Der Ordnungssinn

Dass ich ein Chaot bin, legt niemand in meiner Nähe den Widerspruch.
Manche Leute verteidigen sogar mein Chaos, sie bezeichnen es als kreatives Chaos.
Für mich ist es weder Chaos noch kreatives Chaos. Es ist mir halt nicht so wichtig, die äusserliche Ordnung zu pflegen. Wenn ich einen Scherer nicht mehr finde, dann kaufe ich eben 5 Scherer.
Das Problem ist, dass die anderen und ich zusammen arbeiten müssen. Also, ich lerne den Ordnungssinn zu respektieren.
Andererseits – wenn ich tatsächlich nur ein Chaot wäre, gäbe es wohl Shui Tang nicht.

Aber die innere Ordnung in meinem inneren „Garten“ gebe ich mir Mühe zu pflegen.
Jeder Mensch hat einen Garten, den er selbst pflegen muss. Wir können leider nicht für den anderen dessen Garten pflegen. Wenn ich meinen Garten nicht pflege, nicht bewässern und keinen Umkraut jäten, dann verliere ich mich sehr bald selbst im meinen Garten. Ich werde mich und die Welt nicht mehr richtig verstehen – dies passiert leider auch noch zu oft bei mir.
Die meisten Menschen leben so. Sie wissen nicht, was mit ihnen los ist. Sie missbrauchen andere Menschen als ihre emotionale Mülleimer und laufen vor möglichen Auseinandersetzungen weg. Sie kennen ihre Gefühle nicht, sind überrascht von dem emotionalen Ausbruch. Sie können ihre Gefühle nicht benennen.

Sie sagte mir, dass sie eine schöne Teekanne geschenkt wurde. Sie möchte gerne wissen, wie sie diese Kanne pflegen sollte.
Jung, hübsch und stark stand diese junge Frau vor mir. Sie bat mir um einen Rat, denn sie hatte im Moment keine Energie. Sie hat ihr Studium zum dritten Mal abgebrochen.
„Fühlst Du Dich energielos, weil Du nun selbst die eigene Struktur legen muss, weil Du Dich als Versager fühlst, weil Du Dir selbst vorwirft?“
„Warum weiss Du es?“ sie fing an zu weinen.
„Weil ich diese Gefühle in mir auch kenne! Weil ich es selbst auch erlebt habe und immer wieder erleben wird – wahrscheinlich…“
Wir sassen am Teetisch. Wir tranken den wunderbaren Dongding Guifei Wulong. Es ist zwar schon 5. Aufgüsse, aber er ist immer noch farbhaft und aussagekräftig. „Hmmmm, was für einen schönen Duft!“
„Wie möchtest Du diesen Duft benennen?“
„Ich weiss es nicht.“ sie erwiderte mich mit grossen Augen.
„Wenn Du Dich selbst fragst, bekommst Du vielleicht ein Bild, ein Gedanke oder eine Idee, was dieser Duft sein kann.“ ich lächelte, „irgendwann kannst Du Deine Wahrnehmungen und Empfindungen beobachten und verstehen, indem Du sie versuchst zu benennen!“
Deswegen ist der Teeweg ein Weg.
„Du meinst, alle Weinkenner kennen sich bestens?“
„Ich weiss es nicht. „ich schüttelte meinen Kopf, „wenn Du den Geschmack benennst, um mit anderen Menschen zu unterhalten, dann bleibt es eher auf der äusserlichen Ebene, nicht wahr?“
Ich meine es eher, was mich selbst betrifft, was nur mit mir selbst zu tun hat. Denn ich möchte mich selbst verstehen und meinen Garten pflegen. Und Tee hilft mir dabei.
„Ich rieche Früchte und Biene.“ sie lachte, „es geht mir jetzt schon viel besser.“
Ich freue mich für sie.
„Aber Du möchtest doch mit anderen Menschen über Tee sprechen, was nicht nur Deine Empfindung bleibt, oder?“
„Klar.“ ich schaute in die Tasse, „wenn man frei ist, kann man sich auf allen Ebene bewegen…“
In meinem Garten bleiben bestimmte Ecken nur mir reserviert. Ich bin frei, mich zu entscheiden, welchen Teil ich mit anderen teile.
Sie ging und sagte mir beim Abschied, dass sie eine Therapie fortsetzt und vielleicht einen Teeladen wie Shui Tang in der Zukunft aufmachen würde.
„Super!“
Stelle Dir vor, wenn es mehr Shui Tang gibt in dieser Welt!

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