Archiv der Kategorie: Der Teeweg

Der Elitäre Tee – ein Geschenk

Meine Teeauswahl sei elitär, erzählte mir Romeo bei seinem letzten Besuch. Elitär sei mein Geschmack. Ich nickte meinen Kopf und verstand, dass der Begriff „elitär“ mit dem Preis gemeint sei anstatt mit der Qualität. Wenn der Preis meiner Teeauswahl „billiger“ wäre, wäre die Bezeichnung anders als elitär.

Warum ist meine Teeauswahl von gehobenem Preis? Was versteht man unter Preis und Leistung? Wie verstehe ich denn eigentlich von Tee und meiner Teeauswahl?

Tee ist für mich ein Kunstwerk und zugleich ein Geschenk, ein Geschenk von Kosmos – das was wir auf Chinesisch als Tao bezeichnen und im Christentum vielleicht als Gott. Ein Geschenk von Kosmos, das durch den Teebauer und Teemaker zum Vollendung gebracht wird und uns präsentiert werden kann. Ein Geschenk wie Tee, den man nicht mit menschlichem Willen und Kalkül planen kann. Er kommt aus einem Wink aus einer anderen Sphäre, jenseits von Logos und muss weiter gegeben werden – ähnlich wie beim Kunstwerk, das nicht nur bein Köpfe oder Wohnzimmer Künstlers bleibt. Ein Geschenk kann nur als Geschenk verstanden wird, wenn das Herz berührt wird. Ein Kunstwerk kann in meinen Augen als Kunstwerk verstanden werden, wenn es unseren Geist erfrischt, einen vergessenen Teil von uns wach ruft und das Herz berührt. In diesem Moment der Berührung spüren wir eine tiefe Dankbarkeit und Demut. Das erlebe ich immer wieder auch bei einem guten Tee, bei einem schönen Lied, einem Prosa oder bei einer Begegnung! Als ein gewöhnlicher Mensch besitze ich das gewöhnte Wahrnehmungsvermögen und einfache schöpferische Kraft, aber fühle mich stets gestärkt und dankbar, dass es andere Menschen existieren, die das Geschenk (Talent) von Kosmos erhalten. Ein Geschenk wäre kein Geschenk, wenn das „Logos“ eine Rolle spielt. Ein Geschenk wäre bedeutungslos, wenn es irgendwo blockiert und nicht mehr weiter gegeben werden kann.

Hermes erfand ein wunderbares Musikinstrument und verschenkte es an seinem Bruder Apollo weiter. Dadurch bekam Hermes Idee ein zweites Instrument zu kreieren. Die Moral dieser Geschichte wollte Homer uns mitteilen, dass eine Tür erst nach Schließen einer anderen geöffnet werden kann, und eine Erneuerung erst durch Geben und Aufgeben stattfinden kann. Wenn die Energie blockiert, fehlt die Inspiration. Keine Bewegung, nichts wird bewegt. Keine Motion, keine Emotion. Das ist das Gesetz der Liebe und des Lebensfluss. Eros manifestiert sich nicht durch Kalkül, sondern in Gestalt als Geschenk, das im Fluss fließt und jedem, der Geschenk erhielt, glücklich macht und durch diesee Fülle der Freude stets erneuert.

Das Aufgeben und weiter Geben des Geschenks ermöglicht einen bewegenden Energiefluss. Eine Blockade erzeugt ein Gefühl des Mangels. Dieses Gefühl führt zum Besitzergreifen und verursacht noch mehr Mangel. Fülle erzeugt das Gefühl der Fülle, Mangel ziehen Mangel an. So funktioniert anscheinend das kosmische Gesetz. Meine Großmutter war in Augen vielen Menschen die Verwalterin der Fülle. Das Haus und Ihr Schrank schwammen deswegen stets in Fülle. Als Mädchen sah ich Güter ins Haus getragen wurde und aus dem Haus weiter verschenkt wurden. Um Kinder richtig zu erziehen duften wir allerdings nur bei Festtagen und besonderen Angelegenheiten Äpfel essen – darum esse ich nicht gerne Äpfel. Das Haus mangelte nie an Geschenke. Jeden Morgen trug mein Vater persönlich ein Riesenfass voller Paochung, den unsere Gehilfin nach Anweisung meiner Großmutter zubereitete, an die Strasse, um die Durst des fremden Passanten zu trösten. Hilfe wird nie in diesem Haus abgelehnt und Geschenke bleiben nicht steckend. Geld ist eine Energie, die weiter fließen muss – auch wenn meine Großmutter eine Tyrannin war, waren ihre Wörter für uns auf dem Lebensweg sehr hilfsreich. Auch mein Vater hat ein Schatzkammer voller Geschenke, die er für sein Netzwerk vorbereitet – X.O., Zigarren und edele Whiskys, na ja für welchen Zwecke sollte es denn dienen! Seine Geschenke dienen um die ökonomische Sicherheit – ein Instrument des Kalküls. Darum kommen sie auch nicht auf dem Ahnenaltar des Hauses.

The song is to the singer, and comes back most to him,
The teaching is to the teacher, and comes back most to him,
The murder is to the murderer, and comes back most to him,
The theft is to the thief, and comes back most to him,
The love is to the lover, and comes back most to him,
The gift is to the giver, and comes back most to him–it cannot fail,
The oration is to the orator, the acting is to the actor and actress
not to the audience,
And no man understands any greatness or goodness but his own, or
the indication of his own.

Walt Whitman (1819-1892), „A Song of the Rolling Earth,“ Part 2

Hervorgehoben durch ML.

Die angekommenen Geschenke bringen meine Mutter heute noch zuerst auf dem Ahnenaltar. Die Ahnen bzw. der Gott sollte das Geschenk zuerst segnen und genießen. Ich als ein ungeduldiges Wesen halte nie an ihre Regel und teile die Köstlichkeit gleich mit den Göttern und entschuldige mich erst danach. Das Geschenk bleibt nicht nur linear zwischen zweit Menschen, sondern dem Kosmos einschließlich. Die Mystik gewinnt durch diesen Akt in diesem Geschenk-Kreis eine Bedeutung. Wir erkennen die unerschöpferliche Kraft des Eros, des Gottes an und bedanken uns dafür. Dadurch versprechen wir das Geschenk weiter zu geben, die Fülle zu verteilen. Der Kreis schließt nie ab und das Glück geht herum. In Chanoyu verbeugt sich der Gast, als er eine Schale vom Gastgeber überreicht erhält. Er verbeugt sich vor dem Kosmos als Dank, ein Dank für alle Wesen, die diese Schale ermöglichten – die Erde, Teebauer, der Flugzeug-Pilot, der Händler und der Gastgeber… Wer weiß was noch dabei war? Ein großer Kreis, eine Verbundenheit zwischen Menschen wird gesponnen und ins Bewusstsein wach gerufen. Darum schrieb Soshitsu Sen, dass die unmittelbare Dankbarkeit und Demut ein wichtiger Teil der Erfahrungen auf dem Teeweg seien (Soshitsu Sen 1998: 90).

