Teeschüler

Als sie mir schrieb, dass sie ein Teeschüler werden möchte, war ich richtig überrascht. Ich bin weder Lehrer noch Meister. Eigentlich bin ich nur ein einfacher Tee-Verkäufer. Ich schrieb Ihr, dass ich hier bin und ihr eigentlich nichts zeigen könnte. Als sie die Distanz zwischen Nordsee und Zürichsee überwand, war ich richtig beeindruckt. Der Nordwind trieb sie an diesen Platz zwischen den Bergen. Wozu?

Sie meinte, die Langsamkeit des Lebens im Tee entdeckt zu haben. Sie möchte, sich in die Langsamkeit zu vertiefen. Vielleicht gibt es wirklich einen geheimen Garten in uns, einen ruhenden Punkt, wo üppige Blumen durch unsere Pflege wachsen können und von dort aus die stets bewegende Welt betrachten zu können. Tee ist weder Oase noch Tresor, er ist nur aus Blätter von einer fremden Pflanzen, an welche wir glauben, uns ein Gefühl vom diesen verborgenen Ort wieder vermitteln zu können.

Das Pendeln zwischen Hamburg und Zürich tut sie wegen einem ganz tollen Mann. Das Lernen über Tee tut sie für sich selbst. Ich nickte und verstand es sehr wohl. Ihr schenkte ich einen Sijichun ein, dessen Duft uns beide sofort in die Welt der Alice verschlug. Einen leicht zugänglichen Tee, meinte ich. Dann ein Gangkou Cha 2002 – ein Tee, der schwieriger zu verstehen ist. Die Vielschichtigkeit dieses Tees erschrak sie nicht. Sie mochte ihn. Leicht salzig, leicht sauer und fruchtig. Das Süße am Abgang gibt einen vieles nachzudenken. Ihre Augen waren verschlossen und sie war bereits von der Welle des Tee übers Ozean getrieben. Palmen, Sonne und der Ruf des Meeres auf Formosa.

Was war denn mit meiner Suche? Über den Brief von Detlef kam ich zu Nojiri Sensei (Lehrer afu Japanisch). Es war nicht schwer. Ein Flug nach Brüssel hat den Anfang geebnet, nur das Ertragen von dem ständigen mühsamem Knien und von dem schonungslosen Tadeln des Senseis waren die eigentliche Herausforderung. Ich weiß eigentlich immer, wo ich die Sensei finden kann und weiß, dass ein Stück meines Gartens wieder sichtbar wird – durch sie.

Der Weg, zu meinem Lehrer, der mir die Sprache des Tee unterrichtet, war kurvenreicher. Ihn zu suchen passierte ich an vielen Höhlen von Scharlatanen vorbei. Die so genannten Meister, die mir die Freiheit wegnahmen, mich für welchen Weg selbst zu entscheiden. Die so genannten Weisen, die sich um Schüler werben und seinen Geschmack für den einzig wahren werben und autorisieren. Als es endlich so weit kam, bin ich ihm begegnet. Mir goss er eine Reihe Tees auf und fragte mich, was ich wahrnahm. Ich gab ihm meine Antwort und er schmiss den Löffel auf den Tisch: „Bei wem hast Du es gelernt?“ „Nein, nur Bücher gelesen.“ Dann nickte er seinen Kopf, „Gut, Du hast Sense, ich kann Dir es beibringen.“ Er wollte allerdings nicht, dass ich Leute aus Ausland zu ihm mitnehme, weil es ihn Komplikation schaffe. Ich hätte gerne bei ihm gelebt wie die frühere Zeit, einem Meister zu folgen und die Welt zu erforschen. Anfang letzer Woche trafen viele wunderbare Phönix Muster ein. Als unlösbare Fragen in mir aufstiegen, spürte ich, wie sehr ich seine Hand vermisste. Vor zwei Stunde erzählte ich ihm, wie sehr er mir doch fehlt. Er lachte auf der anderen Seite der Telefonleitung„ Du muss Dich doch endlich richtig entwickeln, meisterhaft zu werden!“ „Du muss mich in der Zukunft noch mehr tadeln.“ „ Wie könnte ich Dich denn nur tadeln?“ seufzte er.

Das Tadeln vom Lehrer wird im hiesigen kulturellen Kontext oft missverstanden – natürlich gibt es unterschiedliche Art von Tadeln, viele sind einfach nur aus Emotion, die eine andere erzeugt. Wer will schon getadelt werden und andere Menschen tadeln, von denen man dadurch eine negative Projektion bekommt? Ich spüre hinter dem Tadeln meiner Lehrer oft eine Art von wahrer Liebe, die eigentlich nur die Entwicklung des anderen wünscht. Ich schaffe so etwas nicht und bleibe lieber als Teeschüler und als ein einfacher Tee-Verkäufer. Wer will schon Verantwortung für einen fremden Menschen übernehmen, der besser weiß, was er will?

Die Zeit rann davon. Ihr gab ich paar Bücher. Eine Rückgabe war mir nicht wichtig. Auch ein Gangkou Cha sollte ihr begleiten auf den Weg zwischen Nordsee und Zürichsee.

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