Archiv der Kategorie: Der Teeweg

Puzzle

Puzzle

Begegnungen und Ereignisse sind Puzzle des Lebens. Mitte des Geschehens weiss man oft nicht, wohin und wozu das Versatz-Stueck dient. Auch wenn alles, was geschieht und geschah eine Bedeutung haben sollte, fuehle ich mich oft verloren in Puzzle.

Glueck hat verschiedene Lesarten und Erfolg hat viele Interpreten. Es ist schwer, jemanden zu treffen, der den gleichen Geschmack hat. Es ist fuer einen Kuenstler schwer, jemanden zu treffen, der sein Werk bewundert. Es ist fuer ein Kunstwerk schwer, jemanden zu treffen, der es so wie es ist, schaetzt.

Ich lernte You kennen, ueber Azhong, der immer noch mit meinem Lehrer kriegt. You erzaehlte mir von seiner Liebe zur Teekanne – das war der Anfang seines Wegs. Teekanne - ich erzaehlte ihn von Lin Guoxiang, dessen Jadekanne mich ueberall begleitet und beauftragt wurde, noch mehr zu kaufen. You stand sofort auf, rief jemanden an und sagte danach, dass er mich zu einem Sammler bringen wollte, der ueber 100 Teekanne von Lin hat und mir bestimmt welche geben wollte. So lernte ich den Sammler und Rotariat-Praesident Li kennen, der sein Buero von drei Stockwerke voller Kalligrahpie. Malerei und Steinkannen schmueckt. Es war wie ein Musuem! Ein unscheinbarer Person, der bescheiden und normal geblieben ist. Er gab mir – fast verschenkt, drei wunderschoene Steinkanne. Geld hatte ich nicht dabei und spielte ueberhaupt keine Rolle. Ich war sprachlos ueber diesen Zufall. Er sagte mir, zeige Europaer, was fuer Kuenstler und Kunstwerk wir auf Formosa haben. Er sagte, die schoenen Teekanne von Lin ist kulturuebergreifend.

Ueber You habe ich viele wertvolle Tassen und Kanne bekommen. Geld ist dabei fast ein Witz. Was dabei eine Rolle spielt, war das Herz – die Liebe zu Tee, zu den gleichen Dinge, die man gemeinsam gerne hat. Mit diesem Herz bringe ich nun die wertvollen Dinge nach Europa, hoffe, mit Teefreunde, die den gleichen Geschmack haben, zu teilen.

Tee spricht fuer sich. Kunstwerk auch – davon bin ich ueberzeugt. Was ist denn schon Kulturgrenze und sprachliche Barriere!

Ich wollte You etwas schenken, etwas besonders. Was denn? Das wusste ich nicht. Da ich nicht heim fliegen koennte, ging ich am Freitag Meister Hsu Chaozong besuchen, ein Meister von Porzellan-Malerei und Toepfer. Ich kannte ihn nicht gut, wurde immer von ihm reichlich beschenkt, einfach so. Er machte mir einen Oriental Beauty, zu dem er keinen Zugang hat. Er sgate, das Geschirr ist gut, der Tee ist scheinbar auch gut und die Gaeste sind wertvoll, aber der Gastgeber ist ein Kultur-Banause… Hsu ist in der Wirklichkeit die einzigen Kuenstler neben Tsai Xiaofang die Lebendigkeit und Vollkommenheit von Song-Stil-Keramik beherrschen kann! Seine zurueckhaltende und fuer sich sprechende Art der Interpretation von Song-Stil berueht mich zutiefst. Da ich ihm meine Gefuehle immer sehr direkt ausspreche, wenn ich seine Werke beruehre, gab er mir immer einfach die Kostbarkeiten. Am Freitag wurde er sentimental neben seinem Vasen, Figuren und Vitrinen und sagte, dass er sich sehr einsam fuehlt.

„Warum?“ „Meine Frau will nur Geld damit verdienen und meine Kinder wollen dadurch ein schoenes Leben. Ich habe Ruhm und Vermoegen mit meinen Dinge, aber sie machen mich nicht gluecklich. Ich bin wie ein Kind, will spielen, mit dem was ich kann. Ich bin zufrieden mit einem bescheidenen Leben und die Zeit moechte ich fuer das Spiel gerne nutzten… Die Momente, in den das Ofen geoeffnet wird, teilt niemand mit mir vor einem gelungenen Spiel mein Freude…“

Freude moechte gerne geteilt werden. Auch viele viele Dinge des Lebens. Freude sind Puzzles, die das Leben zu einem Bild zusammenfuegen. Das Bild erzaehlt uns, wer wir sind, wohin wir eigentlich gehen wollen.

Kurz vor meinem Abflug traf ich You und wollte ihm eine Teeschale von Ruyao-Stil (mein Lieblingsstilrichtung von Sung Porzellan) schenken, die ich vorgestern von Hsu geschenkt bekam. Ich habe zwei Stueck davon – alles von ihm geschenkt. Als ich die Schale auspackte, war sein Gesicht voller Uerberaschung. „Weisst Du nicht – ich habe sechs Stuecke davon! Ich trinke meinen Pu Er aus ihm. Kennst Du Hsu persoenlich?“ dann seufzte er „Wir haben den gleichen Geschmack!“ Er wollte diese Schale nicht. Er starrte mich an. Ich wurde rot. Wir moechten Tsai Xiaofang nicht, obwohl er stets in Medien und Rampenlicht steht – als der Sung-Porzellan-Guru. Er bat mir naechtest Mal, ihn mitzunehmen, wenn ich Hsu besuchen gehe. Und vielleicht kommt er Mal in absehbarer Zukunft nach Europa, sagte er, einen anderen Teil der Erde zu erleben.

Foto von Lin Guo Xiang und Menglin in Yingge.

All in This Tea

all in this tea

Teefreunde in der Schweiz haben das Glück, den Film „All in this Tea“ am 15. November 2008 13.15 im Filmpodium Zürich zu sehen.

