Augen von vielen äussergewöhnlichen Regiessers und der heimlicher Erzähler im Hintergrund eines Geschehens.
Gilles Bourdos sagte, Mark Lee sei nicht ein gerader Baum. Er verändere sich wie der Wind – es sei die Essenz der chinesischen Kultur.
Er kommt aus Taiwan. Er filmt nicht nur taiwanesische Filme. Er reist mit seinen Kamera nach Hongkong, Vietnam, Japan und Frankreich… Grenze grenzt nicht mehr, getragen von dem Wind, der einen aber manchmal nach Hause ruft.
Lee ist gewöhnt, Augen des Anderen zu sein, im Hintergrund Dinge zu dokumentieren. Was ist, wenn die dokumentierenden Augen dokumentiert werden? Ich fand eine starke Resonanz, als ich diesen Dokumentationsfilm über ihn sah. In dieser Resonanz trägt die Erinnerung mit dem Buddhas Hand mich wieder in den Gegenwart. In diesem Gegenwart, als Tee eine Routine wird und ich immer tauber werde, ist dieser Ruf so aufdringlich, hell und scharf!
„Was ist Dein Lieblingstee?“ Es fehlen mir oft Wörter. Wie kann ich meinem Gegenüber in kürze erklären, was mich bis hier her trägt, wo ich jetzt bin? Und wie fühle ich mich, nach all so vielen Jahren allein unterwegs zu sein?
Ein kurzer Film in Youtube macht es möglich, dass ich diese Episode mit Euch teilen kann:
http://www.youtube.com/watch?v=QeRjpGIPqok&NR=1

Ein gesunder Tee II

L.P. hat mir keine leichte Aufgabe gestellt.
Eine einfache verständliche Antwort sollte ich, eine Ausländerin ihm geben! Manchmal verstehe ich meine eigene Sprache nicht.
Welcher Tee ist gesunder? Der weisse oder der Oolong?
Ich weiss es nicht.
Die beiden Tees sind gesund. Das wäre meine ehrlich Antwort, die ihm nicht befrieden kann.
Ein weisser Tee hat die Hitze reduzierende und erfrischende Wirkung, die Oolong nicht hat. In der chinesischen Medizin ist ein weisser Tee, erfrischend und abkühlend, entspannt Lunge und Dickdarm, reinigt die Lunge und löst die Beklemmung dort.
Ein Oolong spendiert die Kraft für die Verdauungsorgan und regt Stoffwechsel an. Er hat auch die Wirkung den Geist anzuregn und Konzentration zu fördern.
Beide Tees, wenn sie einen schmecken, unterstützen uns in verschiedenen Aspekte, die gegeneinander nicht ausschliessen.

Ich würde einen weissen Tee im Sommer oder bei einer Erkältung dem Oolong bevorzugen, während ich nach dem Essen gerne eine Tasse Oolong trinken, um meine Verdauung zu fördern.
Noch wichtiger ist, dass diese Tees mir schmecken!
Dass sie gesund sind, hilft mir nicht, wenn sie mir nicht schmecken!

Uebertreibung nicht das Aspekt von der Gesundheit des Tees. Klares Wasser zu trinken ist genau so wichtig wie Tee zu trinken. Gesund ist der Tee, wenn man ihn nicht übermässig konsumiert.
Das wäre eine sehr ehrliche Antwort von mir und hoffe, es ist verständlich und einfach.
Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit und Geduld.

Ein gesunder Tee I

Guten Tag,

aus Ihren Blogbeiträgen bin ich der Überzeugung, einen wirklichen Teeexeperten gefunden zu haben. Ich habe eine für Sie sicher leichte und womöglich schon öfters gestellte Frage. Ich finde aber darauf bisher keine kompetente und leicht verständliche Anwort. Die Antworten die ich gefunden habe scheinen mir alle Interessengeleitet zu sein, also je nachdem wer was erzielen oder verkaufen möchte.

Welcher Tee ist besser oder beitet mehr für die Gesundheit oder welcher von beiden hat das was der Andere nicht hat? Weisser Tee oder Oolong-Tee ?

Ich trinke seit ca. 3 Monaten täglich 1-2 Liter Oolong-Tee und bin auch zu einem überzeugten (und leidenschaftlichen) Teetrinker geworden. Zum Oolong-Tee bin ich mehr oder weniger zufällig gekommen auch, weil ich davon ausgegangen bin, dass dieser sehr gesund ist und auch die Fettverbrennung unterstützt..