Ein guter Tee in meinen Augen ist jener, der nicht für den Mainstream produziert wird. Um guten Umsatz zu erzielen, um den wirtschaftlichen Zweck zu dienen wird das Kalkül von Effizienz, Arbeitseinsatz und Rendite stets angewendet. Das Gesetz des Logos führt zu einer bestimmten Denk- und Produktionsweise, die wiederum bestimmte Erzeugnisse erntet. Wenn man mit diesem Ergebnis zufrieden ist, ist die Welt in Ordnung. Andererseits ermöglicht das Gesetz des Eros eine andere Denk- und Produktionsweise, die aus der unabhängigen Entscheidung jenseits des rationalen Kalküls entsteht, nur aus dem Herzen, was will man, was hält einer für richtig und was ist nun zu tun. Also jeder Mensch bekommt sein Verdienst für seinen persönlichen Einsatz.

Eine Inspiration aus dem göttlichen Wink, eine naiven bäuerliche Verbundenheit mit der Erde und paar verrückte Teehändler und Teebegeisterte, die dafür freiwillig bezahlen, nur um an das Geschenk zu verteilen und zu teilen, bilden diesen unerschöpflichen Kreis. Ja, diese Wahl an Tee könnte elitär sein, so lang der Kreis nur von wenigen verstanden wird, so klein bleiben könnte

Ein Geschenk ist keine Ware. Eine Ware ist mit Geld umzutauschen und wird konsumiert, verzehrt, blockiert. Ein teuerer Tee ist in diesem Akt des Geld-Tausch-Handel plötzlich nicht mehr ein Geschenk. Was nun?

Ich kann meine Gedanke nicht alles in einem Beitrag wiedergeben. Ich hoffe, meine Teefreunde seien geduldig und fanden es nicht blödsinnig – ihr habt leider keine Auswahl. Mein nächster Beitrag wird „Kula-Ring und der elitäre Tee“ sein.

Demut der Macht?

Lieber Herr Staufenbiel schrieb mir, dass er meinen Beitrag über Nojiri Sensei las und selbst eine Reflexion in seinem Blog veröffentlichte. Er möchte gerne wissen, ob ich dabei schlecht finde, dass er darüber schrieb.

Keineswegs. Warum sollte ich schlecht finden, wenn er eine andere Sichtweise hat, über die Schüler und Lehrer Beziehung? Ich danke für seinen Beitrag und dass er meine Wörter ernst nahm.

Ich habe ein anderes Verständnis von „Unterwürfig und Demut“ als Herr Staufenbiel und möchte mein Verständnis nicht als absolut gelten lassen. Stärke oder Schwäche hängen nicht von der Form des Verhaltens und der Demonstration eigener Kräfte ab, sondern von der Art, wie man mit Konflikte und eigenen Problemen umgeht. Der Stärkere ist der Gebende und der sich Zurücknehmende – in chinesischem verständnis.

Warum sollte man sich klein fühlen, nur weil der Lehrer einen vor anderen nieder macht? Warum ist mein Selbstewertgefühl von den Augen des Anderen abhängig? Warum bin ich plötzlich ein toller Schüler, nur weil der Lehrer mich nun lobt? Warum muss ich denn ein guter Schüler sein?Es ist absurd, das Selbstbild von anderen Menschen abhängig machen zu lassen. Von meinem Lehrer Michel und von Nojiri Sensei lernte ich zu sich selbst zu stehen und selbst zu werden, indem sie mich bloß stellten. Wenn ich weiß, wer ich wirklich bin, muss ich doch nicht mehr dari, kümmern, was „unterwürfig“ und Machtspiele sind. Es ist „selbstverständlich“ bzw. „normal“, dass wir stets von anderen Menschen unterstellt werden, aber wissen müssen, wer wir sind, oder? Was ist daran so schlimm? Warum sollte ich das Problem des anderen zu meinem machen? Diese Situationen haben mit der kulturellen Grenze nichst zu tun.

Das Ego kann man nicht töten. Das Ego ist in einer Abhängigkeitsbeziehung zu uns selbst. Wie könnte ich denn überhaupt das Ego töten, um mich selbst zu werden? Ego würde mein Leben nicht erschweren, sondern der Umgang mit dem Ego. Folge ich nun meinem Ego oder warte ich es einfach ab? Gute Dinge könnten manchmal schlecht werden, schlechte Dinge könnten zum Guten wenden. Je nach dem… was ist denn da so absolut?

Ich bin gerne Teeschüler, vielleicht weil ich feige bin. Teeschüler zu sein ist einfacher als andere Menschen zu unterweisen, denn ich das Leben des anderen nicht einmischen muss und die Projektion des Unterwiesenen nicht ertragen muss. Wer will denn schon mit Probleme des anderen auseinandersetzen, wenn man von Herzen diese Person nicht ernst nimmt und liebt? Liebe hat keine Form und ist manchmal schwer zu verstehen. Zu mindest erlebe ich es bei strengen Lehrern. Manchmal ist die Hilfe ein Schlag oder Beschimpfung – ganz anders als liebe Wörter und Küsse, je nach der Situation. Andererseits, wer will denn schon geschlagen werden? Das Ego sucht den widerstandslosen Weg. Vielleicht ist mein Verständnis sehr chinesisch geprägt und es ist mein Verständnis.

Der Tee-Tag im Lotus Garten am 6.7.08

Ein Teeseminar für Teeclub, eine Versammlung von Teeliebhaber und Teebegeisterten. Unter dieser Vorraussetzung wagte ich mir eine richtige Anforderung zu stellen, mit 9 unterschiedlichen Teesorten eröffnete ich die Stunde.
Mit Leichtigkeit und Experimentiergeist probierten die Teilnehmer durch. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Tee kamen immer mehr ins Licht. Auch die Verbindung zwischen Tee und Menschen kommen immer mehr zum Ausdruck.

