Die Schönheit des Hässlichen

In dem Moment als ich realisiere, wie wenig ich leisten kann, frage ich mich, was ich eigentlich mache und was möchte ich weiter machen?

Ich bin ein heimlicher Fan von dem türkischen Pianist Fazil Say. Am vergangenen Freitag fuhr ich extra nach Schaffhausen, nur um seine Präsenz zu geniessen. Seine Musik wurde einerseits von bestimmten Medien als „neue Musik“ gefeiert, andererseits wird von anderen als lächerlich gekennzeichnet. Ob seine Musik DIE neue Musik ist, kann ich nicht beurteilen. Aber wer und was kann beweisen, ob diese Musik eine Zukunftsmusik hat?

Als Balthasar mir von seinem neuen Projekt mit Liszt erzählte, tauchte in mir eine dringende Frage auf: was ist das, was die Musik von Liszt verewigt?
Nehmen wir doch die Revalität zwischen Liszt und Thalberg als Beispiel. Thalberg? Wer weiß noch von dieser hervorragenden Persönlichkeit als Pianist und Komponist? Er verdiente als Pianist viel mehr als Liszt und hatte immer bessere Kritik als Liszt geerntet. Sein Ruhm war kaum zu übertreffen. Aber heute?
Was ist das Entscheidende dabei? – ich fragte den weisen Balthasar und er wunderte sich über mein Fragezeichen.

Mein Großvater trank vor 20 Jahren in dem dunklen Ecke ganz einsam seinen alten Tie Guanyin. Heute berüht mich dieser Tee immer noch. Und in 20 Jahren – was wird noch getrunken? Rooibusch mit Vanile?
In diesen Tagen schwam ich bewußt in der Welt meiner Vorfahren – zwischen alten Schriften und alten Zeichen. Die drei als höchst ästhetisch verehrten Kalligraphie-Schriften sind einfache Notizen. Einfache Notizen entstanden fast ausschliesslich unter Rausch von Alkohol. Voller Fehler und purer Inspirationscharakter! Solche Schriften würden wir heute in dem Zeitalter vom Computer kaum vorstellen! Wie könnte man diese fehlerhafte Version veröffentlichen – man kann doch mit Photoshop einiges erreichen – bzw. Retuschieren!
Aber, wiewo, verehren die Chinesen solche improviesierte Schriften? Sie sind jenseits der Perfektion, nicht wahr?
Was bringt einem die Obsession zur Perfektion? Ausser Panik und Angst vor Entblösst-werden und Quälerie für die anderen Mitmenschen? Ich weiss es nicht.
Was verewigt denn eigentlich diese „hässlichen“ Schriften? Die Hässlichkeit? Oder die Schönheit des Hässlichen, was die Zeit überdauert, weil sie ehrlich und nicht schön sind?

Lantingxu
Das Vorbild aller Kalligraphen der chinesischen Geschichte. Es wurde von Wang Xizhi 王羲之 im 4. Jahrhundert geschrieben bei einem Treffen mit vielen Literaturfreunden. Diese Kalligraphie wurde im 21 Jahrhundert zu Rap gedichtet:
http://www.youtube.com/watch?v=Kyw_y_DJ_Dg
Sehr amüsant! Aber das MTV ist schrecklich…

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