Vor einiger Zeit bin ich auf den weissen Tee und dessen angebliche Heilwirkungen gestossen. Ich bin mir nun nicht mehr sicher welcher Tee von beiden mehr für die Gesundheit beiträgt.

Können Sie mir meine Fragen so beantworten, dass sie leicht verständlich sind?

Vielen Dank für Ihre Bemühungen und viele Grüße

L. P.

Neue Homepage Cha-no-yu.ch

Teefreundin Christine macht es möglich, für Teeinteressierte anstatt knien bei einer Tasse Tee auch sitzen zu können.

Liebe Freunde und Bekannte

Ich möchte Euch auf meine neue Homepage aufmerksam machen und hoffe,
dass wir wieder einmal die Gelegenheit finden, uns wiederzusehen.

In meinem neuen Tee-Zimmer Meian Soso Ken können Gäste auch sitzen
statt knien und so eine Teezubereitung in aller Ruhe geniessen.

Ich hoffe so, jedermann einen Einblick in die faszinierende Welt der
traditionellen japanischen Teezeremonie zu ermöglichen.

Neu biete ich einen Einführungskurs für Anfänger an.
Er beginnt am 4. Oktober und dauert bis zum 29. November 2011.
In sieben Lektionen kann man die Grundabläufe einer Teezubereitung erlernen.

Weitere Aktivitäten sind zu finden auf:

http://www.cha-no-yu.ch

Mit herzlichen Grüssen
Christine Junod-Merz
cjunod@cha-no-yu.ch

Der blumige verführerische Duft

Was passiert, wenn das Hobby Beruf wurde?
Was kann passieren, wenn das Hobby Hobby bleiben kann?

Es ist nicht zu beneiden, wenn man das Hobby zum Beruf macht. Auch die spirituelle Vorstellung von Berufung rettet nicht die nackte Tatsache von erschöpftem Körper und erledigter Kreativität. Das Resultat ist die leeren Zeilen dieses Blogs und das wiederkehrende Fragezeichen über sich selbst.

Wenn Tee plötzlich zu Routine wird, wenn der Anfängergeit bloss eine romantische Vorstellung sein wird, wie gehe ich damit um? Ich bin in mitten einer Krise und Anfang einer neuen Abschnitt des Abenteuers.

Ich reise in die anderen Zeit und in den anderen Raum. Die von meiner Mutter überlegte Erziehung und von mir einmal gehasster Bildung ist plötzlich nun ein Ruhepol meiner unter Fremden wandelnden Seele.
Ich las alte Texte, die über Jahrhunderte überliefert sind und erinnere mich dabei an die heissen schwulen Tagen mit einer kleinen zitternden Hand vergeblich einen riesen Pinsel zu halten. Meine Schweiss und die Tinten verschmelzten sich ineinander, nur um die Wahrheit meiner Mutter zu sagen, „ich bin eben ich, ich werde nie so, wie Du es Dir wünschst.“
Und zum Glück.

Auch an einem schwulen heissen Tag im 11. Jahrhundert, Song-Dynastie in China. Huang Tingjian sass in Zazen. Heiss, schwul, vielleicht zu frühlingshaft. Sein Geist versuchte zu Ruhe zu kommen, fand aber keinen Anfang und kein Ende. Ein Freund, ein Prinz liess ihn ein Strauss Blumen zukommen. Huang unterbracht sein Zazen und verstand weshalb. Der Prinz wollte ihn, dass er sein Schulden bezahlte. Er schuldete ihm ein Gedicht.
Huang antwortet während des unterbrochenen Zazen:
Der Duft der Blumen verführt einen, Zazen zu unterbrechen.
Solche Verführung und erregte Emotion erlebt sogar einer noch, der über 40 ist.
Ja, die Lust, zu dichten spürt man besonders stark im Frühling, aber
Die Hinternisse selbst zu übertreffen ist wie mit dem Schiff gegen den Strom zu gehen.
花氣薰人帖, 黃庭堅
花氣薰人欲破禪,心情其實過中年,春來詩思何所似,八節灘頭上水船。

Und ich habe dazu ein ganz unterhaltsames Video gefunden. Dieses Gedicht im fernen Jahrhundert wurde mit meiner Muttersprache Minnan gelesen. Diese Sprache war in der damaliger Zeit die offzielle Sprache des Songs.
http://www.youtube.com/watch?v=e2YNj8UM6yM
Bist Du auch so berührt wie ich? Hast Du ein Hauch der Schönheit einfangen können?