J. ist ein charmanter lustiger Lehrer, der gerne flirtet (auf charmante nette Art) und Frage stellt. Als er mir von seinem Beruf erzählte, fragte ich ihn, ob er seinen Beruf tatsächlich auch schaffte. Er fragte mich, was für Tee ihm gut tun würde. Es sind peinliche Momente, in dem ich Preis geben muss, wie ich Menschen wahrnehme. Ich behalte diese Bilder eigentlich gerne nur für mich selbst. Jeder Mensch ist wie ein Buch. Leider könnten wir nur oft das Buch kurz durchblättern oder nur am Anfang oder am Ende einen Blick rein werfen. Manche Bücher faszinieren einen sofort, ohne aufschlagen zu müssen. Ich senkte meinen Blick, was sollte ich ihm denn sagen? Eine begeisterungsfähige scheinbar lustige unkonventionelle Person, die seine Empfindungen und Sensibilität nur für sich selbst behält. „Ich würde Dir vielleicht Tees empfehlen, der Dich erdet. Zum Beispiel der Da Hongpao oder Buddha Hand. Pu Er wäre auch sehr gut, falls er Dir schmeckt.“ Ich spürte ein Paar leuchtende nachdenkliche Augen und hörte Ca. sagen: „ Man wird geröntgt.“ Ach…Hätte ich doch nichts gesagt. Was ich von anderen Menschen wahrnehme, geht es eigentlich nur mir selbst etwas an.

Wer hätte es denn gerne, beobachtet zu werden? In den stetigen Wechselbeziehung zwischen Menschen werden ständig Bilder voneinander ausgetauscht und eingescannt. Darum ist es redudant zu glauben, etwas anders darstellen zu könnren und das Selbstbild polieren zu müssen. Man ist so wie man selbst ist, in Ordnung. Warum sollten wir denn besser sein, als wir selbst sind? Wer hätte denn das Recht über uns zu beurteilen? Das gleiche gilt auch beim Tee. Jeder Tee ist so wie er ist, einzigartig. Ich präsentiere gerne „Sonderlinge“ – meine Schwäche für das Sonderbare, schätzt allerdings einen „einfachen und guten“ Tee.

Ich habe keinen besonderen Röntgenblick und verfüge keine Geheimnisse. Es liegt wohl nur an die Einstellung und an dem Versuch, einen Raum für andere Menschen und sich selbst zu gewähren. Das Wahrnehmungsvermögen lernt man durch Praxis des Tees und Zens, indem man aus dem Zentrum (Ruhepunkt) des Körpers die Bewegungen betrachtet. Es ist unmöglich in der Bewegung, die Bewegungen zu betrachten. In einer Zeit, in der alles schneller sein sollte, ist die Betrachtungsweise aus diesem Ruhepunkt ein Luxus des Lebens geworden. Wenn man einen Raum für sich selbst schafft, könnte man sich von anderen Menschen „relativ“ gut abgrenzen, um eigene Identität zu bewahren. Wenn man einen Raum für andere Menschen gewähren könnte, ist man verbunden mit diesem Menschen und versteht, wie er sich fühlt. Zwischen den Innen- und Außen-Räumen könnte es durchlässig sein und zugleich für sich verschlossen – es ist eine innere Freiheit, verbunden mit anderen Menschen zu sein und trotzdem sich selbst treu bleiben.
J. kam in der Pause zu mir, dass er meinen Vorschlag sehr zum Herzen nahm. Ich war sehr erleichtert und bedankte mich für seine Offenheit. Da er früher gehen musste, packte ich ihm ein bisschen von Da Hongpao und hoffe, dass der Felsencharakter dieses Tees ihn inspirieren würde!
G. fragte mich, was für Tee sie gerne trinken würde. Ich schaute sie kurz an und warf meinen Blick an die andere Seite. Eine anmutige ernsthafte schöne Peron, die viele Dinge aufs Herzen nimmt und mit den Dinge mit einer Ernsthaftigkeit auseinandersetzt. Es könnte manchmal zu innerlich werden. „Hochlandsoolong mit Eleganz und Düfte würde Dir bestimmt gefallen, oder? Auch schöne duftende entspannende Blumentee, denke ich.“ Sie nickte. „Und C?“ In meinen Erinnerungen suchte ich Bilder von ihm. Es war im Januar. Seine Haut glänzte, das Gesicht war entspannt und er saß in sich geruht im Sofa. „Hast Du viel Stress? Du hast letztes Mal anders ausgesehen. Muss Du jetzt etwas an Deiner Arbeit verändern?“ fragte ich ihn. Er meinte, mit einer Neustrukturierung umgehen zu müssen. „Dann würde ich Da Hongpao empfehlen. Wie ein Felsen in einem Chaos zu sich selbst zu stehen.“ Wir lachten. Man sollte mich bitte in dieser Sache nicht zu ernst nehmen. Ich übernehme keinerlei Haftung! Lieber Apotheke oder Arzt fragen.
So ging das Seminar weiter. Diskussionen über Tee, die Welt und den Menschen „heizten“ die Herzen der anwesenden und ermöglichte einen einmaligen Tee-Tag!

Jürg

Ich bedanke mich nun für die tollen Fotos von unserem ganz ganz tollen Präsident Jürg, der intelligente Frage stellte – die ich oft nicht beantworten konnte, und die richtige Antwort auf meine Frage tippte!

Ml Japan Menglin lästerte gerade über die Kuhlaugen und Schlitzaugen.

Zwischen Leben und Tod

„Über siebzig Jahre habe ich gelebt, wie viel Ärger und Mühen! Ich heiße das Schwert willkommen, das alle Buddhas und Dharmas zerschlägt.“

Sen Rikyu vor seinem Tod. 13.02.1591

Ich kam heute zu spät und er wartete ungeduldig. Sein Gesicht im weiten sagte mir, dass es ihm nicht gut ging. Kurz vor Jemoli winkte ich ihm zu und er sagte mir, „Du bist spät.“ „Ja, es tut mir leid.“ „Was tut Dir leid?!“ „…“ „Wo warst Du, als ich Geburtstag hatte?“ „…“ „Wieso bist Du immer weg, wenn ich Geburtstag habe? Jeder weiß, wann ich Geburtstag habe, nur Du nicht.“ Mein Lehrer Michel gab nicht nach und schaute mir direkt ins Auge. „Ja, ich verpasse nächstes Mal nicht mehr.“ „Im Hier und Jetzt verpasst Du, Das Leben passiert neben Dir vorbei!“ Diese heftigen fordernden Sätze erlebte ich selten von ihm, obwohl er mich mit meiner Taten zu konfrontieren nie scheute. Er klagte über die Hitze, über das Ozon. Ich dachte, dass er schlecht drauf war. „Wie war denn beim Doktor?“ „Klaren Text sprach er mit mir. Ich lebe nicht mehr lang. Die Krankheit ist nicht aufzuhalten.“ erzählte er ruhig weiter. Das Tram 3 fuhr uns weiter zum Uetliberg. Dann lästerte er über die Mode vieler jungen Frau. Ja, der normale sterbliche Mann kehrte zurück. Ich schmunzelte

