Archiv für den Tag 10/07/2008

De Ja-vu und Gangkou Cha

Mein Großvater machte in seinem Leben mit 48 einen Strich. Nachdem seine Vertraute das Vermögen veruntreute, zog er zurück und lebt in nächsten vierzig Jahren in einem Turm. Manchmal ging er aus diesem Turm und fragte die Kinder, ob wir große Schiffe anschauen wollten. Schiffe anschauen! Das bedeutete für uns eine Reise zum Fenster der Welt! Auf einer Insel waren wir ausgeschlossen in der internationalen Politik, abgegrenzt in unserem Bewusstsein und auch verschlossen in unserem Leben. – auf einer Insel eben. Wir gingen zum Meer, eine weite Reise für Kinder. Wir gingen zum Hafen und bewunderten die großen Schiffe, die andere anerkannte Welt erreichten und unseren Traum mitnahmen. Anschließend gingen wir auf eine kleine Insel – St. Salvador. Auf St. Salvador gab es eine spanische Burg namens St. Salvador und war das Augenzeug der Formosa Kolonialgeschichte. Die Burg wurde in einem Krieg zwischen Spanien und Holländer zerstört und die kleine Insel blieb und ist heute eine Insel der Frieden – auf Chinesisch.

Inselbewohner wie wir, waren Nachkommen von Piraten, Sträflinge oder Ureinwohner. Auch wenn in meinem Familiebuch stand, dass wir aus Anxi – Heimat des Tie Guanyin kamen, bin ich überzeugt, dass meine Vorfahren Piraten waren. Eine Insel hat immer einen Anfang und ein Ende. Eine Insel hat immer Ränder und Grenze – anders als Festland. Sie ist offen und zugleich isoliert in einem Ozean. Sie hat Zugang zur Welt, jedoch einsam in einem blauen Teppich, ausgegrenzt von allen Geschehen. Die Menschen auf eine Insel müssen miteinander zu Recht kommen, weil sie nicht aneinander vorbei kommen könnten. Die Menschen auf eine Insel sind stets mit Eindringlinge zu rechnen, die aus einem etablierten Welt ausbrechen wollen und das Ausgeschlossen auf einer Insel als Chance betrachten. Es ist eng, gewaltig und ereignisreich.  Eine Insel ist zugleich ein Vermittler zwischen zwei Ozeans oder zwei Kulturen oder zwischen zwei Menschen. Kein Wunder, dass Japaner im 17. Jh. Für die fremden Eindringlinge aus Europa De-Shima (Insel) baute und die einzigen zugelassenen Japaner außer Händler auf die Insel waren Kurtisane. Kein Wunder, dass man gerne auf Honeymoon auf eine Insel geht. Kein Wunder, dass die Insel Formosa stets der Vermittler zwischen Japan und China war.

Für jemanden aus Prag war die Honeymoon Insel Hawaii – das erzählte mir heute J. Voll begeistert schwärmte er mir von dieser Insel voller Gegensätze und Vulkan. Seine Erzählung riss mich aus dem Gegenwart ab und die Welle des Ozean schwamm vor meinen Augen. Eine Insel im Südsee… Dann erzählte er mir weiter von seiner Insel-Touren: Indonesische Inseln, Bali und Hongkong. Ich liebe Insel, weil ich selbst aus einer Insel komme. Ich liebe Hongkong, Okinawa, Penang, England und Puhket. Nun lebe ich auf einer Insel Europas – die Schweiz, das Traumland von Insel Formosa! Was sollte ich ihm denn von den Sehnsüchten und Lebensgefühl auf eine von der Welt ausgeschlossenen Insel erzählen? Ich kochte Wasser und bereite einen neuen angekommenen Gangkou Cha 2008 (Meeroolong auf südlichsten Rand des Formosas!) zu. Ich fragte ihn, ob er den Meeresrausch hörte und die Korallen sah. Auf die südlichsten Rand des Formosa schien so oft Sonne, ein Taucherparadies, Palementrände und unzähligen Korallen Kliff. Es schien alles paradiesisch bis die Regierung vor 20 Jahren dort ein Atomkraftwerk baute. Warum wurden überall am schönsten Strände auf Formosa nur Atomkraftwerke gebaut? Manche von uns waren wütend und zugleich eingeschüchtert sprachlos, manche von uns wanderten aus und ich bin hier gelandet. Machtlos schauten wir zu, wie die Insel Formosa Stück für Stück verraten wurde. Eigentlich schmeckte dieser Tee für mich wie die Tränen. Der Gangkou Cha ist immer noch derselbe geblieben und die Familie lebt an dem gleichen Ort seit Hundertenjahren. Aber die Insel ist bereits nicht mehr dieselbe.
Leicht salzig und der Geschmack voller Korallen. Wenn die feuchte Luft aus Philippins kommt, gewinnt der Baum ein jodhaltiges Aroma. Die Frühlingsernte ist von dieser Note nicht ausgeprägt, aber umso mehr von dem schwierigen zugänglichen Korallen-Kliff. Er fragte mich ob ich Britannien kenne? Ich schüttelte meinen Kopf. Er erkannt in diesem Tee das Gefühl von De ja- vu. Viel Felsen, das gewaltige Atlantik und die ab und zu scheinende Sonne! Das Gefühl von De ja-vu… ich verstehe, warum Insel so bedeutend sein könnte. Eine Insel ist wie ein Fremdkörper für das Festland und ein Fremder ein Eindringling in einer etablierten Welt. Wenn das Festland in Chaos stürzt, ist die Sehnsucht nach einer Insel der Traum des neuen Lebens. Wenn eine etablierte Welt auseinander fällt, betrachtet man plötzlich den Fremde nebenan als Möglichkeit der Erneurung. Für Menschen aus zwei verschiedenen Welten konnten sich wohl nur auf eine Insel begegnen, temporär und vergänglich wie auf die kleiner japanischer Insel Deshima.

Ich hatte immer Mühe mit Festland, denn mein Lebensgefühl mit Insel verbunden ist. Darum muss ich wohl immer am Wasser leben, am Bodensee oder am Zürichsee. Auf einer Insel wie die Schweiz sollte ich mich doch wie zu Hause fühlen können!

Der Gangkou Cha trieb uns von Pazifik zurück zur Berginsel-Schweiz. Die Sonne schien in Zürich und auch im Meeroolong schien die unverwechselbare Sonne aus Formosa.