Im Oktober, wenn ich mit vielen Teefreunde in Taiwan unterwegs sind, hoffe ich mit Euch zusammen dieses Original (die Galligraphie) zu bewundern.huangqixunren

Der Nachbar von Beate Uhse in Konstanz

Der Nachbar von Beate Uhse in Konstanz

Alltäglich klagt die schweize Presse über das Fremdgehen von den schweizer Konsumenten ins Euro-Land. Nun kommt endlich ein schweizer Unternehmen auf die Idee, das Geld von den eigenen Leute zu holen – mitten in Konstanz! Sogar mit Tee!
Der neue Nachbar von Beate Uhse in Konstanz sollte ein Teegeschäft werden.
Bei einem Abendspaziergang durch Konstanz entdeckte ich plötzlich einen anmutigen Buddha im Schaufenster und paar Teekanne ausgestellt. Zuerst dachte ich an tatsächliche Mitstreiter von Shui Tang und ging zur Tür, wollte mir genauer anschauen.
Eine junge Dame war so freundlich, dass sie mir die Tür eröffnete und mitteilte, dass das Geschäft noch nicht begehbar ist.
Ich roch sofort viele viele Aromen! Diese Aromen gehören zu bestimmten Ort. „Ist der Inhaber ein Deutscher?“ „Nein, wir sind Schweizer.“sie lächelte und erklärte mir, „wir haben viele viele gute Tees.“ Ich sah viele typische weisse Packungen, die mir sehr bekannt sind aus den hohen Norden. „Ja, sehr viele Aromen. Viele aromatisierte Tees haben Sie.“ meine ehrliche Antwort. „Nein, nicht nur. Wir haben auch viele gute Tees.“ „Ja, klar.“ stimmte ich ihr zu. Die armen guten Tees, die neben den Aromen stehen und vereinnahmt werden.

Ich seufzte und seufzte.
Es gibt einen sehr netten Teeladen in Konstanz, ein bisschen unscheibar, aber mit vergleichbar guten Tees – Teehaus am Schnetztor.
Hussenstr 43
78462 Konstanz

So viel zum Nachbar von Beate Uhse in Konstanz.
Ach, ich habe sogar vergessen, wie der Laden heissen wird. Aber es ist jedenfalls ein ganz schicker Name.

Drei Geschichte aus Shui Tang

1. Geschichte
Vor ungefähr zwei Monaten besuchten zwei Touristen zufällig Shui Tang. Mitten im Laden sind wunderschöne Balken, siehe hier.
Der Besucher – aus irgendeinem Grund, fing an die Balken zu klopfen, genau so wie ein Gast bei Dir zu Hause anfängt Dein Möbel zu klopfen.
Ich stand in jenem Moment an der Kasse und fragte ihn, weshalb er die Balken klopfte.
Er erwiderte, dass er es wissen wollte, ob diese Balken vielleicht hohl ist.
Sprachlos fragte ich ihm, „wie kommen Sie denn auf die Idee?“
2. Geschichte
Eine Dame wollte Teetassen kaufen. Ich zeigte ihr verschiedene Ausführungen.
Sie sagte nein zu Arita, weil es zu grob ist. Sie sagte nein zu Raku, weil es zu archaisch ist. Alles passt ihr irgendwie nicht.
Dann fragte sie mich plötzlich: „warum sind asiatischen Tassen so offen?“
Ich wusste, wie ich diese Frage höflich beantworten soll. Sind europäische Tasse weniger offener?
Ich empfehle ihr zu Bodum zu gehen.
3. Geschichte
Eine Dame schaute in Shui Tang herum und dann wartete auf meine Beratung. Sie fragte mich, ob ich ihr meine Kimono Sammlung zeigen konnte. „Kimono?“ „Ja, bitte zeigen Sie mir Kimonos.“ „Haben Sie hier Kimonos gesehen?“ „Nein, aber zeigen Sie mir welche.“ „Entschuldige, dass es hier ein Teehaus ist.“ Sie zuckte ihr Schulter – und so what? „Gehen Sie doch zu Globus und Manor.“ „Nein, es gefiel mir nicht, was sie dort haben. Ich möcht gerne schöne Morgenmantel haben.“
„Aber wir sind hier ein Teehaus.“
Shui Tang ist scheinbar nicht nur Liquid Delicacies… Es war auch schon jemand, der bei Shui Tang Miso kaufen wollte!

