Archiv der Kategorie: Der Teeweg

Fliegender Pflaumenbaum – Tobiume

Ich bekam ein wunderschönes Pflaumenblütestrauss von einem fliegenden Fahrer. Diese auf Blühen wartenden Pflaume wurde eingeflogen in einem Land, das Pflaume als Blumen des Februars nicht kennt. Ein Zufall vielleicht, dass wir gestern im Teeunterricht von den Pflaumen sprachen. Tobiume, ein fliegender Pflaumenbaum, der seinem Herrn folgte und nach Kyushu flog.

東風吹かば にほひおこせよ 梅の花 主なしとて 春を忘るな

Kochi Fuka ba / Nioi koyoseyo / Ume no Hana / Hariji nashi tote / Haruna Warure so.

Wenn der Wind aus dem Osten weht, dann schickte bitte Deinen Duft, meine liebe Pflaumeblüte, an Deinem Herrn (auch wenn Dein Herr nicht mehr bei Dir ist), vergesse nciht, dass es schon Frühling ist.

菅原道真 Sugawara Michizane (862-993)

Michizane war eine hervorragende Persönlichkeit in der japanischen Hean-Periode. Ein Gelehrter von einer historischen Bedeutung war allerdings ungeschickt in der Intrige und im Politisieren, so dass er nach Kyushu verbannt wurde und dort in der Einsamkeit starb. Nachdem er Kyoto verliess und in Kyushu lebte, schrieb er ein Gedicht an seinem Pflaumenbaum in Kyoto, wo er einst so liebte und für immer verlor. Dieser Pflaumenbaum sollte das Gedicht in dem Moment gehört haben und noch in der gleichen Nacht aus Kyoto nach Kyushu flog, um seinen Herrn für immer zu folgen. In Kyushu sollte heute dieser Baum noch in dem Tempel stehen, wo Michzane verehrt wird.

Michizane starb unglücklich und unerfüllt. Er sollte einen ganz bösen Dämon geworden sein, der der Kyotostadt und dem Kaiser keine Ruhe gönnte und terrotisierte. Er war so böse, dass andere unglückliche Seele, die ebenfalls in dieser traurigen Stadt herum geisterten auch Angst vor ihm hatte. Wenn Michizane seinen Gang durch Kyoto in der Nacht machte, vermieden andere Geistern seinen Weg, der Kaiser und Nachkommen seiner Feinde versteckten sich und er sang seine Wut in den grauen Himmel. Auch ein furchterlicher Dämon hat eine Seele, eine sentimentale und zugleich einsame. Es hieß, die beste Methode mit Michizane umzugehen war seine Gedichte zu rezitieren. Er sollte immer geweint und geseufzt haben, wenn er seine Gedichte von einem fremden Mund hörte. Er verschwand weinend im den dunklen Himmel, wenn das rezitierte Gedicht zu Ende gesungen wurde. Auch eine böse Seele will verstanden werden.

TianmangongDazaifu Tenmangu, Tempel für Michizane in Fukuoka Kyushu

Kyoto ist eine Stadt, die gelegt wurde wegen Intrigen, Epidemie und Furcht vor Geistern. Diese Stadt gebaut nach dem chinesischen Vorbild sollte grundlegend nach Fengshui-Prinzip geplant haben, um Ruhe vor den geisternden Seele zu bewahren. 1200 Jahren sind vergangen. Hass, Intrige und Gier schreiben die Geschichte Kyotos. Lebenden und Toten spazieren durch die gleichen Gassen, Reiche und Arme teilen die Kirschblüte, die jedes Jahr blühen. Die Zeit in Kyoto ist nicht durchlässig. Die Unesco verehrt diese Stadt, um die schönen eigentlich vergänglichen Gebäude zu bewahren, um Postkarten Motiven zu verewigen. Aber die wandernden Seele, die an diese Stadt hängen – ich bin eine von diesen, haften nicht an den Materialismus der Geschichte, sondern an das Leben und Erinnerung, die in den verwickelten Gassen gespeichert sind. Ich bleibe gerne bei ANA, wenn ich im jeden Frühling diese Stadt besuche. Ein westliches Bett und ein modernes Zimmer gefallen mir besser, als zwischen den Papiertüren zuzuhören, was die Nachbaren treiben. Neben ANA sind die unauffälligen traditionreichen Handwerker, Dessertladen, Tee- und Räucherwaren-Geschäfte. Ich habe mein Herz an diese Stadt verloren und kann nur durch das immer wiederholten Besuch, das Gefühl zu vergegenwärtigen, den andere Teil von mir wieder zu erkennen.

Aber was mache ich mit diesen eingelfogenen Pflaumeblüten? Es muss ein wirklicher Poet sein, diese Pflaumenblüte einfliegen zu lassen. Aber wo ist die Nachtigall, die diese Pflaumenblüte bewundert und nächtet?

Wenn der Kaiser ihn unbedingt will, muss ich meinen Pflaumenbaum entbehren,

Aber was soll ich der Nachtigall antworten, wenn sie nach dieser Pflaume fragt?

Der Kaiser sollte das Gedicht gehört haben, als der bescheidene machtlose Gärtner seinen Pflaumenbaum nachtrauerte. Seine Gefolgeschaft fand einen wunderschönen Pflaumenbaum in einem privaten Garten und vereinnahmte ihn. Darauf hin schrieb der trauernde Gärtner das Gedicht. Es wurde gesagt, dass er seine Pflaume wieder zurück bekam. Oshukubai, „die Pflaumen, wo die Nachtigall nächtet“ bekommt den Einzug in die japanische Geschichte.

Dinge erzählen Geschichte. Menschen pflegen die Dinge, um wieder den Zugang zu sich selbst und zu ihrer Gefühlswelt zu erhalten. Ohne die Dinge ist das Leben scheinbar ohne Halt und ohne Identität.

Im Februar, wenn Teeleute sich treffen, wird immer im Lauf des Tees ein Name bez. ein Motiv für das Treffen ausgetauscht. Tobi Ume (Fliegender Pflaumenbaum) und Oshukubai (die Pflaume, wo die Nachtigall nächstet) sind nach dem japanischen Formalismus die geeigneten Name für das Motiv eines Teetreffens.

