Wistaria Teehaus

Zi Teng Lu 紫藤廬 war das „Teehaus“ in Taipei. Das Teehaus war klein und eine kleine Abbildung Taiwans – eine Insel, die stets unter fremden Einflüssen, unter fremden Herrscher und unter fremden Einwanderer steht. Es ist schwer zu beschreiben, wie das Zi Teng Lu eigentlich war. Ein Haus auf Formosa im den japanischen Stil integriert mit einem europäischen Kamin. Eine Kreuzung von Cross-Culture, eine Kreuzung von Begegnungen.

Der Hausherr Chou, Yu 周渝 erzählte, dass das Haus seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts bereits existierte. Es war die japanische Zeit – eine schöne Zeit für Menschen wie mein Großvater, eine schamhafte Zeit für die chinesischen Einwanderer. 1949 wurde das japanische Haus von der Jiangs Regierung übernommen und der neue Hausherr war der Vater von Chou, Yu. Der neue Hausherr war ein höherer Beamte, der in Berlin studierte und ein liberaler Patriot war. Sein Salon war voller Literaten und Intellektuellen. Die Freiheit für die Presse, für das Menschenrecht und der Liberalismus waren ständige Themen, die Mut und Aufrichtigkeit eines Menschen auf Formosa erfordert. Chou, Yu sagte, dass er als Kind den Geheimdienst aus dem Fenster beobachtete, während der Geheimdienst vor ihm nicht abscheute, ihre Notiz zu machen. Das Haus wurde spioniert, die Menschen waren stigmatisiert und die Begegnungen wurden dokumentiert.

Wistaria HausWistaria Haus noch vor 2007

1981 verlass der Vater endgültig das Haus und die Insel. Sein Sohn verwandelte es zu einem Teehaus. Weil Wistaria (Glyzinien)vor dem Haus besiedelte, wurde das Teehaus nach diesem prächtigen Pflanzen genannt. Chou, Yu beschäftigte sich mit dem improvisierenden Theater und bot sein Teehaus als Möglichkeiten für Theatergruppe und Künstler an – vor allem für die noch unbekannten unetablierten Künstler. Er selbst mischte sogar in die politischen Bewegungen mit, er kämpfte für die politische Freiheit Taiwans – ein Fremdwort für Menschen, die gewöhnt sind, Freiheit zu nehmen.

Draußen vor Wistaria Haus liegt Xinshen Nan Lu, eine Strasse von befahrenden Autos und Verkehrsknoten; innen im Haus herrschte Begegnung zwischen Menschen, die eine Zeit der Ruhe und Frieden mit einander teilten. Hier trafen Studenten, Professoren, politisch Verfolgte oder ganz normale Sterbliche, die nur Bücher lesen, Tee trinken und quatschen wollten. Als Studenten trafen wir uns gerne dort, um Sitzungen zu machen. Meistens war es Mitte Nacht, der Tee hielt uns wach und das belanglose Gespräch hörte nicht auf. Dann wurde oft Nudel noch für uns gekocht und dann Bier ausgeschenkt – der Hopfenblüte Tee. Insofern bedeutet Bier auch für mich eine Art von Anhaftung an eine verlorene Zeit. Damals wurde eine Frau in diesem Kreis nicht respektiert, wenn sie keine drei Flasche Bier (0,75 L) am einen Abend trinken konnte.

Das Wesen des Tees wurde in der chinesischen Kultur mit einem Wort beschreiben 澹Dan. Das bedeutet, Zurückhaltung, Toleranz und Integration. Tee verdrängt andere Dinge nicht und ist niemals aufdringlich. Der Geschmack des Tees ist oft so leise zu bemerken, wenn man ihn nicht bewusst wahrnimmt. Er hebt sich nicht hervor, aber ist bewußt über seine Eigenheit. Tee integriert verschiedene Elemente. In Europa wird Tee anders zelebriert und anders aufgenommen. Insofern hat Europa eine ganz neue Chance Tee anders zu erleben als in Asien, wo man bereits Tradition als mögliche Last wahrnehmen könnte. Was Asien hier überhaupt zu sagen hat, ist wohl die Vermittlung des Geistes des Tees – wie der Geist des Wistaria Hauses, Toleranz, Freiheit und Integration. Dieser Geist sollte hier weiter gelebt werden und die Form wird wohl sich langsam eine neue Gestalt finden.

Das Wistaria Haus war der Augenzeuge der politischen Geschichte Taiwans, der Pioneer und Verteidiger der Freiheitsbewegung. Nicht zufällig war es ein Teehaus. Tee hat immer einen Protest-Charakter in meinem Auge, Protest gegen den Mainstream, gegen das Statische und gegen das Gefangen-Sein im innen und außen.

3 Gedanken zu „Wistaria Teehaus

  1. Dezhong

    Vielen Dank für den schönen Artikel zum Wistaria-Teehaus.

    Ich habe gerade einen Artikel von Lung Yingtai 龍應台 gelesen, in dem sie von dem Haus sprach („在紫藤廬和Starbucks之間“; Hier kann man ihn noch im Original nachlesen http://forums.chinatimes.com/report/lonin/92071010.htm. Es gibt auch eine deutsche Übersetzung in dem Buch „Taiwans ‚kulturelle Schizophrenie'“).

    Es geht zwar nicht um das Haus als solches, es wird mehr als Symbol verwendet (wie der Titel schon andeutet: so in etwa als das Gegenteil von dem, was man mit Starbucks verbindet). Aber trotzdem finde ich diesen Zufall doch mal wieder wunderbar!

    Schade, dass ich immer nur so kurz in Taipei war bisher, aber dem Haus möchte ich wirklich auch mal einen Besuch abstatten.

    Vielleicht klappt es ja schon beim nächsten mal.

    Liken

    Antwort
  2. Menglin

    Wenn der Besuch in Taipei schon so kurz ist, dann lohnt es sich wohl ein Besuch online. Chou Yu hat viele inspirierende Gedanke, schöne storys und Gesellschaftskritik ins Netz gestellt. Wenn die Sprache Chinesisch kein Hinternis sein sollte, würde ich jedenfalls versuchen.
    Ach, mein Deutsch wird immer schlechter – hier reden die Leute nur Deutsch ohne die zweite Lautverschiebung…
    Und Chinesisch kann ich auch bald nicht mehr schreiben.

    Liken

    Antwort
  3. Dezhong

    Die Internetseite ist kein guter Ersatz, muss aber fürs erste reichen – danke 🙂

    PS: Was ist die zweite Lautverschiebung?

    Liken

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s