Archiv für den Tag 01/07/2008

Zwischen Leben und Tod

„Über siebzig Jahre habe ich gelebt, wie viel Ärger und Mühen! Ich heiße das Schwert willkommen, das alle Buddhas und Dharmas zerschlägt.“

Sen Rikyu vor seinem Tod. 13.02.1591

Ich kam heute zu spät und er wartete ungeduldig. Sein Gesicht im weiten sagte mir, dass es ihm nicht gut ging. Kurz vor Jemoli winkte ich ihm zu und er sagte mir, „Du bist spät.“ „Ja, es tut mir leid.“ „Was tut Dir leid?!“ „…“ „Wo warst Du, als ich Geburtstag hatte?“ „…“ „Wieso bist Du immer weg, wenn ich Geburtstag habe? Jeder weiß, wann ich Geburtstag habe, nur Du nicht.“ Mein Lehrer Michel gab nicht nach und schaute mir direkt ins Auge. „Ja, ich verpasse nächstes Mal nicht mehr.“ „Im Hier und Jetzt verpasst Du, Das Leben passiert neben Dir vorbei!“ Diese heftigen fordernden Sätze erlebte ich selten von ihm, obwohl er mich mit meiner Taten zu konfrontieren nie scheute. Er klagte über die Hitze, über das Ozon. Ich dachte, dass er schlecht drauf war. „Wie war denn beim Doktor?“ „Klaren Text sprach er mit mir. Ich lebe nicht mehr lang. Die Krankheit ist nicht aufzuhalten.“ erzählte er ruhig weiter. Das Tram 3 fuhr uns weiter zum Uetliberg. Dann lästerte er über die Mode vieler jungen Frau. Ja, der normale sterbliche Mann kehrte zurück. Ich schmunzelte

Im abgedunkelten Raum leistete ich ihm eine Gesellschaft bevor ich zum Kochen begann. Er wollte sprechen. Ich wartete und hörte zu. Er fing an, über seine Begegnung mit seinem Lehrer zu sprechen, der mittellos nach Paris kam und einfach im Pariser Metro stand. Er traf diesen Japaner, als er noch Rockstar war und verstand, dass diese Begegnung sich um Leben und Tod handelte. Er gab alles auf, seine Karriere, seinen Traum und seinen Lebensplan, nur seine Romanze nahm er auf dem Weg mit. Michel erzählte weiter über die Zeit kurz vor dem Tod seines Lehrers. Es war ein Chaos, wenn ein Lehrer starb, für andere Schüler und für sich selbst. Er holte mit Mühe mir ein Buch und schlug mir auf, was sein Lehrer schrieb. „For my disciple Michel, I hope you go for he mission to Switzerland.” “Weiß Du, Ich wollte nach seinem Tod wieder Musiker werden, ich wollte nie ein Lehrer sein. Ich wollte Abenteuer und mein Leben anders planen. Aber er hat mir diese Aufgabe gegeben und ich vertraue ihm einfach. Und nun bin ich krank und der Tod näherte.“ Plötzlich sagte er mir, „Weiß Du, was ist Ego aufgeben?“ Ich schüttelte meinen Kopf. „Vertrauen. Vertrauen in Deinen Lehrer, wenn Du einen hast. Vertrauen in das Kosmos, wenn Du richtig lebst, anstatt in Deiner Wirklichkeit.“ „Es ist sehr schwierig, alles zu akzeptieren, was passiert.“ „Es ist noch schwieriger sich dagegen zu wehren. Es ist einfach, zu vertrauen.“ „Vertrauen…“ Das geht um Leben und Tod! Das Leben findet außerhalb Deiner Wirklichkeit statt, während Du Dein Leben planst! Das Leben kann man nicht planen, nur leben. Es geht um Leben und Tod, Du muss Dich entscheiden, im Traum aufzuhalten oder zu leben, im Hier und Jetzt.“ Ich spürte Schmerzen und Ohnmacht. Muss das sein? Ist das seine letzte Unterweisung, die mein Leben begleiten sollte? Das Leben passierte, während ich in meiner Wirklichkeit um Kreis drehe.

Rikyu starb unter einem Befehl von Hideyoshi (der Shongun in dieser Zeit), nachdem er eine Schale Tee mit seinem vertrauten Schüler teilte. Seinen letzten Tee folgte der Tod. Er war entschlossen. Jede Zusammenkunft ist in diesem Sinne wahrhaftig einmalig. Vielleicht ist es das gleiche Motiv, weshalb Hideyoshi ein tragbares Teehaus bauen ließ, um mit ins Schlachtfeld zum Mitnehmen und trank kurz vor dem gefährlichsten Moment noch eine Schale Tee. Tee klärt den Geist so in den Momente, in den es um Leben und Tod geht.

„Das Schwert, das mir immer so nahe war- ich schleudere es gegen den Himmel!“

Ob wir im Leben immer in einer Klarheit leben, ist wohl diesem Moment nicht bedeutend. Aber in einer Klarheit zu sterben und das Urvertrauen in Gott oder in das Kosmos bringt uns zu ewigem Friedem. Vertrauensvoll übergab Rikyu sein Leben in die Hand des Kosmos. Angst und Furcht waren vergangen. Momente zwischen Leben und Tod könnten so angenehm und friedlich sein.

Michel fragte mich nach D., ob ich ihn neulich sah. Ich schüttelte meinen Kopf. „Warum gab er auf, weiter auf den Weg zu gehen?“ Ich wollte nicht für anderen Menschen für ihre Taten erklären. Aufrichtig zu meinem Lehrer sagte ich, „Deine Wörter waren für ihn zu streng.“ Sein Gesicht zog zusammen, der alte Mann stürzte im seinen Stuhl. „Bin ich zu streng? Warum hat er kein Vertrauen? Was hätte ich denn davon, ihn zu beleidigen? Es geht um ihn…“ Ich wünschte, dass mein guter Freund D. diese Szene sehen könnte, die Liebe seines Lehrers direkt erfahren könnte. Liebe hat keine Form. Er leidet, dass sein Schüler, mit dem er über 20 Jahre Zazen zusammen praktizierte, auf einmal aufhörte und er ihn nicht wach rütteln konnte. „Michel, das ist sein Leben.“ Ich weinte. Er schwieg. Er aß nicht mehr gerne. Er wurde immer hinfälliger. Seine Wörter wurden immer direkter. Er spürte wieder Stiche. Ich tröstete ihn, dass es sich alles wieder stabilisieren könnte. Er nickte und lächelte mir an. Er ist entschieden, einfach und vertrauensvoll zu leben und den Tod zu begegnen.

„Davon habe ich immer nur geträumt:

jenseits des mühevollen Lebens zu sein, in der letztendlichen Wirklichkeit.“

Letzte Zeile von Sen Rikyu auf den Deckel des Kästchens, das den Teebehälter seines Letzten Tees enthielt.