Ein Dokumentationsfilm über die Entdeckungsreise von David Lee Hoffman durchs Teeland China.

Filmpodium Stadt Zürich

Nüschelerstrasse 11, Zürich

15.11. 2008 um 13.15

Veranstalter: Teeclub Schweiz, Bitte anmelden.

Ich würde ihn sehr gerne sehen. Leider werde ich wohl in diesem Moment irgendwo in Asien sein. Hoffentlich auch in einem Teeland.

Tee für Einsteiger

Hallo Frau Chou,

ich lese seit geraumer Zeit und mit grosser Begeisterung Ihren Tee-Blog!
Ich trinke selber sehr gerne grünen Tee, beziehe meine Tees aber
bisher nur aus Bioläden oder provinziellen Teegeschäften – dort
arbeiten leider keine „echten“ Teekenner, so wie Sie. Gerne würde ich
mehr über Tee erfahren und vor allem suche ich Empfehlung für gute
Teesorten.
Können Sie mir einen guten Tee empfehlen (den ich bei Ihnen bestellen
kann) mit dem ich anfangen kann meine Tee-Leidenschaft weiter
auszubauen?
Was für einen Tee würden Sie einem Tee-„Einsteiger“ wie mir empfehlen?
Haben Sie weitere Tipps um den Genuss des Tees weiter zu steigern,
bzw. mehr über Tee und Tee-Trinken zu erfahren?

Vielen Dank und liebe Grüsse,
Stefan

So lernt man Teefreunde aus unbekannten Ecken und unbekannten Gründen. Was unbekannte Menschen hier verbindet ist nur diese drei Buchstaben T E E.

Teekenner bin ich wirklich keiner – ich weiss, dass ich wenig kenne, aber ein Teefreund.

Wer diese Zeilen schreibt und solche Spaziergänge durch Teeläden und Bioläden schon macht, ist selber kein Teeanfänger. Lieber Stefan, was könnte ich Dir überhaupt empfehlen?

Wenn Du einen leichten und blumigen Duft liebst, würde ich Dir Paochung als Einsteiger zum Oolong empfehlen. Einen Anji Baicha als Einsteiger für einen schönen tollen Grüntee empfehlen.

Wenn Du gerne Power und Herrausforderung hast, würde ich Dir einen Gankou Cha als Einsteiger für Oolong vorschlagen. Einen Nanyue Maofeng für einen guten kräftigen chinesischen Grüntee. Einen malzigen kräftigen Dianhong für eine goldene Tasse roter Tee.

Wenn Du gerne ausgefallende Sorte erleben möchtest, würde ich Dir Junshan Yinzhen raten. Mild, leicht rauchig und unfassbar. Das Gefühl schwebt zwischen Wolken und Himmel – ein bisschen unfassbar. Oder einen Gyokuro wie Kouun, seltsam, nicht typisch kategorisch zuzuordnen. Ja, dieser Tee bringt uns aus dem Konzept. Ist dieser Tee tatsächlich Gyokuro? Aber fein, elegant und voll aromatisch. Oder ein Zhenshan Xiaozhong Original aus Tongmuguan, die rauchige Note begleitet den Tee ohne seine fruchtige und honigsüsse Aromen zu bedecken.

Wenn Du aber einen unbequemen Geist hast, wie ein Jägger und Sammler von Unbekannten und Erlebnissen, würde ich Dir unbedingt einen Buddha, einen Shuixian Dancong oder einen Da Hongpao Premium „aufdrängen“. Oder einen Lishan Hochlandoolong auf Holzkohle behandelt! Solche Teesorten würde Dich nie im Stich lassen oder enttäuschen, auch wenn ich Dich nicht kenne!

Tipps für Steigerung vom Teegenuss? Solche suche ich selbst auch ganzer Zeit! Ach, Zeit!

Tee tasteTee vergleichen, probieren und forschen helfen uns Tee zu verstehen und ihn richtig zu geniessen. Hier eine Test von meinem Lehrer –  aus diesen drei Tees sollte ich richtig „tippen“, welcher richtig hergestellt ist.

Shugetsu, der Herbstmond

Der Mond im Herbst sei der klarste. So klar, wolkenlos. So klar, so kühl und so klärend. Tausende Gedichte und Anekdoten kreisen um den Herbstmond. Geschäfte, Konsumrausch und Vitamin-B entwickeln sich ausgezeichnet durch die chinesische Fest um den Herbstmond. Eigentlich sollte der Mond die Zusammenkunft der Freunde, der Familie und der Gleichgesinnte symbolisieren, heute steht der Mond für ein Objekt des Begehrens. Mein Teelehrer aus Taipei rief mich überraschend an und fragte nach mir. Ihm ist es scheinbar nicht egal, wie es mir hier im Europa geht. Der klare Mond brachte ihn an jemanden zu denken, der so weit entfernt lebt. Der Herbstmond steht irgendwie doch für viele chinesische Seele wie ein Band zwischen Menschen. Ich liebe das Gedicht von Su Dongpo, er schrieb, „Trotz der Entfernung steht der klare Mond zwischen uns, ich wünsche, Dir geht es gut.“ (vielleicht nicht so eine ideale Übersetzung). Der Herbstmond in Taipei stand in diesem Jahr im Regen und Sturm.

Akinotsuki, der Herbstmond.

 

Gestern im Teeunterricht hing eine Kalligraphie an der Wand: „Wa Ga Kokoro Shugetsu ni nitari“ (Mein Geist ist so klar wie der Herbstmond). Das Temae, das ich machte, war Wakei – eine Teezubereitung in der Kriegszeit. Eine Zubereitungsart mit zwei Teeschale –damit es schnell passieren kann, an einem Ort des Abschieds und an der Grenze zwischen Leben und Tod. Diese Teeübung wurde von Tatansai erfunden – für seinen Sohn, der in den Krieg für sein Vaterland dienen musste. Sein Dienst war für seine Kameraden, eine Schale Tee zu schlagen bevor das Leben endete. Mein Geist ist so klar wie der Herbstmond, sollte sich doch der Trinkende fühlen, denke ich. In einem klaren Geist den Abschied von allen zu nehmen, ist eigentlich ein schönes Moment – denke ich. Ein Moment des Abschieds und Verbundensein. Der Herbstmond.