Tee spricht für sich, aber wie?

Liebe Menglin, Was Tee betrifft bin ich eben immer noch sehr leichtgläubig. Ich bin eine Person die gerne von anderen lernt, nicht weil ich es mir einfach machen will und nix selbst bewegen will, sondern weil lernen mit anderen meiner Meinung den eigenen Horizont immens erweitert. Leider stelle ich immer wieder/mehr fest, dass das Lernen in der Teewelt eher eine persönliche Sache ist. Deine „Lehre“ von „Tee lügt nicht- er spricht für sich selbst“ ist etwas, dass ich noch mehr verinnerlichen muss/will. Gerade weil es in der Teewelt über Geschmackserleben geht kann man nicht einfach seine Eindrücke mit anderen teilen und wenn dann nur über umständliche oder oft schwer zu vermittelnde Beschreibungen. Immer wieder verfalle ich aber dem Glauben ich könnte mich einfach einem Teekenner anschließen und seine Vorstellung und Meinung übernehmen. Vielleicht weil es doch der einfachere nicht so anstrengende Weg ist. So geschehen als ich den „Tee-Almanach“ von Ernst Janssen las. Der Mann ist ein TeaTaster,  Teeladenbesitzer und seit Jahren in dem Bereich Tee tätig. Welche Gewichtung hat also sein Wort? Oder andersrum welche Bedeutung kommt meiner Kritik an seinem Kapitel über Puerh zu. Erst schreibt er, dass Puerh zu den echten Tees gehört um diesen kurz darauf als eigene Sorte zu deklarieren. Dann sind bei ihm Puerhs grundsätzlich immer mit Bakterien (geheime Zutat) (egal ob raw oder ripe) versetzt und werden in „kühlen Erdhöhlen“ in Yunnan gelagert. Die Unterscheidung zwischen Shuo und Sheng liegt bei Janssen dann nur in einem gröberen Blattmaterial. Was davon soll ich nun glauben?

 

Ich habe ihn um eine Stellungnahme gebeten woher er denn seine „Quellen“ hat, aber er hat auf meine Nachricht nicht reagiert. Irgendwie ist aber leider mein Obrigkeitsdenken noch soweit vorhanden, dass ich mich von seinem Titel (Teataster) und seiner langjährigen Erfahrung einschüchtern lasse.  Wenn ich den Tee für sich sprechen lasse, dann sagt er mir was völlig anderes. Der Unterschied zwischen Shuo und Sheng im Blattgrad zu suchen? ABSURD! Lagerung in „kühlen“ Höhlen???? Wieso das? Die natürliche Fermentation gelingt doch gerade bei hoher Luftfeuchtigkeit und Wärme viel besser.

Die Frage die sich mir im nächsten Schritt stellt: Wieso seh ich kleiner Hansele mit meiner wenigen Erfahrung, dass es der Blattgrad allein nicht sein kann, der einen Raw von einem Ripe Puerh unterscheidet. Der eine ist doch noch ganz grün!!!!!! Der andere bereits völlig fermentiert!!!!!! Das sieht und schmeckt doch auch ein Anfänger warum dann nicht ein Mann seines Kalibers?  

Dennoch ertappe ich mich immer wieder dass ich in diese Leichtgläubigkeit verfalle auch wenn es nicht mehr ganz so schlimm ist und ich mir langsam ein eigenes Bild von der Teewelt mache.

Gruß

Jörg

Deshalb ist es gut das Du uns lehrst vom Tee zu lernen.

Yünan TanzenPu Er Tee hilft nicht nur dem Teebauer, sondern auch dem ganzen Tourismus-Branchen. Es wird Musical veranstaltet mit „Traum, Yünen!“ 《梦·云南》. Die Stadt Simao heisst jetzt Pu Er. Und in dieser Seite wird rund um den Pu Er und seine unglaubliche Raritäten geworben.

Die Erfahrungen Jörgs hat fast jeder Teeliebhaber, egal ob er in Asien oder in Europa lebt. Mein „Teeweg“ führt auch über viele Kurven und tapperte und tappere immer noch im Dunklen. Was ich hier erzähle, ist oft nur meine „Einbildung“ von Geschmäcke und Nuancen. Aber wir brauchen einen Austausch Hier und Jetzt.

Das Glück, das ich hatte, meinen Lehrer in Taiwan zu begegnen, war mir stets bewußt. In unserer Kultur pflegen wir eine Art von Bewusstsein, Schlüsselfigur des Lebens zu erkennen. Menschen, die treten in unserem Leben wie gerufen, wenn wir sehnsüchtig nach einer Veränderung oder Weitergehen suchen. Dieser Figuren mit Dankbarkeit zu erwidern werden wir als Kind erzogen, und weiter entsprechend behilflich für anderen Menschen auf dem Weg zu begleiten. Die Energie weiter zu geben, anstatt bei sich anzuhäufen – ein Gegenprinzip gegen das kapitalistische. Dieser Lehrer lehrt mich vieles, aber das Einzige, was ich nie vergesse, ist, auf Tee zu hören. In dieser Haltung ist eine grosse Freiheit verborgen. Lehrer oder Gurus, die uns abhängig machen, die uns erziehen wollen, ihn als die einzige wahre Autorität anzuerkennen, sind überall zu sehen und intuitiv lehne ich es ab. Ich erkenne Autorität an, die überall existieren und gebraucht wird. Die Autorität ist das Problem, sondern die Art, wie wir damit umgehen. Ich höre gerne meinem Lehrern zu, die mir Fenster zum Kosmos eröffnen. Ich folge ihrem Regeln, aber ich darf mich selbst bleiben. Ich will nicht jemanden anders werden, als zu Ich selbst verwirklichen. Das ist der Sinn des Weges.