Meine Aermel voller Regen

Meine Aermel sind voller Regen. Um mich duftet nach den englischen Rosen.
Oli brachte mir ein wunderbares Rosenbusch, eine Art von englischen Rosen, die nach süssen Träumen duften. Mein erstes Geburtstaggeschenk in diesem Jahr, eigentlich würde ich mir ein Jura-Toaster wünschen, wenn ich gefragt wäre.
Als Löwen-Geschwister teilen wir ähnlichen Muster und Sichtweise. Wir sind Einzelgänger und haben ein Hang zum Sonderbaren.
Er kam vor paar Monaten aus Taiwan, experimentiert in einem erzkonservativen Forschungsinstitut, hat Ueberstunde und arbeitet eigentlich am liebsten mit Pflanzen. Er liebt Orchideen.
Ich auch.
Im Regen beschwerte ich mich und liess ihn alles tragen. Er sagte mir, dass Pflanzen Regen lieben. Sie werden nie im Wasser faulen, wenn das Wasser aus dem Himmel kommt. Sie würde aber faulen, wenn das Wasser aus dem Wasserhahn stammt.
Ich staune! Woher wissen die Pflanzen es? Wasser ist doch nur H two O!

Wo wachsen die Orchideen eigentlich? Er sagte, sie wachsen über den Baum oder unter dem Baum. Eigentlich sind sie Einzelgänger und leben ungerne in der Gruppe neben einander.
Die Orchideen bei mir, sind seiner Meinung nach recht gewöhnliche nette Sorte – anspruchslos und schön. Man kann diese Orchideen zusammen auf dem gleichen Fensterbank stellen wie ich es tue. Weil sie eben nicht mehr diese Eigenart haben, allein sein zu wollen. Was meinst er denn damit?
Er war wie ein Doktor, der meine Orchideen untersucht. Er sagte, man muss nicht die Blüten anschauen, man braucht nur die Blätter und Wurzeln anzuschauen, dann weiss man, wie es einem Orchidee geht. Orchidee lügt nicht. Als ich es hörte, war ich sprachlos.

Er fuhr weiter. Er erzählte mir von seinem Orchideen-Fetisch. Er findet zwar meine Orchideen ganz nett, aber es seien nicht sein Fall. Es gäbe in Orchideen auch so etwas wie mit dem Tee – freundlicher lieber Tee, der Trend werden soll und allen Konsumenten gefallen soll. Meine Orchideen seien von solchen. Sie sind schön, nett und fleissig im Blühen, aber besitzen keinen Charakter. Er bevorzugt jene Orchideen, die asymetrischen Blüten zeigen oder dessen Blüten unapart aussehen. Er behauptet solche Orchideen Charaktervoll. Denn sie sind nicht gezüchtet, nicht designiert und nicht „berechenbar“. Er sammelte solche Orchideen um jeden Preis.
Komisch, warum fliegen wir auf das Design-Möbel und Kleider?

Das ist doch genau so wie mit dem Tee! Inzwischen goss ich eine Kanne Tee für uns, einen skurillen Oolong von Atong. Dieser Rougui Dongpian wurde im Dezember 2010 aus dem von Zikaden befallenen fPflückgut gemacht. Er sei so besonders schön und rar. Atong gab ihn mir und ich sollte ihn gerne haben. Ehrlich zugegeben fand ich ihn wie eine Erbsensuppe und verstand ich meinen Lehrer nicht. Aus Respekt vor ihm hebe ich diesen Tee auf. Paar Wochen und Monaten später verwandelt der Tee sich. Aus der Erbsensuppe bekomme ich feine Note von Lindenblütehonig und volle Tasse süsses Blütennektars. Die Note von Erbsensuppe verschwindet und ich erhalte das grosse Respekt meines Lehrers. Woher weiss er, dass aus einer Erbsensuppe Blüten Nektar werden kann?
Ich erinnerte an seine Worte. Er sagte, er habe keine Vorstellung von Pflückgut. Er mache nur aus dem vorhanden Fund das Beste heraus.
Oli versuchte meine Orchideen ein wenig zu „erziehen“. Meine Finger waren nicht so sanft wie seine und riss einen von zwei zu erwartenden Blütenzweige. Meine Enttäuschung war nicht zu übersehen. Er lachte und tröstet mich mit der Weisheit, dass dieser Orchidee nun die Energie für den einzigen Blütezweige einsetzen kann. Orchideen enttäuschen einen nie. Wenn man sie mit Liebe pflegt, wird man mit Pracht belohnt.
Das ist genau so wie mit Tee!

Meine Aermel waren voller Regen. Vielleicht nährt mich das Wasser aus dem hohen Himmel ohne dass ich es wusste. Und vielleicht ist das Wasser aus dem Himmel eben mehr als H two O.