 

Yuko suchte eine wunderschöne Teeschale aus – mit einem Motiv des Herbstmond und Hagiblumen. Yuko ist ein wunderschönes Mädchen aus Nara. Sie hat einen anmutigen Körper, sanfte Augen und runde geschmeidige Art des Bewegens. Ich genieße jeden Augenblick in ihrer Nähe. Mit ihren wunderschönen eleganten zarte Nara-Akzent macht es zu einem Genuss sie zuzuhören. Sie fing erst in Zürich an, Tee zu lernen. Durch ihren indischen Mann lernte sie Bollywood Tanz. Auf den Tatami führte sie kurz die extravagante Art des Blollywoods aus und wir lachten alle zum Tod. Dann wollten sie sehen, wie ich den Bauchtanz mache. Meine andere Leidenschaft, die eigentlich sehr ähnlich funktioniert wie der Tee. Die Tanzgruppe konnte nicht glauben, dass ich ein Anfänger bin. Sie dachte ich tanzte seit Jahren. Ich erkläre immer wieder, dass der Camel-Schritt mit Barfuss genau so funktioniert wie der Schritt mit weißen Socken auf Tatami, die Händebewegung genau so funktioniert wie die Hand, die Bahmbuslöffel hält; die Bewegung stets nur von Hüfte ausgeht wie im Tee. Alles wird bewegt aus dem Zentrum des Körpers – Tee und Bauchtanz haben die gleichen Wurzeln. Das Beste an Bauchtanz ist, dass es keinen Mann gebraucht wird. Die Meisten glauben mir es nicht. Aber Miya, ich und Yoko lachten an diesen Nachmittag auf dem Tatami über uns. Sie meinten, in Japan gäbe es auch ein Bauchtanz, aber nur für Männer! Es wäre etwas für Joseph, der gerne mit mir zum Bauchtanz gegangen wäre.

 

Spaß beiseite. Yuko machte mir einen schönen Tee aus der Hagi-und-Mond Schale. „Kennst Du Hagiblumen?“ fragte ich Miya. „Ja, sogar unweit von Dir. In der Nähe von Friesenberg-Altersheim kannst Du diese Blumen anschauen. Sie blühen im Moment, eben ein Herbstblume.“ Hagi-Blumen und Herbstmond, was für eine Kombination? Diese Kombination weckte Neugier in mir und ich musste sie unbedingt sehen! Ich ging suchen, wie eine Hase, die herund läuft, schnell springt, mit kleinen neugierigen Augen in alle Richtung beobachtet. Nach langen Suchen fand ich endlich an der unscheinbaren Gleise entlang die einsam blühenden Hagi-Blumen (Lespedeza bicolor)! Die Einsamkeit diese Blumen an den kargen schmutzigen Gleisen bewegte mich so stark, ich musste fast weinen, „Wer hätte Euch hier bewundert? Wer hätte in diesem kalten Land Euch als poetisches Wesen erkennen können? Wie könnte man Euch hier einfach vor sich hin blühen lassen?“

HagiHagi 萩 

Die Blumen antworteten nicht. Sie blühten nur. Sie bräuchten keinen Lob und keine Bewunderung. Sie sind nur zufällig dort, wo manche zufällig passieren. Blumen haben keinen Geist, zumindest nicht so einen wie der menschliche Geist – melancholisch und unbeständig. Sie blühen im Einklang mit dem Rhythmus des Kosmos. Sie tun einfach ihr Beste. Purpur, zart und selbstbewusst standen Hagi an den Gleisen. Meine zitternden Finger berührten vorsichtig die feinen Blüten. Wie hätte ich diesen Anblick und Begegnung verewigen können? „Nichts.“ antworteten die Blumen. Dein Geist ist so klar wie der Herbstmond. Zum ersten Mal seit wochen, hatte ich wieder das Gefühl, sich so nah an den Blumen zu sein. Zum ersten Mal seit Wochen bekam ich das Gefühl, dass alles, was geschah und geschieht, einen tieferen Sinn haben muss. Man kann lernen, Dinge wieder gut zu machen. Zu spät wird es nie.

Hallo, Isar!

„Hallo, Isar!“ grüsste die kleine Mirella den geliebten Fluss. Mit ihrem Vater gingen wir Isar am sonnigen Nachmittag grüssen.

Die kleine blonde Mirella drehte ihrem Rücken zu mir, wenn sie mich sah. Ihr Vater erklärte mir, dass sie eigentlich Menschen beobachtete indem sie ihren Rücken zeigte. Ich kenne es, liebe Mirella, ich bin genau so wie Du. Ich schaue Menschen gerne aus dem Augenwinkel anstatt in die Augen. Denn das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist. Hoffentlich verlernst Du es nicht während Du erwachsen wirst. Wir gingen zu Isar. Auf einmal vergaß Mirella, dass ich eine Fremde bin für sie. Sie ließ mich tragen – an der Isar. Liebe Mirella ich liebe Fluss genau wie Du, denn ich bin am einen Fluss aufgewachsen, der jedes Jahr Überschwemmung verursachte und mir durch seine jährige Wiederholung das Respekt vor der Natur vermittelte. Das blonde Mädchen ist nobady, unbeschwert schrie sie nach Isar, sammelte Blätter und jammerte vor Hunger. Das kleine Nobody hat unbegrenzte Möglichkeiten, alles Mögliche zu werden. Nur ihr Mut und Phantasie wird ihr eine Grenze setzen, wie sie somebody wird. Irgendwann wenn sie somebody wird, wird sie vielleicht genau das schreien, was Ulrich Rückriem sagte, „ich will nur noch wegfliegen.“ – und nur noch Vögel verschenken anstatt „anständige“ Kunst zu produzieren, um zu verkaufen.

