Archiv für den Tag 09/05/2008

Wie muss ein Gyokuro schmecken?

Oft wird es beschwert, dass der japanische grüne Tee fischig und spinatartig schmeckt. Im meinen Seminar giesse ich gerne zwei Gyokuro auf, die Teilnehmer zeigen sollen, wie ich unter einen guten Gyokuro verstehe. Dann wurde ich mehrmals konfrontiert, dass „mein“ Gyokuro eigentlich nicht nach der gewöhnlichen Vorstellung des Gyokuro schmeckt, sondern das andere „schlechte“ Beispiel.

Ein Gyokuro, der nach dem Aufguss bald trüb wird, ist ein fehlerhaft hergestellter grüner Tee. Wenn das Erhitzen problemlos und ausreichend verläuft, darf er gar nicht trüb werden. Er wird trüb erst nach minutenlangen ziehen. Ein Gyokuro, der fischig schmeckt, ist zu stark gedünnt. Er schmeckt nur nach Dünnmittel, anstatt nach dem Teepflanzen!

Um diese Frage aufzuklären reiste ich in die Innenschweiz. Dort gab es Degustationen und Diskussionen, was ein Gyokuro sein sollte. Nach der intensiven Gyokuro-Auseinandersetzung konnte ich in dieser Nacht nicht schlafen und bekam sofort eine richtige Migräne… Ach, wie gesund ist der Tee? Wie gesund leben die Teataster? (Natürlich sollte man bei der Degustation den Tee nicht schlucken…)

Mehrere Proben von besten Beispiele wurden degustiert. Welche von konventionellen Anbau, welche von Nakai Organic Teegarten. Obwohl sie alle Gyokuro heissen, zeigten sie uns unterschiedliche Richtungen des Teeverständnis des Teemakers. Viele schmeckten eindeutig fischig und waren sofort trüb nach dem Aufguss. Einen grünen Tee, der einfach nach dem Frühlingsblatt schmeckt, war in meisten Tassen nicht zu finden. „Fisch-Assoziation“ war sehr präsent. Muss es sein? Nein. Ein guter Gyokuro schmeckt nach feinem Nori (gerösteter Algenblatt), aber nicht nach Fisch-Gestank. Ich verstehe den japanischen Tee nicht besonders gut. Mein Zugang kommt vom Oolong aus. Wenn alle Prozesse richtig passieren, ist der Aufguss klar und die Farbe leuchtet. Der Geschmack ist sauber und beflügelnd, anstatt schwer und undifferenziert. Es ist beim Kaffee so, ist beim Wein so und ist beim Gyokuro wohl ausnahmelos so.

Persönlich bin ich kein begeisterter BIO-TEEFAN. Bio-Siegel spielt bei mir keine Rolle, der Tee muss für sich stimmen. Oft erlebe ich, wenn ein so gennanter Bio-Tee in guter Hande produziert wird, könnte ein wirklich lebendiger und hervorragender sein, als ein Tee aus konventionellem Anbau. Die Tees aus Nakai Teegarten sind solche Exemplare. Das Süsse des Gyokuros, das elegante Frische des Frühlingsblatt und das erhebende Gefühl nach dem Genuss begeisterten Anwesenden Tee-Profis. Natürlich gefiel mir der Tenka-Ichi aus Bern besonders gut! Sanft, elegant, süss, salzig und ein nachhaltiges fesselndes Bleiben im Mund. Ein ausgezeichneter Mainstream-Gyokuro – ein Gyokuro, den jeder nie übersieht. Für mich war er ein wirkliches Meisterwerk in seiner Kategorie. Der Preis: 50g für 70 Sfr!

Wahrscheinlich existert überall das gleiche Problem: der Mainstream-Geschmack und der Geschmack eines individuellen Teemakers. Warum sollte man keinen Gyokuro produzieren, den jeder sofort erkennt und kauft? Warum will man einen Gyokuro produzieren, der anders und nur nach duftendem Frühlingsblatt süss und frisch schmeckt? Das ist wohl nicht nur ein individueller Stil, sondern eine Lebensentscheidung eines Handwerkers.