Im abgedunkelten Raum leistete ich ihm eine Gesellschaft bevor ich zum Kochen begann. Er wollte sprechen. Ich wartete und hörte zu. Er fing an, über seine Begegnung mit seinem Lehrer zu sprechen, der mittellos nach Paris kam und einfach im Pariser Metro stand. Er traf diesen Japaner, als er noch Rockstar war und verstand, dass diese Begegnung sich um Leben und Tod handelte. Er gab alles auf, seine Karriere, seinen Traum und seinen Lebensplan, nur seine Romanze nahm er auf dem Weg mit. Michel erzählte weiter über die Zeit kurz vor dem Tod seines Lehrers. Es war ein Chaos, wenn ein Lehrer starb, für andere Schüler und für sich selbst. Er holte mit Mühe mir ein Buch und schlug mir auf, was sein Lehrer schrieb. „For my disciple Michel, I hope you go for he mission to Switzerland.” “Weiß Du, Ich wollte nach seinem Tod wieder Musiker werden, ich wollte nie ein Lehrer sein. Ich wollte Abenteuer und mein Leben anders planen. Aber er hat mir diese Aufgabe gegeben und ich vertraue ihm einfach. Und nun bin ich krank und der Tod näherte.“ Plötzlich sagte er mir, „Weiß Du, was ist Ego aufgeben?“ Ich schüttelte meinen Kopf. „Vertrauen. Vertrauen in Deinen Lehrer, wenn Du einen hast. Vertrauen in das Kosmos, wenn Du richtig lebst, anstatt in Deiner Wirklichkeit.“ „Es ist sehr schwierig, alles zu akzeptieren, was passiert.“ „Es ist noch schwieriger sich dagegen zu wehren. Es ist einfach, zu vertrauen.“ „Vertrauen…“ Das geht um Leben und Tod! Das Leben findet außerhalb Deiner Wirklichkeit statt, während Du Dein Leben planst! Das Leben kann man nicht planen, nur leben. Es geht um Leben und Tod, Du muss Dich entscheiden, im Traum aufzuhalten oder zu leben, im Hier und Jetzt.“ Ich spürte Schmerzen und Ohnmacht. Muss das sein? Ist das seine letzte Unterweisung, die mein Leben begleiten sollte? Das Leben passierte, während ich in meiner Wirklichkeit um Kreis drehe.

Rikyu starb unter einem Befehl von Hideyoshi (der Shongun in dieser Zeit), nachdem er eine Schale Tee mit seinem vertrauten Schüler teilte. Seinen letzten Tee folgte der Tod. Er war entschlossen. Jede Zusammenkunft ist in diesem Sinne wahrhaftig einmalig. Vielleicht ist es das gleiche Motiv, weshalb Hideyoshi ein tragbares Teehaus bauen ließ, um mit ins Schlachtfeld zum Mitnehmen und trank kurz vor dem gefährlichsten Moment noch eine Schale Tee. Tee klärt den Geist so in den Momente, in den es um Leben und Tod geht.

„Das Schwert, das mir immer so nahe war- ich schleudere es gegen den Himmel!“

Ob wir im Leben immer in einer Klarheit leben, ist wohl diesem Moment nicht bedeutend. Aber in einer Klarheit zu sterben und das Urvertrauen in Gott oder in das Kosmos bringt uns zu ewigem Friedem. Vertrauensvoll übergab Rikyu sein Leben in die Hand des Kosmos. Angst und Furcht waren vergangen. Momente zwischen Leben und Tod könnten so angenehm und friedlich sein.

Michel fragte mich nach D., ob ich ihn neulich sah. Ich schüttelte meinen Kopf. „Warum gab er auf, weiter auf den Weg zu gehen?“ Ich wollte nicht für anderen Menschen für ihre Taten erklären. Aufrichtig zu meinem Lehrer sagte ich, „Deine Wörter waren für ihn zu streng.“ Sein Gesicht zog zusammen, der alte Mann stürzte im seinen Stuhl. „Bin ich zu streng? Warum hat er kein Vertrauen? Was hätte ich denn davon, ihn zu beleidigen? Es geht um ihn…“ Ich wünschte, dass mein guter Freund D. diese Szene sehen könnte, die Liebe seines Lehrers direkt erfahren könnte. Liebe hat keine Form. Er leidet, dass sein Schüler, mit dem er über 20 Jahre Zazen zusammen praktizierte, auf einmal aufhörte und er ihn nicht wach rütteln konnte. „Michel, das ist sein Leben.“ Ich weinte. Er schwieg. Er aß nicht mehr gerne. Er wurde immer hinfälliger. Seine Wörter wurden immer direkter. Er spürte wieder Stiche. Ich tröstete ihn, dass es sich alles wieder stabilisieren könnte. Er nickte und lächelte mir an. Er ist entschieden, einfach und vertrauensvoll zu leben und den Tod zu begegnen.

„Davon habe ich immer nur geträumt:

jenseits des mühevollen Lebens zu sein, in der letztendlichen Wirklichkeit.“

Letzte Zeile von Sen Rikyu auf den Deckel des Kästchens, das den Teebehälter seines Letzten Tees enthielt.

Der lässige Tee

Der lässige Tee

„In phenomena, what is true?“

„The very phenomena themselves are true.“

„Then how shoud it be revealed?“

The Master lifted the tea tray.

Der Sommer ist im Vormarsch. Eine Schale Tee im Garten zu verabreden, um Chabako (Picknic Tee) zu üben war eine Idee von Detlef. Was hätte man sonst gegen die Hitze dadraußen und hier im inneren unternehmen?

Der Chabako war fast im Vergessen geraten, nachdem wir ein Jahr lang nicht mehr übten. Die Atmosphäre im Garten lud gerade ein, sich zu entspannen, zu sprechen und zu träumen. Die Handlungen waren nicht im Fluss und die Begewegung gleichte die alltägliche. Ingrid lachte, „Was für einen lässigen Tee!“ Die Konzentration und das gewünschte innere Einkehr waren nur zu wünschen. Detlef sagte, „Konzentriere Dich, Menglin!“ Wie denn? Mich stechten nur Mücken und die Seerosen im Teich waren so schön. Im Gedanke stechte gerade mich ein böses Wesen. Mit dem Chachaku (der Bambusteelöffel) versuchte ich ihn tot zu schlagen. „Wo bist denn Du?“ „Mücken schlagen!“ Ingrid lachte. Was gäbe es denn Wichtigeres als selbst vor dem Mücken zu schützen, auch wenn ich eine Schade Tee gerade zubereitete? Ein lässiger Tee eben.