Das Wiedersehen mit Isar war von Götterspeise veranlasst. Ein 2tägiges Teeseminar für Freunde und Crew zu gestalten war ein besonderer Auftrag. Wieder unterschiedliche Menschen zu begegnen, Kaffeetrinker, Raucher, Italiener, Türke und Ureinwohner aus Bayer treffen sich wegen Tee. Die besondere Begegnung mit dem Schriftsteller Paul Zucker und seine Frau waren eine „un-zufällige“ Überraschung. Wegen seiner Beziehung zur Chocolaterie kam der Auftrag eine Schokolade Ausstellung das schwarze Geheimnis auf ihm zu und mit Faszination und Leidenschaft erzählte er mir, wie die Geschichte um das schwarze Geheimnis immer größer und breiter wurde. Was steckt denn alles hinter dieser dunklen bitteren und klebrigen Masse? Was für eine Sehnsucht könnte durch diese zähe aromatische Flüssigkeit erweckt werden? Was für Geheimnisse könnte durch das Verschmelzen von Kakaobutter gelüftet werden? Was für einen Gegensatz ist der Tee, der uns widerspiegelt in seinem klaren Aufguss?

Schoko-FalamencoSchokoflamenco mit Joaquin Ruiz in der Ausstellung von „Das schwarze Geheimnis.“

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, wiederholte ich immer wieder in den zwei Tagen. Die Augen spielen bei Tee oft eine betrügerische Rolle. Ein guter Tee manifestiert sich selten durch die perfekte Form und Farbe, sondern durch die klaren Düfte und Nuance wie ein Fächer, der uns Schicht für Schicht klärend öffnet. Geheime Sprache des Tees könnten nur gelüftet werden, wenn das Herz sie durch das Verschmelzen von Tee und Menschen zuhört. In dieser Verschmelzung sah ich manchmal nachdenkliche Gesichter, manchmal fragende Augen und manchmal erleichtertes Lächeln. In dieser Entdeckungsreise funktioniert das Konzept von Schwarz und Weiß, von Richtig und Falsch, von Stark und Schwach nicht mehr. Was ist denn ein guter Tee? Wie muss man den Tee zubereiten? Wie sollte man denn welchen Tee trinken? Es gibt kein Muss, kein Faustregel und keine Grenze. Das gewöhnliche Denken ist ins Schwanken geraten. Jemand fragte mich, ob es erlaubt sei, Zucker im Tee zu süßen. Meine Antwort lautet: „Was nicht erlaubt ist, mache doch einfach heimlich.“ Alle lachten, aber nachdenklich.

Ein Tee muss meine Erwartung gar nicht erfüllen. Er ist so wie er ist. Es gibt keinen falschen Tee, nur ein Tee am falschen Ort. Das gleiche gilt beim Menschen – man ist so wie man ist in Ordnung. Nur Mut und Phantasie entscheiden unsere Entscheidung, was wir erleben. Ich hoffe, dass ich genügend Mut besitze, mich zu entscheiden für die Freiheit, die Tee mir vermittelt.

Selten gibt es so großzügige Menschen wie das Wirt-Ehepaar Henseler. Sie haben sich nicht nur um die Weiterbildung und Wohl ihrer Crews gekümmert, sondern auch um mich. Reichlich beschenkt, gastfreundschaftlich empfangen und herzlich umgegangen. Ich war in guten Händen – es war mir ganz sicher.

In guten Händen war ich auch bei Cenk und Esra. Ihr neues Zuhause gab der wandernden Seele ein Hauch der Geborgenheit und des Familiäres. Seltsame wunderbare Freundschaft zwischen unbekannten Menschen aus verschiedenen Erdteilen, sie sind nur zusammengeführt wegen einem wunderbaren Pflanzen namens Tee…Das Zugvögel wandert weiter. Vergeblich wartet es auf den Nordwind, der es vielleicht endlich zur Ruhe bringt. Vergeblich und unter Zugzwang. Ein Zugvögel hat eben das Schicksal als Zugvögel.

Das schöne Gefühl, dass mein Leben von guten Händen gelenkt wurde, brachte mich beinah zu weinen. Ich war in diesem himmlischen Gefühl, dass sich alles zu Gutem wenden kann – den Abschied von der Isar und meinen Freunden genommen zu haben. Der Zug fuhr punktlich ab.

Teemanufaktur

Von Ulrich bekam ich die Meldung, dass ein unbekannter Fan von diesem Blog im hohen Norden für Tee und Teekultur einsetzt.

Teeseminar bei Teemanufaktur von Frieder:

http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=080904025&phrase=teemanufaktur

Ich liebe zwar Insel, aber bin noch nie im hohen Norden. Der Nordwind hat mich vergessen. Zugvögel nehmen mich nie mit. Wahrscheinlich finden sie mich zu schwierig und zu zerbrechlich. Ich könnte im hohen Norden frieren.

Wann wandern denn Zugvögel wieder? Es ist wieder die höchste Zeit.

Der Duft einer Blume

Ich kam gerade von einem wunderschönen Kino, Hanami und lass die zwei Kommentare von Romeo und Suzanne. Das Thema des Verlustsgefühls und des bewussten Lebens verbindet die beiden Kommentare und ebenfalls das Kino.

 

Im Garten von Carola fragte sie mich, was ich machen würde, wenn heute mein letzter Tag am Leben wäre. Sie sagte, sie würde Dinge nie mehr verschieben, weil sie den Abschied eines wertvollen Freundes verpasste. Ich würde alle Menschen anrufen, die mich einmal zähmten, ihnen zu wünschen, glücklich zu sein. Die Liebe, die man einmal empfunden hat, geht nie verloren. Es wird nur anders, es wird anders aufbewahrt im Garten. Und wenn der Körper erlischt, wird alles zu Sternchen im Himmel verwandelt – hoffe ich. Meine Leute könnten dann die Sterne anschauen und sich glücklich fühlen.