Ich kann auch nicht beurteilen, weshalb der Teataster Janssen nicht auf die Anfrage Jörgs eingehen. Was Pu Er betrifft, ist uns selber nicht ganz klar. Die Herstellungsmethode wurde revolutioniert und ist im Moment in einem industriellen Prozess, der alles noch unübersichtlich macht. Heute telefonierte ich mit einem guten Tee-Partner in der Innenschweiz, der mir von diesjährigen Probleme in Sache China Tees erzählte. Probleme, wie das Boom der privaten Wirtschaft, die Korruption am Zoll und das Problem mit der Vernachlässigkeit der Qualitätsansprüche. Alle sind hungerig nach Teeverkauf in China. Alle wollen selber Tee direkt aus China einkaufen. Aber wie viele Teehändler sind wirklich professionell? WIe viele Informationen sind zuverlässig? Ich will andere europäischen etablierten Autoriäten nicht angreifen. Neue Technik und neue Methode sollten die so genannten Shou-Cha (künstlich gereifter Tee) ermöglichen, wobei es meiner Meinung nach faule Ausrede ist. Manche preisen sogar mit Geheimrezepten. Es ist nicht meine Art, direkt etwas Negatives zu bestimmter Person zu äussern. Ich folge dem japanischen Spruch „faule Pflaumen fallen selbst vom Baum ab.“ Jeder kommt aufgrund des Karmischen Gesetzes (Ursache und Bedingung) zu seiner Wahrheit, die ihm befreit oder nicht.

Über die Lagerung Pu Ers höre ich unterschiedliche Meinungen. Manche Teehändler in Taiwan lagern ihre Pu Ers in klimatisierten Räumen, wie in einem Weinkeller. Manche gar nicht. Was mein Lehrer macht, ist seinen alten Oolong einfach im einen gut gelüftetem Raum zu lagern (er ist ein bekannter Pu Er Gegener). Der Teebauer Zhu in Manzhou lagert seinen Gankou Cha in Keramik-Gefäss, wo meine Grossmutter einst ihren Tofus fermentieren liess. In Europa ist es trocken und „kühl“. Wie wird ein Pu Er in Europa alt werden und wie sieht seine Veränderung HIER aus, ist eigentlich das, was mich noch mehr interessiert.

Und von diesem Standpunkt aus könnten wir noch mehr weitergehen, Informationen festzustellen, wie es sein könnten, wenn er in einem feuchten Klima gelagert war.

Wie findest Du es, Jörg?  

Dilemma eines jungen Teetrinkers

Einen jungen Teeliebhaber Bruno lernte ich vor paar Jahren kennen. Wir trafen uns unregelmässig und seit ich in Zürich lebe, finden wir manchmal auch Zeit zu einer Tasse Tee. Ich habe bereits seine Matura-Arbeit (Abitur) im Blog vorgestellt, dass er sich mit Lebensbilder von Teemenschen beschäftigte. Er, ein ruhiger zurückhaltender Schweizer, sass meistens ruhig am Tisch, hörte mir zu und trank seinen Tee. Als wir uns noch kurz vor Weihnachten trafen, erzählte er mir von der Umbruchszeit seines Lebens, wie viele Dinge anfängt, zu verändern. Teefreunde treffen sich zuerst oft wegen Tee. Mich interessiert eigentlich von Anfang an der Mensch, nicht der Tee. Beim Abschied umarmte ich ihn, während er fast „erschroken“ wurde und sich nicht bewegte. Später wollte er sich für seine Introvertiertheit entschuldigen und sagte mir, dass der Tee mit mir immer Freude bedeutet. In der Wirklichkeit war er mir nie fremd, auch wenn er glaubt, sich nicht zu zeigen.

Vor paar Tage schrieb er mir über seine Dilemma, ob das Teetrinken, das Teeverstehen und das Denken sich gleichzeitig miteinander vereinbaren können.

Hallo Menglin

Der Akt des Teetrinkens, einschliesslich der Vorbereitung, ist für mich ein Ritual, das mich für eine kurze Zeit aus dem Alltag befreit und mir etwas Ruhe gibt. Deshalb trinke ich Tee! Aber wie geschieht das? Ich bin zum Schluss gekommen, dass mir der Konsum von Tee hilft, vom Denken abzukommen und zum reinen Empfinden zu gelangen. Was ich damit meine, hat wohl unter anderem damit zu tun, dass der Vorgang immer derselbe ist. Ich hole eine Tasse, eine Kanne und etwas Tee, koche Wasser, wärme die Tasse/Kanne, tu den Tee hinein, rieche, giesse auf und trinke. Ich kenne den Geruch und den Geschmack meiner Tees bereits, ich erlebe (im Gegensatz zu andern Tee-Trinkern vielleicht) selten eine neue Geschmacksempfindung. Das Essentielle dabei ist, dass ich während dieses ganzen Vorgangs kaum etwas denke. Ich mache mir einen Tee und geniesse ihn. Ich denke dabei weder über Alltägliches, noch über den Tee selbst nach. Ich denke so gut wie gar nicht, sondern empfinde nur. Vielleicht sind hier Parallelen zur Teezeremonie zu finden, wobei ich keinesfalls einem streng vorgegebenen Muster folge, sondern frech meinen eigenen Weg gehe.

Jedenfalls entsteht hier das Dilemma, welches ich oben erwähnt habe: Ich kann den Tee nicht mit Worten beschreiben, ohne dabei diesen ruhigen Zustand, in dem ich mich beim täglichen Teegenuss befinde, zu verlassen! Beschreiben heisst vergleichen, nachdenken, erinnern, Worte finden und das geht nun mal nicht, wenn mein Kopf gerade eine Pause macht. Keinesfalls möchte ich die Basis meines Rituals verlieren, nur damit ich eines Tages in der Lage bin, einen schlechten Tee als solchen zu entlarven und einen guten für seine speziellen Eigenschaften zu loben. Andererseits sind es meiner Meinung nach genau solche Fähigkeiten, die einen seriösen Umgang mit dem Tee ausmachen. Natürlich möchte ich einen Schritt weiter gehen und vom reinen „Tee-Geniessen“ etwas mehr in Richtung „Tee-Verstehen“ rücken, doch frage ich mich, ob dann die Gedanken während meines persönlichen kleinen Rituals noch immer so herrlich vorbeiziehen.