„Die Dinge sind an sich wahrhaftig. Es gäbe nichts zu verdeutlichen. Was könnte denn ein Mücken dafür, dass er Dich stecht? Ein Mücken muss eben stechen! Du hast aber Wahl, damit umzugehen!“

„Was hätte ich dagegen tun sollen, sich gegen ein Mücken zu wehren? Das Schicksal eines Mücken gehört eben totgeschlagen werden!“ 

Mein Teevater schüttelte seinen Kopf. „Wie haben wir denn alles auf solche exotische Gestalt projiziert. Ästhetisch und philosophisch. In Grund genommen sind sie nur pragmatisch.“

Um 6 Uhr trank ich meinen letzten Tee. Seeroesen versteckten sich, waren bereits verschlossen und alles schien verheimlicht zu sein. Ich hörte die Seerosen flüsterten. Ich seufzte. „Wann öffnen sie denn wieder?“ „Jeden Morgen.“ „Ich bin aber morgen nicht mehr da.“ „Was könnte die Seerose dafür?“

If my ilfe to end,                                 tama no o yo

let it be soon;                                     taenaba taene

For if I live on,                                    negaraeba

My heart may grow too weak               shinoburu koto no

To keep concealing my love.                 yowarimozo suru

Fujiwara Teika (1159-1241)

Teeschüler

Als sie mir schrieb, dass sie ein Teeschüler werden möchte, war ich richtig überrascht. Ich bin weder Lehrer noch Meister. Eigentlich bin ich nur ein einfacher Tee-Verkäufer. Ich schrieb Ihr, dass ich hier bin und ihr eigentlich nichts zeigen könnte. Als sie die Distanz zwischen Nordsee und Zürichsee überwand, war ich richtig beeindruckt. Der Nordwind trieb sie an diesen Platz zwischen den Bergen. Wozu?

Sie meinte, die Langsamkeit des Lebens im Tee entdeckt zu haben. Sie möchte, sich in die Langsamkeit zu vertiefen. Vielleicht gibt es wirklich einen geheimen Garten in uns, einen ruhenden Punkt, wo üppige Blumen durch unsere Pflege wachsen können und von dort aus die stets bewegende Welt betrachten zu können. Tee ist weder Oase noch Tresor, er ist nur aus Blätter von einer fremden Pflanzen, an welche wir glauben, uns ein Gefühl vom diesen verborgenen Ort wieder vermitteln zu können.

Das Pendeln zwischen Hamburg und Zürich tut sie wegen einem ganz tollen Mann. Das Lernen über Tee tut sie für sich selbst. Ich nickte und verstand es sehr wohl. Ihr schenkte ich einen Sijichun ein, dessen Duft uns beide sofort in die Welt der Alice verschlug. Einen leicht zugänglichen Tee, meinte ich. Dann ein Gangkou Cha 2002 – ein Tee, der schwieriger zu verstehen ist. Die Vielschichtigkeit dieses Tees erschrak sie nicht. Sie mochte ihn. Leicht salzig, leicht sauer und fruchtig. Das Süße am Abgang gibt einen vieles nachzudenken. Ihre Augen waren verschlossen und sie war bereits von der Welle des Tee übers Ozean getrieben. Palmen, Sonne und der Ruf des Meeres auf Formosa.

Was war denn mit meiner Suche? Über den Brief von Detlef kam ich zu Nojiri Sensei (Lehrer afu Japanisch). Es war nicht schwer. Ein Flug nach Brüssel hat den Anfang geebnet, nur das Ertragen von dem ständigen mühsamem Knien und von dem schonungslosen Tadeln des Senseis waren die eigentliche Herausforderung. Ich weiß eigentlich immer, wo ich die Sensei finden kann und weiß, dass ein Stück meines Gartens wieder sichtbar wird – durch sie.

Der Weg, zu meinem Lehrer, der mir die Sprache des Tee unterrichtet, war kurvenreicher. Ihn zu suchen passierte ich an vielen Höhlen von Scharlatanen vorbei. Die so genannten Meister, die mir die Freiheit wegnahmen, mich für welchen Weg selbst zu entscheiden. Die so genannten Weisen, die sich um Schüler werben und seinen Geschmack für den einzig wahren werben und autorisieren. Als es endlich so weit kam, bin ich ihm begegnet. Mir goss er eine Reihe Tees auf und fragte mich, was ich wahrnahm. Ich gab ihm meine Antwort und er schmiss den Löffel auf den Tisch: „Bei wem hast Du es gelernt?“ „Nein, nur Bücher gelesen.“ Dann nickte er seinen Kopf, „Gut, Du hast Sense, ich kann Dir es beibringen.“ Er wollte allerdings nicht, dass ich Leute aus Ausland zu ihm mitnehme, weil es ihn Komplikation schaffe. Ich hätte gerne bei ihm gelebt wie die frühere Zeit, einem Meister zu folgen und die Welt zu erforschen. Anfang letzer Woche trafen viele wunderbare Phönix Muster ein. Als unlösbare Fragen in mir aufstiegen, spürte ich, wie sehr ich seine Hand vermisste. Vor zwei Stunde erzählte ich ihm, wie sehr er mir doch fehlt. Er lachte auf der anderen Seite der Telefonleitung„ Du muss Dich doch endlich richtig entwickeln, meisterhaft zu werden!“ „Du muss mich in der Zukunft noch mehr tadeln.“ „ Wie könnte ich Dich denn nur tadeln?“ seufzte er.

Das Tadeln vom Lehrer wird im hiesigen kulturellen Kontext oft missverstanden – natürlich gibt es unterschiedliche Art von Tadeln, viele sind einfach nur aus Emotion, die eine andere erzeugt. Wer will schon getadelt werden und andere Menschen tadeln, von denen man dadurch eine negative Projektion bekommt? Ich spüre hinter dem Tadeln meiner Lehrer oft eine Art von wahrer Liebe, die eigentlich nur die Entwicklung des anderen wünscht. Ich schaffe so etwas nicht und bleibe lieber als Teeschüler und als ein einfacher Tee-Verkäufer. Wer will schon Verantwortung für einen fremden Menschen übernehmen, der besser weiß, was er will?

Die Zeit rann davon. Ihr gab ich paar Bücher. Eine Rückgabe war mir nicht wichtig. Auch ein Gangkou Cha sollte ihr begleiten auf den Weg zwischen Nordsee und Zürichsee.

So wach wie ein Frosch

Auf das Wiedersehen mit Nojiri Sensei war ich nicht besonders scharf. Bevor ich nach Nyon fuhr war ich nervös, unsicher und volles schlechten Gewissen. Mein spärliches und vernachlässiges Praxis wird mich verraten und was sollte ich ihr denn von meinem Verschwinden erklären?

Als wir uns zufällig zu zweit beim Eingang begegneten, fragte sie mich nur, „How are you?“ Ich sagte, fein. „Really?“ Sie beobachtete mich mit ihren starken Augen. Sie leidet inzwischen unter schlimmen Heuschnupfen.