 

„Man läuft Gefahr, ein bisschen zu weinen, wenn man sich hat zähmen lassen…“ schrieb Antoine de Saint-Exupery als Ich-Erzählter im „Der Kleine Prinz“. Es ist beim Tee so: man lernt ungeplant ihn kennen; man lässt sich unbemerkt zähmen, bevor man sich wehren kann; man nimmt ungewollt hin, dass man nun ohne ihn auskommen muss. Aber würden wir ohne Duft eines Tees und seine Nebenwirkung weiter leben? Wie schaffen wir den Duft und die Sprache des Tees  zu vergessen?

 

„Ich kenne einen Planeten, auf dem ein puterroter Herr haust. Er hat nie den Duft einer Blume geatmet. Er hat nie einen Stern angeschaut. Er hat nie jemanden geliebt. Er hat nie etwas anderes als Additionen gemacht. Und den ganzen Tag wiederholt er wie du: Ich bin ein ernsthafter Mann! Ich bin ein ernsthafter Mann! Und das macht ihn ganz ungewollt vor Hochmut. Aber das ist kein Mensch, das ist ein Pilz.“ (S. 27)

Wir wollen nicht Pilz sein. Zum Glück lernen wir den Duft einer Blume zu bewundern und die Schönheit der Schöpfung einzuatmen. Ohne Sich Zähmen zu lassen geht es wohl nicht.

„Wenn einer eine Blume liebt, die es nur ein einziges Mal gibt auf allen Millionen und Millionen Sternen, dann genügt es ihm völlig, dass er zu ihnen hinaufschaut, um glücklich zu sein…“weinend erzählte der kleine Prinz. „Ich habe das damals nicht verstehen können! (…) Sie duftete und glühte für mich. Ich hätte niemals fliehen sollen! Ich hätte hinter all den armseligen Schlichen ihre Zärtlichkeit erraten sollen. Die Blumen sind so widerspruchsvoll! Aber ich war zu jung, um sie lieben zu können.“ (S.31)

der kleine prinzDer kleine Prinz liess sich von einer schwierigen Blume zähmen, die ihm mit Worten quälte. Beim Abeschied entschuldigte sie für ihre Dummheit und gestand ihm, dass sie ihm liebt. (S.32)

Naja, so ist es mit dem Zähmen. Wer könnte ohne Duft einer Blume oder Tee morgens aufwachsen, könnte sich das Weinen nach dem Zähmen ersparen. Als ein gewöhnliches sterbliches Wesen bevorzuge ich das Weinen. Und der Tee, der nicht immer verfügbar ist, ist eben eine Rarität. Fast einzig, ebenfalls wie bei Menschen.

„Die Menschen bei dir zu Hause“, sagte der kleine Prinz, „züchten fünftausend Rosen in ein und demselben Garten… und doch finden sie dort nicht, was sie suchen…“

„Und dabei kann man das, was sie suchen, in einer einzigen Rose oder in ein bisschen Wasser finden…“

„Aber die Augen sind blind. Man muss mit dem Herzen suchen.“ (S.79)

Antoine de Saint-Exupery: Der Kleine Prinz. Zürich-Hamburg 2006.

Man kennt nur die Dinge, die man zähmt.

Der kleine Prinz suchte Freunde und begegnete einem Fuchs. Er bat den Fuchs mit ihm zu spielen. Der Fuchs antwortet, „ich kann nicht mit dir spielen. Ich bin noch nicht gezähmt.“ „Was ist zähmen?“ „Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache. Das bedeutet: sich vertraut machen.“

Tom möchte gerne eine Empfehlung von einem Oolong, der häufige und intensive Aufgüsse gibt. Zu einem gewöhnlichen Einsteiger zählt Tom bestimmt nicht. Er hat sich bereits ein wenig vertraut gemacht mit Tee. Theoretisch kann jeder guter Tee eine intensive Aroma und mehrere Aufgüsse geben. Die Frage liegt nicht an dem Tee selbst, sondern, wie Tom zu solchen Tee findet?

der kleine prinzer weinte im gras

 

Als der kleine Prinz bemerkte, dass seine Rose in der Realität allen anderen Rosen gleicht, war er zutiefst enttäuscht. Er warf sich ins Gras und weinte. Dann traf er einen Fuchs, der ihm bat, ihn zu zähmen. „Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchse gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für Dich einzig sein in der Welt…“

„Mein Leben ist eintönig. … Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn Du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang Deines Schritts kennen, der sich von allen anderen unterscheidet…. Du siehst da drüber die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Der Weizenfelder erinnern mich an nichts. es wird wunderbar sein, wenn Du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide lieb gewinnen…“

 

Tee ist wunderbar. Wunderbar sind alle Tees! Wie unterscheidet ein Tee von einem anderen? Nichts, außer deiner eigenen Entdeckungsreise durch die Teelandschaft. Ein langer fermentierter gerösteter Oolong entfaltet sich außer blumig, auch fruchtig. Ihr Abgang ist unvergesslich. Ein leicht richtig fermentierter Oolong wie Hochland Formosa oder ein wunderbarer Tie Guanyin aus Anxi schenkt uns blumige süße Stunde. Wenn Du Dich einmal mit dem Tee vertraut machst, ist der Tee nicht mehr ein Tee, sondern der Tee, der Dein stressiges Dasein begleitet, der Deine festliche Stunde verzaubert, oder der Dir Trost spendet. Wie beginnt denn der Prozess des Zähmens?