Der Ordnungssinn

Dass ich ein Chaot bin, legt niemand in meiner Nähe den Widerspruch.
Manche Leute verteidigen sogar mein Chaos, sie bezeichnen es als kreatives Chaos.
Für mich ist es weder Chaos noch kreatives Chaos. Es ist mir halt nicht so wichtig, die äusserliche Ordnung zu pflegen. Wenn ich einen Scherer nicht mehr finde, dann kaufe ich eben 5 Scherer.
Das Problem ist, dass die anderen und ich zusammen arbeiten müssen. Also, ich lerne den Ordnungssinn zu respektieren.
Andererseits – wenn ich tatsächlich nur ein Chaot wäre, gäbe es wohl Shui Tang nicht.

Aber die innere Ordnung in meinem inneren „Garten“ gebe ich mir Mühe zu pflegen.
Jeder Mensch hat einen Garten, den er selbst pflegen muss. Wir können leider nicht für den anderen dessen Garten pflegen. Wenn ich meinen Garten nicht pflege, nicht bewässern und keinen Umkraut jäten, dann verliere ich mich sehr bald selbst im meinen Garten. Ich werde mich und die Welt nicht mehr richtig verstehen – dies passiert leider auch noch zu oft bei mir.
Die meisten Menschen leben so. Sie wissen nicht, was mit ihnen los ist. Sie missbrauchen andere Menschen als ihre emotionale Mülleimer und laufen vor möglichen Auseinandersetzungen weg. Sie kennen ihre Gefühle nicht, sind überrascht von dem emotionalen Ausbruch. Sie können ihre Gefühle nicht benennen.

Sie sagte mir, dass sie eine schöne Teekanne geschenkt wurde. Sie möchte gerne wissen, wie sie diese Kanne pflegen sollte.
Jung, hübsch und stark stand diese junge Frau vor mir. Sie bat mir um einen Rat, denn sie hatte im Moment keine Energie. Sie hat ihr Studium zum dritten Mal abgebrochen.
„Fühlst Du Dich energielos, weil Du nun selbst die eigene Struktur legen muss, weil Du Dich als Versager fühlst, weil Du Dir selbst vorwirft?“
„Warum weiss Du es?“ sie fing an zu weinen.
„Weil ich diese Gefühle in mir auch kenne! Weil ich es selbst auch erlebt habe und immer wieder erleben wird – wahrscheinlich…“
Wir sassen am Teetisch. Wir tranken den wunderbaren Dongding Guifei Wulong. Es ist zwar schon 5. Aufgüsse, aber er ist immer noch farbhaft und aussagekräftig. „Hmmmm, was für einen schönen Duft!“
„Wie möchtest Du diesen Duft benennen?“
„Ich weiss es nicht.“ sie erwiderte mich mit grossen Augen.
„Wenn Du Dich selbst fragst, bekommst Du vielleicht ein Bild, ein Gedanke oder eine Idee, was dieser Duft sein kann.“ ich lächelte, „irgendwann kannst Du Deine Wahrnehmungen und Empfindungen beobachten und verstehen, indem Du sie versuchst zu benennen!“
Deswegen ist der Teeweg ein Weg.
„Du meinst, alle Weinkenner kennen sich bestens?“
„Ich weiss es nicht. „ich schüttelte meinen Kopf, „wenn Du den Geschmack benennst, um mit anderen Menschen zu unterhalten, dann bleibt es eher auf der äusserlichen Ebene, nicht wahr?“
Ich meine es eher, was mich selbst betrifft, was nur mit mir selbst zu tun hat. Denn ich möchte mich selbst verstehen und meinen Garten pflegen. Und Tee hilft mir dabei.
„Ich rieche Früchte und Biene.“ sie lachte, „es geht mir jetzt schon viel besser.“
Ich freue mich für sie.
„Aber Du möchtest doch mit anderen Menschen über Tee sprechen, was nicht nur Deine Empfindung bleibt, oder?“
„Klar.“ ich schaute in die Tasse, „wenn man frei ist, kann man sich auf allen Ebene bewegen…“
In meinem Garten bleiben bestimmte Ecken nur mir reserviert. Ich bin frei, mich zu entscheiden, welchen Teil ich mit anderen teile.
Sie ging und sagte mir beim Abschied, dass sie eine Therapie fortsetzt und vielleicht einen Teeladen wie Shui Tang in der Zukunft aufmachen würde.
„Super!“
Stelle Dir vor, wenn es mehr Shui Tang gibt in dieser Welt!