Also Menglin, du bist an einem Punkt, wo du wohl schon viele solche Schritte gemacht hast. Sag mir mal, kannst du eine Tasse Tee überhaupt noch geniessen, ohne dass dein Kopf die Kontrolle übernimmt?

Liebe Grüsse und eine gute Zeit über Neujahr wünscht dir
Bruno

Anji BaichaWas geschieht denn alles hier?

Im Alltag merken wir meistens nicht, dass wir nicht bei uns selbst sind. Wir denken immer. Der Kopf dreht sich immer weiter. Wir sind meistens wo anders. Bei der Freundin, bei der Arbeit oder beim Angel vielleicht. Selten sind wir wirklich bei uns selbst. Bei Teetrinken haben wir eine Möglichkeit, endlich bei uns zu sein. Teezeremonie ist eine Hilfe, diesen Prozess zu beschleunigen und das Kopf-Denken eine Grenze zu setzen, obwohl wir ja auch dort nicht aufhören, zu denken. Wenn Du nun bereits geschaft hast, eine Denkpause beim Teetrinken zu haben, ist es richtig beneidenswert!

Was machst Du, wenn Du einen schönen Tee beschreibst? Denkst Du dabei es „richtig“ zu tun? Kannst Du tatsächlich durch das Denken, diesen Tee beschreiben? Ich erlebe es anders. Durch das Denken bin ich eher brockiert. Der Duft und der Geschmack des Tees wirken wie Inspiration. Sie sprechen durch mich anstatt ich will etwas über sie sprechen. Es gibt keine Trennung zwischen uns. Wir haben die gleichen Identität. Also ich lass mich begeistern, die Begeisterung bringt mich zu einem Punkt, etwas zu schreiben oder zu artikulieren. Manchmal vergesse ich es, aber es wird wieder wach gerufen durch einen „zufälligen“ Duft. Der Duft, der Tee ruft mich, nicht umgekehrt.  Wir könnten gar nicht durch Denken, uns von etwas begeistern zu lassen oder etwas zu beschreiben. Es geschieht ganz allein. Wir lassen uns begeistern, es geschehen und zusammen geniessen. Es ist für mich die Teekunst.

Den Geschmackssinn zu trainieren geschieht ohne den Kopf, sondern durch den Körper, der speichert, was er jemals zum Genuss bekommt.

Der Jahresrückblick-Tee

Die Hausmischung Bodman bezeichnet Detlef den Tee, den er die Reste von jeder Zusammenkunft zusammen wirft. Es beinhaltet einen Teil jeder Zusammenkunft und somit schlussendlich ein Rückblick des Jahres. Jahresrückblick-Tee ist die Hausmischung Bodman.

Wir trafen noch im 2. Advent zum Tee, als wir dachten, dass wir uns vor 2008 noch einmal zum Tee versammelten. Der Tag wurde sehr schnell dunkel. Als ich mit dem Koicha Tee beendete, war das Tageslicht bereits vorbei. Kalt, feucht und dunkel. Ich wurde aufgefordert, den poetischen Name des Teelöffels mitzuteilen in einem gewöhnten geregelten Frage- und Antwortwechsel der Koicha-Zeremonie. Ich sollte eigentlich wie erwartet einen intelligenten Zen-Spruch oder irgendeinen chinesischen poetischen Metapher angeben, was diesem Tee einen Rahmen verleihen würde. Ich zögerte. Ich spürte die Spannung. Ich zögerte noch paar Sekunden. „Das Warten auf dem Schnee.“ Schweigen herrschte unerwartet ein paar Sekunden. Die Gäste bedankten sich. Der Teeraum wurde wieder leer.

Schnee kam nicht und wir trafen uns 2007 auch nicht wieder. Ich wartete auf das Schnee, das trotz der Sehnsüchte nicht kam.

Vor einem Jahr beschloss ich endlich nach Zürich anzusiedeln. Die Vorbereitungszeit war über die Jahre, aber ich konnte den Zeitpunkt nicht richtig spüren. Ich konnte mich von meinem akademischen Karma nicht richtig befreien und der Erwartung meines Vaters nicht enttäuschen. Diesen Schritt bedeutete mir wie das Springen ins kalte Wasser. Aber in meinem Herz hegt ein Plan. Nach Zürich zu gehen, damit ein Herzensprojekt endlich vorangetrieben werden kann.

Ich habe einen Traum, ein Teehaus in Zürich zu öffnen. Ein Ort, wo der Tee und Menschen im Mittelpunkt steht, ein Ort, wo Kulturen sich berühren, ein Ort, wo Menschen sich begegnen. Ein Haus, wo authentische Teesorten in ihrer Originalität verkostet und kennen gelernt werden könnten, wo Teeliebhaber ihre Leidenschaft dem Tee widmen könnten und sich weiter bilden könnten, wo das Wissen und Freude an Tee ausgetauscht werden könnten!

Nach Zürich bin ich gekommen und aber nicht angekommen. Das Spiel mit der Bewilligung und der neue doch bekannte Prozess der Anpassung prägten meinen Alltag. Tiefere Ängste und Enttäuschungen brachten mich zur unsichtbaren Depression, die mir wiederum half, meinen eigenen Abgrund zu erfahren. Bitter, schmerzhaft jedoch heilsam. Als Menschen, die grenzüberschreitend leben müssen oder wollen, wird von einer Einsamkeit begleitet – das Gefühl an einem falschen Ort zu sein. Das Weiterziehen zu beenden ist leider noch nicht im Aussicht. Die Zerrissenheit und Inkohärenz der Selbstbilder könnte man nicht selbstverständlich mit anderen teilen. Wie ein Wanderer lebe ich auf der Erde, nur im Tee bin ich angekommen. Dort ist meine Heimat. Vielleicht ist es auch eine Heimat von vielen Unbekannten.