 

Der kleine Prinz sagte dem Fuchs, dass er wohl ihn zähmen wollte, aber er hatte keine Zeit. „ich muss Freunde finden und viele Dinge kennen lernen.“ „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennen zu lernen. Sie kaufen sich alle fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn Du einen Freund willst, so zähme mich!“ Der Fuchs lehrte ihn: „Du muss sehr geduldig sein, Du setzt dich zuerst einwenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel, anschauen und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst Du Dich ein bisschen näher setzen können….“

 

Die Zeit und die kontinuierliche Annährung entscheiden das Vertrau-Machen. Da die Zeit ein Luxus ist, ist es fast unmöglich sich mit Tee vertraut zu machen. Da die Zeit Luxus ist, ist es fast unmöglich eine tiefe Beziehung zu pflegen. Geben wir es somit auf? Ich könnte es nicht. Der Fuchs hätte eine gute Idee für uns über das Zähmen.

„Es muss feste Bräuche geben.“ sagte der Fuchs. Der kleine Prinz versteht es nicht. „Auch etwas in Vergessenheit Geratenes.“ erklärte der Fuchs. „Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden. (…) Wären die Tage alle gleich und ich hätte niemals Ferien.“

Eine Abmachung mit uns selbst, eine klare Priorität setzen und eine Entscheidung treffen, was nun geschehen sollte, könnte uns helfen ein Tee-Ritual zu entwickeln. Nur das und nicht anders. Jeder von uns ist gefangen von jeweiligen Zwänge und Denkmuster, es ist fast unmöglich, Zeit zu nehmen, den gewöhnten Ablauf abzubrechen. Das liegt in der Entscheidung des einzelnen. Ist es tatsächlich besser im Hamsterrad zu rennen oder eine „Aus-Zeit“ für sich zu nehmen? Ich könnte es nur für mich selbst beantworten, nicht für andere. Die Antwort liegt jenseits der Moral. Jeder könnte für sich selbst beantworten. Das Wesentliche ist nicht mit Augen zu sehen, somit ist es nicht mit dem gewöhnlichen Denkmuster zu verstehen.

Menschen haben immer Verlustangst. Aus Verlustangst bleibt man lieber bei alter Struktur und bei gewöhnlichem Verhaltensmuster. Meine Teesüchtige Klienten jammern oft in ausverkauften Momenten. 2008 kaufte ich 120 Kgs Bi Luochun ein – von zwei hervorragenden Teebauern aus Sanxia. Heute sind nur noch knapp zwei Kilos verfügbar. Es war eigentlich ausreichend, dachte ich. Vor zwei Wochen rief mich Andy an und wollte zwei Kilos bei sich lagern. Seine Frau möchte ihren Tag nicht ohne den Bi Luochun aufwachen. Bis zur nächsten Ernte sind noch mindestens 7 Monaten. Wie gehen wir mit dem Verlustsgefühl nach dem Sich-Vertaut-Machen?

fuchs

„Ach! Ich werde weinen.“ Sagte der Fuchs im Moment des Abschieds. „Das ist deine Schuld…“ meinte der kleine Prinz. „So hast Du also nichts gewonnen!“

 „Ich habe die Farbe des Weizens gewonnen.“ Der Fuchs schickte ihn noch einmal zu Rosengarten, wo er so traurig war, weil er dachte, seine Rose nichts anders sei als alle anderen. Der Fuchs hatte ein Geheimnis für den kleinen Prinz, wenn er zuerst die Rosen anschauen ging.

Der Prinz ging Rosen anschauen und bemerkte: „Ihr seid schön, aber ihr seid leer. Man kann für euch nicht sterben.“

Man kann ein Verlustgefühl erleben, vielleicht begleitet mit Trauer und Schmerzen, wenn man sich tatsächlich auf etwas einlässt. Um sich vor dem Verlust zu schützen, schreit man oft von der Unabhängigkeit, die zwangsläufig zum Verlust führt. Die Farbe, die Liebe und die schönen Momenten werden oft im Verlustgefühl vergessen. Nicht jeder Schmerz ist entstanden durch eine  Verletzung. Es ist einfach ein Verlust, ein Nicht-erfüllen. Man kann sich entscheiden, es nicht so sein zu lassen, oder sich damit abzufinden, so wie es ist. Für mich ist das Wichtigste, zu wissen, was ich will. Was andere wollen, ist ihre eigene Entscheidung. Das Problem löst von sich dann allein. Entweder muss man den Wünsch aufgeben oder es klappt. Zu mindest habe ich es versucht. Das schafft Klarheit anstatt spätere Reue. Zumindest gehört mir die Erinnerung an den Rausch des Windes…

Vor paar Stunden rief mich jemand am Hauptbahnhof. Es war Claudia, die eine kurze Auszeit für sich und für ihre Beziehung nahm. Auf einer einsamen irischen Insel verbrachte sie ihre Ferien, die frische irische Meeresluft erfrischte sie. Auch der Just-Do-It-Wind weht bis zu Zürich. Sie erzählte mir von dem Oolong, den sie als Halt aus ihrem Leben in Zürich nach Irland mitnahm und dachte, wenn es ihr tatsächlich schlecht gegangen wäre, hätte sie noch meinen Oolong Schneeflocken gehabt. Mit diesem Oolong verführte sie die Iren von dem Whisky und Bier weg. Sie waren so begeistert von dem Oolong. Sie ist so dankbar. Wir umarmten uns.

Eigentlich war es die Claudia, die den Schneeflocken zähmt, eigentlich war es die Claudia, die anderen Menschen mit ihrer Begeisterung ansteckte. Eigentlich war es die Claudia, die den Schneeflocken einzigartig macht. Schneeflocken tat nichts.

„Die Zeit, die Du für Deine Rosen verloren hast, sie macht die Rosen so wichtig. (…) Die Menschen haben die Wahrheit vergessen. Aber Du darf sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast. Du bist für Deine Rose verantwortlich…“ sagte Fuchs zu dem kleinen Prinz.

