Der Elitäre Tee – ein Geschenk

Meine Teeauswahl sei elitär, erzählte mir Romeo bei seinem letzten Besuch. Elitär sei mein Geschmack. Ich nickte meinen Kopf und verstand, dass der Begriff „elitär“ mit dem Preis gemeint sei anstatt mit der Qualität. Wenn der Preis meiner Teeauswahl „billiger“ wäre, wäre die Bezeichnung anders als elitär.

Warum ist meine Teeauswahl von gehobenem Preis? Was versteht man unter Preis und Leistung? Wie verstehe ich denn eigentlich von Tee und meiner Teeauswahl?

Tee ist für mich ein Kunstwerk und zugleich ein Geschenk, ein Geschenk von Kosmos – das was wir auf Chinesisch als Tao bezeichnen und im Christentum vielleicht als Gott. Ein Geschenk von Kosmos, das durch den Teebauer und Teemaker zum Vollendung gebracht wird und uns präsentiert werden kann. Ein Geschenk wie Tee, den man nicht mit menschlichem Willen und Kalkül planen kann. Er kommt aus einem Wink aus einer anderen Sphäre, jenseits von Logos und muss weiter gegeben werden – ähnlich wie beim Kunstwerk, das nicht nur bein Köpfe oder Wohnzimmer Künstlers bleibt. Ein Geschenk kann nur als Geschenk verstanden wird, wenn das Herz berührt wird. Ein Kunstwerk kann in meinen Augen als Kunstwerk verstanden werden, wenn es unseren Geist erfrischt, einen vergessenen Teil von uns wach ruft und das Herz berührt. In diesem Moment der Berührung spüren wir eine tiefe Dankbarkeit und Demut. Das erlebe ich immer wieder auch bei einem guten Tee, bei einem schönen Lied, einem Prosa oder bei einer Begegnung! Als ein gewöhnlicher Mensch besitze ich das gewöhnte Wahrnehmungsvermögen und einfache schöpferische Kraft, aber fühle mich stets gestärkt und dankbar, dass es andere Menschen existieren, die das Geschenk (Talent) von Kosmos erhalten. Ein Geschenk wäre kein Geschenk, wenn das „Logos“ eine Rolle spielt. Ein Geschenk wäre bedeutungslos, wenn es irgendwo blockiert und nicht mehr weiter gegeben werden kann.

Hermes erfand ein wunderbares Musikinstrument und verschenkte es an seinem Bruder Apollo weiter. Dadurch bekam Hermes Idee ein zweites Instrument zu kreieren. Die Moral dieser Geschichte wollte Homer uns mitteilen, dass eine Tür erst nach Schließen einer anderen geöffnet werden kann, und eine Erneuerung erst durch Geben und Aufgeben stattfinden kann. Wenn die Energie blockiert, fehlt die Inspiration. Keine Bewegung, nichts wird bewegt. Keine Motion, keine Emotion. Das ist das Gesetz der Liebe und des Lebensfluss. Eros manifestiert sich nicht durch Kalkül, sondern in Gestalt als Geschenk, das im Fluss fließt und jedem, der Geschenk erhielt, glücklich macht und durch diesee Fülle der Freude stets erneuert.

Das Aufgeben und weiter Geben des Geschenks ermöglicht einen bewegenden Energiefluss. Eine Blockade erzeugt ein Gefühl des Mangels. Dieses Gefühl führt zum Besitzergreifen und verursacht noch mehr Mangel. Fülle erzeugt das Gefühl der Fülle, Mangel ziehen Mangel an. So funktioniert anscheinend das kosmische Gesetz. Meine Großmutter war in Augen vielen Menschen die Verwalterin der Fülle. Das Haus und Ihr Schrank schwammen deswegen stets in Fülle. Als Mädchen sah ich Güter ins Haus getragen wurde und aus dem Haus weiter verschenkt wurden. Um Kinder richtig zu erziehen duften wir allerdings nur bei Festtagen und besonderen Angelegenheiten Äpfel essen – darum esse ich nicht gerne Äpfel. Das Haus mangelte nie an Geschenke. Jeden Morgen trug mein Vater persönlich ein Riesenfass voller Paochung, den unsere Gehilfin nach Anweisung meiner Großmutter zubereitete, an die Strasse, um die Durst des fremden Passanten zu trösten. Hilfe wird nie in diesem Haus abgelehnt und Geschenke bleiben nicht steckend. Geld ist eine Energie, die weiter fließen muss – auch wenn meine Großmutter eine Tyrannin war, waren ihre Wörter für uns auf dem Lebensweg sehr hilfsreich. Auch mein Vater hat ein Schatzkammer voller Geschenke, die er für sein Netzwerk vorbereitet – X.O., Zigarren und edele Whiskys, na ja für welchen Zwecke sollte es denn dienen! Seine Geschenke dienen um die ökonomische Sicherheit – ein Instrument des Kalküls. Darum kommen sie auch nicht auf dem Ahnenaltar des Hauses.

