Archiv für den Tag 20/07/2008

Demut der Macht?

Lieber Herr Staufenbiel schrieb mir, dass er meinen Beitrag über Nojiri Sensei las und selbst eine Reflexion in seinem Blog veröffentlichte. Er möchte gerne wissen, ob ich dabei schlecht finde, dass er darüber schrieb.

Keineswegs. Warum sollte ich schlecht finden, wenn er eine andere Sichtweise hat, über die Schüler und Lehrer Beziehung? Ich danke für seinen Beitrag und dass er meine Wörter ernst nahm.

Ich habe ein anderes Verständnis von „Unterwürfig und Demut“ als Herr Staufenbiel und möchte mein Verständnis nicht als absolut gelten lassen. Stärke oder Schwäche hängen nicht von der Form des Verhaltens und der Demonstration eigener Kräfte ab, sondern von der Art, wie man mit Konflikte und eigenen Problemen umgeht. Der Stärkere ist der Gebende und der sich Zurücknehmende – in chinesischem verständnis.

Warum sollte man sich klein fühlen, nur weil der Lehrer einen vor anderen nieder macht? Warum ist mein Selbstewertgefühl von den Augen des Anderen abhängig? Warum bin ich plötzlich ein toller Schüler, nur weil der Lehrer mich nun lobt? Warum muss ich denn ein guter Schüler sein?Es ist absurd, das Selbstbild von anderen Menschen abhängig machen zu lassen. Von meinem Lehrer Michel und von Nojiri Sensei lernte ich zu sich selbst zu stehen und selbst zu werden, indem sie mich bloß stellten. Wenn ich weiß, wer ich wirklich bin, muss ich doch nicht mehr dari, kümmern, was „unterwürfig“ und Machtspiele sind. Es ist „selbstverständlich“ bzw. „normal“, dass wir stets von anderen Menschen unterstellt werden, aber wissen müssen, wer wir sind, oder? Was ist daran so schlimm? Warum sollte ich das Problem des anderen zu meinem machen? Diese Situationen haben mit der kulturellen Grenze nichst zu tun.

Das Ego kann man nicht töten. Das Ego ist in einer Abhängigkeitsbeziehung zu uns selbst. Wie könnte ich denn überhaupt das Ego töten, um mich selbst zu werden? Ego würde mein Leben nicht erschweren, sondern der Umgang mit dem Ego. Folge ich nun meinem Ego oder warte ich es einfach ab? Gute Dinge könnten manchmal schlecht werden, schlechte Dinge könnten zum Guten wenden. Je nach dem… was ist denn da so absolut?

Ich bin gerne Teeschüler, vielleicht weil ich feige bin. Teeschüler zu sein ist einfacher als andere Menschen zu unterweisen, denn ich das Leben des anderen nicht einmischen muss und die Projektion des Unterwiesenen nicht ertragen muss. Wer will denn schon mit Probleme des anderen auseinandersetzen, wenn man von Herzen diese Person nicht ernst nimmt und liebt? Liebe hat keine Form und ist manchmal schwer zu verstehen. Zu mindest erlebe ich es bei strengen Lehrern. Manchmal ist die Hilfe ein Schlag oder Beschimpfung – ganz anders als liebe Wörter und Küsse, je nach der Situation. Andererseits, wer will denn schon geschlagen werden? Das Ego sucht den widerstandslosen Weg. Vielleicht ist mein Verständnis sehr chinesisch geprägt und es ist mein Verständnis.