Vor der Verwirklichung dieses Projektes brauche ich sehr viel Mut. Mut, über meine eigene Grenze zu überschreiten; Mut, sich auf etwas Risikoreiches einzulassen; Mut, sich vor anderen Menschen zu stellen, prüfen zu lassen. Ich habe Angst.

Ich brauche sehr viele Unterstützungen, die mir jegliche Hinweise bedeuten, wo, wann und was sich eine geeignete Lokalität befindet. Ich freue mich über jegliche Meldung und HInweise!

Mit Ambivalenz und Entschlossenheit gehe ich langsam auf das Jahr 2008 zu. Die Energie sich gegen das Unbekannte zu wehren und sich zurück in das Gewöhnte fallen zu lassen kostet uns genau so viel wie die Energie unbeirrt auf dem eigenen, vielleicht steinigen Weg weiter zu schreiten. Ich wünsche allen Teefreunden und Blogfreunden zum 2008 viel Mut auf das Neue und viel Kraft für das Durchsetzen unserer Leidenschaft!

Es wäre schön, Euch irgendwann im Jahr 2008 in meinem Teehaus einzuladen, zum Tee, zum Klatsch oder zum Nichtstun.

Statt einem Weihnachtsgruss

Das Flugzeug fing plötzlich an zu wackeln und Dinge fielen aus dem heiteren Himmel auf dem Boden. Ängstvolle Aufruf und Geschrei machten noch mehr Angst und schreckliche Phantasie… Ich sass gerade in so einem Flugzeug und dachte auch an das kommende Ende des Lebens.

Das vergangene Leben war nun wie ein Film, der vor mir sekundenschnell abspielte. Dringend fragte ich mich, willst Du nun etwas aufschreiben? Muss Du Dich noch bei Jemanden entschuldigen? Ja! Die Liste ist leider zu lang. Hast Du noch etwas Unerledigtes? Ja. Aber es kann auch ohne mich gehen. Hast Du etwas verpasst? Nein. Ich kann jetzt ruhig sterben, aber würde auch gerne noch länger leben, wenn es möglich wäre. Was würdest Du machen, wenn Du noch 5 Minuten Zeit hast? Tee trinken! Was für einen Tee? Buddha Hand!

Nein, ich bin gut angekommen. Nur fühle ich mich wirklich krank. Weiter reisen muss ich leider noch zwei Tage. Aber noch weiter zu reisen kann ich wirklich nicht mehr. Meiner lieben Tante in Amerika sollte ohne mich den Weihnachtsbaum bewundern und den Koffer schöner Kleider anderen verschenken. Meine bescheidene Erscheinung ist in ihrem Auge ein Skandal, so dass sie mir im Herbst einen Koffer Kleider nach Taiwan brachte. Aber diese karierten Kleider und LV-Taschen konnte ich nie an die Uni tragen. Nun passen solche Dinge noch weniger zum Tee. Müde und erschöpft. Der Tag ging aber weiter.

Das einzige erfreuliche an dem Tag war, dass ich einen aussergewöhnlichen Weihnachtsgruss von einem unbekannten Teefreund vom hohen Norden erhielt.

Liebe Meng-Lin Chou,
möchte mich auf diesem Wege für Ihr interessantes Weblog bedanken, in dem ich immer wieder gerne herum stöbere.
Ich finde, Sie haben eine wunderbare Art, die Dinge des Lebens  – und dazu gehört Tee trinken eben auch in großem Maße – in einem anderen Licht
darzustellen. Ich habe jedenfalls durch Ihre Website schon viele gute Anregungen erhalten und viel gelernt!
Als kleines Dankeschön haben meine Tochter Jula und ich einen kleinen Weihnachtsgruß für Sie (Datei PDF im Anhang).
Wir wünschen Ihnen alles Gute – und wer weiß, vielleicht kreuzen sich ja unsere Wege irgendwann einmal …
Mit freundlichen Grüßen
B. B.
aus
Jork
Die Wege kreuzen sich bestimmt, wenn unser Geist sich jetzt darauf vorbereitet. Tee ist die unsichtbare Kraft, die Menschen zueinander zu führen, die zusammen gehören.
WeihnachtsgrussDas herzige Jula schickte uns einen wärmenden Weihnachtsgruss mit ihrer Familie!

Der Zauber des Anfangs

„Und plötzlich weißt Du:

Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen,

und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“

Eckhart von Hochheim,

bekannt als Meister Eckhart

(* um 1260, † vor 30. April 1328).

Adlerholz Räuchern

Für ein Kind aus einem einfachen Haus auf Formosa war Parfüm ein Sinnbild der Unerreichbarkeit der Exotik und Luxus. Wenn Vater seine Freunde aus dem vorderen Orient nach Hause einlud, füllte Wolken der Düfte unser Wohnzimmer. Gemäß der Tradition duften Kinder bei solchen Ereignisse gar nicht dabei sein. Aus Neugier und meiner Natur versteckte ich mich hinter den Vorhängen, beobachtete das Geschehen und bemerkte einmal die schönen tiefen dunklen Augen hinter dem Schleier, die mich gleichzeitig ebenfalls erblickten. Die Düfte der schönen Augen bezauberten Nächtelang meine Träume und verbanden mich mit einer anderen Welt.

Ich liebe Düfte, vor allem Adlerholz 沈香. Diese Verbindung verstärkt sich durch Tee. Die Düfte des Tees und die Verwandlung seiner feinen flüchtigen Nuance bereichern mein Leben und bezwingen mich vor der Vollkommenheit der Schöpfung zu knien. Um die Düfte des Tees besser zu verifizieren und die Botschafter dieser Düfte, die uns von der Herstellung und Entstehung des Tees erzählen, richtig zu entziffern, schärfe ich meine Sinne mit dem Duft. Weniger fasziniert von Düften der Blüten oder Fürchten, sondern von Harz. Der Genuss mit dem Schmecken von Harz ist bedingt von einer mühsamen aufwendigen Vorbereitung. Richtiges Asche, richtige Kohle und der richtige Temperatur – wie eine Vorbereitung auf eine Reise. Eine Reise, die möglicherweise begleitet wird oder auch nicht.
Jemanden zu sich einzuladen ist für mich wie auf eine Reise zu gehen, die vorbereitet werden muss. Oft räuchere ich die Räume, während ich auf die Gäste warte. Das Warten auf eine gemeinsame Reise. Das Treffen fängt nicht erst ab dem Hände schütteln oder Küsschen geben an, sondern viel früher, früher als wir es wissen.

