Archiv für den Tag 13/05/2008

Lishan 2007 梨山碳培 – Duft der Holzkohle

Stephan rief mich morgens an und fragte, ob ich mich gerade von Pfingsten erholen musste. Erholen von Feiertagen? Nein, ich arbeitete über die Feiertage. Freizeit? Ich habe keine Freizeit. Ich mache das gerne, was ich mache. Eigentlich habe ich nur Freizeit.

Das Leben meines Lehrers in Taipei bestehe nur aus Freizeit, behauptete seine Frau auf der gemeinsamen Reise nach Mingjian. Ich war nicht sicher, ob sie sich über ihn beklagte.

Auf der Reise hatten wir einen wunderschönen Tee, der mir unbekannt war und deswegen noch spannender schmeckte. Sein Name wurde nicht verraten. Ich weiß immer mehr, dass es viele versteckte Geheimnisse des Tees in diesem Menschen gibt. Er erzählte es nicht und ich musste es auch nicht ansprechen. Ich sagte ihn, „Oh, ich schmeckte Honig, Blumenwiese und Hochlandsluft! Aber die Holznote ist so dominant, war es ein Fehler!“ „Nein, nein. Das ist Holzkohle-Geschmack!“ er schmunzelte. „Eigentlich ist er mein privater Tee! Unverkäuflich!“ Selten findet man solch Material aus Lishan – Qingxin Oolong von Insekten befallen! Das ganze wurde noch an einem sonnigen Tag gepfückt und verarbeitet! „Solche Dinge darf man im Leben nicht verpassen.“ sagte er am Steuer, „Irgendwann muss Du so weit sein, wenn Du einen Tee trifft, weiss Du, was aus ihm werden kann. Dann behandelst Du ihn entsprechend.“ Er behandelt ihn entsprechend dirket über glühende Holzkohle über 120 Grade! Er bat mir, ihn aufzubewahren, seine Reife zu erleben.

„Mein Mann hat nur Freizeit,“ erzählte seine Frau mir, „er ist ansonsten so lahm. Nur wenn er mit Tee und Photographieren zu tun hat, ist er wieder ein Mensch.“ Er brauche keine Freizeit, weil er immer frei sei. Sein Ruhm und Bekanntheit bringe ihr nichts, weil er diese Welt spielend durchquere. Sie verdient ihr Geld, zog den Sohn auf und sah zu, wie er in der Teewelt sich frei spielend bewegt, wie ein Narr.

Ich hörte plötzlich den Ryokan (ein japanischer Dichter) leise singend:

„Spielend, ja spielend,

Durchquere ich diese fließende Welt…

Ist es da nicht gut, die bösen Träume anderer Menschen zu zerstreuen?“

Er und ich hörten ihr zu und schwiegen. Den Tee wurde immer wieder serviert – von ihr. Sie interessiert sich nicht für die Namen des Tees, nur für diesen Tee, den er für sie macht. „Einen guten Tee.“ sagte sie. Süss wie honig, elegant wie die Höhe des Berges und holzig wie der Duft des feuchten Tannenwalds. Diese Kombination ist einzigartig. Ich hätte nie gedacht, so etwas zu begegnen.

Als ich zum ersten Mal seine Frau sah, konnte ich nicht fassen, wieso eine so schöne Stadtdame mit einem „Bauersohn“ verheiratet sein kann! Diese Kombination war mir geheimnisvoll. „Er dachte, dass ich in ihn verliebt sei, weil ich ihm gegenüber immer sehr freundlich war – dabei war es meine Erziehung.“ Als sie zum ersten Mal mit seiner Schwester Mingjian besuchte, war sie verliebt in diesem Ort, sagte sie. Er war ein guter Fremdenführer. „Ich sehe ihn so gerne hier. In Taipei bleibt er wegen mir und unserem Kind. Aber er ist hier sich selbst.“ Sie lächelte wieder und zeigte mir das alte Haus, wo sie ihre Hochzeit verbrachten. Ein typisches Formosa-Haus, wie das von meiner Großmutter auf dem Pamelo-Garten aus roten Backstein und roten Ziegel. Die Sonne schien.

Das alte Haus in Mingjian

Während wir in Mingjian unterwegs waren und beschäftigt hin und her rannten, sass sie geduldig im Wohnzimmer von Aming und wartete. „Langweilst Du Dich nicht?“ fragte ich mit einem schlechten Gewissen. „Nein, ich bin glücklich.“ das erzählte eine wartende Frau? Sie wartete, weil er das tat, was er gerne machte. Sie strahlte Ruhe und Zufriedenheit aus bei einem Tassen von Insekten befallenden Lishan 2007, der auf Holzkohle behandelt war. Ein Tee, eigentlich schwer zu verstehen ist. Süss, elegant aber holzig. Nach Karamel, nach Blüte, nach Kardamon und nach Waldholderbeeren (die leichte anfängliche Duftnote von Waldholder) oder nach Muskat. Zugänglich und abweisend zugleich. Wer will schon so eine komische Kombination probieren, wenn man einen richtigen Hochlandsoolong Lishan hat? Ich verstand ihn nicht wirklich, wollte unbedingt welchen mitnehmen. Weil ich dachte, dass ich auf ihn warten kann und ihn auch verstehen könnte. Vielleicht erst in paar Jahren.