Nojiri Sensei hat zwei besondere Begabungen.

1. Begabung: sie kann ihre Schüler sehr gut imitieren. Sie imitiert unsere schlechte Haltung oder nervöse Fehler und bringt allen zum lachen. Gestern morgen fragte sie uns, was eigentlich die richtige Haltung von Tee sei. Wie könnten wir denn das richtige Körpergefühl in uns wieder finden? Dann imitierte sie ein Frosch. Sensei (jap. Lehrer) behauptet die richtige Haltung des Tees ist die Haltung eines Frosches. Ein Frosch bewegt sich nicht, verliert sich nicht. Er sah wie verschlafen aus, schnappt jedes Insekten blitzschnell. Wach und unbeirrt sollte die Haltung des Teepraxis sein.

In jedem Morgen üben wir, wie wir zum eigenen Körper zurückkommen und wo ist der Punkt, der uns unbeweglich macht und der uns Souveränität vermittelt. Aus diesem Punkt sollten wir Tee für anderen Menschen zubereiten. Wenn der Gastgeber souverän ist, könnte er auf andere Menschen eingehen und eine Atmosphäre kreieren. Jedesmal wenn dieser Punkt wieder in mich zurückkommt, weiss ich den Grund, warum ich noch da bin und Tee praktiziere.

2. Begabung: diese zierliche unscheinbare Frau strahlt eine unbegrenzte und unendliche Präsenz, die sich durch ihre Stimme und starke Augen manifestiert. Ihr wacher Geist bringt die Komplizierten Schüler aus ihrem Konzept und lässt sie entblösen. Eigentlich ist es die beste Übung unter ihrer starken Präsenz, sich nicht von ihr aus der Ruhe zu bringen. Das ist leicht gesagt als getan.

Sie fragte mich am ersten Tag, was ich ihr gerne präsentieren wollte. Ursucha oder Koicha. O.K. Koicha im Ro (Erdofen – Winterstellung), das kann ich schon und mache es auch richtig gerne. Zu nervös werde ich wohl nicht. Sie hörte von Koicha und fragte, welche Zubreitungsart? Natürlich wollte ich die einfachste nummer und sie die komplizierste. Ich liess mich nicht beirren. Dann fing die Hölle los.

„Do you know, what you have to take now!!??“; „What do you do??!!“; „Where are you? You lost your center!! You should never lose your center!!! HMMM!!!“

„This is not Koicha! This is Ursucha!“ Sie sass nicht gerade neben mir, woher sollte sie denn wissen, ob mein Tee zu dünn war? „HOW DO YOU KNOW THAT?“ Alle lachten, weil ich ihr widersprach. „I see everything!“ Mein Koicha war tatsächlich zu dünn, aber woher sah sie es?

„I told you to do the complicated one, but you prefer the simple one!“ sie schaute mich mit ihren starken Augen. Sie vergass es nicht und hing es an die große Glocke. Am nächsten Tag musste ich natürlich den Befehl ausführen und ein harter Tag fing richtig an. Fast zu jeder Temae (Teezubreitung) wurde ich aufgerufen mitzuarbeiten. Als Strafe oder Privileg kann man es nicht so leicht definieren. Ich war am Abend richtig erledigt. Erledigt war auch mein Wünsch baldmöglichst wieder dabei zu sein.

Später kam Miya zu mir. Sensei habe gesagt, dass sie sich über meine Fortsetzung des Unterrichten erfreut habe.  Dies erzählte sie mir persönlich nicht. Das sollte ich von anderen indirekt erfahren und meinen eigenen Weg für mich selbst praktizieren, nicht für sie.

Nun komme ich mit einem strapazierten Körper in Zürich an und hatte noch zwei tolle Begegnungen mit zwei Klienten in Bern. Ein Klient sagte mir, dass er noch weitere 20 Stunde mit mir hätte reden wollen. Das war die Energie von Nojiri-Sensei und Tee. Mein Körper ist müde und hat Schmerzen, aber der Geist ist klar und zufrieden. Ich höre immer noch, wie sie „schrie“: „Your ears should be always over your shoulder!“

An ihre Seminars könnte man in Brüssel, München (St. Ottilien), Bern, Nyon oder Rom teilnehmen. Details könnte man unter diese Seite bei zuständigen Organisationen anfragen.

Auf den Weg nach Nyon

Wege sind Orten der Begegnung und Kreuzungen sind Anfang der Irrwege. Manche treffen sich aus verschiedenen Wege an der Kreuzung, mache eilen weiter in die eigene Richtungen, mache geraten deswegen in die Irrwege.

Wir sind erzogen auf den richtigen Weg zu gehen. Wir haben erst die Möglichkeit uns zu erlauben, sich zu irren, wenn wir zu einem fremden Ort aufbrechen – das Aufbrechen aus dem Gewöhnlichen. Unter den Fremden dürfen wir in die Irrwege verlaufen. Kinder geraten auch gerne in Irrwege. Denn Sie ihre Welt als das noch Unbekannte voller Fremdheit und Faszination wahrnehmen.

Ich war als Kind mindestens zwei Male vermisst, aber nicht auf den Irrweg. Es war Wege der Sehnsüchte. Es war Wege der Möglichkeiten, sich aus dem von Eltern bestimmten Realität zu befreien, in die Ungewissheit der Anziehungskraft. Das erste Mal, vermisst zu sein, war meine jüngste Tante schuld. Sie war zu jung und zu unerfahren. Plötzlich befand ich mich unter Fremden an einem Strassenrand. In der Erinnerung fragte ein älterer Herr mich nach meiner Adresse und meiner Eltern. Ich hatte keinen Grund zu weinen und sagte den auswendig gelernten Text. Er kannte diese Adresse. Er kaufte mir ein Eis. Während ich Eis ass, tauchte mein Großonkel auf, der mit Velo in der Rettungsaktion des Clans ganz nervös rund fuhr. Zum zweiten Mal war mein Großvater schuld. Er sollte mit mir kurz in den Tempel gehen und etwas holen. Er genoss in dieser Pause seine Zigerette, die er zu Hause nicht mehr sichtbar geniessen konnte. Er kaufte mir ein Ball und sass im Genuss am Ecke. Ich spielte den Ball, warf ihm weg und folgte ihn. Das gleiche wiederholte sich bis der Ball auf einmal in den Fluss verschwand. Ich weinte ganz laut. Die Erwachsenen versammelten sich und wollte mir helfen, nach Hause zu bringen. Ich schrie nur in die Richtung des Balls, aber sie verstand es nicht. Ich verriet meine Adresse nicht und schrie so lang, bis mein Vater mich fand. Er war verzweifelt. Er sagte, er habe mich sogar lokalisieren können wegen meinem unerträglichen Schrei.