Heute trat Anja mit mir gemeinsam auf eine Reise des Duftes an. Eine liebliche Person mit schönen klaren Augen, die voller Lebensbejahung leuchten. Sie lernte ich durch das Teeseminar vor zwei Wochen kennen. Sie war wie ein unbeschriebenes Blatt, das im Kurs nur aufschrieb und alles auf einmal merkte und wissen wollte. Sie kam auf dem Tee zu, vorbehaltlos und entschlossen, als ob sie lebenslang wusste, dass sie es wollte. Mit der gleichen Entschlossenheit wollte sie unbedingt Adlerholz haben, obwohl sie vorher nie von Adlerholz erfuhr und roch. „Ich weiß, dass ich es nicht zum ersten Mal rieche und mache.“ Ich weiß, dass wir uns nicht erst seit zwei Wochen kennen. Ich wollte für sie etwas besonders räuchern –  für dieses auf sich wartende Moment. Wir packten meine Schachtel zusammen aus, als ob wir ein Schwesterpaar wären. „Neriko am 25.11.2005, Düfte von Benzoe, Nelken, Kampfer und Adlerholz“. An jener Nacht im November 2005 wurde diese Begegnung bereits vorbereitet, obwohl wir an jener Zeit in dieser Welt noch als Fremde aneinander vorbei liefen.

Der Rauchwolke stieg, der Duft strömte. Wir lächelten uns an und verabredeten uns von einem Neriko-Kneten Tag.
Sie packte das Räucherofen, das Adlerholz und das Werkzeug zusammen. Sie erzählte mir, dass sie ab dem ersten Augenblick bereits wusste, dass sie es schon lange lange machen wollte. Ich nickte meinen Kopf und dachte an meine Begegnung mit Nojiri Sensei in Brüssel. Ein neuer verzauberter Anfang voller Ungewissheit und Ambivalenz. Trete ich auf diese Reise an oder lass ich es sein?

Der Rauch kreiste noch im Raum, der Duft kündigt seinen Zauber an. Ich wurde wieder allein. Auf dem Stuhl lag ihre vergessene Tasche von Asche. Mein Blick suchte nach Handy… Aber, Moment Mal… Der Duft wird sie schon rufen.

Der Mond, das Glück und der Tee

Der Mond, das Glück und der Tee

Der Tag hat zuerst chaotisch angefangen. Ich wusste, dass ich um 2.47 in Radolfzell sein musste, damit Mein Teevater mich abholen konnte und er sich nicht auf einen Zwischenfall einlassen möchte. Blitzschnell packte ich meine Sache undd musste an alles denken, was man als ein Teemensch nicht vergisst: orbigatorische saubere weisse Socken, Fukusa, kaishi, Fächer und den Kopf. Blitzschnell packte ich noch alles, was ich glaubte innerhalb einer Stunde in Konstanz erledigen zu können. Blitzschnell verliess ich die Haustür und war bereits im Zug auf dem Weg nach Konstanz. Der Zug hielt im Flughafen und ich atmete ganz tief aus, plötzlich: „Der Pass, mein Pass!“ Der Pass war irgendwo zu finden. Bevor der Zugtür wieder verschloss, sprang ich aus dem Zug. Fast weinend rief ich meine werte Schwester Antje an, „ich habe meinen Pass vergessen… ich komme zu spät… ich bin so blöd.“ Sie versuchte mich zu beruhigen und verprach mir, mich in Singen abzuholen, nachdem mein Pass meine Identität und meine Gültigkeit bei der Grenze wieder garantieren konnte. Ich ging wieder nach Zürich und fuhr mit dem Tram zu meiner Wohnung. Dann noch einmal mit dem Tram nach Zürich und fuhr mit dem Zug nach Singen.

Als ich in Bodman ankam, war bereits warm im Haus. Hell, unbekümmert und ruhig. Eine Ruhe, als ob die Zeit stehen bleiben würde. Im Teeraum wartet auf der Tokonoma bereits das Fächer von Urasenke: „Trotz der räumlichen Entfernung sind wir eine harmonische grossen Familie.“ Die Holzkohle-Temae sollte als erste geübt werden, dann Koicha und Usucha. Ich bereitete mich vor. Trotz der Hetik und Ärger des Vormittags möchte ich JETZT HIER sein.

Die Holzkohle aufeinander einrichten, die Neriko (Duftmischung aus Honig, Harz, Kohlepulver und Holz) kneten. Begrüssen, Verbeugen, Schritt für Schritt in den Teeraum eintreten, Knien… Der Körper übernam die Regie und die Hände bewegten sich nach dem natürlichen Ablauf. Als das Kama (Wasserkessel) summte, der Duft im Raum verströmte, floss ein Strom durch meinen Wirbelsäule. Jedes Zell schrie vor Freude. Ein glückliches Moment, das man nie missen würde und mit jedem teilen möchte! Das Glücklichsein ist so einfach, niemand kann es wegnehmen und kann nur geteilt werden.

Ohne es auszusprechen teilten wir zu Dritt eine Schale Tee. Ohne es auszusprechen teilten wir das Glück in seiner einfachsten und reinsten Form. Wo muss ich noch hin? Ich bin bereits angekommen. Dieses Praxis führt mich zu mir selbst - in einer Einheit mit der Welt. Nichts trennte mich vom Anderen. Die Zeit und der Raum verschwanden. Die Ewigkeit herrschte. Ich sass wie ein Stein und fühle mich wie Ryokan – nein, als ob Ryokan neben mir gesessen hätte.

le voleur                                   Der Dieb ließ ihn zurück

a tout pris sauf                                  den Mond

la lune a la fenetre                          Im Fenster

Ein Haiku von Ryokan, 1758-1831, japanischer Dichter und Mönch

Ryokan verlor sein letzes Hab und Gut, nachdem ein Dieb ihn heimsuchte. Nur der Mond am kaputten Papierfenster wurde sein einziger Begleiter, den der Dieb ihm zurückliess. Ryokan sass und seufzte vor dem Fenster: hat der Dieb es vergessen, den wunderschönen Mond mitzunehmen? Oder war der Mond das wahre Glück, was der Dieb von ihm nicht mitnehmen konnte?