Alle Menschen sind interessant, aber wir machen manche für uns einzig (nicht umgekehrt) und dann unentbehrbar. Alle gut gemachten Tees sind gut, aber wir verwandeln manchen mit Liebe und Aufwand zu unserem Tee.

Lieber Tom, entschuldige für viele unwesentliche Sätze, die eigentlich nicht direkt mit Deiner Frage zu tun hat. Eigentlich hätte ich Dir paar Sätze schreiben können, was Du kaufen und trinken sollst. Wenn ich tatsächlich eine Ahnung vom Tee hätte, würde ich immer weniger wagen, einfach so zu beantworten. Deine Zeit, die Du für Deine Auswahl verlierst, macht Deinen ausgewählten Tee so wichtig und einzigartig. Im Pinrzip könnten alle gute Oolongs intensiven Aromen und mehrere Aufgüsse anbieten. Und wenn Du keine Zeit hast, wäre Darjeeling, oder Formosa Oolong Dong Ding (oder Tung Ti) oder Tie Guanyin, den man überall in Deutschland problemlos kaufen kann, auch nicht schlecht.

„Adieu“, sagte der Fuchs. „Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Teeschüler, sein Weg und sein Gesicht

Gestern war ein komischer Tag. Irgendwie ist man unter dieser Hitze streitsüchtig. Von C. bekam ich ein Mail, indem er mich mitteilte, dass er sich von unserem Lehrer in Taipei trennt. Schwach konnte ich mich erinnern, dass unser Lehrer sich über ihn beschwerte. C ist ein eigenwilliger Mensch, der gerne Geheimnisse für sich behält, gerne untertaucht, gerne diskutiert. Manchmal meldet er sich Wochenlang nicht, manchmal verschwindet einfach bei einem Meeting, manchmal wechselt einfach seine Handynummer. Er will nicht gefasst werden. Er sagte mir, dass ein Mann sein, bedeutet, frei und abenteuerlustig, wie der Hemingway. Wir kommen miteinander ausgesprochen aus, denn wir sind ähnlich. Er sagte mir, dass er so eine Frau wie mich nicht kennt. Klar, ich bin ja zum Glück nur mit ihm befreundet. Anscheinend hat unser Lehrer allen anderen mitgeteilt, dass er die Handynummer Cs gelöscht hat und seine Teetasse weggeschmissen hat. Den Grund könnte ich mir sehr wohl vorstellen, dass C sich wieder unsichtbar und unverbindlich machte und mein Lehrer seine Geduld verlor und ihm seine letzte Lektion erteilte.

Eigentlich war ich nicht in der Stimmung mich um Gelegenheit des anderen zu kümmern. Aber die zwei Stunde einfach am Rhein zu sitzen, tat mir sehr gut. Ich rief ihn an und dachte, dass der Kosmos sich entscheidet, ob C zu retten ist, oder nicht. Er nahm das Telefon ab, was für eine Überraschung! Ich fragte ihn, weshalb er für seinen Stolz einen teueren Preis bezahlen will. Er verstand nicht. Was könnte denn für ihn wichtig sein: sein Leben, das durch Tee bereichert werden kann; sein Stolz, das immer sein Problem ist; oder seine Gewohnheit, sich selber als Zentrum der Welt zu betrachten? Er fühlte sich außerordentlich provoziert und sagte mir, ob ich Spion von unserem Lehrer sei. Mich bewegt seine Provokation nicht. Ich tat es für mich, weil ich ihn gerne habe. Er sagte, dass er viele Literatur hat und davon ganze Menge lernen kann und außerdem gibt es überall Teelehrer. Ich fragte ihn einfach, ob er sicher ist, wieder so einen Lehrer begegnen zu können – das muss er selbst wissen. Mich interessiere sein Leben nicht, ich bin froh, ihn aus der Konkurrenz als Teekenner zu haben. Er hing das Telefon ab.
Zwei Stunde später rief er an. Ich war cool und distanziert. „Was nun?“ fragte er „Ich gehe sicher nicht zu ihm zu knien.“ „ Ein guter Lehrer erwartet es von niemandem. Gebe einfach Deine Handynummer noch einmal. Bringe Deine neue Teetasse wieder in den Regal zurück.“ „Was mache ich vor anderen Leuten, die alles davon wissen?“ „Gar nichts. Du hast alles vergessen.“ „Was denken denn andere über mich?“ „Ein ganz toller Typ, der sich selbst bezwingt!“ „Woher weiß Du denn über solche Tricks?“ „Ich bin ja eine Frau, die ihr Gesicht verlieren kann.“ Er lachte. „Aber“, ich warnte ihm, „Du kannst nicht mehr derselbe sein, der nach dem selben Muster handelt, wenn Du wieder hingehst.“ Ich hörte nur Schweigen. „Also ich weiß.“
Ob er das macht, geht mir nicht mehr an. Schlussendlich ist es sein Karma, sein Glück, wie er sein Leben führt. Auch ich muss ähnliche Schläge schlucken. Vielleicht sind diese Dinge sehr kulturell geprägt. Im Westen bezahlt man Studiengebühr und die Sache ist damit geregelt. In unserer Gesellschaft regelt das Geld nicht die Entwicklung eines Schülers, sondern die Will oder die Liebe des Lehrers, ob er mit seinem Schüler damit auseinandersetzen will. Manchmal dient ein Bruch als eine Hilfe, damit der Schüler von sich aus bereit ist, sein Leben zu verändern. Ohne Schmerzen, passiert gar nichts.  Aber es könnte sehr delikat sein. Jedenfalls musste ich auch schlucken, als Meister Sun verweigert, mich Kalligraphie zu unterrichten. Aber ich kenne eine ganze Menge Schwäche von ihm. Ich bin zudem noch eine Frau, die in der chinesischen Kultur als hinterlistig und dumm gilt. Das ist gut so. Ich brachte ihm dem „besten“ Alderholz und den „besten“ Sandelholz. Er hat gerne heitere Frauen, die ihm zuhören. Also, es ist nicht schwer, Meister Sun zu bewegen. Er hat Freude und ich habe einen guten Lehrer.