Als Jörg aus Frankfurt kam, als Jürg und Carola zum Essen waren, als Romeo vor seiner Abreise mich besuchte, waren sie alle entzückt von dieser Kombination. Eigentlich habe ich nur für mich gekauft um auf ihn zu warten und für die Besucher aus der Ferne aufgegossen ohne ein Gedanke zu haben. Sie wollten unbedingt ein bisschen von ihm. Ein bisschen von meinem seltsamen Lehrer, der spielend in dieser Welt mit Tee durchquert. Oder ein bisschen von dieser liebvolle sonderbaren Kombination…

Nachtrag: dieser Tee hat vier „Extreme (Raritäten)“: die höchte Lage des Teeanbaus auf Formosa – 2600 M.ü.M.; von Fruchtfliege befallenen Blätter, die sonst aussortiert werden. Denn es erschwert die Herstellung, diese Art von Blätter zu verarbeiten; einen sonnigen Tag im Hochlandgebirge im Oktober 2007; Übers Holzkohle geröstet von einem von den „besten“ Tee-Önologen auf Formosa.

Teeschüler

Als sie mir schrieb, dass sie ein Teeschüler werden möchte, war ich richtig überrascht. Ich bin weder Lehrer noch Meister. Eigentlich bin ich nur ein einfacher Tee-Verkäufer. Ich schrieb Ihr, dass ich hier bin und ihr eigentlich nichts zeigen könnte. Als sie die Distanz zwischen Nordsee und Zürichsee überwand, war ich richtig beeindruckt. Der Nordwind trieb sie an diesen Platz zwischen den Bergen. Wozu?

Sie meinte, die Langsamkeit des Lebens im Tee entdeckt zu haben. Sie möchte, sich in die Langsamkeit zu vertiefen. Vielleicht gibt es wirklich einen geheimen Garten in uns, einen ruhenden Punkt, wo üppige Blumen durch unsere Pflege wachsen können und von dort aus die stets bewegende Welt betrachten zu können. Tee ist weder Oase noch Tresor, er ist nur aus Blätter von einer fremden Pflanzen, an welche wir glauben, uns ein Gefühl vom diesen verborgenen Ort wieder vermitteln zu können.

Das Pendeln zwischen Hamburg und Zürich tut sie wegen einem ganz tollen Mann. Das Lernen über Tee tut sie für sich selbst. Ich nickte und verstand es sehr wohl. Ihr schenkte ich einen Sijichun ein, dessen Duft uns beide sofort in die Welt der Alice verschlug. Einen leicht zugänglichen Tee, meinte ich. Dann ein Gangkou Cha 2002 – ein Tee, der schwieriger zu verstehen ist. Die Vielschichtigkeit dieses Tees erschrak sie nicht. Sie mochte ihn. Leicht salzig, leicht sauer und fruchtig. Das Süße am Abgang gibt einen vieles nachzudenken. Ihre Augen waren verschlossen und sie war bereits von der Welle des Tee übers Ozean getrieben. Palmen, Sonne und der Ruf des Meeres auf Formosa.

Was war denn mit meiner Suche? Über den Brief von Detlef kam ich zu Nojiri Sensei (Lehrer afu Japanisch). Es war nicht schwer. Ein Flug nach Brüssel hat den Anfang geebnet, nur das Ertragen von dem ständigen mühsamem Knien und von dem schonungslosen Tadeln des Senseis waren die eigentliche Herausforderung. Ich weiß eigentlich immer, wo ich die Sensei finden kann und weiß, dass ein Stück meines Gartens wieder sichtbar wird – durch sie.

Der Weg, zu meinem Lehrer, der mir die Sprache des Tee unterrichtet, war kurvenreicher. Ihn zu suchen passierte ich an vielen Höhlen von Scharlatanen vorbei. Die so genannten Meister, die mir die Freiheit wegnahmen, mich für welchen Weg selbst zu entscheiden. Die so genannten Weisen, die sich um Schüler werben und seinen Geschmack für den einzig wahren werben und autorisieren. Als es endlich so weit kam, bin ich ihm begegnet. Mir goss er eine Reihe Tees auf und fragte mich, was ich wahrnahm. Ich gab ihm meine Antwort und er schmiss den Löffel auf den Tisch: „Bei wem hast Du es gelernt?“ „Nein, nur Bücher gelesen.“ Dann nickte er seinen Kopf, „Gut, Du hast Sense, ich kann Dir es beibringen.“ Er wollte allerdings nicht, dass ich Leute aus Ausland zu ihm mitnehme, weil es ihn Komplikation schaffe. Ich hätte gerne bei ihm gelebt wie die frühere Zeit, einem Meister zu folgen und die Welt zu erforschen. Anfang letzer Woche trafen viele wunderbare Phönix Muster ein. Als unlösbare Fragen in mir aufstiegen, spürte ich, wie sehr ich seine Hand vermisste. Vor zwei Stunde erzählte ich ihm, wie sehr er mir doch fehlt. Er lachte auf der anderen Seite der Telefonleitung„ Du muss Dich doch endlich richtig entwickeln, meisterhaft zu werden!“ „Du muss mich in der Zukunft noch mehr tadeln.“ „ Wie könnte ich Dich denn nur tadeln?“ seufzte er.

Das Tadeln vom Lehrer wird im hiesigen kulturellen Kontext oft missverstanden – natürlich gibt es unterschiedliche Art von Tadeln, viele sind einfach nur aus Emotion, die eine andere erzeugt. Wer will schon getadelt werden und andere Menschen tadeln, von denen man dadurch eine negative Projektion bekommt? Ich spüre hinter dem Tadeln meiner Lehrer oft eine Art von wahrer Liebe, die eigentlich nur die Entwicklung des anderen wünscht. Ich schaffe so etwas nicht und bleibe lieber als Teeschüler und als ein einfacher Tee-Verkäufer. Wer will schon Verantwortung für einen fremden Menschen übernehmen, der besser weiß, was er will?

Die Zeit rann davon. Ihr gab ich paar Bücher. Eine Rückgabe war mir nicht wichtig. Auch ein Gangkou Cha sollte ihr begleiten auf den Weg zwischen Nordsee und Zürichsee.