The song is to the singer, and comes back most to him,
The teaching is to the teacher, and comes back most to him,
The murder is to the murderer, and comes back most to him,
The theft is to the thief, and comes back most to him,
The love is to the lover, and comes back most to him,
The gift is to the giver, and comes back most to him–it cannot fail,
The oration is to the orator, the acting is to the actor and actress
not to the audience,
And no man understands any greatness or goodness but his own, or
the indication of his own.

Walt Whitman (1819-1892), „A Song of the Rolling Earth,“ Part 2

Hervorgehoben durch ML.

Die angekommenen Geschenke bringen meine Mutter heute noch zuerst auf dem Ahnenaltar. Die Ahnen bzw. der Gott sollte das Geschenk zuerst segnen und genießen. Ich als ein ungeduldiges Wesen halte nie an ihre Regel und teile die Köstlichkeit gleich mit den Göttern und entschuldige mich erst danach. Das Geschenk bleibt nicht nur linear zwischen zweit Menschen, sondern dem Kosmos einschließlich. Die Mystik gewinnt durch diesen Akt in diesem Geschenk-Kreis eine Bedeutung. Wir erkennen die unerschöpferliche Kraft des Eros, des Gottes an und bedanken uns dafür. Dadurch versprechen wir das Geschenk weiter zu geben, die Fülle zu verteilen. Der Kreis schließt nie ab und das Glück geht herum. In Chanoyu verbeugt sich der Gast, als er eine Schale vom Gastgeber überreicht erhält. Er verbeugt sich vor dem Kosmos als Dank, ein Dank für alle Wesen, die diese Schale ermöglichten – die Erde, Teebauer, der Flugzeug-Pilot, der Händler und der Gastgeber… Wer weiß was noch dabei war? Ein großer Kreis, eine Verbundenheit zwischen Menschen wird gesponnen und ins Bewusstsein wach gerufen. Darum schrieb Soshitsu Sen, dass die unmittelbare Dankbarkeit und Demut ein wichtiger Teil der Erfahrungen auf dem Teeweg seien (Soshitsu Sen 1998: 90).

Ein guter Tee in meinen Augen ist jener, der nicht für den Mainstream produziert wird. Um guten Umsatz zu erzielen, um den wirtschaftlichen Zweck zu dienen wird das Kalkül von Effizienz, Arbeitseinsatz und Rendite stets angewendet. Das Gesetz des Logos führt zu einer bestimmten Denk- und Produktionsweise, die wiederum bestimmte Erzeugnisse erntet. Wenn man mit diesem Ergebnis zufrieden ist, ist die Welt in Ordnung. Andererseits ermöglicht das Gesetz des Eros eine andere Denk- und Produktionsweise, die aus der unabhängigen Entscheidung jenseits des rationalen Kalküls entsteht, nur aus dem Herzen, was will man, was hält einer für richtig und was ist nun zu tun. Also jeder Mensch bekommt sein Verdienst für seinen persönlichen Einsatz.

Eine Inspiration aus dem göttlichen Wink, eine naiven bäuerliche Verbundenheit mit der Erde und paar verrückte Teehändler und Teebegeisterte, die dafür freiwillig bezahlen, nur um an das Geschenk zu verteilen und zu teilen, bilden diesen unerschöpflichen Kreis. Ja, diese Wahl an Tee könnte elitär sein, so lang der Kreis nur von wenigen verstanden wird, so klein bleiben könnte

Ein Geschenk ist keine Ware. Eine Ware ist mit Geld umzutauschen und wird konsumiert, verzehrt, blockiert. Ein teuerer Tee ist in diesem Akt des Geld-Tausch-Handel plötzlich nicht mehr ein Geschenk. Was nun?

Ich kann meine Gedanke nicht alles in einem Beitrag wiedergeben. Ich hoffe, meine Teefreunde seien geduldig und fanden es nicht blödsinnig – ihr habt leider keine Auswahl. Mein nächster Beitrag wird „Kula-Ring und der elitäre Tee“ sein.

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