Auf den Weg nach Nyon dachte ich immer wieder an meinen Irrweg im Erwachsensein.

Als ich 1999 den Einladungsbrief von einem brüsseler Teeseminar mit Nojiri-Sensei (jap. Lehrer) über Detlef zur Hand bekam, wußte ich noch gar nicht, worauf ich mich einliess. Eine Schale Tee verändert mein Leben – komplett. Den Weg der Veränderung machte man mir allerdings nicht einfach. Ich sah wie manche im Unterricht zum Weinen gebracht wurden, wie die Sensei mit immer lauteren Stimmung Handlungen korrigierte. Mich schickte sie in einem Nebenkammer und ich durfte nur das Erlaubte Stück für Stück lernen. Heute verstehe ich mit Dankbarkeit den Grund. Damals war es wie eine Schikane. Die Schikane erschrak mich nicht, weil ich einer fremden Anziehungskraft folgte. Ich wollte sie weiter folgen und machte meine Entscheidung nicht von anderen Menschen abhängig.

Außerdem warnte Detlef mir bereits an der Wegkreuzng. Klar und unbeirrend sagte er mir:

Deine Knieschmerzen ist Deine Schmerzen. Dein Zweifel ist Dein Problem. Dein Weg ist Deins.

Gestern abends konnte ich meine Beine kaum noch berühren. Es war wieder sehr hart. Mich hat die Sensei richtig genommen und richtig geknetet. Der innere Zweifel überkam mich, ich fragte mich, weshalb kam ich hier her. Auch inzwischen kenne ich den Zweifel gut, er kommt und geht. Die Wörter Detlef vergesse ich nicht. Meine Schmerzen ist meins. Es geht um mich, um meinen Weg und meine Sehnsüchte. Seine Wörter helfen den Unentschlossenen rechtzeitig auf den richtigen Weg zurückzukehren, während die Entschlossenen entillusioniert weiter gehen können.

Auf diesen Weg der Sehnsüchte treffe ich die Menschen, die mir den Weg nicht immer „erleichtern“. Jeder an dieser Wegkreuzung trägt seine eigene Geschichte und auch Belastung mit. Wir praktizieren zusammen den Teeweg und es entwickelt eine Verbundenheit, die weder aus Zuneigung noch Abneigung entsteht. Eine Freiheit, die erst anfängt, wenn man Menschen nicht mehr mögen „will“, nur so wie sie sind, akzeptiert. Sie sind einfach da, wenn ich meine Augen öffne.

Eine Begegnung mit Raku

Raku HausEingang von Raku Familie in Kyoto

Detlef war bitter enttaeuscht, dass ich seinen Auftrag eines Raku-Chawans vergass. Er sagte mir gleich im Telefon, dass ich nicht nach Bodman kommen musste. Teetreffen sagte er ab. Ich war zu tiefst betroffen und bat ihm mehrmals um Verzeihung. Ich will unbedingt wieder nach Bodman, nachdem ich realisiserte, wie privilegiert es ist, dort Tee zu ueben. Ein richtiges Ofen in der Erde, ein richtig nach Mass eingerichteter Teeraum und unzaehlige kostbare Teatoys machen den Tee in Bodman zum Privileg in Europa. Ich bat ihm so lang um Verzeihung bis er mir einen Termin nannte. Beim Vergebungstee bereitete er mir eine Schale Koicha mit der ersehnten Raku-Schale. Ich war uebergluecklich.

In Nyon-Seminar mit Nojiri Sensei wurde ein Film ueber Raku gezeigt – seine Herkunft und seine Essenz. Zum ersten Mal bin ich mit dieser einzigartigen Geschichte konfrontiert und weiss ehrlich gesagt nicht, wie ich diese Geschichte erzählen sollte.

Raku 15.GenerationDas Werk von Kichzaemon 15. Generation von Raku-Familie.

Diese Teeschale erinnert uns wohl nicht gleich an die herkoemmliche Teeschale, sondern an die moderne Kunst. Das Bild verraet uns die Zuneigung des Meister in der 15. Generation von Raku (Ofen des Freudes). Er studierte Skruptur an der Kunstakademie Tokyo und hatte lange Haare als ein Zwangzigjähriger.

Er sagte, dass das akademische Zertifikat keinen Artist macht und wollte sein Studium abbrechen. Er ging nach Rom und besuchte mich oft. Ich schimpfte ihn, dass er das fertigmachen sollte, was er angefangen hat. Sein Vater war sehr besorgt. Sein Sohn wollte mit der Tradition nichts zu tun haben.

Das erzeahlte uns Nojiri Sensei, die in Rom Kunstgeschichte studierte und dort als Teelehrin von der Urasenke blieb. Wie hat der junge Raku-Sohn sich doch fuer den Rueckkehr entschieden? Diese Wende hat der heute bereits älternde Mann im Film nicht bestont, er sagte lediglich, dass er unter den Fremden seine Wurzel wiederfand.

Er wollte nichts mit Tee anfangen und noch weniger mit Zen. Ich schimpfte ihn oft, dass ein Toepfer in seiner Klasse Tee machen muss, um richtige Teeschale zu kreieren. Irgendwann fing er in Rom an, sich fue Tee zu interessieren. Sogar fuer Zen. Er fragte mich, ob er mich zum Zazen begeliten durfte. Sein Vater war richtig erstaunt.

Wie wurde eigentlich ein Raku-Meister ausgebildet? Ist der Vater sehr streng in der Erziehung, um den Sohn zu unterrichten?

Der einzige Tag, wo Vater und Sohn gemeinsam schaffen, ist ritualisiert. Es ist und war immer zum Neujahr. Einmal im Jahr treffen Vater und Sohn zum Toepfern-Lernen. Er machte eine Schale und seine Soehne ihre. Der Vater unterrichtet im Rest der Jahreszeit dem Sohn nichts, wie er seine Teeschale kreiert und glasiert. Jede Generation muss ihren eigenen Weg finden, die Farbe ihres Lebens bestimmen. So sahen wir im Film, wie die Steinen im Bergen von Kyoto gemahlen wurde, um die Farbe fuer die schwarze Farbe der Raku-Schale zu gewinnen. Wir sahen, wie der Rakumeister seine Schale Farbe und Leben verleiht, waehrend seine Frau die Farbe ruehrt. Sie ruehrt seine Farbe und er gab seine Farbe an die Teeschale. Eine ausgesprochene und unbeschreibbare Ramantik strahlte in diese Sequenzen. Diese Arbeit wurde vor 400 Jahren so abgesprochen und bis heute ohne Ausnahme.