Der Mond und das Glück, der Mensch und sein Gegenüber, ein Koan oder ein Myterium? Eine Aufgabe.

Ich bin sehr glücklich, jetzt immer noch.

Tee und Kindererziehung

Liebe Menglin,

Ich hatte heute einen interessanten Gedanken beim Teetrinken. Wir haben ja im Kurs sehr viele Proben kosten dürfen. Darunter auch einige, die nicht besonders gut geschmeckt haben. Dieser Geschmackseindruck hatte sich eigentlich auch schon optisch vorausgekündigt. Die zwei Teesorten, die ich mitgebracht hatte, brauchtest du z.B. noch nicht einmal aufzubrühen. Allein schon das Aussehen der Blätter hat gereicht um zu wissen, ob sie die Behandlung erfahren haben um etwas Besonderes zu werden und um dem Teeliebhaber Freude zu bereiten.

Was mich auch fasziniert ist die Tatsache, dass im Prinzip von ein und demselben Teebaum, Tee von ganz unterschiedlicher Güte gewonnen werden kann. Das erinnert mich irgendwie an Menschen. Wenn man mal von den genetischen Unterschieden absieht, verhält es sich doch sehr ähnlich. Die Art und Weise wie man ein Kind von klein auf behandelt, ob man ihm Liebe schenkt und sinnvoll fördert, auf seine speziellen Bedürfnisse eingeht, erkennt welches Potenzial in ihm steckt also die richtigen Bedingungen schafft, damit etwas Besonderes entstehen kann sind für seine Entwicklung unverkennbare Faktoren. Schau dir doch die Menschen ringsherum an. Manchen ist ihr Unglück doch förmlich ins Gesicht geschrieben. Man sieht fast (ohne sie zu schmecken, ohne mit ihnen zu sprechen) an ihrem Aussehen, in welcher seelischer Verfassung sie sich befinden und welche grausame Behandlung sie erfahren haben. Wie beim Tee eben. Natürlich braucht es schon etwas an Sensibilität und Erfahrung um so fein sehen (schmecken) zu können. Könnte uns der Tee vielleicht dabei helfen so feine und sensible Menschen zu werden? Acht zu geben, wie wir mit allem was uns umgibt umgehen? Ich denke viele Probleme der heutigen Gesellschaft wären einfach behoben, wenn doch die Menschen die Behandlung erfahren würden, die sie brauchten, damit sie sich so entwickeln könnten, wie ein ganz besonderer Tee eben. Nicht nur äußerlich, sondern in allen Belangen, die einen Menschen erst zum Menschen machen. Zu „Besseren Menschen“ halt.

Naja genug philosophiert für heute 🙂

Viele Grüsse
Cenk

Lieber Cenk, das Praxis des Tees vermittelt uns eben diese Fähigkeiten zu entwickeln Grenze zu überschreiten: sehen ohne zu sehen; hören ohne zu hören; denken ohne zu denken. Wir werden alle frei von der Einschränkung der fassbaren Sinne und nehmen Dinge wahr, was vordergründlich nicht fassbar und messbar erscheint.

In der chinesischen Kultur existiert ein Ideal, anstatt Jemanden zu werden, sich selbst zu werden. „Tian Sheng wo cai bi you yong.“ – jeder Mensch hat nach seinem Geburt einen Platz in diesem Kosmos. Wenn jedes Kind nicht zu irgendjemanden erzwungen werden muss, wird unsere Welt friedlicher. Ich hasste solche Frage, wenn ich als Kind gefragt wurde, „Menglin, was willst Du werden?“ Ich antwortete immer „Die Präsidentin!“ Diese Antwort aus dem Mund eines Mädchens schockte oft Erwachsene – das wollte ich wohl auch. Nun antwortete ich auf die Frage, wenn eine Frau/Mann mich fragt, „Menglin, willst Du nicht ein Kind?“ „Ich bin unfruchtbar.“

Du hättest keinen Informatiker werden sollen, sondern ein Philosoph, der allerdings viel weniger verdient. Also bleib so wie Du bist.

Gute Nacht!

Menglin

Tee-Freunde aus der Ferne

Über das Blog lerne ich viele Teefreunde aus ganzen Mitteleuropa kenne. Über das Email und die Liebe zum Tee wird eine Art der Freundschaft gepflegt. So wie die meisten visuelle Freundschaft, die von Meg Ryan und T. Hanks bereits präsentierten, handelt sich immer entweder um das Sachliche oder um das Nebensächliche. Das Persönliche wird stets vermieden. Wobei das Persönliche etwas für mich wie die politische Meinungen bedeutet, während es für meine Teefreunde etwas wie Zivilstand, Steuerklasse und Gemütsschwankungen bedeuten. Email-Freundschaft ist eine seltene Kombination von Austausch einer verborgenen Leidenschaft und wahrer Anonymität.

Zu einem Teeseminar treffen sich endlich die vertrauten jedoch unbekannten Teefreunde! Wie sieht er/sie denn eigentlich aus? Ist er/sie auch so charmant wie sein/ihr Email? Endlich teilen wir ein Schale Tee in einer Intensivität, die uns unvergesslich macht und in der Erinnerung verewigt.

Wenn diese Teefreunde womöglich noch bei Dir übernachten und alle Deine Schatzkammer auspacken, nicht nur rein schnuppern und jedenfalls probieren wollten, fing diese Freundschaft etwas zu werden – fast wie eine Art von Bruderschaft! Als der Gastgeber sagte ich nicht Nein zu dem freundlichen Versuch des Teefreunds Jörg und Cenk, der die Entfernung von 600 KM überwindeten und nach Zürich kamen. Natürlich wollte ich sie nicht enttäuschen und noch weniger sie leer ausgehen lassen.