Es ist mir sehr wichtig, bei einem guten Lehrer zu sein. Wer tapert denn gerne in der Dunkelheit? Und die Verletzung des Eogs, das Stolz und das Gesicht? Chinese sagen es gut: „Damit kann ich doch nicht essen!“

Die süße japanische TV-Werbung, die ich schon Mal postete, stammte von C. Ein vielseitiger, interessanter Teefreund, ihm wünsche ich das Beste für seinen Weg!

Melancholie und der Menschengeist

Normalerweise erfahre ich von meinem Lehrer Michel selten ein Lob. Meistens nur tadeln. Mit Tadeln möchte er seinen Schüler von Abhängigkeit von bedingter Liebe befreien. Eine freie Herzensentscheidung für etwas zu unternehmen und einzusetzen bringt uns mehr Freiheit, als eine Erwartung von Lob und Erfüllung von Pflichten. Einfach etwas tun, ohne Lob und Zuwendung des anderen zu erwarten, befreit uns von Fesseln der Abhängigkeit. Auch Tadeln bewegt uns kaum, wenn unser Tun aus freier Herzensentscheidung getan wird. Es ist seine Lehre, die sicher oft anders verstanden wird – als Schikane. Es war aber etwas Seltsames geschehen, dass er mir sagte, „Menglin, Du bist so kostbar.“ Ich dachte, dass etwas nicht stimmt mit ihm. Beim Abschied sagte er es noch einmal zu Ph. Das brachte uns drei zu lachen. Und all das hängt mit dem Grüntee zusammen.

Er trank wieder den Grüntee. Nachdem er von seinem Krebs erfuhr, trank er keinen Grüntee mehr. Plötzlich fing er wieder an den Grüntee zu trinken, weil er seinen Geist klar halten möchte, in seiner begrenzten Zeit am Leben. Er habe viel Plan, viel zu vollenden und viel zu erledigen. Ständig unter starken Medikamenten konnte er seinen Alltag nicht mehr geistig richtig ausschöpfen. Er kam auf die Idee von Grüntee. Ich sollte für ihn eine Schale Matsch zubereiten. Sein Gesicht wurde weich und Augen lieblich. Glücklich strahlte er und sagte mir, dass seine Krankheit ist das Los seines Lebens. Durch seine Krankheit erfährt die Welt im einen anderen Licht und Menschen mit anderen Augen zu sehen. Noch subtiler. Er fragte mich plötzlich, „Wie geht´s?“ Ich schwieg und meine Augen schauten ihn an. Er sagte mir, dass er seine Frage nicht einfach so stellte. Ich nickte meinen Kopf. Aus dem Zimmer holte er mir einen Zettel und las mir das Gedicht vor

„Kimi Mizuya segan no iro 君看双眼色

Katarazareba ureninaki ni nitari. 不语亦无忧”

Meister Dogen

Ein Gedicht von Zen-Meister Dogen:

„Ich schaue tief in Deinen Augen, sehe aber nicht, was dahinter tief verbirgt,

Deine Augen schweigen und scheinen sorglos zu sein – jedoch spüre ich eine Spur der Melancholie.“

Er fragte mich, „Verstehst Du?“ „Was ist mit den Augen und Melancholie?“

„Die Melancholie ist der Menschengeist, liebe Menglin.“ Die Melancholie ist der Menschengeist, der einen Menschen ausmacht! „Hast Du jemals gefragt, warum der Frühling immer kommt?“ Der Frühling kommt jährig, ohne Kalkül, ohne „Geist“, weil es Naturgesetz ist. Aber der Menschengeist, der ständig kalkuliert, ständig abwägt, ständig rechnet und verlangt, der ist nicht perfekt.

„Der Kosmos hat keine Melancholie. Der Zustand des Kosmos ist geistlos, herzlos, während der Zustand unserer Seele melancholisch ist. Unsere Seele, unser Geist ist nicht perfekt. Was Menschlichkeit ausmacht ist das Unperfekte.“ Er zeigte die Raku-Schale, die er gerade in der Hand hielt. „Schaue genau hin, ist diese Schale perfekt?“ Ich schüttelte meinen Kopf und wusste was er meinte. Das Makel, was der Künstler durch die Zange beim Herausnehmen der Schale hinterließ, sollte jeden Teemenschen an das Unperfekte der Menschheit erinnern. Denn eine Schönheit ausmacht, ist nicht das Perfekte, sondern eine Makel. Ein Makel, die uns stets an das reale Leben erinnert und unsere unperfekte Seele tröstet, anstatt an einem Traum…

Er wollte seine Wohnung umgestalten, er meinte, dass das Leben ist zu kurz zu warten. Einen anderen Geist möchte er in diesem Raum bringen. Einen anderen Geist? Eine andere geistige Einstellung, ein bisschen mehr Leichtigkeit. Den Raum umzugestalten, um eine andere Einstellung zum Leben zu gewinnen. Den Raum zu verändern fängt in dem Moment an, die jetzige geistige Einstellung zu verändern. Er zeigte mir die Kalligraphie von Meister Ryokan und fragte mich, ob sie mir gefiel. Ich schüttelte meinen Kopf, auch wenn es ihm staunte. Meine Aufrichtigkeit ist das, was ich ihm erwidern kann. Die Schrift Ryokans von dem Gedicht Meister Dogens tanzt im Papier, der Tanz kann die Melancholie nicht verbergen. Michel genoss die Melancholie, die ihm scheinbar eine andere Lebensquelle spendiert und das Vertrauen in all Geschehen seines Lebens schenkt. Das Unperfekte der Menschheit widerspiegelt in seiner Krankheit, die ihm wohl wiederum zu wahren Menschenkörper verwirklicht.