Er hielt eine rote Raku-Schale in der Hand. Er lachte und strahlte. Jede Teeschale muss in jeder Hand so harmonisch liegen, rund und kraftvoll. Er erzeahlte, dass es ihm am Herzen liegt, wie eine Schale seinen Herrn dient. „Diese Schale ist von einer unschaetzbaren Kraft. Eine Schale in der Hand kann Menschen beeinfluessen. Diese Schale hat mich veraendert.“ Er probierte ungefertige Teeschale, wie sie an dem Mund anschmeichelte, wie sie auf dem Tisch lag, wie sie in der Hand aussah. Seine Augen schauten durch die Teeschale durch und richteten sich an einem weiten Punkt… Stets an den Herrn der Schale zu denken ist das wichtigste. Nicht nur die Aesthetik, sondern das Praktische und das Emotionale zwischen den Haenden müssen beruecksichtigt werden.

Das erinnerte mich an dem Besuch vor einer Woche in Karlsruhe bei J. Wir schauten zusammen die Teeschale an, die er beauftragte. Wunderschoen und aesthetisch waren sie. Ich war beeindruckt von dem Ausdruck und Starke. Aber die Toefper machen keinen Tee und trinken wohl auch keinen Tee. Das manifestiert sich durch die Teeschale. Eine richtige Größeangabe macht eine Teeschale nicht zu Chawan, sondern die Seele des Machers. Das ist wohl das Geheimnis von Raku-Familie. Sie brennen die Schale mit ihrer Seele mit.

Wie ist nun der Sohn von der 15. Generation? Ist er gut gehütet vor der Globalisierung?

„Vor zwei Jahren sah er aus wie ein Punk.“

Sagte Nojiri Seinsei

Jede Generation muss seinen eigenen Weg finden. Die Tradition koennte eine Seele ersticken, koennte auch belebt werden, durch das Bewusstsein einer unabhaengigen Seele, die vielleicht auf den „Irrweg“ (vielleicht Wege der Sehnsuechte) war oder unter den Fremden lebte.

In diesem Film erfuhren wir, wie die Tradition insistiert wird und wie die Arbeit des Rakumeister von der 15. Generation gewuerdigt wird. Die Momente der Schwaeche, das Gefuehl von Burn-Out und der wahrscheinlichen Drang abzubrechen wurden nicht angesprochen. Ich denke aber, dass Schattenseite und Glanz gleichzeitig existieren. Dass die Arbeit des Rakus fortgesetzt wird, zeigt die Kraft des Vertrauens eines Menschen, einer Familie und eines kunsthandwerks.

Adresse von Raku Museum

Aburanokoji Nakadachiuri Agaru Kyoto Japan 602-0923 TEL. +81 (0)75- 414-0304

Ein Frühlingsnachmittag

Der Dienstag ist meistens für Michel reserviert. Mein kranker Lehrer, der früher im Rampenlicht stand und nun zurückgezogen lebt. Dieser Mann hat mich geprägt, mir gezeigt, dass man nicht anders kann, als sich selbst zu werden.

Meistens bekoche ich ihn und dann wenn er gut drauf ist, gehen wir noch spazieren. Es gibt Menschen, bei denen man ein Gefühl bekommt, von seinem Lebensgeist angesteckt zu sein. Beim Spazieren beobachte ich mich selbst, wie meine Wirbelsäule sich gerade richtet, Schritte leichter fallen und Atmungen ruhig werden. Man fühlt sich plötzlich als etwas Besonders neben ihm zu laufen. Er sagte oft zu mir, „Ach, ich bin ein alter Mann.“ „Nein, du bist immer noch derselbe. Immer noch so charmant.“ Seine Augen leuchteten und fragte mich prüfend „Warum?“ Ich lass sein Gedanke und lachte „Weil Du so ehrlich bist.“ Er war zufrieden mit meiner Ehrlichkeit. Oft kann ich ihn nicht besuchen. Wenn ich ihn wieder sehe, höre ich nie Vorwürfe. Eine Erklärung oder Entschuldigung wäre überflüssig. Er bleibt bei sich selbst und ist derselbe, von dem man Abschied nahm und der keine Zeit zwischen Menschen stehen lässt. Obwohl ich dachte, dass er so viele Schüler hat und viele Anrufe oder Kontakte erhielt, sagte er mir oft, dass er oft allein ist. Er fragt mich lediglich „Gehst Du wieder reisen?“ Weil es nie Vorwürfe kamen und nie eine leise Emotionalität zum Ausdruck kam, besuche ich ihn nur, wenn es so weit ist. Ich wollte diese Beziehung nicht zu einer Pflicht werden lassen, wie viele andere menschlichen Beziehungen. Mir nehme ich Zeit, wenn es so weit ist, für ihn.

Unter der Frühlingssonne gingen wir spazieren. Wir gingen zum Bachwiesen Zoo. Er bewundert gerne die Tiere und ich bewundere seinen kindlichen Geist. Sprechen oder nicht, spielt dabei nie eine Rolle. Von ihm lernte ich, dass das Zusammensein Ruhe und ohne Anforderung bedeutet. Ich erzählte ihn von meinem Selbstzweifel. Er sagte mir, dass Selbstzweifel uns das Leben lang begleiten würde. Wenn wir unser Ego keinen Platz geben, so dass er nie sichtbar werden kann, könnten wir unser Ego nie beobachten. Selbstzweifel ist das Ego, das den widerstandlosen Weg gehen will. Er meldet sich ständig zu Wort, wenn er sichtbar wird, aber wir müssen nicht auf ihn hören. Ihn sein lassen. Das Business sei nicht das Problem, ob es mich glücklich macht, sondern die Möglichkeit in welchem Geschäftsmodell, mir noch ermöglicht, Dinge zu pflegen, Kontakte zu mir zu schaffen. Das liegt an meiner eigenen Hand, nicht fremdbestimmt. Man kann nicht immer das machen, was man will. Ich kann nur Erfolg genießen, wenn ich Rücksicht auf andere Menschen nehmen. „Vergesse nicht, dass Du immer mit anderen in Verbindung bist. Egal wohin Du gehst, gehst Du mit einem gültigen Geist, auch wenn Menschen unterschiedlich sind. Du wird unabhängiger, wenn Du weder Zu- oder Abneigung pflegst.“ Er klagte immer wieder über seine Rückenschmerzen. Ich streichelte seinen Rücken und sagte ihm, dass sein Rücken gerade stand und er gut lief. Er schmunzelte und fragte, ob ich noch einen Kaffee trinken wollte. „Ja, nur wenn Du mich einlädst.“

Dann saßen wir draußen unter der Sonne. Er schlief sofort ein in der sonnigen Wärme neben einer von Tram befahrenen Strasse. Ich schloss ebenfalls meine Augen und genoss diese Ruhe und den verfrühten Frühling.