Als wir nach dem Gongfu Cha Kurs nach Hause gingen und einen Tee miteinander tranken, war es schon 21 Uhr. Wir probierten zuerst die von Jörg mitgebrachten Teesorten, wir degustierten und verglichen den Teesorten. Dann kam mein Schatzkammer dran. Der rare Phönix Mi Lan Xiang, der unsterbliche Alishan Jahrgang 1984, der Buddha Hand 2005! Tee bezauberte die Atmosphäre, weckte wohl allerdings auch Wünsche…Es war bereits kurz vor 12 Uhr Mitte Nacht.

Jörg erkannte im Gongfu Cha Kurs die Vorteile einer Porzellan-Kanne. Nun wollte er eine Kanne Set. Cenk hat „nur“ Ton-Kanne und auch er möchte ein Kanne-Set. Wir schauten die Teekanne an, die ich gelagert habe. Eine nach der anderen… Jörg fand seinen Liebling ziemlich schnell, während Cenk auf der Such nach der Richtigen war. „Hast Du nicht etwas Besonders?“ „Ach, sicher!“ Ich denke plötzlich an einem Freund Martin H., der immer zu mir kam, nach Besonderheit suchte, die extra unverkäuflichen Exemplare bei mir aussuchte und mich stundenlang zum Verkauf überredete. Der charmante Martin schaffte immer wieder unkäufliche Teeschale und Kanne von mir zu trennen.

Cenk schaute unterschiedliche kunstvoll gestaltete Objekte an. Solche Objekte habe ich nicht viele vorrätig. Oft stehen sie monatelang in meinem Schrank und finden keinen Verehrer – was mich überhaupt nicht stört. Viele von Ihnen sind unverkäuflich, weil sie für mich etwas bedeuten. Zum Schenken vielleicht, zum Verkaufen nicht. Ab und zu werden die schönen Teekannen von mir zu einem offiziellen Anlass auch verwendet. Solche schöne Teekanne wurden von Cenk entdeckt: „Ach, Menglin, das hast Du auch schon beschmutzt.“ grinste er. Er wollte Preis drücken, dachte ich, „das muss Du nicht kaufen.“ grinste ich zurück. Stundelang ging die Kanne-Schau. Cenk fand keinen Entschluss. Er musste erstmal darüber schlafen. Als Antje und ich ins Bett fielen, war es schon kurz nach 1 Uhr!

Am nächsten Tag erzählten Jörg und Cenk anderen Teefreunden, dass sie lieber ins Hotel gingen als bei Menglin zu übernachten. Denn man dort zwangsläufig viel Geld lässt. Hoffentlich freiwillig!

 

 

Teeset FreundschaftDie neue Errungenschaft von Cenk aus München. Die Tasse hat er von mir „Geschenk“ bekommen, weil ich sie bereits „beschmutzt“ habe – so dass er sie nicht kaufen konnte. Er wusste noch nicht in dem Moment, als er das Set kaufen wollte – das Set heisst auf Chinesisch: die wahre Freundschaft! Si Jun Zi.

 

 

Tee im Lotusgarten

Teerunde im Lotusgarten, von links nach rechts: Madleine, Jörg, Anja, Jürg.

 

Degustation Gyokuro Uji

Degustation Gyokuro Uji

Degustation von zwei verschiedenen Gyokuro Uji: links aus einem Organic-Garten und rechts aus dem konventionellen Anbau.

Neulich bekomme ich Teemuster aus einem organic Teegarten in Uji, Japan. Für meine kleine Teeschatzkammer suche ich gerne gute Tees und möglichst „sicher“. Die beiden Kriterien lassen sich oft nicht miteinander zu vereinbaren! oft für eine gleiche Qualität muss ich für Tee aus Organic Garten viel mehr dafür bezahlen. Ich sehe oft nicht ein, weshalb!

Gestern habe ich die beiden Gyokuro aus Uji degustiert. Aehnliche Preise, obwohl der koventionelle Gyokuro aus Uji ein wenig günstiger ist. Jeden Falls liess ich das Wasser abkühlen. 2,5 Gram Teeblätter in der Degustier-Tassen. 5 Minuten liess ich den beiden Tee ziehen.

Ich trank zuerst den Organic Gyokuro – mit einer grossen Erwartung. Wow… sehr bitter, ausser bitter spüre ich wirklich kaum noch andere Aroma-Noten. Der Aufguss ist dunkel und leicht trüb. Ich spüre meinen Mund zusammzog und mein Magen schrie.

Dagegen der konventionelle Gyokuro enttäuschte mich weniger. Er schmeckts zwar bitter, aber süsste sehr schnell im Gaumen beim Abgang. Die typische Gyokuro-Aroma waren sehr präsent und lieblich, bitter und erfrischend.

Das einzige, was mich von dem Organic Gyokuro gefällt ist, die Blätter. Sie sind kräftig und lederig. Anders als die schlappe Blätter von konventionellen Anbau. Aber sie zeigen mir auch paar leicht rote Blätter. Für mich ist dieser Organic-Gyokuro fehlerhaft in der Produktion. Die leichte rötliche Färbung der Blätter zeigen mir, dass die Teeblätter nicht gleich nach der Ernte verarbeitet wurde. Ich würde behaupten – ich hoffe, dass es Experten gäbe, mich zu korrigieren – Organic Gyokuro könnte besser schmecken als der konventioneller, wenn der Teegarten mehr an ihre Herstellung investieren würde!

Tee Produktion ist ein künstlerisches Handwerk, eben keine Dogma. Man kann nicht mit einer Vorstellung kommen und wollen behaupten, Organic sei alles besser. Für mich als Teeliebhaber und Teehändler bleibt es nach wie vor ein sehr schwer zu lösendes Thema!

Nach dieser Degustation leidet mein Magen sehr und bekam sehr bald eine schlimme Migräne. Darum kann ich diesen Beitrag erst heute posten.